27. Tag: Vignemale mit allen Sinnen

Grottes de Bellevue – Vignemale – Lac d’Arratille

Es ist seltsam, rückblickend über meinen Tag ohne digitale Geräte zu schreiben. Zumal der Verzicht dieser Geräte den Tag doch auf erstaunliche Weise geprägt hat. Oft hatte ich den Reflex, etwas zu fotografieren oder zu filmen, schon bei Sonnenaufgang und später natürlich beim queren des Gletschers und im wirklich fotogenen letzten Stück des steilen Aufstiegs und der kurzen Gratquerung hinüber zum Gipfel. Auch der Höhenmesser auf meiner smarten Armbanduhr, auf der ich sonst gewohnheitsmäßig immer wieder schaue, wie viele Höhenmeter ich noch vor mir habe, hat mir gefehlt. Aber es ist fantastisch im Nachhinein zu merken, wie stark ich mich nicht nur an die optischen Eindrücke, sondern auch an die Gerüche, Geräusche und Gefühle erinnere. Mehr als sonst? Das kann ich gar nicht mit Sicherheit sagen, aber es kommt mir jetzt eben so vor.

Ich will heute also versuchen meinen Tag am Vignemale aus der Perspektive meiner Sinne zu beschreiben und vielleicht entsteht so ja eine Art „Ersatz“ für die Fotos.

Ich wache davon auf, dass die Haut in meinem Gesicht prickelt. Genauer genommen nur meine Wangen und Nasenspitze, denn alles Andere ist in der Kapuze des Schlafsacks versteckt. Der Wind, der dieses Prickeln auslöst ist nicht zu kalt, aber gerade frisch genug um Lust auf den Tag zu machen. Ich atme tief ein und spüre wie die Luft meine Lungen durchströmt. Dieser erste richtig bewusste Atemzug am Morgen ist immer etwas besonderes.

Im Schlafsack sitzend schaue ich mich um. Mein Platz ist direkt vor einer der Höhlen, den Grottes de Bellevue, die hier ringsum schwarze Löcher in den Berg werfen. Das Licht ist heute morgen so fein wie die Temperatur: frisch, hell, neu, als wäre heute der erste Tag überhaupt. Es riecht erdig, nach Kiesel und die Luft ist ein bisschen feucht. In einer der Grotten wäre es mir zu düster gewesen, als ich in der Dämmerung hier ankam, sahen sie mich wie dunkle traurige Augen an. Aber die zwei kleinen Gruppen, die vor mir hier angekommen sind, haben sich wirklich je in einer der Grotten ihre Schlafplätze gebaut, obwohl das Wetter gestern Abend ausgesprochen gut war. Ich denke, dass für viele Menschen das „Dach“ allein, ob Höhle oder Zelt, genau das ist, was ihnen diese diffuse kleine Angst nimmt, die offensichtlich weit verbreitet ist, wenn es um das Schlafen unter freiem Himmel geht. Ein Dach suggeriert Schutz vor all den „Gefahren“ hier draußen. Mich verwundert das inzwischen richtig, aber es ist vermutlich einfach eine Gewohnheitssache.

Wie schon öfters in den letzten Tagen fällt mir auch heute Morgen ein akustischer Unterschied auf: Die Höhle mit den Katalanen ist wie ein Lautsprecher: Alles wird lautstark besprochen, kommentiert, diskutiert. Es wird gelacht und gerufen, auf mich wirkt es ein bisschen übertrieben. Die Höhle mit den Franzosen hingegen ist ruhig. Geregelt wird gepackt, gegessen, es ist trotzdem eine gute Stimmung, aber alles eben konzentrierter. In den Bergen fühle ich mich der französischen Mentalität auf jeden Fall näher, das habe ich schon lange festgestellt. Für mich bedeutet Ruhe am Berg auch Respekt, den anderen und der Natur gegenüber. Als ich einmal in einem Schneefeld einen Spanier gefragt habe, warum er so laut rufen muss, wenn seine Kollegen gerade mal zehn Meter unterhalb sind, und ob es wirklich nötig ist, jeden Schritt zu kommentieren, hat er mich verwundert angeschaut und gesagt: „Was? Warum? Wir reden doch einfach nur.“ Seine Freundin hat dann lachend ergänzt „Naja, wir sind schon ein bisschen drüber, wir Spanier…“ – Kulturelle Unterschiede eben.

Zum Gipfel des Vignemale ist es von hier aus nicht sehr weit. Die Grottes Bellevue liegen auf 2.450 Metern, der Gipfel des Vignemale hat 3.289 Meter. Da ich auf dem Rückweg wieder hier vorbeikomme, lasse ich den Großteil meines Rucksackinhalts hier. Es ist wunderbar, so leicht unterwegs zu sein. Den Weg bis zum Gletscher hinauf fliege ich fast. Unter meinen Schuhen knirscht der Kiesel, ein Stück weit springe ich von Stein zu Stein. Ich mag es, dass das Balance erfordert und ich mag die Präzision, mit der ich meine Schritte vorausplanen muss. Es gilt genau abzuwägen, ob ich einem Boulder vertraue, oder ob ich denke, dass er kippen könnte, oder nicht stabil genug ist. Denn dann kann man richtig blöd hinfallen. Aber es gelingt mir gut und insgesamt habe ich was das „Boulderhüpfen“ betrifft hier in den Pyrenäen schon einiges an Erfahrung sammeln können.

