23. Tag: Schnarcher am Monte Perdido

Refugio de Pineta – Balcon de Pineta – Lago Helado – Monte Perdido (3.355m) – Lago Helado

Ich weiß nicht, was letzte Nacht passiert ist, aber anscheinend war mein Schlaf wirklich effektiv… Jedenfalls springe ich aus den Federn meines wunderbaren Schlafsacks und um sieben Uhr bin ich schon mitten im Berg. Es geht recht steil bergauf, an springenden und fließenden Wasserfällen vorbei und ein Blick nach oben lässt erahnen, dass mich dort ein besonderes Panorama erwartet. Und wirklich, als ich den „Balcon de Pineta“ erreiche, stockt mir fast der Atem. Wie ein Colosseum liegen die Felsen hier aufgeschichtet und die Terrassen, die sich wie ein Streifenmuster durch den Fels ziehen leuchten in der Mittagssonne.

Keine drei Stunden habe ich hier herauf gebraucht, ich hatte so viel Energie, dass ich unterwegs sogar ein paar langsame Trailläufer überholt habe ;-). Meinem Fuß geht es wesentlich besser, er dankt mir die Autostopphase gestern offensichtlich.

Ich lege mich auf ein kleines Stückchen Wiese und döse ein bisschen in der Sonne. Ich bin zufrieden. Ich kann einfach hier liegen und nichts tun und eben das genießen. Mein Handy hat auch kein Netz, es gibt also keinerlei Ablenkung vom hier und jetzt.

Als ich entscheide weiterzugehen stellt sich mir ein landschaftliches Rätsel. Laut Karte und GPS geht es für mich direkt mitten hindurch und hinauf durch den „Balcon de Pineta“ in Richtung des Lago Helado (=Gefrorener See), an dem ich biwakieren will und von dem aus ich morgen früh auf den Monte Perdido steigen will. Aber der Fels scheint mir unüberwindbar, die Terrassen sind steil und ich sehe keinen Weg. Aber ich kenne das ja schon: Manchmal sieht etwas am Berg von Ferne unmöglich aus und kaum ist man direkt davor, geht alles ganz einfach und ist ganz klar. Ich liebe das in den Bergen!

Auch heute ist es genau so. Ich folge meiner vorgesehenen Route und es ergibt sich, dass der Balkon an einer Stelle reicht leicht zu durchklettern ist. Es sind vielleicht 15 oder 20 Meter, aber der Fels ist griffig, kantig und fest und das Klettern ist eine Freude.

Oben lege ich die Steigeisen an und gehe durch das breite Schneefeld neben dem letzten Überrest des größten Gletschers der Pyrenäen aufwärts. Aus der Scharte oben sehe ich den See und auf dessen anderer Seite die steile Aufstiegspur zum Gipfel. Das wird Spaß machen.

Am See angekommen ist es erst 14 Uhr und so entscheide ich, dass ich nach einem Mittagsschläfchen noch heute auf den Monte Perdido steigen will. Der Himmel ist weit und klar, es ist kein Gewitter vorhergesagt, der Aufstieg ist nicht besonders lang oder schwer, also steht dem nichts im Wege. Ich finde einen gut geschützten Biwakplatz in einem gebauten Steinkreis und lasse meinen Rucksack dort. Gerade kommen noch ein paar Leute vom Gipfel herunter, aber ich nehme an, dass der größte Ansturm morgens ist.

Der Aufstieg ist zwar steil, aber die Spur im Schnee ist von den vielen Menschen so ausgetreten, dass man darauf geht wie auf einer Treppe. Mit Steigeisen und Eispickel bin ich schnell unterwegs und stehe schon bald tatsächlich ganz allein oben auf dem flachen Gipfelplateau. Im Tal lagern weiße Wolken, es ist ganz still und über mir kreist majestätisch ein Adler.

Was für ein Gipfelmoment.

Ich schaue hinunter ins Tal und sehe die Canyons, grün und felsig gestreift dort lagern. Es ist eine wirklich eine fantastische Landschaft, die ich so noch nie gesehen habe.

Trotzdem bleibe ich nicht lange, denn es ist spät und der Schnee war schon im Aufstieg wie Suppe. Außerdem zieht nun doch Nebel aus dem Tal herauf, und auf den reagiere ich immernoch etwas sensibel…

Bergab fahre ich. Es macht total Spaß durch den Schnee zu rutschen und ich bin ziemlich schnell wieder unten beim See. Jetzt kommen mir tatsächlich noch Leute entgegen und ich freue mich, dass ich meinen Moment allein so genießen konnte. Zurück an meinem Biwakplatz ist etwas anders als vorher. Es ist laut. Es schnarcht. Wie kann das sein? Tatsächlich liegt in dem Steinkreis nebenan ein Typ auf dem Rücken in seinem Schlafsack, pennt und schnarcht lauter als in allen Lagern in denen ich bisher auf meinem Weg hier übernachten musste. Das kann doch nich wahr sein, denke ich. Unter Anderem schlafe ich doch genau deswegen draußen! Gleichzeitig finde ich es hochkomisch. Meine Stimmung kann heute sowieso nichts trüben. Über 2000 Höhenmeter haben mich glücklich gemacht. Ich mache also heimlich ein Video von dem Kerl und lache mir ins Fäustchen.

Schließlich wacht er auf und zieht weiter. Zum Glück. Ich mache mir eine große Portion Kartoffelbrei und genieße den langen Abend.

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