25. Tag: Going off-track

Lago Helado – Brèche du Roland – Gavarnie

Es ist eine kalte Nacht. Es windet ganz ordentlich hier auf 3000 Metern, auch in meinem kleinen Steinkreis am „Gefrorenen See“. Aber es gefällt mir, am Fuß des Monte Perdido zu schlafen, weit oben und fernab von jeder Hütte. Ich verkrieche mich tief in den Schlafsack, der Biwaksack bietet mir zusätzlichen Schutz vor dem Wind. Als ich Nachts einmal aufwache, hat der Wind nachgelassen und ich sehe eine Weile den Wolken zu, die er nun, weit über mir schnell über den mondhellen Himmel schickt. Rastlos, fliehend, ein bisschen wie meine Gedanken in dieser Nacht.

Als ich aufwache, ist alles um mich herum weiß. Der Nebel ist so dicht, dass ich kaum drei Meter weit sehen kann. Also drehe ich mich nochmal um und schlafe weiter. So geht das eine Weile: jede Stunde wache ich auf, schaue mich um, sehe weiß, lege mich wieder hin und schlafe weiter. Um 9 Uhr höre ich schließlich Stimmen. Sie sind laut, offensichtlich Spanier ;-). Sie kommen von überall, aber ich sehe sie nicht. Wenn sie nicht so fröhlich klingen würden, wäre es geradezu gruselig. Aber dann verziehen sie sich langsam wieder, werden ferner, ebben ab. Offensichtlich wollen sie tatsächlich, völlig ohne Sicht den steilen Aufstieg zum Monte Perdido machen. Ich drehe mich wieder um und bin wirklich froh, dass ich gestern schon oben auf dem Gipfel war.

Um halb zehn schäle ich mich schließlich dann doch aus dem Schlafsack und als hätte er darauf gewartet verschwindet jetzt langsam auch der Nebel. Er zieht weiter in Richtung Frankreich. Ich aber will auf der spanischen Seite des Grates weitergehen, und freue mich bald über die klare Sicht in die beeindruckende Landschaft unterhalb: Es öffnen sich weite Täler, die an die Canyons erinnern, die ich von Bildern aus US-Amerikanischen Nationalparks kenne. Der Berg scheint hier wie aufgeschichtet, ein Stück steiler Felswand wird von einem Streifen Wiese abgelöst, nur um ein paar Meter weiter wieder steil und grau nach oben zu wachsen. An manchen stellen sieht es fast wüstenartig aus, wie steil gehäufter Sand. Alles hat etwas rundes und dadurch wirkt es freundlich, aber gleichzeitig ist mir die Landschaft so fremd, dass ich immer wieder stehenbleiben muss, um sie zu fassen.

Ich habe mich für heute gegen den klassischen Weg durch das Tal und für meine eigene Route entschieden. Zu verlockend sind die Terrassen, um nicht wie auf einem Balkon auf einer von ihnen entlang zu laufen. Mein Weg ist so zwar teils etwas unberechenbar, aber das Wetter ist sehr gut und wenn es nicht weitergeht, kehre ich eben um. Wenn alles so läuft wie ich es geplant habe, sollte ich ich kurz vor der Scharte, der berühmten Brèche du Roland wieder auf den normalen Wanderweg treffen. Durch ein kleines Schneefeld geht es da direkt unterhalb der imposanten Felsen hinein in das große, fast quadratische Tor, durch das ich von der spanischen Seite aus wieder zurück nach Frankreich gelange. Ein wirklich imposanter Grenzübergang ist das.

Einziger Wermutstropfen an diesem Tag ist der viele Müll, den ich einsammle. Die Region hier ist sehr beliebt und auch für weniger berggewohnte Menschen leicht zugänglich. Schon heute morgen habe ich am See einige alte verrostete Dosen gefunden. Offensichtlich von Leuten, die auch dort oben geschlafen haben, was umso weniger nachvollziehbar für mich ist. Aber auch jetzt, als ich auf der anderen Seite der Scharte durch den Schnee nach unten „fahre“, finde ich noch einige Plastikflaschen. Der steile Weg durch das Tal bis nach Gavarnie zieht sich und ist zudem geradezu gepflastert von Taschentüchern und Klopapier. Meine Laune sinkt mit jedem mal bücken und außerdem dauert so alles noch viel länger. Ich bin also wirklich froh, als ich in dem kleinen, etwas touristischen Ort ankomme und mich in der wirklich hübschen, und überaus freundlichen Gîte d’Etape La Gypaéte vor den Menschenmassen, die um die vielen Wohnmobile herumschwirren verstecken kann.

In der Gîte bekomme ich mein hierher verschicktes Paket mit dem von mir gedörrten Essensnachschub und freue mich wie ein Schnitzel. Die letzen Tage musste ich unterwegs schon sparsam essen und heute habe ich bisher wirklich nichts als ein paar gedörrte Süßkartoffeln und Tomaten gekaut. Mein Hunger ist entsprechend und das Vier-Gänge-Menü, das auch einen frischen und fulminanten Salat beinhaltet, macht mich einfach glücklich.

Nach über 2000 Höhenmetern bergauf gestern, und ebenso vielen wieder bergab heute, werde ich sicher gut schlafen. Morgen steige ich auf in Richtung Vignemale. Also, wenn ich genug Kraft aufbringe nach diesen zwei Tagen, und wenn meine Wäsche rechtzeitig trocken ist…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s