38. Tag – Wieder ein Tal weiter

Strecke: Prasüras (1680m) – Zuoz (1720m) – Chamanna d’Es-Cha (2594m) 

Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Der Biwakplatz war zwar schön und in der Mulde in dem kleinen Waldstück war der Boden angenehm weich, aber der Vollmond war so hell, dass ich immer dachte es sei schon Tag. So habe ich dann Nachts Fotos bearbeitet anstatt zu schlafen und bin morgens noch bis zu den ersten Sonnenstrahlen in meinem gemütlichen Schlafsack liegen geblieben. Irgendwie war ich heute etwas verspannter, vielleicht auch wegen dem fehlenden Schlaf. 

Im Tal musste ich ein paar Sachen erledigen und der Weg hier hinauf zur Hütte war kurz. So habe ich schon nach ein paar Kilometern eine ausführliche Mittagspause in der warmen Sonne eingelegt. 

Auf dem Weg hier hoch habe ich zurückgeschaut und wie so oft in den letzten Tagen genau gesehen, wo ich hergekommen bin. Manchmal wird mir dann plötzlich und mit einer Wucht bewusst, dass ich nicht einmal zählen kann, wie viele Täler ich auf dieser Tour schon durchwandert bin und über wie viele Berge ich gestiegen bin. Da liegen Ländergrenzen dazwischen, da werden verschiedene Sprachen gesprochen, da hat sich die Landschaft schon ganz gewaltig verändert. Der Beginn in Slowenien ist so weit weg. Fast wie an einem anderen Ende von mir selbst. Es kommt mir vor als habe ich mich verändert seitdem, aber ich könnte nicht genau beschreiben wie.
Die Landschaft gefällt mir auf dieser Seite wieder sehr gut. Es sind grüne Grasberge, ein bisschen erinnert es mich an die Karnischen Alpen. Allerdings sind gerade um Zuoz herum viele Skigebiete und man muss von den Liftstationen absehen um die eigentliche Schönheit der Landschaft zu erkennen. 

Ein ruhiger Tag war heute. Ich sitze in der Chamanna Es-Cha und habe mich zum ersten Mal seit langem wieder richtig satt gegessen. Es ist ein gutes Gefühl, auch wenn es fast ein bisschen zu viel war… Jedenfalls werde ich gut schlafen.

Bisher hatte ich noch nie ein so “hohes” Biwak bei so niedrigen Temperaturen. Aber die Luft ist schön und klar und wohltuend und die Kälte stört mich nicht. Ich habe mir eine schöne, hoffentlich windstille kleine Mulde gesucht, direkt neben einem kleinen Stück Schnee. Ich denke wenn das noch nicht weggeblasen wurde und noch nicht geschmolzen ist, dann muss es eine Stelle sein die geschützt ist und in der auch ich geschützt sein werde. Außerdem ist es weit genug von der Hütte entfernt um ganz für mich zu sein. Denn danach is mir jetzt wieder für ein paar Tage. 

Die Sicht in die Bernina hinüber ist atemberaubend schön. Ich habe an meinem Biwakplatz vorhin eine halbe Stunde Yoga gemacht und mich dabei in den Anblick verguckt. Die Bernina sind sicherlich ein Gebirge, in dem ich in der Zukunft einmal mehr Zeit verbringen will. Aber dann direkt zu dritt, geplant als Seilschaft und mit Fokus auf genau diese Berge und ihre hohen Touren. Von hier sehen sie jedenfalls sehr verlockend aus, wie sie da glänzend weiß und majestätisch ruhen und ich freue mich schon auf den Anblick bei Sonnenaufgang.

Morgen früh um 5 Uhr gibt es Kaffee. Dann geht es wieder auf einen Gletscher, oder auf das was von ihm noch übrig ist… Ich habe hier vorhin auf eine Karte aus dem Jahr 1987 geschaut, da war er bestimmt noch doppelt so groß wie auf der Karte auf meinem Handy. Ich freue mich sehr auf den ganzen morgigen Tag, an dem das Wetter wirklich toll werden soll. Ich freue mich auf den Gipfel des Piz Kesch, auf den Weg über den Gletscher und die Kletterei, die ich diesmal alleine machen werde. Und ich freue mich auf den Nachmittag, an dem ich einen kleinen See ansteuern will, der mir auf der Karte schön vorkommt. 

37. Tag – 

Strecke: Plan Dals Poms (2060m) – Murtler (2545m) – Chamanna Cluozza (1882) – Fuorcla Val Sassa (2857m) – Prasüras (1668m) 

Was für ein Tag. Es war wirklich ein voller, dichter, und reicher Tag. Es ging im grauen bergan (“Grauzone Dialog”) und im goldenen bergab. Und dann habe ich noch ein Wunder erlebt.

Ich hatte eine gute und gemütliche Nacht im Wald und bin ausgeruht aufgewacht und noch mit dem festen Vorsatz auf den Piz Quattervals zu gehen in Richtung Chamanna Cluozza aufgestiegen. Dort lernte ich mal wieder einen sehr netten Wirt kennen, Jürg, der mir gleich mal einen Kaffee ausgab. Wir kamen ins Gespräch und ich habe mich schnell entschieden meinen Plan zu ändern. Anstatt auf den Piz Quattervals, der zwar schön klingt, bei näherer Betrachtung aber doch nicht sooo reizvoll war (Jürg: “ein Schuttberg”), bin ich den langen Weg um den Quattervals herum und über die Fourcla Val Sassa hinab ins Tal nach S-Chanf. So habe ich genug Zeit morgen rüber zur Chamanna Es-Cha zu gehen um am Freitag früh bei (hoffentlich) strahlendem Sonnenschein auf den Piz Kesch zu gehen. Laut Jürg ist der Gletscher flach, ohne Spalten und verspürt und die Kletterei am Gipfel mit II auch gut alleine machbar. Ich habe so große Lust auf Gletscher, dass es mich fast magnetisch da hin zieht.
Der Weg zur Scharte rauf war nicht so schön. Sehr grau, irgendwie düster. Aber die Felsen an den Seiten zeigten beeindruckende Formationen und der Weg war angenehm zum Nachdenken.

