Auf zu neuen Abenteuern: Colorado River Expedition

Es ist schon eine Weile her seit meinem letzten Blogpost. Und ja, eigentlich schreibe ich hauptsächlich, während meiner Projekte, weil ich dann ganz unmittelbar erzählen kann.

Aber in der letzten Zeit erlebe ich dennoch auch in meinem Leben „im Tal“ viel Spannendes. Das habe ich nicht nur der Planung des nächsten Projektes zu verdanken, sondern auch meinem Vorsatz, dabei möglichst nachhaltig, umweltbewusst und auch klimaschonend unterwegs zu sein. In den kommenden Tagen schreibe ich also eine kurze Artikelserie zu ein paar interessanten Aspekten und teile meine Erfahrungen bezüglich nachhaltiger Outdoorausrüstung und -kleidung, der eigenen Herstellung von Trekkingfood in kompostierbarer Verpackung und den Konflikt der Klimaschädlichkeit mit Mobilität. Aber was hab ich da überhaupt vor?

Der Colorado River vom Ursprung bis zum Meer

Von Februar bis Mai 2019 folge ich dem 2.330km langen Colorado River von seinem Ursprung in den Rocky Mountains, durch die Feuchtgebiete, Canyonlands und Wüsten von Utah und Arizona bis ans Meer in Mexico. In den schneereichen Bergen Colorados beginne ich meine selbst gelegte Route zunächst mit dem Splitboard (Tourensnowboard). Später wechsle ich zu Packraft (aufblasbares Kajak) und Wanderschuhen. Auf meiner Strecke liegen einige der größten landschaftlichen Wunder des US-amerikanischen Westens, aber auch die Stätten der katastrophalsten aktuellen Vergehen an der Umwelt und indigenen Kultur in der Region.

Colorado River

Auch der Colorado River selbst birgt unzählige Geschichten. Für eine indigene Schamanin ist er ein heiliger Ort, für einen Cowboy ein lebenswichtiger Quell, für einen Staudamm-Bauer der Beweis des menschlichen Triumphs über die Natur und für Städter ein wertvoller Ort der Erholung. Als US-amerikanische Staatsbürgerin kann ich mich durchaus mit einigen Gesellschaftskonzepten des Landes identifizieren. Faszinierend finde ich beispielsweise die Utopie des „public land“, dem Land das „niemandem gehört“. Auf meiner Reise will ich herausfinden und dokumentieren, was für die Anwohner dieser Idee übriggeblieben ist und wie sie heute interpretiert wird.

Soweit für jetzt. Kurz bevor es losgeht werde ich das Projekt und meine Kooperationspartner dabei hier auch nochmal ausführlicher vorstellen

34. Tag: Müde

Refuge l’Abérouat – Ardinet – Pas d’Azuns – la-Perre-St-Martin – Tardets

Es tut gut, lange zu schlafen. Nach langer Zeit einmal wieder mit Dach über dem Kopf, und sogar – was ich sonst nicht leiden kann – mit geschlossenen Fensterläden. Aber eben lang und tief.

Als Lise und ich zum frühstücken gehen ist es schon 8 Uhr. Unsere Lust hält sich in Grenzen und wie entschließen um den Pic d‘Anie herumzugehen und auf der anderen Seite nach Pierre-St.-Martin abzusteigen.

Vor uns liegt jetzt das Baskenland, mit seinen vielen kleinen Almen, auf denen man köstliche frische Käsesorten probieren kann. Ich wollte auch gern die kleinen Dörfer besuchen, die für ihre Gastfreundlichkeit bekannt sind. Aber je länger wir gehen, umso wärmer wird es, und zu Mittag ist es richtig heiß. Bei einer Pause studieren wir jeweils die nächsten Etappen. Ich merke, dass mit Aussicht auf die sinkenden Höhenmetern bei den kommenden Tagesetappen auch meine Motivation und Lust weiter sinken. Außerdem werden die Mücken hier unten zu einer echte Plage. Als dann noch schlechtes Wetter vorausgesagt wird, gebe ich meinem Schweinehund nach.

Ich schaue Lise an, sie schaut mich an, und wir sind uns einig: Wir fahren ans Meer.

Aber zunächst müssen wir noch dich das Skigebiet. Es ist eine Qual durch die vergewaltigte Landschaft zu gehen. Es tut wirklich fast weh zu sehen, was hier mir Bergen gemacht wird, um im Winter auf ein bisschen Kunstschnee herumrutschen zu können. Unsere Laune ist im Keller als wir bei großer Hitze in dem unglaublich tristen, dreckigen und schon nach bankrott riechenden Skiort Pierre-St.-Martin ankommen. Trampen ist von hier aus auch nicht leicht, aber schließlich nehmen uns zwei nette Schäfer mit.

