33. Tag: Letzter Gipfel

Cabane de Caillou – Refuge Pombie – Pic Midi d’Osseau – Canyon de Cap de Port – Lac de Bious-Artigues

Es ist ganz seltsam, allein zu schlafen und vor Allem, allein aufzuwachen. Nach meiner Fantasiereise im letzten Blogbeitrag komme ich jetzt wieder in der Realität an. Und in der bin ich eigentlich allein unterwegs, noch immer kontinuierlich auf dem Weg nach Westen.

Ich denke an all das, was in den letzten Tagen wirklich passiert ist und so, wie der Morgen die Nacht ablöst, folgt auf die Freude über die Erlebnisse jetzt die Traurigkeit über ihre Vergänglichkeit. Um dieser aber zu entfliehen stehe ich schnell auf und laufe hoch zum Refuge Pombie. Schon im Morgenlicht konnte ich den steilen felsigen Buckel des Pic d’Osseau sehen und jetzt, wo ich direkt davor stehe, bekomme ich so unendlich große Lust an seinen Wänden zu klettern, dass die Traurigkeit in mir drin davon zeitweise übertönt wird. Das ist gut, denke ich, das muss ich mir merken. Ablenkung anhand von anderen Reizen, eigentlich ein alter Trick.

Ich lasse meinen Rucksack stehen, nehme nur etwas zu trinken und meinen Helm mit, und klettere hinauf zum Gipfel. Die Herausforderung des Anstiegs macht Spaß und immer wieder bleibe ich stehen und schaue den Adlern zu, die mich über mir kreisend an meinen Traum erinnern.

Kaum bin ich am Gipfel angekommen und hole Luft, merke ich, wie die Traurigkeit zurückkommt. Ich schaue mich um, aber so richtig wahrnehmen kann ich die Schönheit um mich herum nicht. Ich finde das schade, aber ich weiß, dass es jetzt nicht hilft, einfach zu schlucken, sondern dass ich der Traurigkeit eben ihren Raum geben muss, bis sie mich langsam wieder allein lassen kann.

Ich will aber nicht allein sein. Ich schreibe vom Gipfel aus Lise eine Nachricht, frage, wo sie ist und ob ich zu ihr kommen kann. Sie ist mir eine Tagesetappe voraus, aber ich kann die Hütte mit etwas Autopstopp noch heute Abend erreichen. Und das tue ich.

Es ist wunderbar, Lise wiederzusehen und mit ihr wird mir leichter. Wir sind beide müde, haben kaum noch Lust weiterzugehen und wir wollen jetzt einfach ans Meer.

28. – 32. Tag: Im Hier und Jetzt

Ein paar Tage bin ich von der Bildfläche dieses Blogs verschwunden. Und lange habe ich überlegt, wie ich in meinem Blog damit umgehe. Ich will ehrlich bleiben, das ist einer der Aspekte, die mir in meinem Schreiben am wichtigsten sind. Aber es gibt auch private Erlebnisse, die einen Platz brauchen, der abseits dieser Bildflächen stattfindet.

Deswegen erzähle ich hier nun eine Geschichte. Meine letzten Tage hätten genau so verlaufen können, wie hier beschrieben. Aber vielleicht waren sie eben auch ganz anders…

Ich habe Kopfschmerzen. Heute ist wieder einer dieser schweren Tage. Während ich einen leicht ansteigenden Pfad hinaufstapfe sinniere ich darüber nach, warum das eigentlich so ist. Zumindest liegt es nicht an meiner sportlichen Verfassung, denn ich merke deutlich, dass mein Körper die nötige Kraft hat. Es ist eher die Motivation, an der es mir hier ab und zu mangelt. Und ganz anders als bei meiner Alpenüberquerung fühle ich mich auf dieser Tour öfters einsam. Ich habe Lust darauf, meine Momente hier zu teilen, Gespräche zu führen, zu lachen und Blödsinn zu machen. So wie mit Lise auf der „Terasse“ unterhalb des Pic d’Aneto, oder Guillaume, als wir Nachts, nur mit Stirnlampen bewaffnet, ein Klo in der Hütte repariert haben… Es geht eben nicht einfach ums reden über das jeweilige Woher und Wohin. Ich vermute sogar, dass ich auf die meisten Leute inzwischen eher verschlossen oder sogar abweisend wirke. Ich bin es müde, zu smalltalken und so rede ich lieber gar nicht. Ich will lieber ganz bestimmte Leute um mich haben, und keine anderen. Es ist ein bisschen, wie wenn ich sehr großen Hunger habe – dann werde ich auch wählerisch und es muss irgendwann ganz genau das Essen her, das ich mir ausgemalt habe.

Es ist hier oben inzwischen viel wärmer geworden, zumal ich mit dem Vignemale auch die wirklich hohen Pyrenäen hinter mir gelassen habe. Als ich an einer kleinen unbewirtschafteten Cabane vorbeikomme, entscheide ich spontan hier zu bleiben. Es ist schon später Nachmittag, das Wetter ist gut und der See, der keine zwanzig Meter entfernt ist, schimmert einladend. Als ich stehenbleibe merke ich plötzlich ganz, wie gut sich die ganze unmittelbare Umgebung anfühlt. Ich fühle mich zu Hause hier, ich denke belustigt, dass ich hier „einziehen“ könnte und stelle mir vor, wie ich die Cabane einfach besetze und frei bewirtschafte. Nach einem ausführlichen Bad, einer Yogasession und einem ordentlichen Abendessen schnappe ich mir eine der Matratzen aus der Hütte und lege sie auf ein perfekt rundes Stückchen Wiese. Meine Matte hat schon wieder ein Loch und ich bin es müde, sie zu flicken. Ich liege noch keine fünf Minuten lang ausgesprochen bequem da, als mit einem beeindruckenden Schweif eine Sternschnuppe vom Himmel fällt. Im selben Moment steht mein Wunsch so klar vor mir, wie der fallende Stern. Aber weil das hier ja alles so oder ganz anders hätte sein können, verrate ich natürlich nicht, was der Wunsch gewesen hätte sein können. Denn wer weiß: Falls es so war, wie hier beschrieben, will ich mir ja nicht die Chance nehmen, dass der Wunsch noch in Erfüllung geht…

Als ich zum Sonnenaufgang aufwache, merke ich deutlich, dass ich nicht allein bin. Im Schlafsack setze ich mich auf und schaue mich um. Und wirklich, unten am See sitzt jemand mit dem Rücken zu mir auf einem Stein und schaut konzentriert durch sein Fernglas in den Himmel. Ich folge der Blickrichtung und sehe hoch oben einen großen Vogel kreisen. Ein Adler, oder Geier bestimmt. Ich folge seinem kreisenden Flug mit meinem Blick und stelle mir vor, auch fliegen zu können. Dann schaue ich wieder zu dem Mann auf dem Stein und frage mich, ob er sich das wohl auch vorstellt. Er sitz kerzengerade da, wirkt dabei aber völlig versunken in den Anblick des Vogels. Ich denke, dass er mich bestimmt nicht bemerkt hat und beginne leise meinen Rucksack zu packen, um ihn nicht zu stören. Aber kaum bin ich aufgestanden, sehe ich wie er eine deutliche Geste macht und mich zu sich winkt. Ich erschrecke fast, ob der plötzlichen Entschiedenheit seiner Geste. Dann dreht er sich zu mir um und ich schaue ich in zwei freundliche, klare und hellwache Augen. Als ich später an diesen Blick zurück denke, merke ich wie unwahrscheinlich dieser verschwindend kurzen Augenblick war. Denn trotz der Distanz von ein paar Metern habe ich Pauls Augen total direkt und nah gesehen. Fast als hätten meine Augen eine temporäre Zoomfähigkeit gehabt.

