28. – 32. Tag: Im Hier und Jetzt

Ein paar Tage bin ich von der Bildfläche dieses Blogs verschwunden. Und lange habe ich überlegt, wie ich in meinem Blog damit umgehe. Ich will ehrlich bleiben, das ist einer der Aspekte, die mir in meinem Schreiben am wichtigsten sind. Aber es gibt auch private Erlebnisse, die einen Platz brauchen, der abseits dieser Bildflächen stattfindet.

Deswegen erzähle ich hier nun eine Geschichte. Meine letzten Tage hätten genau so verlaufen können, wie hier beschrieben. Aber vielleicht waren sie eben auch ganz anders…

Ich habe Kopfschmerzen. Heute ist wieder einer dieser schweren Tage. Während ich einen leicht ansteigenden Pfad hinaufstapfe sinniere ich darüber nach, warum das eigentlich so ist. Zumindest liegt es nicht an meiner sportlichen Verfassung, denn ich merke deutlich, dass mein Körper die nötige Kraft hat. Es ist eher die Motivation, an der es mir hier ab und zu mangelt. Und ganz anders als bei meiner Alpenüberquerung fühle ich mich auf dieser Tour öfters einsam. Ich habe Lust darauf, meine Momente hier zu teilen, Gespräche zu führen, zu lachen und Blödsinn zu machen. So wie mit Lise auf der „Terasse“ unterhalb des Pic d’Aneto, oder Guillaume, als wir Nachts, nur mit Stirnlampen bewaffnet, ein Klo in der Hütte repariert haben… Es geht eben nicht einfach ums reden über das jeweilige Woher und Wohin. Ich vermute sogar, dass ich auf die meisten Leute inzwischen eher verschlossen oder sogar abweisend wirke. Ich bin es müde, zu smalltalken und so rede ich lieber gar nicht. Ich will lieber ganz bestimmte Leute um mich haben, und keine anderen. Es ist ein bisschen, wie wenn ich sehr großen Hunger habe – dann werde ich auch wählerisch und es muss irgendwann ganz genau das Essen her, das ich mir ausgemalt habe.

Es ist hier oben inzwischen viel wärmer geworden, zumal ich mit dem Vignemale auch die wirklich hohen Pyrenäen hinter mir gelassen habe. Als ich an einer kleinen unbewirtschafteten Cabane vorbeikomme, entscheide ich spontan hier zu bleiben. Es ist schon später Nachmittag, das Wetter ist gut und der See, der keine zwanzig Meter entfernt ist, schimmert einladend. Als ich stehenbleibe merke ich plötzlich ganz, wie gut sich die ganze unmittelbare Umgebung anfühlt. Ich fühle mich zu Hause hier, ich denke belustigt, dass ich hier „einziehen“ könnte und stelle mir vor, wie ich die Cabane einfach besetze und frei bewirtschafte. Nach einem ausführlichen Bad, einer Yogasession und einem ordentlichen Abendessen schnappe ich mir eine der Matratzen aus der Hütte und lege sie auf ein perfekt rundes Stückchen Wiese. Meine Matte hat schon wieder ein Loch und ich bin es müde, sie zu flicken. Ich liege noch keine fünf Minuten lang ausgesprochen bequem da, als mit einem beeindruckenden Schweif eine Sternschnuppe vom Himmel fällt. Im selben Moment steht mein Wunsch so klar vor mir, wie der fallende Stern. Aber weil das hier ja alles so oder ganz anders hätte sein können, verrate ich natürlich nicht, was der Wunsch gewesen hätte sein können. Denn wer weiß: Falls es so war, wie hier beschrieben, will ich mir ja nicht die Chance nehmen, dass der Wunsch noch in Erfüllung geht…