Oben fing es an zu schneien, so dass ich schnell weitergegangen bin. Der Schnee wurde zu Regen, aber es war frisch und so bin ich gejoggt um warm zu bleiben. Der Weg runter war auch leicht machbar. Als es grüner wurde, kam sofort die Schönheit. Mit dem Regen sieht alles so frisch und glatt aus, dass ich es eigentlich inzwischen sehr gerne mag, im Regen zu gehen. Hinter den Abhängen durch die ich ging kam dann auch noch die Sonne raus, so dass alles in ein wunderschönes Licht getaucht war. Und dann habe ich mich umgedreht. Und da war er, ein wunderschöner, perfekter, feiner und klarer Regenbogen, der sich genau über mein feucht glänzendes und von roten Blättchen garniertes Tal gespannt hat. Ich habe ihn irgendwie persönlich genommen, den Regenbogen. Nach einer Menge eher düsterer Gedanken auf der anderen Seite der Scharte war er wie ein Zeichen, wie ein wunderschöner Kommentar der Berge für mich. Ich bin lange dort stehen geblieben. 

Kein Foto, keine Zeile kann beschreiben, was ich gefühlt habe. Deshalb werde ich es auch nicht versuchen. Klar, ich poste ein Bild dazu, das macht man so. Aber das Bild in mir drin, das glüht und flimmert und vibriert noch jetzt, einen Tag später, voll Dankbarkeit.

Grauzone Dialog

Dialog. Das eigentliche Thema dieser Etappe. Vielleicht bleibt es doch präsenter in meinem Kopf als ich dachte. Auch ohne verbalen Dialog. Vielleicht liegt es auch an dem grauen, kargen wüstenartigen Tal, durch das ich heute stundenlang hinauf gelaufen bin ohne einem Menschen zu begegnen. Ich habe auf dem Weg viel nachgedacht und mich vor Allem gefragt, was Menschen dazu bewegt in einen Dialog zu treten. Aber auch, was sie dazu bringt den Dialog zu vermeiden. 

Auf meinem Weg bis hier hatte ich viele kleine, schöne und leichte Dialoge. Wahrscheinlich waren sie auch deshalb so leicht, weil sie eben im Moment und unterwegs stattgefunden haben. Weil sie nur ein kleines Stück Weg bedeutet haben, dem keinerlei Verantwortung für die Vergangenheit oder Zukunft inne zu wohnen scheint. 

Aber wie ist es, wenn es wirklich um zwei Menschen geht, die tiefgreifender miteinander kommunizieren wollen. Wie war mein Dialog mit Menschen zu Hause, mit Freunden und Familie? Und – denn darum geht es mir heute am meisten – wie sieht es mit dem Dialog mit den Menschen aus, die mich ein Stück meines Wegs begleiten wollten? 

Ich habe mir genau überlegt, mit wem ich mir das überhaupt vorstellen könnte und ich habe nicht viele gefragt. Bisher hat mich nur Katalin (meine Mutter) ein Stück begleitet und es war eine sehr schöne und wertvolle Zeit. Seitdem bin ich, von Begegnungen unterwegs abgesehen, allein. Und – das ist mir wichtig hier zu sagen – ich bin wirklich gerne alleine unterwegs. Ich langweile mich nie und fühle mich sehr selten einsam. Und trotzdem habe ich mich immer wieder auftemporäre Begleitung gefreut, weil es eben auch schön ist zu teilen.

Erstaunlicherweise sind es genau drei der Leute, die unbedingt dabei sein wollten, die jetzt oder zu dem jeweilig angesetzten Zeitpunkt nicht da sind. Sie haben mir auch unterwegs noch geschrieben wie toll sie das finden was ich mache, wie gerne sie genau in diesem oder jenem Moment dabei wären. Es ist bitter und mir unangenehm, dass mir das jetzt so hohl vorkommt. Entweder haben sie sich einfach nicht mehr gemeldet, sehr kurzfristig abgesagt, oder sich mit seltsamen Angaben von Gründen entschuldigt. 

Was bedeutet das für eine Freundschaft? Ist es die Scheu vor der Absage? Ist das so schwer? Hat der- oder diejenige es wirklich einfach vergessen? Ist “zu viel los im Alltag”, als dass man Zeit hätte sich zu melden? Zeit für eine SMS: Wirklich? Oder haben sie immernoch eigentlich vor zu kommen, aber sich noch nicht dazu durchgerungen eine SMS zu schreiben um sich eben doch noch alle Optionen offen zu halten?

Und dann frage ich mich, ob mir selbst das gelingen würde, was ich von ihnen als meinen Freunden erwarte: Dass ich daran denken würde, wie es für sie ist? Wie es sich anfühlt? Wäre mir in meinem Alltag bewusst, dass jemand, der allein unterwegs ist, dem ich gesagt habe, dass ich ihn begleite, sich vielleicht fragt, warum ich mich nicht melde? Warum ich nicht wenigstens absage? Dass das verletzend ist?

Okay, ich habe das eben gelesen und es klingt enttäuscht und sentimental. Enttäuschung ist da, klar. Aber darum soll es in dem Blogeintrag nicht gehen. Vielmehr will ich es ganz sachlich und einfach verstehen. Und es ist ein Gefühl, das vermutlich jeder kennt, der mal für eine größere Gruppe was organisiert hat, oder? Es beschäftigt mich jetzt, weil es mir mehrmals passiert ist und weil es eben das aktuelle Thema betrifft: Dialog. Deswegen kommen mir diese Fragen. Und das Bedürfnis darüber zu schreiben. 

