18. Tag: Mit Steigeisen zur Pizza (= „Pizza Crampones“)

Lacs de Coronas – Pic d’Aneto (3464m) – Refugi de Renclusa – Pleta de la Serra – Benasque

Im Schlafsack lege ich meine Hand auf die Hüfte und versuche sie so vor der Kälte zu schützen, die der Stein von außen in sie hinein zu pressen versucht. Eine Zeitlang geht das gut, dann schlafen mir die Finger ein, und ich versuche eine neue Position. Jetzt habe ich einen spitzen Stein im Rücken. Ich versuche meine Füße so in den Fels der Grotte zu stemmen, dass es den Druck vom Rücken nimmt, aber richtig schlafen kann ich so auch nicht. Also wieder drehen, neues versuchen. Als ich schließlich eine Position finde, in der ich zumindest dösen kann, bin ich schon zufrieden.

Neben mir atmet Lise ruhig und entspannt. Sie scheint eine gute Position gefunden zu haben, außerdem hat sie eine wirklich robuste Matte. Nicht immer ist „ultraleicht“ von Vorteil: Meine Matte hat schon ganz zu Anfang der Nacht trotz meiner ausführlichen Bauarbeiten für einen möglichst flachen Schlafplatz, ein Loch bekommen. Leider war das mit den vielen spitzen Steinen hier eh ein Risiko. Ich muss also morgen wieder flicken. Und jetzt trennt mich nur an manchen Stellen mein untergelegter Rucksack von dem kalten Stein.

Bei aller Begeisterung über unseren gestrigen Nachmittag, die Nacht ist für mich wirklich unangenehm. Ich krieche also früh morgens schon aus unserer Höhle und mache Yoga auf unserer „Terrasse“ um meinen Körper wieder einigermaßen ins Lot zu bekommen. Es ist noch kalt, aber ich kann dem Sonnenlicht dabei zusehen, wie es sich langsam über die Berge bis zu uns hin bewegt. Über dem Gipfel des Aneto geht die Sonne schließlich auch für uns auf, und es wird gleich etwas wärmer.

Uns trennen nur noch 700 Höhenmeter vom Gipfel. Aber auch wenn mir die Vorstellung gefallen hat, zum Sonnenaufgang schon am Gipfel zu sein, und damit vor allen Leuten, die von der anderen Seite aus auf dem Normalweg aufsteigen, haben wir entschieden nicht allzu früh loszugehen. Denn der Schnee ist durch die Kälte hier früh morgens noch so vereist, dass es mit unseren leichten Steigeisen den steilen Aufstieg unnötig erschweren würde.

Nach einem Müslifrühstück verabschieden wir uns von unserem schönen temporären Zuhause und machen uns auf den Weg. Der Aufstieg ist leichter als erwartet, aber wir lassen uns trotzdem Zeit. Kurz vor dem Col de Mahoma, dem steilen und anspruchsvollsten Stück des Anstiegs von den Lacs Coronas, machen wir nochmal eine Pause, weil die Sonne hier noch zu wenig Zeit hatte, den Schnee für uns etwas weicher zu machen. Hier steigen wir mit Eispickel auf und klettern das letzte Stück durch schönen griffigen Fels zur Scharte. Von hier aus sehen wir auf der anderen Seite den Normalweg, auf dem sich wie Ameisen die Gruppen im Schnee den Berg hinauf bewegen.

Das letzte Stück, ein schmaler Grat zum Gipfelkreuz hinüber, ist luftig aber eine schöne Kür. Die größte Herausforderung für mich sind die doch schon recht zahlreichen Leute, die mit mehr oder weniger großer Angst und mit teils abenteuerlichen Seilsicherungen oder von bellenden Guides angeleitet in dem Gratstück hängen. Vorsichtig umklettern wir sie und ich versuche innerlich ganz ruhig zu bleiben und mich nur auf meine Tritte und Griffe zu konzentrieren. Trotzdem muss ich zugeben, dass es mich manchmal wirklich rasend macht, was man am Berg so an mehr oder weniger risikobewusstem Fehlverhalten sehen kann. Ich weiß nicht genau, warum es mich ausgerechnet wütend macht, aber vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass ich es einfach nicht verstehen kann, warum die Leute es sich antun, wenn sie doch offensichtlich nicht einmal Freude daran haben können und zudem nicht nur ihre eigene Sicherheit, sondern auch die der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung aufs Spiel setzen. Aber das ist eine alte Leier und so schlucke ich meine Wut runter und sage mir, dass mich das eigentlich ja wirklich nichts angeht.

