17. Tag – Drei Zinnen und Alta Badia

Strecke: oberhalb der Zsigmondyhütte (2224m) – Büllelejochhütte (2528m) – Dolomiten Höhenweg (105) – Forcella de L’Arghena (2087m) – Misurinasee (1754m) – Autostopp bis St. Martin de Tor (Südtirol)

Es ist ein langer Weg gewesen bis hier an den Tisch der kleinen freundlichen Pizzeria in St. Martin de Tor. Aber es hat sich überhaupt nicht lang angefühlt. 

Die letzte Nacht war kalt und unangenehm. Der Schlafplatz war etwas schief, im Dunkeln habe ich einfach keinen guten Platz gefunden. Zudem war der Wind echt stark und zum ersten Mal war mir richtig kalt nachts. Ich bin morgens schon um 6 Uhr einfach gleich losgelaufen, um warm zu werden. Um kurz vor 7 war ich dann bei der wirklich wunderschönen und klitzekleinen Büllelejochhütte, wo ich erstmal in der ersten Morgensonne ausführlich Yoga gemacht habe, was unglaublich gut getan hat. Währenddessen durften mein Schlafsack und Co auch sonnen und trocken werden.

In der Hütte waren unglaublich angenehme Wirtsleute, was nach den schlechten Erfahrungen fast aller letzten Hütten wirklich wohltuend war und so habe ich mir Kaffee und Spiegeleier gegönnt. Um 9:30 Uhr bin ich dann endlich mit trockenen Sachen und gut ausgeruht losgestartet und habe dann bis zum Misurinasee kaum angehalten… Ich wollte raus aus den Sextenern mit ihren unendlichen Touristenmassen. Natürlich sind die die Drei Zinnen eine Wucht, wie sie da gewaltig aus dem Schutt aufragen. Aber die Horden neonfarbener Italiener in Jogginschuhen, die sich laut und langsam die Hügel hinauf- und hinabwälzten und in den Klettersteigen Schlange standen veranlassten mich dazu selbst wie eine Japanische Touristin Fotos knipsend durchzujagen. Wirklich kein besonders einladender Eindruck.

Ich bin dann vor der Auronzohütte noch rechtzeitig nach rechts abgebogen und konnte glücklicherweise auf einem einsamen und schönen Pfad durch das Val de Arghena absteigen. Der Kulturschock am Misurinasee (Touristenbusse, Hüpfburg etc.) war nicht mehr so schlimm, weil antizipiert. Und dann ging die Tramperei los, die dieses Mal wirklich glimpflich verlief und ich bin schon um 18:30 hier in Sankt Martin im Thurn (oder San Martin de Tor) angekommen. Dieser ganze Ort strahlt Freundlichkeit aus. Im kleinen Supermarkt wurde ich sehr herzlich und persönlich behandelt und die Frau in dem Hotel an das Mira von Sport Conrad mein Paket mit Nachschub der leckeren Clif Bars für die nächsten Etappen geschickt hat, war so lieb und hilfsbereit mir Tips für schöne Schlafgelegenheiten im Freien zu geben (das Hotel ist ausgebucht). Heute freue ich mich wieder richtig auf das draußen schlafen, weil das Wetter toll ist und es an dem Fluss, der in der Nähe dieses Bergdorfes durch die traumhafte Landschaft fließt bestimmt sehr schön ist. Kalt wird es heute nicht werden, denke ich, dafür ist es jetzt noch viel zu sommerlich warm hier.

Und jetzt habe ich noch eine fantastische Kamut-Pizza gegessen und gönne mit ein Glas guten Weißwein. Also, mir geht’s gut!

Jetzt ist die 3. Etappe schon vorbei. Ehrlich aber kurz. Hoffentlich kommt morgen das Paket an, dann kann ich in Richtung Puez Spitze starten. Ich habe große Lust auf die Landschaft hier. Schon aus dem “Alta Badia” verliebt. Ich glaube das wird eine tolle Etappe (Thema: “Aufgeschlossenheit”), die mich jetzt erwartet.  