Was ist so schwer? Ist es nicht immer leichter und erleichternder für Klarheit zu sorgen? Es kostet keine Zeit, es kostet kaum Mühe, es braucht nur einen Willen, Ehrlichkeit und Verbindlichkeit.

Ja, vielleicht ist das hier ein Plädoyer für Verbindlichkeit. Etwas das ich in Freundschaften besonders schätze. 

Ich habe das noch nie geschrieben, aber: Bei diesem Post würde ich mich über Reaktionen freuen. Wie geht es euch mit dem Thema? Kennt ihr mein Gefühl? Wie würdet ihr reagieren? Könnt ihr euch in beide Seiten hineinversetzen und was macht das? Ich freue mich über Nachrichten, am einfachsten direkt hier über den Blog. Keine Sorge, nur mit eurem Einverständnis würde ich die Antwort veröffentlichen. Danke.

36. Tag – Gegenwart üben

Strecke: Alp Plavna (2076m) – Fuorcla Val dal Botsch (2852m) – Il Fuorn / Ofenpass (1794m) – Vallun Chaful (1768m) – Plan Dals Poms (2060m)

Gut ausgeruht kam ich morgens runter in die kleine Küche, in der es noch gemütlich war war. Andi war längst beim Jagen. Er hatte tatsächlich für mich den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht. Ich war wirklich gerührt über so viel Fürsorge. Dann habe ich die Hütte abgesperrt, wie besprochen, und nach dem großen Kaffee ging der Weg zur Fuorcla Val dal Botsch gut und schnell und lustvoll. Es war oben noch viel Schnee und zum Teil reicht rutschig in dem sandigen und geröllreichen Gelände in dem auch immer wieder Steine von oben kamen. Als ich einmal kurz stehengeblieben bin tauchten oben in der Scharte majestätisch die Silouetten von zwei Hirschen auf. Edel standen sie da und verschwanden dann wieder auf der anderen Seite, als hätten sie Andi und seine Kollegen, die hier noch sicher auf Jagd lagen, gerochen.

Oben hat es ordentlich gewindet, also hab ich nicht lange Pause gemacht, sondern bin schnell den steilen Weg in Richtung Tal gelaufen. Hier geht es viel auf und ab.

Jetzt sitze ich in einem kleinen Bikerlokal am Ofenpass. Es gibt Pizza, sonst nichts. Generell ist das ja ganz lecker, aber ich hab langsam keine Lust mehr auf Pizza oder Pommes. Vorher waren es immer Bratkartoffeln oder Pasta… naja, anspruchsvoll ist sie auch noch. Meckern auf hohem Niveau würde ich sagen.

Ab Davos kann ich mir endlich mein eigenes Süppchen kochen. Da bekomme ich einen Kocher und “Summit to Eat” Gerichte, ist zwar noch mehr Gepäck, aber auf keinen Fall kann ich mir weiter leisten hier 8€ / CHF für eine kleine Portion Pommes zu zahlen. Die spinnen die Schweizer ;-).

Jetzt geh ich noch auf der anderen Seite rauf Richtung Piz Quattervals und Chamanna Cluozza. Das Wetter ist gut, es wird eine angenehme Nacht werden. Grad keine Lust mehr zu schreiben, will gerade lieber für mich allein nachdenken.

35. Tag – “Solange wir haben, teilen wir.”

Strecke: Sur En – Via dals Nanins – Val Plavna – Alp Plavna 

Noch nie bin ich so langsam aus dem Schlafsack gekommen. Es kamen ganz viele Argumente noch ein paar Minuten und noch bisschen länger so gemütlich liegen zu bleiben. Als ich es dann endlich geschafft hatte, war das losgehen auch nicht einfacher. Nur ganz langsam kam die Kraft zurück. Motivierend war aber die Landschaft, dir hier so anders ist als in Südtirol. Anders wild, anders weit, irgendwie grüner und breiter. Der Rucksack macht mir heute zu schaffen. Die seit Mals dazugekommenen Steigeisen, Eispickel, Essensvorräte und der wärmere Schlafsack fallen schon ins Gewicht.

Es ging zuerst wunderschön an der Via das Nanins einlang, das Zwergenthema vom Vortag setzte sich fort: Hier war ein richtiger Geschichtenpfad eingerichtet worden, auf dem kleine Tafeln Zwergengeschichten erzählten und Stationen mit einem Tisch mit sieben “Tellerchen” usw. Schneewittchen und die sieben Zwerge erlebbar machten. Ich habe mir also Zeit gelassen, viele Fotos gemacht und die letzten Tage Revue passieren lassen. 

Es scheint, dass das Thema “Dialog”, das eigentlich diese Etappe begleitet, mit Mals hinter mir geblieben ist. Allerdings waren die Dialoge mit den Menschen dort oft schöne und bereichernde Gespräche und damit ein maßgeblicher Inhalt der letzten Tage, den ich tief zu schätzen weiß. Da mir nun erstmal nur der innere Dialog bleibt, den ich hier unterwegs ja ständig führe – mal als Streitgespräch, mal als Austausch, mal als fast langweiligem Smalltalk – will ich mir für die nächsten Tage, für den Weg hier durchs Engadin und bis Davos noch ein anderes Thema überlegen. Vielleicht ist “Gegenwart” ein gutes Thema, weil es mir noch immer häufig nicht gelingt, den Moment wirklich wahrzunehmen. Stattdessen bin ich im Kopf schon mit der Planung der nächsten Schlafstätte, der nächsten Route oder sonstiger Logistik beschäftigt. Ich lasse mir das mal durch den Kopf gehen und entscheide morgen.