Als ich zum Sonnenaufgang aufwache, merke ich deutlich, dass ich nicht allein bin. Im Schlafsack setze ich mich auf und schaue mich um. Und wirklich, unten am See sitzt jemand mit dem Rücken zu mir auf einem Stein und schaut konzentriert durch sein Fernglas in den Himmel. Ich folge der Blickrichtung und sehe hoch oben einen großen Vogel kreisen. Ein Adler, oder Geier bestimmt. Ich folge seinem kreisenden Flug mit meinem Blick und stelle mir vor, auch fliegen zu können. Dann schaue ich wieder zu dem Mann auf dem Stein und frage mich, ob er sich das wohl auch vorstellt. Er sitz kerzengerade da, wirkt dabei aber völlig versunken in den Anblick des Vogels. Ich denke, dass er mich bestimmt nicht bemerkt hat und beginne leise meinen Rucksack zu packen, um ihn nicht zu stören. Aber kaum bin ich aufgestanden, sehe ich wie er eine deutliche Geste macht und mich zu sich winkt. Ich erschrecke fast, ob der plötzlichen Entschiedenheit seiner Geste. Dann dreht er sich zu mir um und ich schaue ich in zwei freundliche, klare und hellwache Augen. Als ich später an diesen Blick zurück denke, merke ich wie unwahrscheinlich dieser verschwindend kurzen Augenblick war. Denn trotz der Distanz von ein paar Metern habe ich Pauls Augen total direkt und nah gesehen. Fast als hätten meine Augen eine temporäre Zoomfähigkeit gehabt.

Dann sitze ich auf dem Stein, halte das Fernglas in beiden Händen und folge dem gleitenden Flug des Steinadlers, dessen Form und Farben ich nun deutlich erkennen kann. Er kreist jetzt höher und bewegt kaum seine großen Schwingen. Der Anblick hat etwas unglaublich beruhigendes und ich kann gar nicht aufhören hinzusehen. Dann merke ich deutlich, dass ich beobachtet werde und mir fällt der Typ wieder ein. Plötzlich ist mir die Sitaution unangenehm. Ich gebe das Fernglas zurück und mache nur ein undefiniertes „Pheeew“ Geräusch. „Nice, right?“ sagt er leise, und lächelt. Ich nicke und das unangenehme Gefühl ist verflogen.

Paul reicht mir kommentarlos eine kleine Alutasse mit duftendem Kaffee. Er hat tatsächlich eine kleine Bialetti dabei und ich bin beeindruckt. Außer einem knappen „I’m Paul“ und „Coffee?“ hat er bisher nichts gesagt und ich habe nur erwidert „I’m Ana“ und „Ehh, yes, thank you!“.

Jetzt sitzt er da, guckt auf den See und pustet über seine Tasse. Ich denke, dass das doch fast ein bisschen zu sehr aussieht wie in einem dieser kitschigen gestellten Instagram-Posts und grinse ein bisschen, weil ich das Gefühl habe, dass er genau das weiß und sich entsprechend verhält. Aber ein bisschen gemein finde ich das dann von mir trotzdem. Diese wortkarge Art kommt mir jetzt auch ein bisschen arrogant vor und trotzdem bleibe ich, genauso wortkarg und arrogant ebenfalls sitzen, puste über meinen Kaffee und schaue auf den See.

Gestern habe ich noch meine Socken gewaschen, das war dringend nötig. Dummerweise habe ich aber alle drei paar Socken gewaschen, die ich dabei habe, ohne zu bedenken, dass sie über Nacht nicht trocknen. So hänge ich nun hier fest und warte, dass die Sonne warm genug wird. Paul hat es offenbar auch nicht eilig. Er muss angekommen sein, als ich schon geschlafen habe und hat dann wohl in der Cabane übernachtet. Ich frage ihn, ob er auch Müsli will und er freut sich riesig, was ich irgendwie lustig finde. Wir frühstücken also zusammen und ich erfahre etwas mehr. Paul ist Geologe und Fotograf, und kommt aus Kanada. Als Forscher arbeitet er die meiste Zeit auf Schiffen im Polarmeer, jetzt macht er aber gerade ein Sabbatjahr. „Its just too fucking cold there“ sagt er und schüttelt sich. Hier in den Pyrenäen läuft er seit einer Woche etwas planlos herum, wie er selbst sagt. Er bleibe einfach immer da, wo es gerade schön sei, um zu fotografieren. Dann fragt er mich alles mögliche, ziemlich direkt und ohne Umschweife und ich bin unentschlossen, ob ich das übergriffig oder gut finde. Unentschlossen bin ich auch immernoch dazu, ob ich Paul eigentlich attraktiv finde, oder eher schnöselig. Er ist ein bisschen „zu cool“, wirkt mit seinen dunklen Haaren und dem Bart äußerlich ein bisschen zu sehr als sei er einem Musikvideo entsprungen. Aber dann guckt er mich an und obwohl er ein paar Jahre älter ist als ich, hat er plötzlich etwas jungenhaftes, was mir sehr gefällt. Außerdem reibt er sich ständig die Hände, was irgendwie unsicher wirkt. Komischer Kerl.