16. Tag – Fels, Scharten, Weitsicht

Strecke: Rotwandwiesenhütte (1900m) – Gamssteig – Elferscharte – Sentinellascharte (2711m) – Alpinisteig – Zsigmondy-Comici-Hütte (2224m)

Heute geht es mir wieder gut. Dafür bin ich dankbar. Es war gut gestern auf der Hütte zu schlafen und nicht draußen. Ich war nach dem schlechten Tag gestern nicht ganz sicher ob ich krank werde, und da wäre eine kalte Nacht draußen kontraproduktiv gewesen. Jetzt weiß ich: Ich bin gesund. Pumperlg’sund. Und gerade im Regen auf der Zsigmondyhütte angekommen. Es war ein guter Tag bis jetzt und vielleicht gehe ich auch noch ein bisschen weiter bis zur Büllelejochhütte.

Nach dem Aufstehen habe ich erstmal ein bisschen Yoga gemacht. Zugegeben, zu kurz, aber dafür sollte heute ja auch nochmal Zeit sein, denke ich. Auch mit einem Frühstück den Tag anzufangen war richtig. Es ist schon auch mal was wert, ich seh es ja ein. Gestern hat der Kaffe einfach gefehlt…

Ich bin zusammen mit drei netten Menschen losgegangen und es war schön sich unterwegs ein bisschen zu unterhalten. Ich habe es langsam angehen lassen, mich nicht gestresst, aber bald wieder gefühlt wie meine Energie zurückkommt. Zuerst sind wir bis zur Elferscharte aufgestiegen und dann fälschlicherweise Richtung Sentinellascharte abgebogen. Aber der Umweg hat sich gelohnt: die Sentinellascharte und der Ausblick waren wirklich beeindruckend und oben auf dem Fels stand ein witziges winkendes “Männlein” aus Fels, das ich sehr sympathisch fand.

Der Alpinisteig ist wirklich unschwierig zu gehen, windet sich aber als imposantes Horizontalband wie auf einer Aussichtsterasse an den Nordabstürzen des Elfers entlang. Wegen dem sich zusehends verschlechterndem Wetter (das Licht wurde ganz gelb) bin ich durch den Steig durchgespurtet, habe nur ein paar Bilder gemacht und kam dann danach auf dem letzten Stück über den Hochleist-Südrücken doch noch in den Regen. Also habe ich zur Hütte hinüber noch einen kleinen nassen Berglauf eingelegt und jetzt sich ich hier und draußen kommt gerade die Sonne wieder raus. Hm, ob ich doch noch weitergehe?

Ich freu mich auf die Zsigmondy-Pasta, es riecht hier sehr lecker. Und falls ich hier bleibe, werde ich wohl auf der überdachten Terasse hier schlafen, weil es Nachts bestimmt wieder regnen wird. Ist eh schön auf der Terasse.

Außerdem bin ich hier schließlich auf der Hütte die nach meinen Ur-Ur-Großonkels benannt ist. Emil und Otto Zsigmondy, zwei Brüder, die Ende 1880 hier die Erstbesteigung der dann nach ihnen benannten Zsigmondyspitze gemacht haben. 

Und morgen früh gehts dann weiter und ich habe eine lange Etappe bis hinunter zum Misurinasee vor mir. Vielleicht bleibe ich aber auch noch eine Nacht in der Cadini-Gruppe oberhalb des Sees und steige dann am Freitag in der Früh ab.

Nachtrag: Der Wirt auf der Zsigmondyhütte war blöd. Er sagte “da könnte ja jeder kommen”, als ich freundlich gefragt habe, ob ich auf der Terasse schlafen dürfe. Also bin ich noch ein Stück Richtung Büllelejochhütte gelaufen und schlafe jetzt hier auf einer Wiese zwischen Felsen mit einem funkelnden Sternenhimmel.

15. Tag – Es fühlt sich an wie Versagen

Strecke: Moos bei Sexten (1339m) – Rotwand Klettersteig – Sextener Rotwand (2965m) – Rotwandwiesenhütte (1924m)