Dann sitze ich auf dem Stein, halte das Fernglas in beiden Händen und folge dem gleitenden Flug des Steinadlers, dessen Form und Farben ich nun deutlich erkennen kann. Er kreist jetzt höher und bewegt kaum seine großen Schwingen. Der Anblick hat etwas unglaublich beruhigendes und ich kann gar nicht aufhören hinzusehen. Dann merke ich deutlich, dass ich beobachtet werde und mir fällt der Typ wieder ein. Plötzlich ist mir die Sitaution unangenehm. Ich gebe das Fernglas zurück und mache nur ein undefiniertes „Pheeew“ Geräusch. „Nice, right?“ sagt er leise, und lächelt. Ich nicke und das unangenehme Gefühl ist verflogen.

Paul reicht mir kommentarlos eine kleine Alutasse mit duftendem Kaffee. Er hat tatsächlich eine kleine Bialetti dabei und ich bin beeindruckt. Außer einem knappen „I’m Paul“ und „Coffee?“ hat er bisher nichts gesagt und ich habe nur erwidert „I’m Ana“ und „Ehh, yes, thank you!“.

Jetzt sitzt er da, guckt auf den See und pustet über seine Tasse. Ich denke, dass das doch fast ein bisschen zu sehr aussieht wie in einem dieser kitschigen gestellten Instagram-Posts und grinse ein bisschen, weil ich das Gefühl habe, dass er genau das weiß und sich entsprechend verhält. Aber ein bisschen gemein finde ich das dann von mir trotzdem. Diese wortkarge Art kommt mir jetzt auch ein bisschen arrogant vor und trotzdem bleibe ich, genauso wortkarg und arrogant ebenfalls sitzen, puste über meinen Kaffee und schaue auf den See.

Gestern habe ich noch meine Socken gewaschen, das war dringend nötig. Dummerweise habe ich aber alle drei paar Socken gewaschen, die ich dabei habe, ohne zu bedenken, dass sie über Nacht nicht trocknen. So hänge ich nun hier fest und warte, dass die Sonne warm genug wird. Paul hat es offenbar auch nicht eilig. Er muss angekommen sein, als ich schon geschlafen habe und hat dann wohl in der Cabane übernachtet. Ich frage ihn, ob er auch Müsli will und er freut sich riesig, was ich irgendwie lustig finde. Wir frühstücken also zusammen und ich erfahre etwas mehr. Paul ist Geologe und Fotograf, und kommt aus Kanada. Als Forscher arbeitet er die meiste Zeit auf Schiffen im Polarmeer, jetzt macht er aber gerade ein Sabbatjahr. „Its just too fucking cold there“ sagt er und schüttelt sich. Hier in den Pyrenäen läuft er seit einer Woche etwas planlos herum, wie er selbst sagt. Er bleibe einfach immer da, wo es gerade schön sei, um zu fotografieren. Dann fragt er mich alles mögliche, ziemlich direkt und ohne Umschweife und ich bin unentschlossen, ob ich das übergriffig oder gut finde. Unentschlossen bin ich auch immernoch dazu, ob ich Paul eigentlich attraktiv finde, oder eher schnöselig. Er ist ein bisschen „zu cool“, wirkt mit seinen dunklen Haaren und dem Bart äußerlich ein bisschen zu sehr als sei er einem Musikvideo entsprungen. Aber dann guckt er mich an und obwohl er ein paar Jahre älter ist als ich, hat er plötzlich etwas jungenhaftes, was mir sehr gefällt. Außerdem reibt er sich ständig die Hände, was irgendwie unsicher wirkt. Komischer Kerl.

Als meine Socken trocken sind, ich meinen Rucksack fertig gepackt habe, und mich verabschieden will, sagt Paul nur „What? You are leaving? Why?“ Ich bin etwas perplex und sage irgendwas von Etappe und Zeitplan. Er lacht. „Okay, sure“ Dann umarmt er mich herzlich und ich fühle mich dabei mit meinem Rucksack auf dem Rücken doppelt ungeschickt. Paul wünscht mir einen guten Weg, und sagt, dass er es wirklich „awesome“ findet, was ich mache. Ich überlege kurz, ob ich ihm meine Visitenkarte geben will, entscheide mich dann aber dagegen und mache mich auf den Weg. Etwas nagt an mir. Ich ärgere mich und das Gefühl wächst, bis ich richtig wütend bin. Es dauert einige Minuten bis ich kapiere, warum. Paul strahlt in allem was er tut eine so große Selbstverständlichkeit aus, dass ich mir daneben mit all meinen „ich muss“ und „ich sollte“ und „ich wäre gern“ blöd vorkomme. Dabei bin ich es selbst, die mir diese „Ziele“ auferlegt hat, obwohl ich gerade eigentlich mindestens zwei Tage schneller bin als mein beknackter Zeitplan. Ohne dass es einen Moment der Entscheidung gibt bin ich plötzlich auf dem Rückweg zum See.

„Fuck the schedule“ sage ich, als ich wieder bei Paul angekommen bin, und lasse meinen Rucksack fallen. Er schaut mich ein bisschen zu ernsthaft an und ich verstehe nicht so ganz warum. Dann lächelt er plötzlich, wir schauen uns ein bisschen zu lange in die Augen und ab jetzt wird hier offiziell geflirtet.

Im weiteren Verlauf des Tages wasche ich auch meine restlichen Klamotten endlich mal wieder ausführlich und vor Allem genieße ich die Sonne, den See und höre dem Knistern zu, dass jedes Mal lauter wird, wenn Paul und ich aneinander vorbeigehen.

Am Nachmittag verschwindet Paul eine Weile zum fotografieren und kommt dann mit einer Hand voll Blaubeeren zurück, die er mir mit einem knappen „for you“ unter die Nase hält. Er guckt mich dabei nicht an, sondern schaut auf die Blaubeeren, was ich ziemlich lustig finde.

Abends werfen wir unsere Lebensmittel zusammen und kreieren so ein Festmahl, das für uns Beide jeweils eine willkommene Abwechslung bedeutet. Ich dekoriere das Essen in unserem Campinggeschirr mit meiner getrockneten Petersilie und wir amüsieren uns köstlich, als Paul auf seinem Smartphone eine App anmacht, auf der man aus verschiedenen brennenden Kerzen auswählen kann. Wir entscheiden uns für eine dicke, dunkelrote, aus der das Wachs herausläuft und Paul lehnt die digitale Romantik gegen seine Wasserflasche auf der Mitte unseres „Tisches“, der aus einem etwas zu schrägen Stein besteht.

