17. und 18. Tag: Lise

Refugi de Conangles – Refugio Cap de Llauset – Lacs de Coronas

Am Vormittag meines 16. Tages lerne ich Lise kennen. Sie sitzt vor einer Biwakhütte, ist müde und hatte keine große Lust, weiterzugehen. Ich hatte sie schon auf der letzten Hütte gesehen und mir war aufgefallen, dass sie diese „Blase“ um sich gebaut hatte, die ich von mir selber kenne, wenn ich schon lange allein unterwegs bin. Man mag dann nicht mehr viel mit Anderen reden, ist ziemlich bei sich und schnell von zwischenmenschlichen Interaktionen überfordert. Trotzdem bemüht man sich freundlich zu sein, weil man eben doch ab und zu unter Menschen ist, aber das kann ganz schön anstrengend sein. Als ich sie hier oben am Berg sehe, fühlt es sich okay an, mich kurz zu ihr vor die Hütte zu setzen und sie zu fragen ob alles in Ordnung ist. Lächelnd antwortet Lise nur, „Jaja, ich bin einfach in so einer Blase, weil ich schon so lang allein unterwegs bin.“ Ich nicke und sage, dass ich das kenne und dass ich sie gut verstehen kann. Wir schweigen und gucken in die Landschaft. Dann stellen wir fest, dass wir beide entlang der „Haute Route Pyrenees“ und in der selben Richtung unterwegs sind. Als Lise erzählt, dass sie Bühnenbildnerin ist, und ich erwidere, dass ich eigentlich Regisseurin bin, gibt es natürlich viel potentiellen Gesprächsstoff. Aber das ist es gar nicht, was so ausschlaggebend ist. Es funkt einfach zwischen uns. Mir gefällt Lises Energie von Anfang an und ich erkenne mich selbst in vielem an ihr wieder.

Also gehen wir zusammen weiter und aus einer spontanen Eingebung heraus schlage ich Lise vor, doch den Gipfel des Aneto, der übermorgen ansteht, zusammen zu besteigen. Lise ist begeistert. Sie wollte auch auf den Gipfel, hat aber keine Lust das allein zu machen. Ich freue mich auch, denn ich habe gerade dieser Tage große Lust auf Gesellschaft.

Abends sitzen wir zusammen im metallisch glänzenden und hypermodernen Refugio Cap de LLauset, das an die neuen Hütten in der Schweiz erinnert. Lise und ich suchen uns eine kleine Ecke, um uns ein bisschen vor all dem Trubel zu verstecken, der uns beide gleichfalls überfordert. Es geht dann erstaunlich schnell, dass wir uns gegenseitig ganz persönliche Dinge erzählen. Lise ist eine starke Frau, aber dazu auch noch sehr sensibel und klug. So sitzen wir uns da gegenüber, während draußen der Wahnsinn tobt. Diesmal nicht in Form eines Gewitters, sondern in Form von vielen dünnen bunten Männern, die Teil eines großen Trailrun-Events sind, das hier dieses Wochenende stattfindet. Mein „Lieblingsteam“ trägt pinke enge T-Shirts mit Comics darauf, neongelbe kleine Cappis und geringelte Kniestrümpfe. Lise und mir kommt das alles absurd vor. Das Tempo, der spürbare Leistungsdruck, die Übertreibung (die in Form der auf den Bänken mit Wärmedecken bedeckten ausgeschiedenen Läufer deutlich wird), die vielen schreienden Farben der Trikots und die maßlose Verteilung von Energieprodukten steht in einem krassen Kontrast zu Allem, was wir unter Bergen verstehen.

Die Schlafräume des Refugio Cap de Llauset sind hier jeweils mit Dusche und separatem WC ausgestattet, man kann also kaum noch von „Lager“ sprechen. Der Wirt erklärt mir, dass das nun der neue Standard hier ist, und dass in Spanien keine Hütte mehr anders gebaut werden darf als mit den Vorgaben einer Pension im Tal… das ist dann wohl das Ende der Hüttenathmosphäre hier. Aber damit nicht genug: Wenn hier die Hütte ausgebucht ist, werden Zelte vermietet (!), mit denen man vor der Hütte schlafen soll. Meiner Meinung nach gehört es bei einem „Refuge“ (=Zufluchtsort) dazu, dass man in so einem Fall, zumal bei schlechtem Wetter, eine gemeinsame Lösung findet. Es kam schon vor, dass ich in einem Gastraum geschlafen habe, im Flur, im alten Stall neben der Hütte oder sonstwas. Hier gibt es zwar unendlich viel Platz, aber keinerlei Bereitschaft für „innovative“ Lösungen. „Das ist verboten“ heißt es schlicht. Auch wenn die Belegschaft sehr freundlich ist: Ich bin froh, als wir früh am nächsten Morgen den Metallkasten hinter uns lassen.

Wir gehen früh los. Zunächst über ein Col, dann hinunter ins Tal und schließlich auf der Rückseite des Aneto bis hoch hinauf zu den Lacs de Coronas, drei kleinen Seen mit Eisschollen, die sich in die Schneefelder zwischen den großen Felsen eingenistet haben. Wir finden einen wunderschönen Biwakplatz unter einem perfekt gestapelten Haufen großer Felsblöcke. Den Nachmittag verbringen wir viel Yoga und Blackroll-Training, aber vor Allem mit dem Bestaunen der unfassbar schönen Aussicht von unserer vor dem Steinhaufen perfekt ebenen „Terrasse“ aus. Wir können beide kaum glauben, wie viel Glück wir haben, diesen Ort erleben zu dürfen. Auch das verbindet uns: die Fähigkeit zur Begeisterung. Lises klare Augen strahlen. Sie hat kurze, helle Haare, die manchmal einfach wild in alle Richtungen abstehen. Das mag ich. Ihre Nase pellt sich von der Sonne, was sie wahnsinnig macht. Irgendwie mag ich auch das. Und vor Allem haben wir einen sehr ähnlichen Humor, lachen uns über den größten Blödsinn kaputt und freuen uns auf die selbe euphorische Art über alles, was um uns ist. Es tut unendlich gut, zu teilen und dankbar wird mir bewusst, dass das nun schon die zweite Begegnung innerhalb kürzester Zeit hier oben ist, die mich wirklich tief berührt. Im Tal passiert mir das fast nie. Was für ein Glück ich doch habe.

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