Lise und ich umarmen uns fest, als wir am Gipfel sind. Es erfüllt mich ganz tief mit Freude, dass ich all das hier gemeinsam mit ihr erleben kann. Wir sind uns einig, dass es für uns beide ein großes Glück ist, dass wir uns getroffen haben. Wir schauen in die Weite und genießen still noch ein paar Minuten die Ruhe, bevor die erste Gruppe lautstark das weiße Kreuz erreicht. Im Osten erkenne ich den Pic d‘Amitges und den Pic Carlit, also die zwei höchsten Gipfel auf denen ich bisher war. Mit Hilfe der PeakFinder App sehe ich dann im Westen auch noch die Gipfel, auf die ich noch gehen will. Der Vignemale sieht besonders schön aus, wie er da spitz aus dem vielen Schnee auftaucht und deutlich seine Umgebung überragt. Wir sehen auch die Canyons vom Parque Nacional Ordesa y Monte Perdido, in denen ich in ein paar Tagen ankommen sollte. Lise überlegt auch noch einen Schlenker nach dorthin einzulegen, und darüber würde ich mich sehr freuen. Ich glaube das wird so oder so fantastisch dort, auch weil die Landschaft mit den Canyons so ganz anders ist als alles, was ich aus den Alpen kenne.

Ich merke hier oben, auf dem höchsten Gipfel der Pyrenäen jetzt deutlich, wie gut es ist, hier zu sein und wie unbändig ich mich auf die zwei Wochen freue, die noch vor mir liegen.

Wir warten noch, bis der Letzte aus der aktuellen Gruppe das Gratstück überwunden hat, und klettern dann zurück zu unseren Rucksäcken, die wir etwas unterhalb liegen gelassen haben. Der Weg hinunter über den sehr deutlich verspurten und spaltenfreien Gletscherrest und die noch recht großen Schneefelder ist keine große Herausforderung für uns und wir marschieren zügig. Im Abstieg zur Hütte folgen wir wieder meinem GPS Track von Komoot, anstatt wie alle Anderen durch den inzwischen recht nassen Schnee im Zickzack nach unten zu rutschen. Die von Komoot vorgeschlagene Route ist allerdings sehr steil und steinig und die Knie finden das richtig blöd. Für das letzte Stück ziehe ich meine Barfussschuhe an, um meinen Füßen noch eine Massage zu gönnen. Aber trotz aller Vorsicht rutsche ich unerwartet auf einem Stein aus und mein Fuß bleibt in einem Felsloch stecken. Mein Knöchel tut höllisch weh, er ist aufgeschrammt aber vor allem hat es den Knochen ordentlich erwischt. Ich weiß gleich, dass nichts wirklich kaputt ist, aber ein saftiger „bone bruise“, also ein blauer Fleck auf dem Knochen dürfte es schon sein. Das ist echt schmerzhaft, aber man kann nicht wirklich viel tun. Wie blöd. Als klar ist, dass der Knöchel nicht anschwillt, gehen wir weiter. Nach einer Zeit, die mir wie eine kleine Ewigkeit vorkommt, sind wir endlich am Rifugi de Renclusa und eine halbe Stunde später unten am Parkplatz.

Wir wollen Pizza. Seit gestern morgen ist das eine fixe Idee, die immer wieder in unseren Gesprächen auftaucht: „Und dann, nach dem Aneto, da gehen wir eine Pizza essen.“ Noch ist unklar, ob uns das gelingen wird, wir haben keine Ahnung von der Gegend im Tal und hatten schon lange kein Internet mehr. Aber kaum steigen wir unten in dem angenehm unaufgeregten und sehr fotogenen kleinen Örtchen Benasque aus dem Bus, finde ich online die „beste Pizzeria“. Dann geht alles ganz schnell. Wir kaufen ein paar Lebensmittel ein, buchen uns ein Zimmer in einem kleinen Hotel, und sitzen schließlich, tatsächlich, vor riesigen und köstlich duftenden Pizzen. Wir strahlen. Und dann essen wir, bis wir so satt sind, dass wir kaum die Treppe zu unserem Hotelzimmer hochkommen. Aber schließlich ist auch dieser letzte Anstieg des Tages geschafft und die einladenden Betten verschlingen nun uns und schicken uns in einen tiefen und wohligen Schlaf.

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