Ich bin irgendwie schlecht unterwegs heute. Keine Ahnung was das ist, ist auch völlig unerwartet. Ich habe keine Ahnung warum mein Körper sich heute so schwer tut. Eigentlich hatte ich mich so auf die Dolomiten gefreut und war noch voll Vorfreude eingeschlafen. Aber schon das Aufstehen fiel mir schwer. Es war so gemütlich und warm im Schlafsack und der Wald war noch so schön ruhig… Aber für den Nachmittag war Gewitter angesagt (von dem hier jetzt keine Spur zu sehen ist, typisch Berge…) und ich hatte eigentlich den Plan nach der Sextener Rotwand noch den Alpinisteig zu machen und auf der Zsigmondy Hütte zu Abend zu essen. Stattdessen bin ich jetzt auf der Rotwandwiesenhütte und wenn der Wirt hier nicht so nett wäre, würd ich jetzt vermutlich irgendwo heulend meinen Schlafplatz suchen…
Aber stattdessen bin ich frisch geduscht (juhu!!), habe endlich mal alle meine Klamotten gewaschen und draußen aufgehängt und mir einen Zwiebelrostbraten bestellt. Ja, ich überlege sogar, ob ich mir hier einfach ein Zimmer leiste und die Sterne mal Sterne sein lasse. Also langsam geht was wieder bergauf. Und zum Glück heute nur noch mental.

Aber was ist eigentlich passiert? Nichts eigentlich. Das ist es ja. Aber schon der Aufstieg aus dem Tal hat sich anstrengender angefühlt, als er eigentlich war. Und der Zustieg zum Rotwandklettersteig bzw. die Strecken zwischendrin durchs Geröll, die waren echt unangebracht hart für mich. Dadurch war ich langsamer und das hat mich wiederum demotiviert. Der Klettersteig selbst war sehr einfach und eigentlich ganz schön, aber schon vor dem Gipfel hatte ich dann Kopfschmerzen und nur weil ich zu faul war heute morgen meine Trinkblase aufzufüllen hatte ich entschieden zu wenig Wasser dabei. Frühstück hatte ich vergessen (…) und so gab zumindestens der Clif Bar und Apfel ein bisschen mehr Energie.

Die Aussicht vom Gipfel der Sextener Rotwand war eigentlich sehr schön, aber nicht mal das hat mich wirklich gekickt. Und dann wusste ich ja, dass ich noch nicht mal die Hälfte der geplanten Strecke geschafft hatte. Beim Abstieg bin ich einem Pfad nach, der aussah (auch auf der Karte) als würde er unterhalb der Rotwand bis zur Elferscharte queren und man könne so direkt zum Einstieg des Alpinisteigs gelangen. Nachdem ich schon ein gutes Stück den unmarkierten Weg bergab gegangen war, verlor sich (oder ich) aber der Pfad und nachdem ein ordentlicher Steinschlag von oben aus der Wand heruntergehagelt war, habe ich dann entschieden nicht weiter zu gehen. Umkehren war natürlich auch nicht prickelnd. Der Rucksack fühlte sich auf einmal doppelt so schwer an und ich hatte soooo Durst. Wie dumm von mir, nach der nicht vermeidbaren Dehydrationserfahrung am Triglav nun eine so leicht zu vermeidende Dehydrierung zu riskieren. Naja. Richtige Entscheidung war es allemal, weil die sichere Variante. Nun verschiebt sich mein Plan ein bisschen aber vielleicht schaffe ich es ja morgen auch bis Mittags auf die Zsigmondyhütte und geh dann am Nachmittag noch weiter. Erstmal muss ich ordentlich dehnen, vielleicht eine Yin Yoga Session (schon viel zu lange her!) und dann vor Allem früh schlafen.

Noch gestern Abend dachte ich, dass es doch erstaunlich ist, dass ich bis jetzt keinerlei “Krise” hatte und alles so gut läuft und es mir auch energetisch so gut geht. Here we go. So schnell kann es gehen… hoffentlich ist es aber morgen besser.

Das Motto von dieser kurzen Etappe in den Sextener Dolomiten ist “Ehrlichkeit”. Ich war heute erstmal ehrlich mit mir: ich fühle mich nicht voll Euphorie und ich bin nicht unkaputtbar und ich bin nicht stark und ich bin nicht endlos fit. Nein. Ich bin schlapp und habe einfach keine Lust. So. Bam.

Ausatmen in die Weite der Karnischen Alpen

Der Karnische Höhenweg ist ein wahres Paradies des Atems. Man geht die meiste Zeit oben auf dem Grat der Karnischen Alpen entlang und man  hat einen unfassbar schönen Weitblick in beide Richtungen. Es geht immer knapp an der Grenze zwischen Österreich und Italien entlang und vorbei an zahlreichen Ruinen von Stellungen aus dem 1. Weltkrieg. Es ist schwer vorstellbar, wie Soldaten damals im Angesicht dieser Schönheit so einen fürchterlichen Krieg geführt haben, der vielerorts ein reines Massaker gewesen sein muss.  

