19. Tag: Der frühe Vogel hat verpennt

Benasque – Vall de Remuñe

Wir schlafen aus. In meinem Bergrhythmus heisst das, ich wache um 7 Uhr auf und habe das Gefühl es ist 11 Uhr… Es war eine wirklich erholsame Nacht und das Bett war eine Wonne. Weil der Weg heute nicht so weit ist bis zum Refuge Portillon, haben wir beschlossen ganz in Ruhe zu frühstücken und am späten Vormittag erst aufzubrechen.

Eigentlich ist uns beiden klar, dass das eine dumme Entscheidung ist, zumal der Wetterbericht durchwachsen ist. Aber manchmal trifft man eben sogar bewusst dumme Entscheidungen und wir haben einfach Lust auf einen entspannten Vormittag. Außerdem wollen wir das Frühstücksbuffet voll auskosten. Und das tun wir: Rühreier, Obst, Croissants und vieles mehr verschwindet in uns. Ähnlich satt wie gestern nach der Pizza gehen wir zurück in unser Zimmer, packen ganz in Ruhe unsere Sachen und hören dazu gute alte Funkmusik.

Als wir losgehen ist es nach 12 Uhr, das Wetter sieht zwar noch stabil aus, aber wir wollen sicherheitshalber ohne Pausen durchmarschieren. Im Vall de Remuñe geht es aufwärts und neben uns plätschert ein Gebirgsbach, der an vielen Stellen verlockende Gumpen bildet. Aber wir reißen uns zusammen und gehen zügig weiter. Leider tut mein Knöchel von dem Sturz gestern ziemlich weh. Aber weil ich das nun nicht ändern kann, und das Gehen es meines Wissens auch nicht schlimmer macht, begnüge ich mich mit dem Gedanken, dass es so oder so weitergeht, und dass für mich auch klar ist, dass ich wegen dem Knöchel jetzt keine weitere Pause machen werde. Und so geht es besser.

Kurz vor dem Talschluss überqueren wir den Bach über eine alte Holzbrücke und stehen gleich darauf vor einem mächtigen Felsbrocken, der vor langer Zeit in der MItte entzweigebrochen zu sein scheint. Der Weg führt genau zwischen diesen zwei Hälften hindurch und ich stelle mir vor, wie Zeus ihn hier runter geschleudert hat, vielleicht weil er wütend war, weil ihm eine seiner vielen Frauen ausgespannt wurde… Lise fügt lachend hinzu, dass der Fels wie eine große Murmel aussieht, ein Spielzeug von Zeus, das er dann aus Wut kaputt gemacht hat.

Am Talschluss steigen wir steil an einem noch mit Gras bewachsenen Felsen hinauf. Inzwischen ist der Himmel ziemlich düster und unser Optimismus, dass wir auch hier bestimmt dem Gewitter entgehen können, sinkt mit den ersten fallenden Tropfen. Dann geht es plötzlich wieder ganz schnell. Noch während wir unsere Regenjacken anziehen und einen etwas geschützteren Platz suchen, fängt es erst an zu schütten und dann kommt noch ordentlich Hagel hinterher. Als es schließlich mächtig und metallisch klingend donnert, und kurz darauf sehr deutlich blitzt, kauern wir schräg in einer Felsspalte, die vom schlimmsten Regen geschützt ist.

Ich merke, dass mir Gewitter jetzt mehr Angst macht, als vor meiner Erfahrung auf dem Grat oberhalb der Étang Fourcat. Ich habe plötzlich ein richtig schlechtes Gefühl, meine Magengrube fühlt sich dumpf an und ich sehne mich nach einem trockenen Innenraum. Das kenne ich von mir so deutlich sonst nicht, und es überrascht mich ein bisschen. Aber ich nehme es an, auch wenn ich gerade nicht unterscheiden kann, ob es nur ein Nachklang meines negativen Gewittererlebnisses ist, oder jenes von mir viel thematisierte Bauchgefühl, das mich vor weiteren Unglücken warnen will.

Als der Regen nachlässt und es aufgehört hat direkt über uns zu blitzen, sage ich Lise, dass ich zurück ins Tal gehe. Es ist jetzt 16:30 Uhr und damit zu spät um noch zur Hütte zu gelangen. Lise will oben bleiben und baut in einer schönen Senke ihr winziges Zelt auf. Es ist einer der seltenen Momente, in denen ich denke, dass es doch ganz gut sein kann, ein Zelt dabei zu haben, anstatt nur den Biwaksack, in dem ich nur im Notfall eine gewittrige Nacht verbringen will. Wir verabreden uns für morgen Mittag, im Refuge Portillon. Da vormittags das Wetter gut sein soll, ist das realistisch und wir können dann von dort aus noch gemeinsam eine kurze Tagesetappe weiter gehen.

Ich beginne vorsichtig im nassen Gras und auf den glitschigen Felsen den Abstieg. Mein Knöchel tut weiterhin weh, aber ich habe mich inzwischen fast daran gewöhnt. Kaum bin ich wieder unterhalb des steilen Felsstücks, scheint die Sonne wieder warm und der Himmel wird immer blauer. Eine halbe Stunde später sehe ich keine einzige Wolke mehr über mir und entscheide mich doch, oben zu bleiben und zu biwakieren. Ich finde einen Felsblock, der im Fall eines erneuten Gewitters ausreichend Schutz bietet, lege meine nassen Klamotten auf die Felsen zum trocknen und klettere selbst auf einen großen Felsblock. Ich mache einen Arnikaverband um meinen Knöchel und dann fange ich an zu schreiben. Und da bin ich jetzt. Auf dem Felsblock, beim schreiben. Und natürlich hoffe ich, dass der Himmel weiter so strahlt wie jetzt, und dass er mir später auch Sterne schenkt.

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