In Tardets gehen wir auf einen Campinglpatz. Morgen früh um 6 Uhr wollen wir den Bus nehmen.

Umweltschutz ist Respekt

Die Umwelt zu schonen und zu schützen ist einer der wichtigsten Aspekte für mich, wenn ich in der Natur unterwegs bin. Dazu gehört nicht nur, dass man seinen Müll nicht liegenlässt, sondern auch ein respektvoller Umgang mit der Umwelt im Allgemeinen. Ich empfinde mich als Gast am Berg. Es ist ein Privileg, dort sein zu dürfen.

Auf meinen Touren versuche ich einen so minimalen ökologischen Fußabdruck wie möglich zu hinterlassen. Ich kaufe im Tal verpackungsfrei ein, und unterwegs habe ich einen Beutel am Hüftgurt in den ich unterwegs gefundenen Müll einsammle. Es ist schön saubere Wege zu hinterlassen. Beim biwakieren meine ich den minimalen Fußabdruck wörtlich: wenn ich morgens mit gepacktem Rucksack vor meinem Schlafplatz stehe, verraten höchstens ein paar umgeknickte Gräser noch, dass ich hier lag. Und die wärmende Sonne wird sie wohl wieder aufrichten. Mir bereitet diese Art unterwegs zu sein Freude und ich kann mich der Natur mehr verbunden fühlen. 

Erst mit der Zeit habe ich gelernt, dass ich auch einen unsichtbaren Fußabdruck hinterlasse. Vermutlich gibt es das ein oder andere Tier, das von meiner nächtlichen Anwesenheit irritiert wird und das Weite sucht. Ich achte deshalb bei der Wahl meines Schlafplatzes sehr darauf, die Tierschutzzonen zu meiden.

Mit der Zeit haben mich jubelnde oder rufende Menschen am Berg zunehmend gestört. Das liegt daran, dass mir scheint als würden sie sich damit selbst auf unpassende Weise in den Mittelpunkt stellen. So sehr ich die Freude, die sich in einem Jubelschrei ausdrückt oder die Faszination an einem Echo nachvollziehen kann, das Verhalten an sich passt nicht zu einem respektvollen Verhalten am Berg, zumal das laute Rufen auch den Notfällen vorbehalten bleiben sollte.

Eine sich hartnäckig haltende Fehlinformationen führt zu Verschmutzung aus Unwissenheit: Bananenschalen und die Schale von Zitrusfrüchten verrotten am Berg sehr viel langsamer als anderer Kompost. Deshalb sollte man sie auch wieder mit ins Tal nehmen. Und Klopapier oder Taschentücher verrotten auch nicht so einfach. Das Verbrennen von Klopapier – wenn es denn notwendigerweise draußen eingesetzt werden musste – bietet lustige Momente: scheinbar andächtig kannst du neben deinem „Werk“ sitzenbleiben, wenn du inmitten eines fantastischen Bergpanoramas darauf wartest, bis das Klopapier endlich zu kalter Asche zerfallen ist…

Verrottungszeiten: Müll am Berg

  • Kaugummi: 5 Jahre
  • Zigarettenstummel: 2 – 7 Jahre
  • Taschentuch: 1 – 5 Jahre
  • Bananenschale: 1 – 3 Jahre
  • Nylonfasern: 60 Jahre
  • Plastiksack: 120 Jahre
  • Blechdose: 500 Jahre
  • Plastikflasche: 500 – 1.000 Jahre

An apple a day keeps the doctor away…

Ich bin nach wie vor sehr dankbar, dass ich auf meiner 60-tägigen Tour von Ost nach West über die Alpen immer gesund geblieben bin. Ich habe das einer grundsätzlich guten körperlichen Disposition zu verdanken, aber natürlich auch der Erfahrung vor und während der Tour und der entsprechenden Vorbereitung. Nach dem Steigern der körperlichen Fitness vor der Tour habe ich unterwegs sehr darauf geachtet, meinen Körper nicht ständig über das Limit zu strapazieren und ihm vor Allem durch die Ernährung und regelmäßiges Dehnen, sowie Körperpflege die gebührende Aufmerktsamkeit zu schenken.