Bald erreiche ich den Gletscher. Sofort verändert sich die Luft, es ist kühler, riecht „blau“ und unter den Steigeisen knirscht es jetzt. Meine Schritte werden regelmäßig und ruhig, auch hier ist es eine Freude, ohne Last auf dem Rücken zu gehen. Ich bin früh aufgebrochen und allein bin ich zum Glück schneller unterwegs, so dass ich die lauten Spanier eine Weile hinter mit lassen kann.

In einem weiten Bogen geht es nun links um den Teil des Glacier d’Ossoue herum, in dem es einige Spalten gibt. Vielleicht ist auch das nur Einbildung, aber ich finde Gletscher riechen anders als Schnee. Die Tatsache, dass sie schon so lange hier sind, lassen sie auf mich weise wirken, sie klingen anders. Dumpf und tief, wohingegen Schneefelder glaube ich eher hell klingen würden, wenn sie eine Melodie hätten. Spontan entscheide ich hier ein bisschen zu verweilen und einfach nur zu gucken und zu atmen. Ich versuche mich ganz auf die Geräusche zu konzentrieren, höre dem Plätschern zu und akzeptiere auch die Rufe der Spanier als Teil der Kulisse.

Am Fuß der Südwand des Vignemale ziehe ich die Steigeisen aus und beginne eine schöne, unschwierige Kletterei. Immer wieder wechseln sich Schnee und Stein hier ab, und ich bin froh über den Eispickel und vor allem über den Helm. Denn ein paar Leute sind hier oberhalb und drei Mal wird „pieeeeedras“ oder „pieeeeeeere“ gerufen und es poltert eine Weile. Zum Glück geht alles gut, trotzdem ärgere ich mich, weil ich immer denke, dass es doch vermeidbar sein muss. Bis mir plötzlich auch ein Stein unter dem Fuß wegrutscht und fällt. Auch ich rufe „pierre“ hinunter, glücklicherweise fällt der Stein nicht weit aber ab jetzt ärgere ich mich nicht mehr über die anderen.

Das letzte Stück hinüber zum Gipfel ist ein Fest. Hier denke ich zumn ersten Mal: was für eine blöde Idee, nicht zu filmen. Hier ärgert es mich kurz. Aber dann sage ich mir: Nein, das ist jetzt alles für mich, ganz allein für mich, und so koste ich jeden Schritt aus, schaue mir jeden Stein an und hebe den Kopf erst, als ich an der Markiertung des Gipfels, einer kleinen Säule mit Fahnen, ankomme. Ich atme aus, ich atme ein. Ich sehe weit, und drehe mich langsam einmal um meine Achse. Ich will jeden Zentimeter des Horizonts wahrnehmen und als ich einmal die 360 Grad gesehen habe, versuche ich sie mit geschlossenen Augen nochmal zu „sehen“ – was mir natürlich nicht ganz gelingt. Aber ich entschuldige das auch mit den Wolken, die einen Teil des Horizonts verhüllen.

Ein Stück weit klettere ich noch auf dem Arete de Gaube entlang, dann setze ich mich auf einen perfekt wie ein Stuhl geformten Stein und genieße mein Frühstück. Der Tag heute ist noch lang, ich habe mir vorgenommen noch eine Tagesetappe weiter zu gehen und nachdem ich in Gavarnie meinen Rucksack wieder gefüllt habe, kann ich nun ausführlich essen.

Ich bleibe ein bisschen zu lange oben, was ich daran merke, dass mir im Abstieg zu viele Leute entgegen kommen. Aber ich klettere etwas abseits und versuche das steile und steinschlaggefährdete Stück schnell zu verlassen.

Am Rucksack angekommen habe ich schon wieder Hunger. Ob mich das fotografieren sonst vom Hunger ablenkt? Eigentlich wäre das jetzt eine Situaiton, in der ich mein Handy checken, nach Netz suchen oder Nachrichten vorschreiben würde, damit sie später verschickt werden, wenn das Handy in meiner Tasche Netz hat. Heute nicht. Heute schaue ich einem Marienkäfer zu, der sich langsam an meinem Unterarm in Richtung aufrecht gehaltener Hand hinaufarbeitet. Für ihn ist diese Kletterei von mehr als 40 Grad ein Klacks. Und dann hebt er von meiner Fingerspitze aus ab und fliegt nach Westen. Ich nehme das als Aufforderung an, und folge ihm.

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