Ja, der Kopf. Nach knapp drei Stunden Weg durch das Val Plavna fingen die Kopfschmerzen an. Sukzessive, wie in einem Sog, ist meine Kraft geschwunden. Es war eine seltsame, aber sehr deutlich wahrnehmbare Erscheinung. Äußerlich grundlos habe ich plötzlich völlig die Lust am Gehen verloren. Ich wollte mich ständig setzen, rasten, ruhen, als wäre ich seit vielen Stunden unterwegs oder als wäre der (eigentlich sehr einfache) Weg furchtbar anstrengend. Hat die Pause von mehreren Tagen mir doch nicht gut getan? War es einfach zu lang? Oder hat mein Instinkt mich gebremst und mir abverlangt die Route zu verkürzen und den Weg über die Fourcla Val dal Bosch (2677m) doch auf morgen Vormittag zu verlegen? 

Was auch immer es war: Jetzt regnet es. Stark und stetig. In dem Regen wäre die Fuorcla nicht so nett gewesen… Ich bin umgekehrt und habe in einem offenen kleinen Bau neben der unbewirtschafteten Alp Plavna einen ganz guten Unterschlupf gefunden. Hier bleibe ich trocken und zu kalt wird es hoffentlich auch nicht. Und, das Faszinierende: die Kopfschmerzen sind seit der Entscheidung umnzukehren wie weggeblasen. Also doch der 6. Sinn? Es ist spannend, wie der hier oben geschärft wird und wie ich (teils unbewusst) mehr von meiner Umwelt wahrnehme denn je. Morgen habe ich dann einen langen Weg vor mir und ich wünsche mir jetzt, dass meine Energie über Nacht wieder kommt.

Nachtrag: Es ist schon irre was mir hier unterwegs alles so passiert. Um kurz nach 8 Uhr, der Regen war heftig und es wurde schon recht kalt in meinem Unterschlupf, erschreckte mich das Licht einer Stirnlampe. Eine freundliche Stimme fragte, ob es mir nicht zu kalt sei und ob ich nicht lieber in die warme Stube kommen wolle. Es war Andi, ein Jäger, der in der aktuellen Jagdsaison oben in der Alp Plavna unterkommt. Ganz unerwartet saß ich also plötzlich in der gemütlich warmen kleinen Küche und schnitt Tomaten und Mozarella während Andi uns Steaks machte. “Solange wir haben, teilen wir.” sagte er nur, und einmal mehr dachte ich, wie einfach und schön es sein kann und warum wir es uns oft in Angst und Geiz so schwer machen. 

Ich habe an dem Abend viel über die Region, über Bären, Hirsche und den Ablauf einer Jagd gelernt. Zum Beispiel dass momentan gerade Hirsche geschossen werden, später Felswild und Vögel, dass es also für jede Jagd ihre Zeit gibt. Außerdem, dass sechs Jäger in dieser Region jagen dürfen und dass sie sich alle untereinander kennen. In den letzten Tagen haben sie sieben Hirsche geschlossen. Einem geschossenen Tier werden dann zuerst die Eingeweide rausgeschnitten und dann werden sie mit einem “Hirschmobil”, einer Art Schubkarre mit einem Mofarad in Richtung Tal manövriert. Wenn der Hirsch zu groß ist, muss er mit dem Helikopter geholt werden, dann rentiert es sich schon nicht mehr, weil der Flug so teuer ist. Im Tal werden die geschossenen Tiere dann Abends vom Wildhüter überprüft und vermessen. Mit einem Namensschild des Jägers versehen werden sie beim Metzger in die Kühlung gehängt um später zu den Produkten seiner Wahl verarbeitet zu werden.

Die große Lehre meines Abends war, dass man nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes in Nationalparks nicht draußen schlafen darf. Die Hirsche riechen die Menschen und verschwinden dann aus der Region, so dass die Jäger in der Jagdsaison vergeblich nach ihnen Ausschau halten müssen. Deswegen mögen Jäger logischerweise keine Camper in den Nationalparks.  

34. Tag – Schneeeee

Strecke: Mals – Scoul – Lischanahütte (2450m) – Sur En

Endlich wieder bewegen! Es hat so gut getan, die Beine wieder zu spüren, wieder tief die reiche Luft einzuatmen und in den mir nun so vertrauten Rhythmus der Schritte zurück zu finden. Der Weg von Scoul durch das Val Lischana hinauf war wunderschön. Entlang an Bächen und vorbei an kleinen Wasserfällen ging es erfrischend bergauf. Die Entscheidung wegen dem schlechten Wetter und dem vielen Schnee noch einen weiteren Tag in Mals zu bleiben erwies sich als richtig. Nicht nur, weil es viel schöner ist morgens im Sonnenschein loszugehen, wie es dann heute war, sondern auch weil sich schnell herausstellte, dass der Schnee wesentlich üppiger liegen blieb, als erwartet. Die Temperatur sank spürbar, je höher es Richtung Piz Lischana ging, dem eigentlich geplanten Gipfel des Tages. Ab ca. 2000m ging es nur noch durch Schnee. Man konnte den Weg zwar noch ausmachen, aber an vielen Stellen waren so tiefe Verwehungen, dass ich bis zu den Knien im Schnee stand. Langsam kam die Unsicherheit, ob der Gipfel, der sich noch in Nebel hüllte, überhaupt machbar wäre. Es war schon recht spät, und der geplante Weg zurück ins Tal zum Biwak doch noch recht weit. Ein Biwak am Berg hatte ich wegen des Wetters und der doch noch ziemnlich eisigen Temperaturen schon ausgeschlossen. Das mache ich erst, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt.