Im Laufe der Etappe habe ich zusammen mit Katalin festgestellt, wie auf unserem Weg über die Berge ein paralleler Prozess des Atems im Körper und in der Wahrnehmung der Umwelt stattfindet. 

Wenn wir angestrengt bergauf laufen, sehen wir oft runter zu den Füßen, damit wir wissen wo wir hintreten und nicht stolpern. Zudem stellt sich hier eine Konzentration ein, ein Rhythmus durch die Betrachtung des Bodens, der das Vorankommen erleichtert. Das ist wie Einatmen, Sauerstoff aufnehmen, Kraft tanken. Dann bleiben wir stehen und sehen uns um. Nehmen wieder die immense Weite wahr, die in der Konzentration des Gehens manchmal fast in Vergessenheit geraten ist, und die uns die Aussicht in den Bergen oft ermöglicht. Es ist jedes Mal wie ein Seufzen, ein wohltuendes und notwendiges Ausatmen, das uns frei macht, uns öffnet, und Raum schafft für Neues.

Vor etwas über einem Jahr habe ich am Berg Thomas kennengelernt, mit dem ich heute Vormittag, während draußen der Nebel schwelt, lange hin- und hergeschrieben habe. Thomas ist Arzt, und er hat damals mit seiner Beschreibung einer Herz-OP einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Ich habe ihn gebeten mir zu erklären, was passiert, wenn wir atmen. Ich will versuchen das was er gesagt hat hier mit meiner Erfahrung durch die Berge in Zusammenhang zu bringen. Denn, wie schon oben beschrieben, fasziniert es mich, dass physische Prozesse im Körper oft Spiegel sind von Prozessen in der Umwelt. Die Verbindung zwischen diesen Prozessen zu erkennen, empfinde ich als sehr wertvoll.

Die Zellen in unserem Körper brauchen Sauerstoff, den sie durch das Einatmen bekommen. Aber es reicht nicht aus, nur zu atmen. Wir müssen Hämoglobin (Trägersubstanz) zur Verfügung haben, um den Sauerstoff im Körper transportieren zu können. Es ist also auch hier mehr nötig zum Leben, als zunächst offensichtlich. Das Äußere (hier: Atmen) und das Innere (hier: Hämaglobin) braucht sich gegenseitig – muss miteinander in Wechselwirkung treten. 

Beim Einatmen entsteht durch die Erweiterung des Brustkorbs, sprich durch die Rippen mit ihren zwischenliegenden Muskeln und dem Zwerchfell ein Unterdruck im Brustraum. Folglich strömt Luft hinein und der darin enthaltene Sauerstoff wird an das Blut gebunden. Mit jedem Einatmen beginnen wir auszuatmen. Mit jeder Vollendung eines Schrittes, beginnt schon ein Neuer. Das klingt so selbstverständlich und doch finde ich es wichtig sich immer wieder bewusst zu machen, dass es um die Verbindung zweier Pole geht. Zwei Gegensätze die sich brauchen: Schritt und Blick, Innen und Außen, Ein- und Ausatmen.

Hier oben ist es leichter bewusst zu atmen. Ich spüre die frische Luft morgens beim Yoga bis in die Zehenspitzen in mich einfließen. Sie füllt mich, nicht nur mit Sauerstoff, sondern mit Freude. Mit Freude am Leben zu sein und das hier alles erleben zu dürfen. Und mit tiefen Dankbarkeit für die Gesundheit, die mir geschenkt ist.

14. Tag – Die beste Pasta. Basta.

Stecke: Obstanserseehütte – Sexten

Letzte Nacht war die erste in der das draußen schlafen echt beschissen war. Als ich mich in den Schlafsack gelegt habe, hat es schon leicht genieselt, ich dachte noch, dass es bestimmt gleich wieder aufhört. Dann bin ich eingeschlafen und habe nicht gemerkt wie es angefangen hat recht stark zu regnen. Als ich dann irgendwann von der Lautsatärke der großen Tropfen auf meiner Matte geweckt wurde, war die Mütze auf meinem Kopf schon klatschnass. Gesegneter Schlaf… Als ich Matte und Schlafsack hochhob, platschte ein Schwall Wasser auf meine Füße. Glücklicherweise war die Hütte ja nicht weit und so legte ich mich dort bibbernd in den Gastraum. Alles halb so wild.