Die nächsten Tage verbringen wir zusammen. Paul geht ein Stück meinen Weg mit, wir machen aber kurze Etappen bei denen wir überall anhalten, wo es schön und einsam ist. Wir baden in jedem See, der uns in die Quere kommt, essen viel von den verschiedenen köstlichen Käsesorten, die man hier auf den kleinen Hirtenhütten bekommt und lachen viel. Nachts schlafen wir unter funkelndem Sternenhimmel und denken uns auf dem Rücken liegend die wildesten Sternzeichen aus. Einmal lassen wir uns nachmittags auch ausführlich nass regnen und rennen schließlich die letzten Meter bis zur Biwakhütte im Hagel. Erst bibbernd, dann dank der Wolldecken immer wohliger, sitzen wir in der Blechkiste und hören dem Unwetter draußen zu, und ich denke, dass das wohl der absolut gemütlichste Moment auf dieser Tour sein muss.

Wir machen nicht viel Strecke. Paul hat absolut die Ruhe weg und lässt sich von mir keinesfalls stressen, was mir gut tut. Er fotografiert oft und ausführlich, während ich stundenlang mit dem Fernglas den Horizont erkunde. Ich fange an diese Art unterwegs zu sein zu genießen.

Wir erzählen uns gegenseitig aus unserem Leben, von unseren Familien und aus unserer Kindheit. Wir reden über Freunde, über vergangene Reisen und den Umgang mit Konflikten. Nur über Zukunftsvorstellungen reden wir nicht. Kein einziges Mal stellen wir die Frage, ob wir uns nach diesen Tagen je Wiedersehen werden. Es ist wie ein stilles Abkommen, dass wir darüber nicht sprechen und eine ganze Weile gefällt mir das. Aber je mehr Zeit wir miteinander verbringen, umso näher geht mir unsere Verbindung. Am dritten Abend frage ich Paul schließlich doch, ob er eigentlich verheiratet ist und Kinder hat. Ich versuche, die Frage lustig und leicht klingen zu lassen, was natürlich nicht klappt. Er schüttelt nur den Kopf und damit ist für ihn das Thema erledigt. Es ist sehr offensichtlich, dass er darüber nicht reden will und das spricht natürlich für sich. Ich kenne solche Situation schon, es verwundert mich nicht. Ich weiß auch, dass es hier keinen Sinn macht, nachzuhaken. Eigentlich wusste ich das vorher schon. Aber jetzt kann ich mir nicht mehr einreden, dass es auch anders sein könnte. Ich bin auch hier das, was man, wie mir mit einer gewissen Bitterkeit wieder einfällt, eine „20% Frau“ nennt. Ich mache für Paul wahrscheinlich genau die 20% Spannung aus, die einem Mann wie ihm in seinem restlichen Leben fehlen. Aber eben nicht mehr. Aber er genehmigt sich die 20% trotzdem und ich habe es zugelassen.

Ich bemühe mich den Rest des Abends, nicht zu viel darüber nachzudenken, was mir natürlich nicht gelingt. Mit jeder Stunde gemeinsam ärgere ich mich mehr über diese Aussparung. Immer mehr zerfressen Gedanken von „das ist mal wieder typisch (Mann)“ den Genuss der Gegenwart. Am Morgen, als Paul gerade auf der anderen Seite des Grates, an dem wir geschlafen haben, eine Langzeitaufnahme einrichtet, gehe ich. Es kommt mir am passendsten vor, dem Schweigen seinerseits mit einem ebenso kommentarlosen Abschied zu begegnen.

Wir haben keinen Kontakt ausgetauscht. Ich kenne nicht einmal Pauls Nachnamen und es gibt auch keine gemeinsamen Fotos. Er boykottiert die sozialen Medien und damit ist klar, dass auch hier kein Kontakt bleibt. So bleiben unsere goldenen Tage zwischen Vignemale und Pic d’Osseau eine Erinnerung, die vermutlich mit den Jahren verblassen wird, die aber nur uns gehört und damit einen ganz eigenen Wert hat. Aber bis jetzt weiß in der Theorie, dass das so ist. Ich empfinde es noch nicht.

Abends sitze ich vor der kleinen Cabane de Caillou am unteren Ende des Val d’Arrious und langsam wird es dunkel. Morgen gehe ich auf den Pic d’Osseau, der auf der anderen Talseite beeindruckend rund und hoch in den Himmel ragt. Es wird mein letzter Gipfel sein, so viel habe ich entschieden. Es ist gut, wieder allein zu sein, sage ich mir immer wieder, wie um mich selbst davon zu überzeugen. Aber dann gebe ich auf und gestehe mir ein, dass ich es gerade gar nicht gut finde. Stattdessen ist in meinem Bauch ein großes schwarzes Loch, das zieht und schmerzt, und es ist als wolle es mich von innen aufessen. In einem etwas hilflosen Versuch es zu stopfen, esse ich eine große Portion Kartoffelbrei mit Hackfleisch und glücklicherweise bin ich müde genug um einfach zu schlafen.

27. Tag: Vignemale mit allen Sinnen

Grottes de Bellevue – Vignemale – Lac d’Arratille

Es ist seltsam, rückblickend über meinen Tag ohne digitale Geräte zu schreiben. Zumal der Verzicht dieser Geräte den Tag doch auf erstaunliche Weise geprägt hat. Oft hatte ich den Reflex, etwas zu fotografieren oder zu filmen, schon bei Sonnenaufgang und später natürlich beim queren des Gletschers und im wirklich fotogenen letzten Stück des steilen Aufstiegs und der kurzen Gratquerung hinüber zum Gipfel. Auch der Höhenmesser auf meiner smarten Armbanduhr, auf der ich sonst gewohnheitsmäßig immer wieder schaue, wie viele Höhenmeter ich noch vor mir habe, hat mir gefehlt. Aber es ist fantastisch im Nachhinein zu merken, wie stark ich mich nicht nur an die optischen Eindrücke, sondern auch an die Gerüche, Geräusche und Gefühle erinnere. Mehr als sonst? Das kann ich gar nicht mit Sicherheit sagen, aber es kommt mir jetzt eben so vor.

Ich will heute also versuchen meinen Tag am Vignemale aus der Perspektive meiner Sinne zu beschreiben und vielleicht entsteht so ja eine Art „Ersatz“ für die Fotos.

Ich wache davon auf, dass die Haut in meinem Gesicht prickelt. Genauer genommen nur meine Wangen und Nasenspitze, denn alles Andere ist in der Kapuze des Schlafsacks versteckt. Der Wind, der dieses Prickeln auslöst ist nicht zu kalt, aber gerade frisch genug um Lust auf den Tag zu machen. Ich atme tief ein und spüre wie die Luft meine Lungen durchströmt. Dieser erste richtig bewusste Atemzug am Morgen ist immer etwas besonderes.