Auf der Lischanahütte angekommen wurde klar: der ganze Plan würde nicht aufgehen. Die Wirtin sagte, der Weg zum Gipfel sei überhaupt nicht machbar und der geplante Weg zurück ins Tal durch die Uina Schlucht hätte noch über 50cm Schnee und sei völlig unverspurt. Schweren Herzens ging es also den selben Weg zurück ins Tal. Ich mache mir langsam schon grundsätzlich Gedanken wie es weitergeht, denn wenn das Wetter so unbeständig bleibt und es weiter so kalt ist, könnte es aber an vielen Passagen oben für mich allein doch zu gefährlich werden. Aber zu viel Grübeln bringt auch nichts und schließlich habe ich mich mit dem immer wieder beruhigenden Gedanken abgefunden, dass ich es eh nicht ändern kann, dass ich eben Tag für Tag sehen muss, was geht, und dass es immer eines gibt was sicher ist: Es wird weitergehen. Und zwar weiter zu Fuß, weiter durch die Berge (ob weiter oben oder weiter unten) und weiter nach Westen. 

Die Umkehr wurde allerdings noch mit einem wunderschönen Biwakplatz voller Zwerge belohnt. Ja, wenn die irgendwo wohnen, dann hier. Sie wecken Kindheitserinnerungen an Waldspaziergänge voll Geheimnnissen und aufregenden kleinen Entdeckungen. Viel Moos, plätscherndes Wasser und ein vom Mond übertrahlter Sternenhimmel entschädigen doch für Vieles. Und die Hoffnung auf gutes Wetter morgen, ein Stück Schokolade und die Aussicht auf eine eine warme Nacht machen alles wieder schön und gemütlich.  

32. & 33. Tag – Sauna, Schreiben, Schnee

Ort: Mals

Ich komme hier nicht weg. Auf allen Wegen, die ich begehen will ist erhebliche Erdrutschgefahr und das Wetter ist anhaltend beschissen. Es schüttet, es gewittert manchmal, es ist exht unangenehm kalt und es schneit bis auf 1800 Meter runter. Alle Berge sind jetzt oben weiß, nicht mehr nur der Ortler.

Ich habe also schweren Herzens entschieden nach dem dritten auch noch einen vierten Tag im Tal dran zu hängen. Es hatte sich aber eh vieles angesammelt worum ich mich kümmern muss. Es gibt einige Artikel zu schreiben, Emails zu beantworten, weiter die Route zu planen und ein paar wichtige Telefonate schiebe ich jetzt auch schon länger auf. Da das Wetter genau zu diesen Aktivitäten einlädt und mir Stanis netterweise seinen Laptop geliehen hat, sitze am Bildschirm anstatt durch das Schneegestöber da oben zu laufen.

Gestern Abend waren wir in der Sauna von Laatsch, die beste Idee für die vollständige Wiederaufladung der Akkus. Unterwegs dort hin gab es ein wunderschönes Wetterschauspiel, das man aus dem Autofenster beobachten konnten. Auch wenn der Bewegungsdrang jetzt immer größer wird und ich irgendwie unruhig bin, weil die Strecke ja nicht kürzer wird, fällt es mir richtig schwer, dieses Mals zu verlassen. Ich habe mich verliebt in diese Region, diesen Ort, diese Mensachen. 

Jetzt sitze ich beim Frühstück meines 33. Tages. Der 3. Tag in Mals. Das Wetter ist immernoch scheisse. Der Wecker hat gefühlt alle 30 Sekunden geklingelt. Und jedes Mal hat es draußen immernoch geregnet. Regen, Regen, Regen. Das Aufstehen war noch nie so schwer.

Laut Wirt oben auf der Hütte schneit es quer. Die Uina Schlucht, durch die ich heute gehen wollte, wurde gestern angeblich geschlossen. Morgen muss das gute Wetter aber dann eine dreifache Etappe hergeben. Denn in einer Woche muss ich bis Davos gelaufen sein, weil dort ein Paket mit Kocher und Essen auf mich wartet. Mein Track über die Berge zeigt mir mit 184km und 13.000hm hoch bzw. 11.000hm eine Strecke an, die dazu “einlädt” nicht zu viel zu verweilen. Mit dem Auto sind es von Mals läppische 84km, da dauert der Spaß eine Stunde. Aber auf Asphalt und in einer stinkenden Blechkiste. Außerdem darf man so darüber gar nicht nachdenken. Hmmm. Grrrr. Mpffff. Arggggg. 

*** BERGFEST

Es ist Halbzeit. Und ich hatte jetzt ein paar Tage Zeit um den letzten Monat Revue passieren zu lassen und in mich hineinzuspüren, was sich verändert hat. Ich habe mich gefragt, ob mir etwas fehlt, was ich noch will oder nicht will und wie sich das alles eigentlich wirklich anfühlt.

Fazit: Es geht mir gut. Das klingt einfach, ist aber gerade ein so facettenreiches Gefühl, dass ich sicher mehrere Seiten lang beschreiben könnte, warum. Das ist mir für hier zu privat, aber ich mache das in meinem ganz analogen Tagebuch, ganz oldschool, mit Stift auf Papier.

Die meisten Stunden meiner Wachzeit der letzten vier Wochen habe ich mit Gehen verbracht. Schon das ist für mich äußerst untypisch, als chronischem Spaziergang-Hasser… Spazieren gehen empfinde ich als eine sinnlose und ineffektive Zeitverschwendung, und ich frage mich immer wie man es nur zustande bringt ohne Grund zu gehen, wenn man doch zumindest mit dem Rad viel schneller und besser unterwegs sein kann… ?. Aber gehen in den Bergen hat eine ganz andere Bedeutung für mich und ist voller Inhalte. Ich habe auch in vorherigen Beiträgen schon beschrieben, wie der Rhythmnus der Schritte und des Atems die Wahrnehmung prägt. Wie Umfeld und Inneres, Natur und Körper miteinander dialogisieren.

