Im Jahr 2026 begleite ich, gemeinsam mit dem Fotografen Peter Neusser, die Lebenslinie des Inn. Mal mit dem Rad, mal mit dem Packraft erkunden wir den über 500 Kilometer langen Alpenfluss von seinem Ursprung in den Bergeller Bergen bis zu seiner Mündung in die Donau. Durch alle Lebensphasen, durch drei Länder und in den verschiedenen Jahreszeiten.

Es gilt, seine Geschichten zu dokumentieren, die Hindernisse im Fluss zu erforschen, und die Energie zu erleben, die das Wasser über so weite Strecken fließen lässt.

Ich will verstehen, wie einst die Strömung und später die menschlichen Eingriffe die Landschaft rund um den Fluss geprägt haben. Und ich frage mich, vor welchen Herausforderungen die Wasserwege in Zeiten des Klimawandels stehen und wie es um die Versorgung mit Wasser für zukünftige Generationen steht.

Nicht zuletzt aber suche ich selbst, inspiriert vom Wasser, nach einem Weg in meinem neuen Leben mit zwei kleinen Kindern zurück in den Fluss zu finden.

Die Stille von fließendem Wasser im Winter hat etwas Unheimliches. Das Eis scheint die Energie des Flusses zu drosseln, seine Herzfrequenz zu verringern, als hielte er Winterschlaf. Im Schnee kniend, lege ich die Hände auf die glatte Oberfläche und lausche. Ein Schauer läuft mir über den Rücken, als ich spüre, wie darunter das Leben sprudelt und die Spielfreude gluckst. Mir wird klar, wie ähnlich ich mich in den letzten Jahren dem Fluss in diesem Zustand fühlte. Gebunden unter seinem kalten Schild, liegt die unbändige Kraft, mit der er über die Zeit Täler formen kann. Noch ist das Eis dick, aber der Frühling naht.

Über 50 % unseres Wassers beziehen wir aus dem „Wasserschloss“ Alpen, dem größten Süßwasserreservoir des Kontinents. Die Flüsse Inn, Iller, Lech, Isar und Rhein entspringen in den Alpen, und versorgen dann den Norden. Ich lebe direkt am Inn. Wasser fasziniert mich wie kein anderes Element. In der Betrachtung von Wasser komme ich innerlich an.

Wir brauchen – zumindest in meiner Heimat, dem Inntal – das Wasser aus den Alpen zum Leben. Wenn ich mir das bewusst mache, entsteht in mir eine diffuse Mischung aus Ehrfurcht, Sorge und Neugier. Ich merke, wie wenig ich über die Lebensader weiß, die mich mit am Leben erhält.

Zu Fuß spüre ich den Quellen nach und erkunde bergsteigend die speisenden Gletscher bis hinauf zum Piz Bernina (4048m), den höchsten Gipfel im Einzugsgebiet des Inn. Mit dem Packraft komme ich der Perspektive des Inns so nah wie möglich. Mit dem Rad begleite ich die ruhigeren Passagen. Teils in Gesellschaft meiner beiden kleinen Kinder, die für mich eine unmittelbare und emotionale Verknüpfung zur Zukunft des Wassers herstellen. Unterwegs treffe ich Menschen, die mir ihre persönliche und wissenschaftliche Erfahrung zu den Alpen als Wasserturm vermitteln.

Den Fluss in Bilder zu bannen, die bewegen, das übernimmt Fotograf Peter Neusser. Ganz nah erlebt man durch seine Augen die Dynamik des Wassers, ganz tief gehen die Bilder zerstörter Landschaften, ganz weit machen die Perspektiven in die Täler, die der Inn schon vor Urzeiten gestaltet hat.

Unser gemeinsames Ziel ist es, ein gleichermaßen persönliches wie fundiertes Portrait von einem der Wasserwege zu zeichnen, die uns am Leben erhalten.

Die Flussbiografie erscheint im Frühjahr 2027  bei Malik im PIPER Verlag. Eine DACH-weite Vortragsreise folgt im Frühjahr und Herbst 2027.

Geboren aus tausend flüsternden Bächen am Lägh dal Lunghin, durch die fröhlich sprudelnde Kindheit im Engadin, hinein in eine Jugend voll Realitätsschocks in Tirol. Unfrei, aber stetig und pflichtbewusst fließend durch seine Lebensmitte im oberen Inntal und dann hinein in den Wechsel zwischen einer zaghaft frischen Freiheit voll Vogelgezwitscher und der schweren Arbeit in den Kraftwerken. Bis der Inn schließlich in die Donau eingeht, mit ihr zum Meer strebt, und damit zurückkehrt in den großen Kreislauf des weltweiten Wassers.