Im Schlafsack sitzend schaue ich mich um. Mein Platz ist direkt vor einer der Höhlen, den Grottes de Bellevue, die hier ringsum schwarze Löcher in den Berg werfen. Das Licht ist heute morgen so fein wie die Temperatur: frisch, hell, neu, als wäre heute der erste Tag überhaupt. Es riecht erdig, nach Kiesel und die Luft ist ein bisschen feucht. In einer der Grotten wäre es mir zu düster gewesen, als ich in der Dämmerung hier ankam, sahen sie mich wie dunkle traurige Augen an. Aber die zwei kleinen Gruppen, die vor mir hier angekommen sind, haben sich wirklich je in einer der Grotten ihre Schlafplätze gebaut, obwohl das Wetter gestern Abend ausgesprochen gut war. Ich denke, dass für viele Menschen das „Dach“ allein, ob Höhle oder Zelt, genau das ist, was ihnen diese diffuse kleine Angst nimmt, die offensichtlich weit verbreitet ist, wenn es um das Schlafen unter freiem Himmel geht. Ein Dach suggeriert Schutz vor all den „Gefahren“ hier draußen. Mich verwundert das inzwischen richtig, aber es ist vermutlich einfach eine Gewohnheitssache.

Wie schon öfters in den letzten Tagen fällt mir auch heute Morgen ein akustischer Unterschied auf: Die Höhle mit den Katalanen ist wie ein Lautsprecher: Alles wird lautstark besprochen, kommentiert, diskutiert. Es wird gelacht und gerufen, auf mich wirkt es ein bisschen übertrieben. Die Höhle mit den Franzosen hingegen ist ruhig. Geregelt wird gepackt, gegessen, es ist trotzdem eine gute Stimmung, aber alles eben konzentrierter. In den Bergen fühle ich mich der französischen Mentalität auf jeden Fall näher, das habe ich schon lange festgestellt. Für mich bedeutet Ruhe am Berg auch Respekt, den anderen und der Natur gegenüber. Als ich einmal in einem Schneefeld einen Spanier gefragt habe, warum er so laut rufen muss, wenn seine Kollegen gerade mal zehn Meter unterhalb sind, und ob es wirklich nötig ist, jeden Schritt zu kommentieren, hat er mich verwundert angeschaut und gesagt: „Was? Warum? Wir reden doch einfach nur.“ Seine Freundin hat dann lachend ergänzt „Naja, wir sind schon ein bisschen drüber, wir Spanier…“ – Kulturelle Unterschiede eben.

Zum Gipfel des Vignemale ist es von hier aus nicht sehr weit. Die Grottes Bellevue liegen auf 2.450 Metern, der Gipfel des Vignemale hat 3.289 Meter. Da ich auf dem Rückweg wieder hier vorbeikomme, lasse ich den Großteil meines Rucksackinhalts hier. Es ist wunderbar, so leicht unterwegs zu sein. Den Weg bis zum Gletscher hinauf fliege ich fast. Unter meinen Schuhen knirscht der Kiesel, ein Stück weit springe ich von Stein zu Stein. Ich mag es, dass das Balance erfordert und ich mag die Präzision, mit der ich meine Schritte vorausplanen muss. Es gilt genau abzuwägen, ob ich einem Boulder vertraue, oder ob ich denke, dass er kippen könnte, oder nicht stabil genug ist. Denn dann kann man richtig blöd hinfallen. Aber es gelingt mir gut und insgesamt habe ich was das „Boulderhüpfen“ betrifft hier in den Pyrenäen schon einiges an Erfahrung sammeln können.

Bald erreiche ich den Gletscher. Sofort verändert sich die Luft, es ist kühler, riecht „blau“ und unter den Steigeisen knirscht es jetzt. Meine Schritte werden regelmäßig und ruhig, auch hier ist es eine Freude, ohne Last auf dem Rücken zu gehen. Ich bin früh aufgebrochen und allein bin ich zum Glück schneller unterwegs, so dass ich die lauten Spanier eine Weile hinter mit lassen kann.

In einem weiten Bogen geht es nun links um den Teil des Glacier d’Ossoue herum, in dem es einige Spalten gibt. Vielleicht ist auch das nur Einbildung, aber ich finde Gletscher riechen anders als Schnee. Die Tatsache, dass sie schon so lange hier sind, lassen sie auf mich weise wirken, sie klingen anders. Dumpf und tief, wohingegen Schneefelder glaube ich eher hell klingen würden, wenn sie eine Melodie hätten. Spontan entscheide ich hier ein bisschen zu verweilen und einfach nur zu gucken und zu atmen. Ich versuche mich ganz auf die Geräusche zu konzentrieren, höre dem Plätschern zu und akzeptiere auch die Rufe der Spanier als Teil der Kulisse.

Am Fuß der Südwand des Vignemale ziehe ich die Steigeisen aus und beginne eine schöne, unschwierige Kletterei. Immer wieder wechseln sich Schnee und Stein hier ab, und ich bin froh über den Eispickel und vor allem über den Helm. Denn ein paar Leute sind hier oberhalb und drei Mal wird „pieeeeedras“ oder „pieeeeeeere“ gerufen und es poltert eine Weile. Zum Glück geht alles gut, trotzdem ärgere ich mich, weil ich immer denke, dass es doch vermeidbar sein muss. Bis mir plötzlich auch ein Stein unter dem Fuß wegrutscht und fällt. Auch ich rufe „pierre“ hinunter, glücklicherweise fällt der Stein nicht weit aber ab jetzt ärgere ich mich nicht mehr über die anderen.

Das letzte Stück hinüber zum Gipfel ist ein Fest. Hier denke ich zumn ersten Mal: was für eine blöde Idee, nicht zu filmen. Hier ärgert es mich kurz. Aber dann sage ich mir: Nein, das ist jetzt alles für mich, ganz allein für mich, und so koste ich jeden Schritt aus, schaue mir jeden Stein an und hebe den Kopf erst, als ich an der Markiertung des Gipfels, einer kleinen Säule mit Fahnen, ankomme. Ich atme aus, ich atme ein. Ich sehe weit, und drehe mich langsam einmal um meine Achse. Ich will jeden Zentimeter des Horizonts wahrnehmen und als ich einmal die 360 Grad gesehen habe, versuche ich sie mit geschlossenen Augen nochmal zu „sehen“ – was mir natürlich nicht ganz gelingt. Aber ich entschuldige das auch mit den Wolken, die einen Teil des Horizonts verhüllen.

Ein Stück weit klettere ich noch auf dem Arete de Gaube entlang, dann setze ich mich auf einen perfekt wie ein Stuhl geformten Stein und genieße mein Frühstück. Der Tag heute ist noch lang, ich habe mir vorgenommen noch eine Tagesetappe weiter zu gehen und nachdem ich in Gavarnie meinen Rucksack wieder gefüllt habe, kann ich nun ausführlich essen.

Ich bleibe ein bisschen zu lange oben, was ich daran merke, dass mir im Abstieg zu viele Leute entgegen kommen. Aber ich klettere etwas abseits und versuche das steile und steinschlaggefährdete Stück schnell zu verlassen.