Farben und Formen. Was ich sehe, ganz unmittelbar, sind viele Farben und Formen, die ihrer schlichten Klarheit so schön sind, dass ich mir manchmal wünsche, all meine Möbel und all meine Kleidung wäre nur in diesen Tönen. Vor meinem inneren Auge sehe ich genau, wie sich die Farben des Gesteins auf meinem Weg von Ost nach West verändert schon bis hier verändert hat. Von dem kargen, hell weißen Kalkstein in den Julischen Alpen, zu den rötlich metalldurchzogenen Felsen in ihren geschichteten Formationen in den Karnischen Alpen. Dann in den grauen spitzen Felsen und ihren starken blockhaften Maserungen in den Dolomiten, die sich in den Himmel recken, bis hin zu den weiten Wiesen, der unglaublich bunten Vielfalt von Steinen auf den steilen Wegen (siehe Fotos) und den sich auftürmenden Riesen von dunklem Fels und weißem und türkis glänzendem Eis hier in der Ortlerregion. Diese Farben sehe ich auch jetzt noch alle klar vor mir. Und ich wünsche mir, dass ich sie nie vergesse, auch wenn ich zurück im schwarzen Land des Teers bin (aua, Melodramatik).

Lebendiges. Wenn ich beim Gehen nach unten schaue auf meine Tritte, dann sehe ich oft Schmetterlinge in verschiedenen Farben, die manchmal auf meinem Schuh ein paar Schritte mitreisein. Sie lieben offensichtich stinkende Socken, denn wenn ich die unterwegs mal ausziehe, versammeln sich ganze Horden von Schmetterlingen darauf. An heißen Tagen sind auch Eidechsen oder kleine Schlangen unterwegs. Einmal bin ich sogar aus Versehen auf eine Kreuzotter getreten, was mir sehr leid tat. Aber ich glaube sie hat keine bleibenden Schäden davon getragen und mich zum Glück auch nicht gebissen. Fast überall wo Wiese ist, hüpfen knarzend Heuschrecken aus dem Weg. Es ist also eine ganze Menge los da unten. Auch die Begegnungen mit größeren Tieren sind mir hier oben sehr willkommen. Inzwischen werden sie von mir auch immer, wie andere Wanderer, gegrüßt. Je nach Tier gibt es verschiedene Grußformeln die je auch anders erwidert werden. Zu aufgeregten Murmeltieren sage ich manchmal, wenn sie sehr viel rumschreien, dass sie doch mal chillen sollen, schließlich würde ich ihnen nichts tun. Aber das schert sie wenig. Kühen nicke ich eher nur zu, die gucken dann lange zurück und manchmal bleibe ich stehen und erwiedere das Starren. Schafe werden meistens mit “Yo, whats up guys?” begrüßt, irgendwie scheint mir das passend, sie sind so entspannt und cool. Mit Schafen rede ich am meisten, ich hab das Gefühl sie finden das gut. Pferde muss ich immer streicheln, die riechen so warm, und die Ruhe und Kraft die sie ausstrahlen tut mir gut. Zu Steinböcken und Gemsen sage ich meistens “sorry”, weil ich sie erschrecke und es schließlich ihr Land ist, in dem ich wahrscheinlich eher störe. Mit Bergdohlen am Gipfel teile ich grundsätzlich mein Essen. Sie sind mir die Liebsten und ich versuche mich in ihrer Gunst so gut zu stellen, dass sie mich, falls es eine Wiedergebut gibt, in ihre Riege aufnehmen. Andere große Vögel, wie Bartgeier und Adler habe ich auch schon gesehen, da war ich aber so sprachlos, dass ich ganz vergessen habe sie zu grüßen.

Richtung und Höhe. Insgesamt laufe ich ja von Ost nach West. Ich habe Vormittags die Sonne im Rücken und laufe Nachmittags auf sie zu, bis sie untergeht. Die Entscheidung in diese Richtung zu gehen erweist sich als sehr wertvoll. Auch weil die Berge gen Westen tendenziell immer höher und damit auch immer anspruchsvoller werden. Die Höhenunterschiede im Auf- und Abstieg zwischen den Etappen haben sukzessive zugenommen. Der Abstieg vom Gipfel des Ortlers bis ins Tal betrug satte 2600hm, die mir zu Fuß am Anfang der Tour sicher wesentlicher zu schaffen gemacht hätten. Am liebsten laufe ich azyklisch zu den Anderen Bergsteigern. Ich gehe also entweder wesentlich früher oder wesentlich später los und mache dann Mittags entweder eine sehr lange Pause, oder gehe bis es dunkel wird.

Körper. Mein Körper macht mit, er ist dieser ganzen Unternehmung sehr zugetan und dafür bin ich – wie schon so oft gesagt – sehr dankbar. Ich spüre wie sich alle Fasern verändern, genieße die Kraft und Ausdauer und habe Freude daran meine körperlichen Kapazitäten weiter auszubauen. Denn auch technische Herausforderungen kann ich mit einem gut arbeitenden Körper natürlich besser annehmen. Das Vertrauen in die Fähigkeiten meines Gebälks lässt mich verantwortungsbewusst bleiben und macht Lust auf die Herausforderungen die ich mir sonst wahrscheinlich nicht zugetraut hätte. Ich würde inzwischen immer den anspruchsvolleren Weg wählen, wenn es eine Auswahl gibt und das Wetter stimmt. Am Anfang der Tour war das nicht immer so.