Ansonsten war heute nur Abstieg und Abschied angesagt. Auf denn Weg kamen wir noch an der Südtiroler Alpe Nemes Hütte vorbei und ich habe mit Blick auf meinen Gipfel von Morgen (Rotwand) die beste Pasta mit Ragout seit ich mich erinnern kann gegessen. Außerdem gab es vom Wirt selbst gemachten Ricotta, den er vor Energie strotzend und stolz anpries. Sehr empfehlenswert!

Katalin ist jetzt wieder heim gefahren und ich sitze in Sexten vor dem Büro der arroganten Bergführer und ärgere mich mal wieder ein bisschen über die Menschen im Allgemeinen und die “Bergprofis” im Speziellen. Aber die Details sind hier langweilig.

Wo ich heute schlafe weiß ich noch nicht. Aber das ist mir gerade auch egal, irgendwas wird sich ergeben und irgendwann werde ich irgendwo einschlafen. Ich mag es, das auf mich zukommen zu lassen.

13. Tag – Gipfel

Strecke: Neue Porze Hütte (1942m) – Unterer Stuckensee (1982m) – Filmoor-Standschützenhütte (2350m) – Gr. Kinigat (2689m) – Pfannspitze (2678m) – Obstansersee Hütte (2304m)

Ich habe Sonne im Gesicht obwohl es schon 21 Uhr ist und ich in der Hütte sitze… Ich fühle die Sonne von dem ganzen Tag heute und von gestern. Sie ist in meiner Haut gespeichert, sie sitzt in meinen Poren, zusammen mit dem klaren Wasser von zwei Bergseen… Zuletzt, bei Ankunft hier an der Hütte, der Obstansersee, mit 13 Grad recht frisch, aber genau richtig nach dem Tag heute. 

Eigentlich haben wir es entspannt angehen lassen. Direkt nachdem wir los sind fiel mir noch eine wichtige Mail ein, und so ist Katalin vorgegangen. Ich kam also dazu die ersten 150 Höhenmeter in meinem eigenen Tempo zu gehen und das hat mir einen wunderbaren Kick für den Tag gegeben. Es fühlt sich so gut an, wenn ich meinen Körper fordere. Es ist, als würde die Luft die ich einatme, dann tiefer in mir ankommen und dort setzt sie Energie frei, die mich geradezu euphorisiert. 

Wir haben das Spiel mit dem jeweils eigenen Tempo dann den ganzen Tag über wiederholt. Am Ende hatte ich sogar noch ein Stück bergab Lauf und so fühle ich mich jetzt wach und frisch. Ich habe auch festgestellt, dass ich meinen Rucksack inzwischen kaum mehr spüre. Es ist interessant, dass es mich am Ende des Tages offensichtlich weniger schlaucht, wenn ich die Möglichkeit habe, mein eigenes schnelles Tempo zu gehen, als mich einem ruhigeren Schritt anzupassen.

Nach wie vor ist es aber sehr schön die Erlebnisse hier oben mit Katalin zu teilen. Meine Großmutter hat mir als Kind in mein Poesiealbum geschrieben “Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.” Das trifft hier oben auch zu. Denn so sehr ich es genieße allein unterwegs zu sein, so kenne ich doch das Gefühl der Sehnsucht die schönsten Momente (mit-)teilen zu können. Ein Blog ist dafür nicht hinlänglich und auch Fotos transportieren ja nie wirklich die Luft, das Licht, die Gerüche und die Athmosphäre.

Wir sind nach einer sonnigen Bergsee-Pause am Oberen Stuckensee und einer genüsslichen Mittagspause auf der unendlich sympathischen Filmoor-Standschützenhütte eigentlich durchmarschiert. Über den West Klettersteig sind wir auf den Gipfel des Großen Kinigat geklettert. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich Katalin mit einem Klettersteig überfordere. Im Gegenteil, es hat ihr großen Spaß gemacht. Zur Sicherheit hatte sie mein Klettersteigset an, aber sie war auch so hoch konzentriert und sicheren Schrittes unterwegs. Am Ende standen wir dann auch noch zusammen auf der Pfannspitze und jetzt bin ich vollends beeindruckt: was für eine Leistung von meiner starken Katalin. Wirklich, das ist sehr besonders und ich wünsche mir, in ihrem Alter noch ähnlich fit unterwegs sein zu können. Und vor Allem: alles mit einer ähnlich großen Freude wahrnehmen zu können wie sie.