Am Rucksack angekommen habe ich schon wieder Hunger. Ob mich das fotografieren sonst vom Hunger ablenkt? Eigentlich wäre das jetzt eine Situaiton, in der ich mein Handy checken, nach Netz suchen oder Nachrichten vorschreiben würde, damit sie später verschickt werden, wenn das Handy in meiner Tasche Netz hat. Heute nicht. Heute schaue ich einem Marienkäfer zu, der sich langsam an meinem Unterarm in Richtung aufrecht gehaltener Hand hinaufarbeitet. Für ihn ist diese Kletterei von mehr als 40 Grad ein Klacks. Und dann hebt er von meiner Fingerspitze aus ab und fliegt nach Westen. Ich nehme das als Aufforderung an, und folge ihm.

26. Tag: Going off-line

Gavarnie – Barrage d’Ossue – Grottes Bellevues

Morgens ist meine Wäsche alles andere als trocken, aber das macht mir nichts aus, denn mein Körper schreit sowieso noch etwas Dehnung und einer Massage mit der Blackroll. Bis zu den Grottes Bellevues sind es nur knapp fünf Stunden und so entscheide ich einfach erst später am Nachmittag loszugehen, um direkt zur Nacht dort zu sein. Der Weg ist unschwierig und gut markiert, es sollte also kein Problem sein. Morgen früh bin ich dort dann genau am richtigen Ausgangspunkt für den Aufstieg über den Gletscher zum Gipfel des Vignemale (3.298m).

Während ich Vormittags auf der Terrasse sitze, sinniere ich über die mir verbleibenden Tage und wie ich sie gestalten möchte. Die Vorstellung, im Pays Basque eine Woche lang über grüne Wiesen und durch die vielen Dörfer zu gehen reizt mich gerade nicht wirklich. Ich bin sicher, dass es sehr schön ist, das wurde mir auch immer wieder von entgegenkommenden Wanderern bestätigt, aber mich zieht es gerade einfach mehr auf die hohen Berge, die mich hier umgeben, oder aber direkt ans Meer. Es liegen noch ein paar Orte und Gipfel auf dem Weg dort hin, die ich unbedingt erleben will. Ganz zu springen ist also keine Option für mich, zumal es mir ja auch gerade um das Erlebnis der sich wandelnden Landschaft geht. Aber acht bis zehn Stunden auf breiten Forstwegen, und recht eben dahin zu spazieren, das wird nichts mit mir. Dafür bin ich zu wenig „Pilgerin“. Ich will aber auch noch mehr zur Ruhe kommen. Bisher habe ich viel fotografiert, gefilmt, geschrieben, geshared, getaggt und so weiter. Ich habe, wann immer ich Netz hatte, viel Zeit damit verbracht, auf mein Handy zu starren, Nachrichten zu tippen, zu telefonieren, Fotos hochzuladen, Sachen zu recherchieren und generell digital zu „teilen“. Ich brauche eine Pause. Nicht vom Gehen, sondern von diesem kleinen Bildschirm und allem, was er mit sich bringt.

Also entscheide ich, den Vignemale, einen der schönsten Gipfel auf dieser Route, ohne Digitalität zu besteigen. Ich werde morgen früh mein Handy ausschalten, meine GoPro den ganzen Tag nicht benutzen und mal einfach nur für mich alleine wahrnehmen. Ich kenne viele, die jetzt sagen würden „na bitte, das ist es doch worum es am Berg eigentlich geht!“ und ich würde ihnen nicht widersprechen. Aber trotzdem weiß ich schon jetzt, so absurd das klingt, dass es mit schwerfallen wird. Denn auch wenn es immernoch nur ein Bruchteil meiner Zeit ist, den ich tatsächlich mit Filmen oder Fotografieren verbringe, so wirkt eben das doch deutlich auf meine Wahrnehmung. Und es ist gerade diese Form des „aufnehmens“, die mir das Gefühl vermittelt, weniger allein zu sein, mehr zu „teilen“.

Es wird also keine Gipfelfotos geben, und ich hoffe man verzeiht es mir. Aber vielleicht habe ich im Nachhinein ja Lust zu beschreiben, was ich wirklich gesehen habe.

In diesem Sinne schließe ich meinen heutigen Bericht jetzt noch ab, bevor ich losgehe, hinauf zu den Grottes Bellevues, in oder bei denen ich heute schlafen werde. Bis mindestens morgen Abend sind nun sind meine Augen die einzigen, die Aufnahmen machen. Und auch wenn der Kopf dahinter tatsächlich etwas aufgeregt ist, ob dieser scheinbar einfachen Aufgabe, meine Augen und mein Herz, die freuen sich darauf.

25. Tag: Going off-track

Lago Helado – Brèche du Roland – Gavarnie

Es ist eine kalte Nacht. Es windet ganz ordentlich hier auf 3000 Metern, auch in meinem kleinen Steinkreis am „Gefrorenen See“. Aber es gefällt mir, am Fuß des Monte Perdido zu schlafen, weit oben und fernab von jeder Hütte. Ich verkrieche mich tief in den Schlafsack, der Biwaksack bietet mir zusätzlichen Schutz vor dem Wind. Als ich Nachts einmal aufwache, hat der Wind nachgelassen und ich sehe eine Weile den Wolken zu, die er nun, weit über mir schnell über den mondhellen Himmel schickt. Rastlos, fliehend, ein bisschen wie meine Gedanken in dieser Nacht.

Als ich aufwache, ist alles um mich herum weiß. Der Nebel ist so dicht, dass ich kaum drei Meter weit sehen kann. Also drehe ich mich nochmal um und schlafe weiter. So geht das eine Weile: jede Stunde wache ich auf, schaue mich um, sehe weiß, lege mich wieder hin und schlafe weiter. Um 9 Uhr höre ich schließlich Stimmen. Sie sind laut, offensichtlich Spanier ;-). Sie kommen von überall, aber ich sehe sie nicht. Wenn sie nicht so fröhlich klingen würden, wäre es geradezu gruselig. Aber dann verziehen sie sich langsam wieder, werden ferner, ebben ab. Offensichtlich wollen sie tatsächlich, völlig ohne Sicht den steilen Aufstieg zum Monte Perdido machen. Ich drehe mich wieder um und bin wirklich froh, dass ich gestern schon oben auf dem Gipfel war.

Um halb zehn schäle ich mich schließlich dann doch aus dem Schlafsack und als hätte er darauf gewartet verschwindet jetzt langsam auch der Nebel. Er zieht weiter in Richtung Frankreich. Ich aber will auf der spanischen Seite des Grates weitergehen, und freue mich bald über die klare Sicht in die beeindruckende Landschaft unterhalb: Es öffnen sich weite Täler, die an die Canyons erinnern, die ich von Bildern aus US-Amerikanischen Nationalparks kenne. Der Berg scheint hier wie aufgeschichtet, ein Stück steiler Felswand wird von einem Streifen Wiese abgelöst, nur um ein paar Meter weiter wieder steil und grau nach oben zu wachsen. An manchen stellen sieht es fast wüstenartig aus, wie steil gehäufter Sand. Alles hat etwas rundes und dadurch wirkt es freundlich, aber gleichzeitig ist mir die Landschaft so fremd, dass ich immer wieder stehenbleiben muss, um sie zu fassen.