Als meine Socken trocken sind, ich meinen Rucksack fertig gepackt habe, und mich verabschieden will, sagt Paul nur „What? You are leaving? Why?“ Ich bin etwas perplex und sage irgendwas von Etappe und Zeitplan. Er lacht. „Okay, sure“ Dann umarmt er mich herzlich und ich fühle mich dabei mit meinem Rucksack auf dem Rücken doppelt ungeschickt. Paul wünscht mir einen guten Weg, und sagt, dass er es wirklich „awesome“ findet, was ich mache. Ich überlege kurz, ob ich ihm meine Visitenkarte geben will, entscheide mich dann aber dagegen und mache mich auf den Weg. Etwas nagt an mir. Ich ärgere mich und das Gefühl wächst, bis ich richtig wütend bin. Es dauert einige Minuten bis ich kapiere, warum. Paul strahlt in allem was er tut eine so große Selbstverständlichkeit aus, dass ich mir daneben mit all meinen „ich muss“ und „ich sollte“ und „ich wäre gern“ blöd vorkomme. Dabei bin ich es selbst, die mir diese „Ziele“ auferlegt hat, obwohl ich gerade eigentlich mindestens zwei Tage schneller bin als mein beknackter Zeitplan. Ohne dass es einen Moment der Entscheidung gibt bin ich plötzlich auf dem Rückweg zum See.

„Fuck the schedule“ sage ich, als ich wieder bei Paul angekommen bin, und lasse meinen Rucksack fallen. Er schaut mich ein bisschen zu ernsthaft an und ich verstehe nicht so ganz warum. Dann lächelt er plötzlich, wir schauen uns ein bisschen zu lange in die Augen und ab jetzt wird hier offiziell geflirtet.

Im weiteren Verlauf des Tages wasche ich auch meine restlichen Klamotten endlich mal wieder ausführlich und vor Allem genieße ich die Sonne, den See und höre dem Knistern zu, dass jedes Mal lauter wird, wenn Paul und ich aneinander vorbeigehen.

Am Nachmittag verschwindet Paul eine Weile zum fotografieren und kommt dann mit einer Hand voll Blaubeeren zurück, die er mir mit einem knappen „for you“ unter die Nase hält. Er guckt mich dabei nicht an, sondern schaut auf die Blaubeeren, was ich ziemlich lustig finde.

Abends werfen wir unsere Lebensmittel zusammen und kreieren so ein Festmahl, das für uns Beide jeweils eine willkommene Abwechslung bedeutet. Ich dekoriere das Essen in unserem Campinggeschirr mit meiner getrockneten Petersilie und wir amüsieren uns köstlich, als Paul auf seinem Smartphone eine App anmacht, auf der man aus verschiedenen brennenden Kerzen auswählen kann. Wir entscheiden uns für eine dicke, dunkelrote, aus der das Wachs herausläuft und Paul lehnt die digitale Romantik gegen seine Wasserflasche auf der Mitte unseres „Tisches“, der aus einem etwas zu schrägen Stein besteht.

Die nächsten Tage verbringen wir zusammen. Paul geht ein Stück meinen Weg mit, wir machen aber kurze Etappen bei denen wir überall anhalten, wo es schön und einsam ist. Wir baden in jedem See, der uns in die Quere kommt, essen viel von den verschiedenen köstlichen Käsesorten, die man hier auf den kleinen Hirtenhütten bekommt und lachen viel. Nachts schlafen wir unter funkelndem Sternenhimmel und denken uns auf dem Rücken liegend die wildesten Sternzeichen aus. Einmal lassen wir uns nachmittags auch ausführlich nass regnen und rennen schließlich die letzten Meter bis zur Biwakhütte im Hagel. Erst bibbernd, dann dank der Wolldecken immer wohliger, sitzen wir in der Blechkiste und hören dem Unwetter draußen zu, und ich denke, dass das wohl der absolut gemütlichste Moment auf dieser Tour sein muss.

Wir machen nicht viel Strecke. Paul hat absolut die Ruhe weg und lässt sich von mir keinesfalls stressen, was mir gut tut. Er fotografiert oft und ausführlich, während ich stundenlang mit dem Fernglas den Horizont erkunde. Ich fange an diese Art unterwegs zu sein zu genießen.