Gehen. Eine deutliche Erkenntnis ist, dass ich bergauf gehen wesentlich lieber mag, als bergab gehen. Insbesonders lange Strecken bergauf, da kann ich gar nicht genug davon habe. Egal ob steil oder als langsamer Anstieg – Hauptsache bergauf. Was ich dabei nicht leiden kann, ist wenn ich anhalten muss. Und mich unterhalten, das mag ich bergauf auch nicht. Das stört meinen Rhythmus, den ich gerade bergauf besonders genieße. Wenn es über lange Passagen unschwer bergab geht, habe ich mir angewöhnt die Zeit zum telefonieren zu nutzen. Dann kläre ich organisatorische Dinge oder rufe meine Eltern an. So spüre ich das leise Meckern meiner Knie weniger und die Strecke fühlt sich kürzer an. Ich habe festgestellt, dass die Gedanken beim bergauf gehen ganz anders sind als beim bergab gehen. Aufwärts sind sie einfach. Je steiler, desto simpler. Es geht um Logistik, ich mache innerlich To Do Listen oder nehme mir vor, wen ich einmal anrufen sollte. Wenn es ganz steil ist, habe ich meistens einfache Lieder im Kopf. Sie laut zu singen, dafür fehlt mir dann die Puste, aber ich bin überrascht wie viele Lieder aus meiner Kindheit auftauchen. Bergab denke ich über alles genauer nach, es kommen mir Bilder in den Sinn, die ich beschreiben möchte, es fallen mir Situationen ein, über die ich dann nochmal nachdenken kann und ich habe Ideen für Geschichten. In jedem Fall ist mir nie langweilig, weil zwischen meinen Ohren so viel rumschwirrt, dass ich es manchmal am liebsten abschalten würde um einfach nur ruhig zu sein. Aber mit der Zeit gelingt mir das auch immer mehr. Ich finde es aber faszinierend, wie lange ich dafür brauche in so einem Zustand der Klarheit anzukommen und wie kurz es mir nur gelingt, diesen zu erleben. Insgesamt mache ich unterwegs auch recht wenig Pausen. Nur an den Schlendriantagen, da geht es auf einmal ganz leicht mittags auf einer Wiese oder Hochebene liegen zu bleiben. Und dann kreisen auch die Gedanken etwas langsamer, ein bisschen wie die Bergdohlen, denen ich bei ihrem Flug zusehen kann.

Ernährung. Auch das mit dem Essen klappt erstaunlich gut. Vorbei ich sagen muss, dass ich es sehr genieße hier im Tal jetzt nicht jeden Tag entweder Bratkartoffeln mit Spiegelei oder Pasta zu essen. Auf den Hütten waren das meistens die Gerichte meiner Wahl (wenn es eine Wahl gab), weil hier die Energiebilanz im Preis-Leistungsverhältnis am Besten ist. Ich versuche ja schon sparsam unterwegs zu sein, insbesondere weil jetzt die Schweiz kommt und dort alles sehr teuer sein wird. Ich könnte eigentlich Abends immer mindestens zwei Portionen essen, was aber halt meistens nicht drin ist. Tagsüber esse ich die köstlichen Clif Bars (nach einem Monat bin ich ihrer noch kein bisschen überdrüssig) und dazu Äpfel. Meistens habe ich noch irgendwo etwas Käse, Kaminwurzn oder Cracker gekauft, manchmal harte Eier, ab und zu eine Packung Gummibärchen (guilty pleasure am Berg) oder eine Tafel Schokolade. Ich hungere zwar nicht, aber ich könnte wesentlich mehr essen. Dem Gefühl nach wahrscheinlich doppelt so viel wie in meinem sonstigen Alltag. Hier im Tal genieße ich das endlose Frühstücksbuffet, die fantastischen Pizzas und Salate, sowie jetzt eben zweimal in Folge die leckeren Burger der Vinterra Stroossnkuch. Trinken tue ich Wasser, in rauhen Mengen. Dank meinem fantastischen Wasserfilter geht es recht einfach und fast überall meine Reserve aufzufüllen und ich spare mir viel Gewicht, wenn ich das Wasser nicht rumtragen muss. Ich habe immer ca. 0,5 Liter dabei, oder wenn ich weiß dass auf der Strecke kein Wasser fließt dann natürlich auch mal mehr. Für Geschmack packe ich manchmal eine halbe Braustetablette von Frubiase in die Flasche. Das gibt, wenn nötig, auch noch einen extra Kick Energie. Ebenso wie die famosen Clif Bloks, die lecker schmecken und sofort wirken. Auch wenn ich sonst keine Frühstückerin bin, fühle mich mich meistens doch besser, wenn ich nach einer Stunde weg mal was esse. Und auf einen Kaffee zu verzichten, das fällt mir immernoch schwer. Aber es sind hier ja schließlich die Alpen und eine Hütte auf der es einen Kaffe gibt ist selten weit.

Ausrüstung. Meine Ausrüstung, sowohl die Hardwear wie auch die Klamotten sind perfekt. Ich könnte mir nichts Besseres wünschen. Es gibt tatsächlich kein Teil, das mich im Rucksack nervt, nichts Überflüssiges, aber es fehlt auch nichts. Es war eine gute Idee die kleine Blackroll mitzunehmen und ein Terraband, beide sind oft im Einsatz. Der Helm ist leicht wie eine Feder, die ebenfalls ultraleichte, aufblasbare Exped Matte hält dank ihrer Daunenfüllung wunderbar warm und von dem Schlafsack schwärme ich ja eh immer wieder. Drunter liegt, ein Geschenk meiner Freundin April, eine superdünne Tyvec Folie, auch ein Lieblingsstück in meinem Rucksack. Und dank der wasserdichten Packsäcke bleibt alles schön ordentlich. Irgendwann schreibe ich nochmal eine gesamte Liste zu allem was ich dabei habe und beschreibe Sinn und Zweck, Funktion und Qualität etwas genauer.

Zur Feier des Tages hier ein paar meiner Lieblingsbilder bisher, diesmal in chronologischer Reihenfolge:

Etappe 1 – Julische Alpen


Etappe 2 – Karnische Alpen


Etappe 3 – Sextener Dolomiten


Etappe 4 – Puez, Schlern, Rosengarten (Dolomiten)


Etappe 5 – Ortler Gruppe

Äußere und innere Entfaltung am Ortler

Medizinisch wurde mir attestiert, dass ich ein 160%iges Lungenvolumen habe. Ich konnte damit – außer dem diffusen Gefühl ohne etwas dafür getan zu haben bei etwas “besser als Andere” zu sein – nie etwas anfangen. In den letzten Tagen der Etappe durch die Ortlerregion hatte ich das Gefühl, diese 60% extra endlich zu spüren und sie zum Einsatz zu bringen.