Ich habe mich für heute gegen den klassischen Weg durch das Tal und für meine eigene Route entschieden. Zu verlockend sind die Terrassen, um nicht wie auf einem Balkon auf einer von ihnen entlang zu laufen. Mein Weg ist so zwar teils etwas unberechenbar, aber das Wetter ist sehr gut und wenn es nicht weitergeht, kehre ich eben um. Wenn alles so läuft wie ich es geplant habe, sollte ich ich kurz vor der Scharte, der berühmten Brèche du Roland wieder auf den normalen Wanderweg treffen. Durch ein kleines Schneefeld geht es da direkt unterhalb der imposanten Felsen hinein in das große, fast quadratische Tor, durch das ich von der spanischen Seite aus wieder zurück nach Frankreich gelange. Ein wirklich imposanter Grenzübergang ist das.

Einziger Wermutstropfen an diesem Tag ist der viele Müll, den ich einsammle. Die Region hier ist sehr beliebt und auch für weniger berggewohnte Menschen leicht zugänglich. Schon heute morgen habe ich am See einige alte verrostete Dosen gefunden. Offensichtlich von Leuten, die auch dort oben geschlafen haben, was umso weniger nachvollziehbar für mich ist. Aber auch jetzt, als ich auf der anderen Seite der Scharte durch den Schnee nach unten „fahre“, finde ich noch einige Plastikflaschen. Der steile Weg durch das Tal bis nach Gavarnie zieht sich und ist zudem geradezu gepflastert von Taschentüchern und Klopapier. Meine Laune sinkt mit jedem mal bücken und außerdem dauert so alles noch viel länger. Ich bin also wirklich froh, als ich in dem kleinen, etwas touristischen Ort ankomme und mich in der wirklich hübschen, und überaus freundlichen Gîte d’Etape La Gypaéte vor den Menschenmassen, die um die vielen Wohnmobile herumschwirren verstecken kann.

In der Gîte bekomme ich mein hierher verschicktes Paket mit dem von mir gedörrten Essensnachschub und freue mich wie ein Schnitzel. Die letzen Tage musste ich unterwegs schon sparsam essen und heute habe ich bisher wirklich nichts als ein paar gedörrte Süßkartoffeln und Tomaten gekaut. Mein Hunger ist entsprechend und das Vier-Gänge-Menü, das auch einen frischen und fulminanten Salat beinhaltet, macht mich einfach glücklich.

Nach über 2000 Höhenmetern bergauf gestern, und ebenso vielen wieder bergab heute, werde ich sicher gut schlafen. Morgen steige ich auf in Richtung Vignemale. Also, wenn ich genug Kraft aufbringe nach diesen zwei Tagen, und wenn meine Wäsche rechtzeitig trocken ist…

24. Tag: Schnarcher am Monte Perdido

Refugio de Pineta – Balcon de Pineta – Lago Helado – Monte Perdido (3.355m) – Lago Helado

Ich weiß nicht, was letzte Nacht passiert ist, aber anscheinend war mein Schlaf wirklich effektiv… Jedenfalls springe ich aus den Federn meines wunderbaren Schlafsacks und um sieben Uhr bin ich schon mitten im Berg. Es geht recht steil bergauf, an springenden und fließenden Wasserfällen vorbei und ein Blick nach oben lässt erahnen, dass mich dort ein besonderes Panorama erwartet. Und wirklich, als ich den „Balcon de Pineta“ erreiche, stockt mir fast der Atem. Wie ein Colosseum liegen die Felsen hier aufgeschichtet und die Terrassen, die sich wie ein Streifenmuster durch den Fels ziehen leuchten in der Mittagssonne.

Keine drei Stunden habe ich hier herauf gebraucht, ich hatte so viel Energie, dass ich unterwegs sogar ein paar langsame Trailläufer überholt habe ;-). Meinem Fuß geht es wesentlich besser, er dankt mir die Autostopphase gestern offensichtlich.

Ich lege mich auf ein kleines Stückchen Wiese und döse ein bisschen in der Sonne. Ich bin zufrieden. Ich kann einfach hier liegen und nichts tun und eben das genießen. Mein Handy hat auch kein Netz, es gibt also keinerlei Ablenkung vom hier und jetzt.

Als ich entscheide weiterzugehen stellt sich mir ein landschaftliches Rätsel. Laut Karte und GPS geht es für mich direkt mitten hindurch und hinauf durch den „Balcon de Pineta“ in Richtung des Lago Helado (=Gefrorener See), an dem ich biwakieren will und von dem aus ich morgen früh auf den Monte Perdido steigen will. Aber der Fels scheint mir unüberwindbar, die Terrassen sind steil und ich sehe keinen Weg. Aber ich kenne das ja schon: Manchmal sieht etwas am Berg von Ferne unmöglich aus und kaum ist man direkt davor, geht alles ganz einfach und ist ganz klar. Ich liebe das in den Bergen!

Auch heute ist es genau so. Ich folge meiner vorgesehenen Route und es ergibt sich, dass der Balkon an einer Stelle reicht leicht zu durchklettern ist. Es sind vielleicht 15 oder 20 Meter, aber der Fels ist griffig, kantig und fest und das Klettern ist eine Freude.

Oben lege ich die Steigeisen an und gehe durch das breite Schneefeld neben dem letzten Überrest des größten Gletschers der Pyrenäen aufwärts. Aus der Scharte oben sehe ich den See und auf dessen anderer Seite die steile Aufstiegspur zum Gipfel. Das wird Spaß machen.

Am See angekommen ist es erst 14 Uhr und so entscheide ich, dass ich nach einem Mittagsschläfchen noch heute auf den Monte Perdido steigen will. Der Himmel ist weit und klar, es ist kein Gewitter vorhergesagt, der Aufstieg ist nicht besonders lang oder schwer, also steht dem nichts im Wege. Ich finde einen gut geschützten Biwakplatz in einem gebauten Steinkreis und lasse meinen Rucksack dort. Gerade kommen noch ein paar Leute vom Gipfel herunter, aber ich nehme an, dass der größte Ansturm morgens ist.

Der Aufstieg ist zwar steil, aber die Spur im Schnee ist von den vielen Menschen so ausgetreten, dass man darauf geht wie auf einer Treppe. Mit Steigeisen und Eispickel bin ich schnell unterwegs und stehe schon bald tatsächlich ganz allein oben auf dem flachen Gipfelplateau. Im Tal lagern weiße Wolken, es ist ganz still und über mir kreist majestätisch ein Adler.

Was für ein Gipfelmoment.

Ich schaue hinunter ins Tal und sehe die Canyons, grün und felsig gestreift dort lagern. Es ist eine wirklich eine fantastische Landschaft, die ich so noch nie gesehen habe.

Trotzdem bleibe ich nicht lange, denn es ist spät und der Schnee war schon im Aufstieg wie Suppe. Außerdem zieht nun doch Nebel aus dem Tal herauf, und auf den reagiere ich immernoch etwas sensibel…

Bergab fahre ich. Es macht total Spaß durch den Schnee zu rutschen und ich bin ziemlich schnell wieder unten beim See. Jetzt kommen mir tatsächlich noch Leute entgegen und ich freue mich, dass ich meinen Moment allein so genießen konnte. Zurück an meinem Biwakplatz ist etwas anders als vorher. Es ist laut. Es schnarcht. Wie kann das sein? Tatsächlich liegt in dem Steinkreis nebenan ein Typ auf dem Rücken in seinem Schlafsack, pennt und schnarcht lauter als in allen Lagern in denen ich bisher auf meinem Weg hier übernachten musste. Das kann doch nich wahr sein, denke ich. Unter Anderem schlafe ich doch genau deswegen draußen! Gleichzeitig finde ich es hochkomisch. Meine Stimmung kann heute sowieso nichts trüben. Über 2000 Höhenmeter haben mich glücklich gemacht. Ich mache also heimlich ein Video von dem Kerl und lache mir ins Fäustchen.