Morgen ist unser letzter gemeinsamer Tag und es geht runter ins Tal. Dann muss ich dringend mal ordentlich Wäsche waschen, Äpfel kaufen und nach Möglichkeit auch eine neue und engere kurze Hose. Oder Nähzeug… trotz den kulinarisch sehr ausufernden letzten Tagen rutscht meine nämlich und das nervt tierisch.

Aber jetzt geh ich erstmal raus, auf den schönen Platz am See, den ich mir vorhin schon für mein Biwak ausgesucht habe. Auch wenn es sau kalt ist gerade: Es wird gut tun aus der vollen und lauten Gaststube rauszukommen.

12. Tag – Sonne im Rücken und Ziel vor Augen

Strecke: Hochweißsteinhaus (1868m) – Steinkarspitze (25214m) – Hochspitz / Monte Vancomun (2580m) – Reiterkarspitz (2421m) – Bärenbadeck (2430m) – Porzehütte (1942m)

Die “Königsetappe”. Und das find schon mit dem Kaiserwetter an, das mich heute morgen aus dem stinkenden Lager springen ließ. Die Berge waren in ein leuchtendes Orange getaucht, es war mal wieder zum luftanhalten schön. 

Die Etappe war wirklich so spektakulär schön, wie erwartet. Es ging die meiste Zeit oben über den Grat und mit einem ständigen Ausblick in Richtung meiner nächsten Etappe: den Dolomiten. Zudem rechts die prächtigen Großglockner und Großvenediger und links zackig die italienischen Belluneser Gipfel. 

Ja, das war definitiv die schönste Etappe bisher. Und ich bin so stolz auf meine starke Mutter, die wirklich eisern diese endlos lange Etappe durchmarschiert ist. Besonders schön ist dabei ihre immer große Begeisterung für alles, was man sehen kann. 

Leider ist die Porzehütte eine echte Enttäuschung. Aber dazu schreibe ich mal in einem gesonderten Beitrag, den ich über Hütten hier allgemein noch vorhabe zu schreiben.

 11. Tag – Rasten, rosten, mästen

Strecke: Kurzer Jogg auf der Suche nach “Internet” (ca. 200hm)… ansonsten nur die Treppe rauf und runter zwischen Lager und Gaststube im Hochweißsteinhaus (1837m)

Puh. Ich sitze. Immernoch. Und je mehr ich sitze umso kräftiger kribbeln die Flöhe in meinem Arsch. Ich freu mich darauf gleich zum “Internetspot” zu sprinten, damit es wenigstens ein bisschen Bewegung gibt. Warum das alles? Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Von hier aus wollen wir die “Königsetappe” zur Porzehütte hinüber gehen. Das ist ein wunderschöner und langer Gratweg. Bei der Wetterprognose von ganztags Gewitter und Regen ist das einfach keine gute Idee. Vormittags haben wir dann einfach hier geholfen die Lager aufzuräumen und zu kehren. Da merkt man wieder, wie viel Arbeit das Hüttenpersonal hier täglich hat, obwohl es so “einfach” wirkt. Ich hoffe, dass viele Menschen das so sehr zu schätzen wissen und entsprechend respektvoll mit den tollen Menschen umgehen, die all das für uns hier oben möglich machen.

Eigentlich könnte es gemütlich sein, hier in der Gaststube rumzuhängen. Aber die letzen Tage haben mich körperlich wenig gefordert und ich fühle mich nicht nach Pause machen. Ich bemühe mich es “sportlich” zu nehmen, als eine gute Übung in Ruhe und Gelassenheit. Aber ich gebe zu, es fällt mir wirklich schwer es einfach zu akzeptieren. Ich kann das Wetter ja nicht ändern und mit Katalin unterwegs sein ist natürlich anders als allein. Es ist ja auch wirklich schön, mich mit ihr gemeinsam an all diesen wunderbaren Aussichten hier auf dem Karnischen Höhenweg freuen zu können.