Vermutlich ist das zu 90% psychosomatisch. Dennoch entsteht eine starkes Empfindung: Ich verwende jetzt Kapazitäten, die mir vorher nicht bewusst zur Verfügung standen. Ich nehme in einer Tiefe wahr, die mir noch vor Kurzem verwehrt war. Ich erlebe eine Höhe, in der ich mich sonst nur in meinen Träumen aufgehalten hatte. Und ich spüre eine Ruhe, die wie ein Gletschersee von ferne türkis, schwer und undurchsichtig wirkt und sich von Nahem als klar und frisch erweist. Nichts Muffiges umgibt mich, statt dessen entfalten sich Gletscherspalten und Felsformationen.

In seiner ganzem weisen Imposanz entblößt das Eis seine schwarzen Abgründe, schreckt stellenweise mit seiner schmutzigen Oberfläche und zeigt seine Verletzlichkeit in der zarten blau-türkisen Farbe der Ränder seiner Spalten, die sich wie tiefe Sorgenfalten in das makellose Gesicht der Bergfläche graben. Im selben Moment fließt der Stoff seiner Existenz als Wasser durch die Spalten. Es gräbt windende und wirbelnde Bäche in die Oberfläche. Es gurgelt und plätschert und kündet in fröhlich leichtem Tonfall das im schmelzen begründete drohende Ende.

Die Felsen, die von fern eine rohe, rauhe und unüberwindbare, manchmal geradezu brutale Oberfläche zeigen, entfalten vor Ort Griffe und Tritte, die es mir erlauben sie temporär zu bewohnen, ihnen einen respektvollen Besuch abzustatten. In ihrer mahnenden Stille zeigen sie mir mein Format – weisen mir einen Platz zu, den ich mir selbst besser nicht wählen könnte. Ja, den ich ohne sie vielleicht nicht einmal finden würde.

Fels und Eis erlauben mir innerlich loszulassen. Und alles was ich loslasse entfaltet sich nach außen. Wie ein langer und nicht endender Seufzer, der immer neue Erleichterung schafft. Aber wie bei dem Seufzer folgt auch hier der Bedarf wieder einzuatmen, mich zusammenzuziehen, einen Kern zu fühlen. Ich will nicht zerfließen. Ich will in meiner Vielseitigkeit, mit meinen Zacken und Kanten, mit meinen blauen Rändern, meinem gurgelndes Wasser und mit den dunklen Abgründen ein Sein entfalten.

31. Tag – 80 Minuten Massage und die 8848 m des Everest

Ort: Mals & Sulden

Nachdem die Wettervorhersage für den heutigen Abend und die Nacht völlig fatal ist, und weil ich gut in der Zeit bin und es eh so schön finde in Mals, war es eine leichte Entscheidung meine Entspannungspause um einen Tag zu verlängern. Außerdem habe ich einen der heiß begehrten Massagetermine bei Elke bekommen.

Ja, und das war definitiv eines der Highlights dieses Tages. Ich kann ohne Übertreibung sagen: Das war die beste Massage meines Lebens. Ich fühle mich entspannt und frisch und deutlich mehr “im Fluss”. Elke hat wirklich großartige Arbeit geleistet und es war eine sehr gute Entscheidung, die lange Session mit 80 Minuten zu nehmen. Auch wenn ich dankbar und froh darüber bin, wie gut und weitestgehend beschwerdefrei mein Körper mit der Dauerbelastung umgeht, haben sich Beine, Rücken und Nacken über die viele Aufmerksamkeit sehr gefreut.

Elke arbeitet unter Anderem mit der Emmet Technik, von der ich vorher noch nie gehört hatte, die aber wirklich sehr effektiv ist. Es ist eine Faszienbehandlung, bei der direkte Impulse im Nervensystem gesetzt werden, die dann and Gehirn weitergeleitet werden, das dann wiederum korrigierende Informationen in die gesamte Körperregionen aussendet. Den Effekt habe ich wirklich sofort gespürt.  Es ist aber auch schön zu merken, wir gut mein Körper mit der starken Beanspruchung umgeht. Ich habe wenig deutliche Verspannungen und die Muskulatur ist gut beisammen. 

Dann hat mir Giuliano von “Feel the Mountains” geschrieben, und mich zu Toni’s Vortrag über seinen Weg zum Gipfel des Everest eingeladen. Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut und habe große Lust auf die Leute und den Vortrag. Gerade waren wir noch eine fantastische Pizza esssen und jetzt sitze ich hinter Giuliano und tippe diesen Blogbeitrag, während er Karten verkauft. Gleich geht es los.

Nachtrag: Ich habe großen Repekt vor Toni Stockers Leistung als Bergführer und Bergsteiger den Everest in seinen 8848m bestiegen zu haben. Er hat bei der Expedition drei Zehen an den Frost verloren und ich bin sicher dass besonders alle mentalen Herausforderungen an einer solchen Unternehmung wirklich immens sind. Aber auch der Vortrag hat bei mir nicht die Haltung geändert, dass diese Art von Bergsteigen mich überhaupt nicht reizt. Toni selbst hat mehrmals thematisiert wie planlos sogar dort oben Bergsteiger unterwegs waren und wie sie mit ihrer mangelnden Vorbereitung, Technik und Kenntnis auch andere Bergsteiger in Gefährt gebracht haben. Noch am Gipfel standen die Leute dort Schlange als wäre man an der Zugspitze unterwegs. Das in Verbindung mit dem extremen technischen, logistischen, finanziellen und körperlichen Aufwand macht eine solche Unternehmung für mich wenig nachvollziehbar. Dennoch waren die Bilder dieses Monsters von Berg natürlich ungemein faszinierend und die Macht der Natur dort oben lässt mich, auch wenn ich nur den Vortrag besucht habe, wieder vor Demut ganz still werden.