21. Tag: C‘est ouff! (= frz. umgedreht „fou“, also „verrückt“)

Valle de Remuñe – Forca de Remuñe – Pic des Crabioules (3.116m) – Refuge du Portillon

Nachts wache ich einmal auf und schaue lange in den klaren und hellen Sternenhimmel über mir. Ein paar mehr Sternbilder kenne ich inzwischen schon und es macht Spaß, sie wiederzufinden. Dann schlafe ich tief, bis mich das sanfte Licht des Morgens weckt und obwohl es noch richtig kalt ist, habe ich große Lust auf diesen Tag.

Am Ibòn Blanc treffe ich Lise wieder und wir steigen gemeinsam in dem steilen Schneefeld bis zum Portal de Remuñe. Mir macht es Spaß im Aufstieg eine präzise Zickzack-Spur in den Schnee zu legen. Hier gehen viele Leute offensichtlich einfach geradeaus steil bergauf, eine Routenwahl die ich nicht so gut nachvollziehen kann, zumal es im Zickzack meiner Meinung nach sicherer ist und man im Endeffekt nicht einmal langsamer ist, da es so weniger anstrengend ist. Der Schnee ist von der Sonne glücklicherweise schon etwas angetaut, so dass man darin gut treten kann. Viel später möchte ich hier aber nicht durchgehen müssen, dann wird es sicher nass und rutschig.

Aus der Scharte schauen wir hinunter auf den Lac du Portillon. Obwohl wir dachten, dass das nicht möglich ist: Dieser See ist noch schöner als alle vorher. Er liegt riesig, wie eingepflanzt in der Senke und viele kantige weiße Inseln aus Eis sprenkeln die tiefblaue Oberfläche. Immer wieder bleiben wir auf dem Weg nach unten stehen und staunen. Lise sagt nur: „C’est Ouff“ und ich finde, was anderes kann man zu dieser Schönheit wirklich kaum sagen.

Auf der anderen Seite der Scharte, als wir gerade den für uns lustigen Abstieg, bzw. die „Abfahrt“ im Schneefeld beginnen wollen, kommen uns im oberen flachen Stück drei gebückte Figuren entgegen. Man sieht ihren Körpern schon von Ferne die Unsicherheit oder gar Angst an. Es sind drei Chinesisch-Amerikaner, die ihre Eispickel mit jedem kleinen Schritt tief in den Schnee versenken. An den Füßen haben sie nur leichte Grödel und ihre Rucksäcke sehen schwerer aus als unsere. Als ich mit ihnen spreche stellt sich heraus, dass sie außerdem Höhenangst haben, Schnee ganz beängstigend finden, und dass zwei von ihnen schon einmal in den letzten Stunden ins rutschen gekommen sind. Außerdem waren sie noch nie so hoch in den Bergen unterwegs. Als ich ihnen sage, dass der Abstieg in dem wirklich steilen Schneehang auf der anderen Seite der Scharte eher noch schwieriger wird als der Aufstieg hier, lassen sie sich glücklicherweise leicht zur Umkehr überzeugen. Ich bin wirklich erleichtert. Als sie unten an der Hütte ankommen merkt man auch ihnen deutlich an, welch eine Last von ihnen abfällt.

Obwohl Lise und ich vorhatten die gestern nicht gemachte Strecke heute wieder einzuholen, entscheiden wir uns jetzt dafür, hier im Umfeld des Refuge du Portillon zu übernachten. Ein Gewitter soll Nachmittags auch wieder kommen und so haben unsere Schweinehunde ein gutes Alibi. Den Rest des Nachmittags verbringen wir mit Essen, Lesen und Schlafen. Ich muss gestehen, dass mir dieser Rhythmus Spaß macht und dass ich mich wirklich daran gewöhnen könnte immer nur so kurze Etappen zu machen wie heute. Aber dann komme ich nie an, das weiß ich. Trotzdem ist es schön, mich darauf einzulassen und ich nehme mir für die nächsten Tage vor mich nicht immer an irgendein Limit zu bringen.

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