Für mich ist Yoga ein fester Bestandteil des Tagesablaufs. Jeden Morgen, egal wie das Wetter war, habe mal kürzer, mal länger geübt. Besonders gut eignet sich bei längeren Sessions das ruhige Yin-Yoga, bei dem man besonders tief dehnt. Man bleibt dabei mehrere Minuten in einer Pose, atmet ruhig und tief und lässt die Schwerkraft die Dehnung übernehmen. Für mich war das unterwegs meistens effektiver als kurze dynamische Sessions. Beim Yoga geht es für mich darum, mit Ruhe und Konzentration dem Körper zuzuhören und ihm die Dehnung zu geben, die ihm gut tut. Zudem trainiert man in vielen Asanas die Balance, was auch für Kletterpartien und gerade mit größerem Rucksack sehr wertvoll ist. Durch die tiefe und ruhige Atmung im Yoga erreicht man eine innere Erweiterung, also quasi soetwas wie eine mentale Dehnung, bei der ich oft sehr viel innere Energie getankt habe und manchmal auf eine Ruhe eingekehrt ist, die für einen Tag der viel Konzentration erfordert extrem wertvoll ist. Es ist ja klar, dass es unterwegs mal zwickt und zieht. Mit Yoga kann man da frühzeitig gut reagieren und auch Vielem vorbeugen. Für alle Yoga-Hasser: nennt es einfach Dehnen und macht das mit regelmäßigem Atem, Ruhe und der selben Regelmäßigkeit ;-).

Außerdem hatte ich einen Duoball aus der Blackroll-Reihe dabei, der ist superleicht und extrem effektiv. Ein langsames Rollen verschiedener Körperteile sorgt dafür, dass die durch Anstrengung entstehenden Verklebungen der Faszien aufgelöst werden können. Faszien sind das Bindegewebe, das sich wie Haut über unsere Muskeln spannt.

Dolomiten

Wenn es an den Füßen irgendwo scheuert, lohnt es sich schon beim ersten Anzeichen anzuhalten und die Stelle zu tapen. Ich hatte so auf der ganzen Tour keine einzige Blase. Dazu schneidet man das Tape erst zu und legt es dann vorsichtig an. Erst langsam streicht man es direkt auf der Haus fest, so dass keine Falten entstehen. Eine Blase kann sich dann gar nicht erst bilden. Es ist natürlich manchmal nicht so lecker das Tape dann lange auf der Haut zu lassen, aber man sollte es auf keinen Fall schon nach einem oder zwei Tagen abziehen, besonders wenn die Haus darunter schon angegriffen war. Denn sonst hat man dann richtig offene Wunden, und die heilen bei stundenlangem tragen von Bergschuhen wirklich extrem langsam. Aber ich habe meine Füße auch jeden Abend mit Hirschtalgsalbe eingecremt, gedehnt und mit der Blackroll die kleine Fußmuskulatur gelockert.

Pausen sind wichtig. Gerade weil ich allein unterwegs war, habe ich das anfangs unterschätzt. Für mich hat sich herausgestellt, dass es besser ist eine lange Pause am Tag zu machen, als viele Kurze, weil ich dann nicht so oft aus dem Gehrhythmus gerissen wurde. Aber das muss jeder für sich herausfinden. Ganze Pausentage sind auch manchmal gut, allerdings machen dann zwei Tage hintereinander mehr Sinn als nur einer. Denn einen brauchte ich um runterzukommen, und den zweiten dann um zu entspannen. An den Pausetagen war mir aber wichtig, dass ich mich auch bewege, nur eben sanfter. Also Yin-Yoga, Spazierengehen, Blackroll usw.

Bei der Ernährung hat es bei mir auch eine Weile gedauert, bis ich raus hatte, was ich brauche. Ich habe einmal am Tag warm gegessen (in Slowenien, Italien, Österreich und Frankreich auf Hütten, in der Schweiz habe ich mir mit dem Kocher selber was gemacht), und dabei wirklich viel und reichhaltig. Also ggf. einfach nochmal ordentlich Olivenöl drüber, das enthält viele Vitamine und ungesättigte Fettsäuren, und bringt auch nochmal mehr Kalorien. Kartoffeln sind nährstoffreicher als Pasta. Eier sind immer gut. Morgens und Abends habe ich eher gesnackt, also Clif Bars und Äpfel oder Karotten gegessen, oder mal irgendwas, was ich mir im Tal noch besorgt hatte. Obst ist auch eine Frage der Vorliebe. Bananen haben die meisten Kalorien und auch viel Magnesium, was natürlich gut ist. Zudem hatte ich Frubiase Brausetabletten dabei, die geben einen kurzzeitigen Energiekick, wenn man es mal braucht. Und irgendwann habe ich dann einfach von allem so viel wie möglich gegessen, weil mein Körper das so wollte. Da konnte ich dann auch locker zwei Tafeln Schokolade einatmen ;-).