Wir erzählen uns gegenseitig aus unserem Leben, von unseren Familien und aus unserer Kindheit. Wir reden über Freunde, über vergangene Reisen und den Umgang mit Konflikten. Nur über Zukunftsvorstellungen reden wir nicht. Kein einziges Mal stellen wir die Frage, ob wir uns nach diesen Tagen je Wiedersehen werden. Es ist wie ein stilles Abkommen, dass wir darüber nicht sprechen und eine ganze Weile gefällt mir das. Aber je mehr Zeit wir miteinander verbringen, umso näher geht mir unsere Verbindung. Am dritten Abend frage ich Paul schließlich doch, ob er eigentlich verheiratet ist und Kinder hat. Ich versuche, die Frage lustig und leicht klingen zu lassen, was natürlich nicht klappt. Er schüttelt nur den Kopf und damit ist für ihn das Thema erledigt. Es ist sehr offensichtlich, dass er darüber nicht reden will und das spricht natürlich für sich. Ich kenne solche Situation schon, es verwundert mich nicht. Ich weiß auch, dass es hier keinen Sinn macht, nachzuhaken. Eigentlich wusste ich das vorher schon. Aber jetzt kann ich mir nicht mehr einreden, dass es auch anders sein könnte. Ich bin auch hier das, was man, wie mir mit einer gewissen Bitterkeit wieder einfällt, eine „20% Frau“ nennt. Ich mache für Paul wahrscheinlich genau die 20% Spannung aus, die einem Mann wie ihm in seinem restlichen Leben fehlen. Aber eben nicht mehr. Aber er genehmigt sich die 20% trotzdem und ich habe es zugelassen.

Ich bemühe mich den Rest des Abends, nicht zu viel darüber nachzudenken, was mir natürlich nicht gelingt. Mit jeder Stunde gemeinsam ärgere ich mich mehr über diese Aussparung. Immer mehr zerfressen Gedanken von „das ist mal wieder typisch (Mann)“ den Genuss der Gegenwart. Am Morgen, als Paul gerade auf der anderen Seite des Grates, an dem wir geschlafen haben, eine Langzeitaufnahme einrichtet, gehe ich. Es kommt mir am passendsten vor, dem Schweigen seinerseits mit einem ebenso kommentarlosen Abschied zu begegnen.

Wir haben keinen Kontakt ausgetauscht. Ich kenne nicht einmal Pauls Nachnamen und es gibt auch keine gemeinsamen Fotos. Er boykottiert die sozialen Medien und damit ist klar, dass auch hier kein Kontakt bleibt. So bleiben unsere goldenen Tage zwischen Vignemale und Pic d’Osseau eine Erinnerung, die vermutlich mit den Jahren verblassen wird, die aber nur uns gehört und damit einen ganz eigenen Wert hat. Aber bis jetzt weiß in der Theorie, dass das so ist. Ich empfinde es noch nicht.

Abends sitze ich vor der kleinen Cabane de Caillou am unteren Ende des Val d’Arrious und langsam wird es dunkel. Morgen gehe ich auf den Pic d’Osseau, der auf der anderen Talseite beeindruckend rund und hoch in den Himmel ragt. Es wird mein letzter Gipfel sein, so viel habe ich entschieden. Es ist gut, wieder allein zu sein, sage ich mir immer wieder, wie um mich selbst davon zu überzeugen. Aber dann gebe ich auf und gestehe mir ein, dass ich es gerade gar nicht gut finde. Stattdessen ist in meinem Bauch ein großes schwarzes Loch, das zieht und schmerzt, und es ist als wolle es mich von innen aufessen. In einem etwas hilflosen Versuch es zu stopfen, esse ich eine große Portion Kartoffelbrei mit Hackfleisch und glücklicherweise bin ich müde genug um einfach zu schlafen.

  1. Liebe Ana,
    ein sehr schöner Bericht. Man spürt richtig den Neid, nicht auf Paul als Person sondern die Leichtigkeit und scheinbare Ziellosigkeit in der er sich treiben lässt. Das Gegenteil der zielgerichteten Welt von heute. Wenn ich an deine ersten Einträge von den Pyrenäen denke wo du dir schwer getan hast hineinzufinden in den Trail und deine Aufgabe die du dir gestellt hast. Weiters scheinen Männer überhaupt ein Thema zu sein auf dieser Reise. Du bist wohl insgesamt in einer gedanklich sehr intensiven Phase.

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