Schließlich wacht er auf und zieht weiter. Zum Glück. Ich mache mir eine große Portion Kartoffelbrei und genieße den langen Abend.

23. Tag: Trampen

Viadòs – Parzan – Bielsa – Refugio de Pineta

Ich steige früh morgens die paar Stunden nach Viadós ab und entscheiden dann zu trampen. Mein Knöchel macht nicht mit, es tut einfach zu weh. Trotzdem: die Vielzahl der bunten Blumen hier lässt sogar mich, die sonst nie Blüten fotografiert, knipsen wie wild.

Ich will die nächsten Tage eine Schleife durch den Parque Nacional Ordesa y Monte Perdido gehen, weil alle mir bisher gesagt haben, wie besonders schön es dort sei. Insgesamt ist meine Planung hier ja recht lose und ich ändere meine Route häufig. Aber mir gefällt es, dass ich mir so in meiner begrenzten Zeit in den Pyrenäen wirklich die Sahnestückchen herauspicken kann. Es verändert mein Projekt auch nur insofern, als es nicht eine einzige kontinuierliche Route ist, sondern ich stattdessen ab und zu „springe“. Dabei bleibt die Richtung von Ost nach West erhalten, aber ich mache das Trampen zu einem Fortbewegungsmittel das mir wirklich schöne Begegnungen mit den Leuten hier beschert und mir zudem erlaubt weniger spannende Passagen unterwegs zu überbrücken.

Ich würde das auf dieser Route Jeder und Jedem empfehlen, zumal wenn man allein unterwegs ist. Trampen ist hier extrem einfach, fast immer war es maximal das vierte Auto, das angehalten hat.

So auch heute. In kaum zwei Stunden bin ich am Refugio de Pineta. Unterwegs esse ich einen fantastischen Burger, der mich glücklich macht. Und jetzt, nach einer ausführlichen Dusche, genieße ich die Aussicht in die geschichteten Berge hier. Ich freue mich darauf, morgen da hinein zu gehen.

Heute ist die Mondfinsternis und ich habe mir schon einen Wecker gestellt. Von meinem Schlafplatz am Fluss sehe ich das bestimmt wunderbar. Aber erstmal mache ich Yoga im Kies und dann werde ich meinen Fuß zum 10. Mal mit Arnika eincremen. Hoffentlich stellt er mir morgen kein Bein.

Nachtrag: Die Mondfinsternis habe ich leider verschlafen… 😉

22. Tag: Schmerzen

Refuge du Portillon – Tusse de Montarque (2.889) – Col de Gourgs Blancs – Prat Caseneuve

Wieder geht es durch ein steiles Col. Gestern ist hier wohl jemandem ein Stein auf den Kopf gefallen und er musste mit dem Heli gerettet werden. Wir gehen vorsichtig, aber mir macht der Schnee noch immer viel Spaß.

Im Abstieg beginnt mein Knöchel immer stärker zu schmerzen. Langsam frage ich mich, ob es doch etwas Schlimmeres ist, als nur ein blauer Fleck? Von außen sieht man aber nichts, und geschwollen ist der Fuß auch nicht. Die Schmerzen sind wirklich anstrengend und ich bin sehr erleichtert, als ich meinen Knöchel schließlich im Lac de Callauas kühlen kann. So macht das keinen Spaß.

Glücklicherweise verläuft der Rest der Etappe auf einfachen und weichen Pfaden, so dass ich mit meinen Barfussschuhen gehen kann. Das macht es sehr viel besser und hebt auch meine Motivation wieder beachtlich.

Oberhalb von La Soula verabschieden sich Lise und ich voneinander. Es waren großartige Tage gemeinsam und wir sind uns beide sicher, dass wir wieder etwas gemeinsam unternehmen wollen. Es ist seltsam dann wieder allein zu gehen, und ich vermisse meine neue Freundin ein bisschen, als ich Abends mein Biwak baue. Glücklicherweise kommt heute kein Gewitter.

Ich bin jetzt zu müde um noch mehr zu schreiben. Morgen geht es nur bergab und ich hoffe meinem Knöchel geht es dann besser.

21. Tag: C‘est ouff! (= frz. umgedreht „fou“, also „verrückt“)

Valle de Remuñe – Forca de Remuñe – Pic des Crabioules (3.116m) – Refuge du Portillon

Nachts wache ich einmal auf und schaue lange in den klaren und hellen Sternenhimmel über mir. Ein paar mehr Sternbilder kenne ich inzwischen schon und es macht Spaß, sie wiederzufinden. Dann schlafe ich tief, bis mich das sanfte Licht des Morgens weckt und obwohl es noch richtig kalt ist, habe ich große Lust auf diesen Tag.

Am Ibòn Blanc treffe ich Lise wieder und wir steigen gemeinsam in dem steilen Schneefeld bis zum Portal de Remuñe. Mir macht es Spaß im Aufstieg eine präzise Zickzack-Spur in den Schnee zu legen. Hier gehen viele Leute offensichtlich einfach geradeaus steil bergauf, eine Routenwahl die ich nicht so gut nachvollziehen kann, zumal es im Zickzack meiner Meinung nach sicherer ist und man im Endeffekt nicht einmal langsamer ist, da es so weniger anstrengend ist. Der Schnee ist von der Sonne glücklicherweise schon etwas angetaut, so dass man darin gut treten kann. Viel später möchte ich hier aber nicht durchgehen müssen, dann wird es sicher nass und rutschig.

Aus der Scharte schauen wir hinunter auf den Lac du Portillon. Obwohl wir dachten, dass das nicht möglich ist: Dieser See ist noch schöner als alle vorher. Er liegt riesig, wie eingepflanzt in der Senke und viele kantige weiße Inseln aus Eis sprenkeln die tiefblaue Oberfläche. Immer wieder bleiben wir auf dem Weg nach unten stehen und staunen. Lise sagt nur: „C’est Ouff“ und ich finde, was anderes kann man zu dieser Schönheit wirklich kaum sagen.