Heute wird einfach viel gegessen. Das kann man hier nämlich fantastisch: der Salat kommt aus dem Garten der Hütte, es gibt frischen Bergkräutertee und alles gekochte ist unglaublich lecker. Ansonsten spielen wir Spiele und ich nutze mal wieder die Zeit zum Emails schreiben, Bloggen und organisieren. 

Und nach den obligatorischen Palatschinken werde ich mal eine Regenpause für eine Yogasession und etwas Blackroll Training nutzen. Ja. Sonst gibt es gerade nicht viel zu erzählen, bzw. habe ich jetzt so viele Stunden tippen hinter mir, dass ich gerade einfach keine Lust mehr habe.

10. Tag – Mount Nipples im Nebel

Strecke: Wolayerseehütte – Hochweißsteinhaus 

Nachts hat es ordentlich gestürmt. Ich war trotz mief und dicker Luft froh, im Lager zu schlafen. Auch wenn es ein komisches Gefühl war, wieder so ein definiertes Dach über dem Kopf zu haben. Nach einem ausgiebigen Frühstück (danke Mama) mit traumhaftem Seeblick sind wir dann um 8:30 losgegangen. Erst ging es wunderschön hinab in ein Tal. Es war sehr neblig, aber der Nebel war ständig in Bewegung, hebte und senkte sich wie ein magischer Teppich. Der Aufstieg ging über einen schönen Waldweg und die Sicht wurde immer besser. Im Norden tauchten zwei Bergspitzen aus dem Nebel auf, die wir sofort “Mount Nipples” tauften.

Wir sind bis zum Giramondopass gut durchgekommen. Das war das Ziel, das noch vor dem angekündigten Gewitter zu schaffen. Es war auch Mittags noch so schön, dass wir uns ein Bad und eine Mittagspause unterhalb des Quinta Pasoli nicht entgehen lassen konnten. 

Und dann kam das Gewitter. Und nicht zu knapp. Es hat ordentlich gehagelt und der letzte Pass war recht schwer zu überwinden. Da waren wir sehr froh als wir (nach einem Heidelbeersnack am Weg) in die gemütlich warme Gaststube des Hochweißsteinhaus kamen.   

9. Tag – Kurzer Aufstieg und wieder See

Strecke: Gasthof Valentinalm (1220m) – Valentintörl (2138m) – Wolayerseehütte (1960m)

Ja, ich gebe zu, man könnte derzeit meinen ich sei nur hier um in diese ganzen Bergseen zu springen… Heute sind wir von der Valentinalm bis zur Wolayerseehütte aufgestiegen. Wir sind zu zweit sehr gemächlich unterwegs, deshalb war es dann doch klüger heute nicht noch die lange Etappe zum Hochweißsteinhaus dranzuhängen. Ich habe viel Gelegenheit zu atmen und es ist gut zu üben, entspannt zu bleiben und das gemäßigte Tempo zu genießen, anstatt ständig vorpreschen zu wollen. Ich hole tief Luft, viel tiefer als wenn ich allein unterwegs bin und zwar regelmäßig aber doch mit höherem Puls ausschreite.

Heute waren Katalin und ich zusammen im See, der mit seinen 17 Grad noch nicht einmal ganz so kalt war. Der Wolayersee ist türkisblau und liegt malerisch in einem kleinen Tal, direkt an der österreichisch-italienischen Grenze, zwischen Hoher Warte (2780m), Rauchkofel (2460m), Seekopf (2554m) und Maderkopf (2155m).  

Die Wolayerseehütte ist bisher die schönste Hütte, in die ich auf dieser Tour eine Fuß gesetzt habe. Sie steht hier in unschlagbar schöner Lage seit 1923 und wurde 2012 auf geschmackvolle Weise renoviert. Es gibt einen großen Gastraum der vorne wie ein Wintergarten völlig verglast ist und einen großartigen Ausblick auf den See und die umliegenden Berge bietet. Das Essen ist auch gut und alles ist sehr sauber.

Morgen starten wir ganz zeitig, hier gibt es ab 6:30 Frühstück und ich hoffe, dass wir dann gut durchkommen und nicht in ein Gewitter geraten. Jetzt gerade schüttet es draußen, deswegen werde ich schweren Herzens im Lager schlafen. Wenn ich aber Nachts aufwache und da ist kein Regen mehr, dann bin ich draußen!