35. Tag: Meeeeeeeer

Tardets – Hendaye – Bayonne

Als ich aufwache klebt alles. Unzählige Nacktschnecken haben ihre widerlichen Spuren hinterlassen und sind sogar ins innere unserer Rucksäcke vorgedrungen. Es ist schlimm, morgens um halb 6 Nacktschnecken zu entfernen und ich zweckentfremde meinen Eispickel und mache daraus einen Golfschläger für Schecken. Als wir endlich im Bus sitzen, schlafen wir sofort wieder ein.

In Béhobie steigen wir aus. Die letzte Stunde des Weges wollen wir beide dann doch noch zu Fuß gehen, jede für sich.

Es ist zunächst kein besonders schöner Weg, denn von der Bushaltestelle Béhobie aus geht es erstmal durch Industriegebiet und an Shoppingmalls vorbei. Durch die Busfahrt bin ich schon etwas mehr in der Zivilisation angekommen, aber trotzdem ist das hier nochmal irgendwie hart.

Als ich am Strand von Hendaye ankomme und auf den weiten wilden Atlantik hinausschaue, erinnere mich an den Blick auf das milde Mittelmeer vor fünf Wochen. Ich bin also tatsächlich hier angekommen und eigentlich will ich gerne jubeln. Aber es fühlt sich zwischen der urlaubenden Strandbevölkerung etwas surreal an und ich werde schräg gemustert, als ich meinen Rucksack in den Sand fallenlasse und meine stinkenden Schuhe ausziehe. Da höre ich einen Freudenschrei und drehe mich um. Es ist Lise, die auf mich zu läuft. Zu zweit ist jubeln kein Problem. Wir umarmen uns fest, tanzen kurz bekloppt als Strand herum und schälen uns dann aus den verschwitzen Klamotten. Wir springen kopfüber in die Wellen, planschen wie ausgelassene Kinder und bodysurfen im Weißwasser bis wir ganz außer Atem sind.

Dann fahren wir nach Bayonne und nehmen uns ein Hotelzimmer. Schon seit gestern steht unser Plan für den letzten Abend: Wir wollen uns Kleider kaufen und schick essen gehen.

Gesagt, getan. Es dauert nicht lang und wir sind beide in Kleidchen und Sandalen unterwegs. Mann tut das gut, nach fünf Wochen. Fast kaufen wir uns noch Lippenstift, aber dann machen zum Glück die Läden zu und damit unserem Kaufrausch ein Ende.

Das Essen bei dem Italiener, der uns empfohlen wurde, ist sensationell gut. Wir feiern bei Caipirinhas und Antipasti, bei frischer Pasta und Rotwein, und vergehen schließlich fast in Mousse au Chocolat. Es ist schön zu zweit, da sind wir uns einig. Und es ist schön, Frau zu sein. Darauf stoßen wir an. Und auf die Pyrenäen, die wir beide nun von Ost nach West komplett überquert haben.

Es ist alles ganz anders gelaufen, als ich das erwartet hatte. Aus den 40 Tagen sind erstaunlicherweise 34 geworden. Ich weiß selbst nicht genau, woran das liegt. Ob ich mich von Anfang an verzählt habe? Irgendwie passt es aber dazu, dass ich in diesem ganzen Projekt ein bisschen neben mir stand. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Aber ich merke jetzt deutlich, dass es gut so ist wie es ist. Ich habe viel gelernt, ich habe oft gehadert und ich habe mich manchmal zu sehr unter Druck gesetzt. Aber ich hatte die Ehre, ein Gebirge kennenzulernen, das möglicherweise von vielen unterschätzt wird. Die Pyrenäen sind sehr eigen. Sie sind ganz und gar anders als die Alpen. Sie sind wild und vielerorts ungezähmt. Und genau deswegen werde ich sicher wiederkommen.

34. Tag: Müde

Refuge l’Abérouat – Ardinet – Pas d’Azuns – la-Perre-St-Martin – Tardets

Es tut gut, lange zu schlafen. Nach langer Zeit einmal wieder mit Dach über dem Kopf, und sogar – was ich sonst nicht leiden kann – mit geschlossenen Fensterläden. Aber eben lang und tief.

Als Lise und ich zum frühstücken gehen ist es schon 8 Uhr. Unsere Lust hält sich in Grenzen und wie entschließen um den Pic d‘Anie herumzugehen und auf der anderen Seite nach Pierre-St.-Martin abzusteigen.

Vor uns liegt jetzt das Baskenland, mit seinen vielen kleinen Almen, auf denen man köstliche frische Käsesorten probieren kann. Ich wollte auch gern die kleinen Dörfer besuchen, die für ihre Gastfreundlichkeit bekannt sind. Aber je länger wir gehen, umso wärmer wird es, und zu Mittag ist es richtig heiß. Bei einer Pause studieren wir jeweils die nächsten Etappen. Ich merke, dass mit Aussicht auf die sinkenden Höhenmetern bei den kommenden Tagesetappen auch meine Motivation und Lust weiter sinken. Außerdem werden die Mücken hier unten zu einer echte Plage. Als dann noch schlechtes Wetter vorausgesagt wird, gebe ich meinem Schweinehund nach.

Ich schaue Lise an, sie schaut mich an, und wir sind uns einig: Wir fahren ans Meer.

Aber zunächst müssen wir noch dich das Skigebiet. Es ist eine Qual durch die vergewaltigte Landschaft zu gehen. Es tut wirklich fast weh zu sehen, was hier mir Bergen gemacht wird, um im Winter auf ein bisschen Kunstschnee herumrutschen zu können. Unsere Laune ist im Keller als wir bei großer Hitze in dem unglaublich tristen, dreckigen und schon nach bankrott riechenden Skiort Pierre-St.-Martin ankommen. Trampen ist von hier aus auch nicht leicht, aber schließlich nehmen uns zwei nette Schäfer mit.

In Tardets gehen wir auf einen Campinglpatz. Morgen früh um 6 Uhr wollen wir den Bus nehmen.