Auf der anderen Seite der Scharte, als wir gerade den für uns lustigen Abstieg, bzw. die „Abfahrt“ im Schneefeld beginnen wollen, kommen uns im oberen flachen Stück drei gebückte Figuren entgegen. Man sieht ihren Körpern schon von Ferne die Unsicherheit oder gar Angst an. Es sind drei Chinesisch-Amerikaner, die ihre Eispickel mit jedem kleinen Schritt tief in den Schnee versenken. An den Füßen haben sie nur leichte Grödel und ihre Rucksäcke sehen schwerer aus als unsere. Als ich mit ihnen spreche stellt sich heraus, dass sie außerdem Höhenangst haben, Schnee ganz beängstigend finden, und dass zwei von ihnen schon einmal in den letzten Stunden ins rutschen gekommen sind. Außerdem waren sie noch nie so hoch in den Bergen unterwegs. Als ich ihnen sage, dass der Abstieg in dem wirklich steilen Schneehang auf der anderen Seite der Scharte eher noch schwieriger wird als der Aufstieg hier, lassen sie sich glücklicherweise leicht zur Umkehr überzeugen. Ich bin wirklich erleichtert. Als sie unten an der Hütte ankommen merkt man auch ihnen deutlich an, welch eine Last von ihnen abfällt.

Obwohl Lise und ich vorhatten die gestern nicht gemachte Strecke heute wieder einzuholen, entscheiden wir uns jetzt dafür, hier im Umfeld des Refuge du Portillon zu übernachten. Ein Gewitter soll Nachmittags auch wieder kommen und so haben unsere Schweinehunde ein gutes Alibi. Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit Essen, Lesen und Schlafen. Ich muss gestehen, dass mir dieser Rhythmus Spaß macht und dass ich mich wirklich daran gewöhnen könnte immer nur so kurze Etappen zu machen wie heute. Aber dann komme ich nie an, das weiß ich. Trotzdem ist es schön, mich darauf einzulassen und ich nehme mir für die nächsten Tage vor mich nicht immer an irgendein Limit zu bringen.

20. Tag: Der frühe Vogel hat verpennt

Benasque – Vall de Remuñe

Wir schlafen aus. In meinem Bergrhythmus heisst das, ich wache um 7 Uhr auf und habe das Gefühl es ist 11 Uhr… Es war eine wirklich erholsame Nacht und das Bett war eine Wonne. Weil der Weg heute nicht so weit ist bis zum Refuge Portillon, haben wir beschlossen ganz in Ruhe zu frühstücken und am späten Vormittag erst aufzubrechen.

Eigentlich ist uns beiden klar, dass das eine dumme Entscheidung ist, zumal der Wetterbericht durchwachsen ist. Aber manchmal trifft man eben sogar bewusst dumme Entscheidungen und wir haben einfach Lust auf einen entspannten Vormittag. Außerdem wollen wir das Frühstücksbuffet voll auskosten. Und das tun wir: Rühreier, Obst, Croissants und vieles mehr verschwindet in uns. Ähnlich satt wie gestern nach der Pizza gehen wir zurück in unser Zimmer, packen ganz in Ruhe unsere Sachen und hören dazu gute alte Funkmusik.

Als wir losgehen ist es nach 12 Uhr, das Wetter sieht zwar noch stabil aus, aber wir wollen sicherheitshalber ohne Pausen durchmarschieren. Im Vall de Remuñe geht es aufwärts und neben uns plätschert ein Gebirgsbach, der an vielen Stellen verlockende Gumpen bildet. Aber wir reißen uns zusammen und gehen zügig weiter. Leider tut mein Knöchel von dem Sturz gestern ziemlich weh. Aber weil ich das nun nicht ändern kann, und das Gehen es meines Wissens auch nicht schlimmer macht, begnüge ich mich mit dem Gedanken, dass es so oder so weitergeht, und dass für mich auch klar ist, dass ich wegen dem Knöchel jetzt keine weitere Pause machen werde. Und so geht es besser.

Kurz vor dem Talschluss überqueren wir den Bach über eine alte Holzbrücke und stehen gleich darauf vor einem mächtigen Felsbrocken, der vor langer Zeit in der MItte entzweigebrochen zu sein scheint. Der Weg führt genau zwischen diesen zwei Hälften hindurch und ich stelle mir vor, wie Zeus ihn hier runter geschleudert hat, vielleicht weil er wütend war, weil ihm eine seiner vielen Frauen ausgespannt wurde… Lise fügt lachend hinzu, dass der Fels wie eine große Murmel aussieht, ein Spielzeug von Zeus, das er dann aus Wut kaputt gemacht hat.

Am Talschluss steigen wir steil an einem noch mit Gras bewachsenen Felsen hinauf. Inzwischen ist der Himmel ziemlich düster und unser Optimismus, dass wir auch hier bestimmt dem Gewitter entgehen können, sinkt mit den ersten fallenden Tropfen. Dann geht es plötzlich wieder ganz schnell. Noch während wir unsere Regenjacken anziehen und einen etwas geschützteren Platz suchen, fängt es erst an zu schütten und dann kommt noch ordentlich Hagel hinterher. Als es schließlich mächtig und metallisch klingend donnert, und kurz darauf sehr deutlich blitzt, kauern wir schräg in einer Felsspalte, die vom schlimmsten Regen geschützt ist.

Ich merke, dass mir Gewitter jetzt mehr Angst macht, als vor meiner Erfahrung auf dem Grat oberhalb der Étang Fourcat. Ich habe plötzlich ein richtig schlechtes Gefühl, meine Magengrube fühlt sich dumpf an und ich sehne mich nach einem trockenen Innenraum. Das kenne ich von mir so deutlich sonst nicht, und es überrascht mich ein bisschen. Aber ich nehme es an, auch wenn ich gerade nicht unterscheiden kann, ob es nur ein Nachklang meines negativen Gewittererlebnisses ist, oder jenes von mir viel thematisierte Bauchgefühl, das mich vor weiteren Unglücken warnen will.

Als der Regen nachlässt und es aufgehört hat direkt über uns zu blitzen, sage ich Lise, dass ich zurück ins Tal gehe. Es ist jetzt 16:30 Uhr und damit zu spät um noch zur Hütte zu gelangen. Lise will oben bleiben und baut in einer schönen Senke ihr winziges Zelt auf. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich denke, dass es doch ganz gut sein kann, ein Zelt dabei zu haben, anstatt nur den Biwaksack, in dem ich nur im Notfall eine gewittrige Nacht verbringen will. Wir verabreden uns für morgen Mittag, im Refuge Portillon. Da vormittags das Wetter gut sein soll, ist das realistisch und wir können dann von dort aus noch gemeinsam eine kurze Tagesetappe weiter gehen.

Ich beginne vorsichtig im nassen Gras und auf den glitschigen Felsen den Abstieg. Mein Knöchel tut weiterhin weh, aber ich habe mich inzwischen fast daran gewöhnt. Kaum bin ich wieder unterhalb des steilen Felsstücks, scheint die Sonne wieder warm und der Himmel wird immer blauer. Eine halbe Stunde später sehe ich keine einzige Wolke mehr über mir und entscheide mich doch, oben zu bleiben und zu biwakieren. Ich finde einen Felsblock, der im Fall eines erneuten Gewitters ausreichend Schutz bietet, lege meine nassen Klamotten auf die Felsen zum trocknen und klettere selbst auf einen großen Felsblock. Ich mache einen Arnikaverband um meinen Knöchel und dann fange ich an zu schreiben. Und da bin ich jetzt. Auf dem Felsblock, beim schreiben. Und natürlich hoffe ich, dass der Himmel weiter so strahlt wie jetzt, und dass er mir später auch Sterne schenkt.