16. Tag – #zerowaste?

Refugi de Restanca – Refugi de Conangles

Ich gehe heute vom Refugi de Restanca hinunter ins Tal, es ist eine recht kurze Etappe, weil ich noch etwas arbeiten muss. Ich könnte wieder darüber schreiben, wie schön die Seen sind und dass man Körper sich jetzt ausnehmend über die Bewegung freut. Aber heute möchte ich mich lieber auf das Thema konzentrieren, das mich hier die ganze Zeit begleitet, und über das ich oft nur am Rande berichte: Der Müll.

Ich habe mir ja vorgenommen, auf dieser Reise selbst so wenig Müll zu produzieren wie mir möglich, und allen Müll, den ich unterwegs finde, einzusammeln. Nun möchte ich, nach etwas über zwei Wochen, einmal eine Zwischenbilanz dazu ziehen.

Mit dem Positiven fange ich natürlich an. Ich bin wirklich überrascht, wie wenig Müll ich finde. In den ersten Tagen, als ich noch weiter unten war, und nah am Mittelmeer, da war es noch etwas mehr. Hie und da eine Dose oder Plastikflasche und der „übliche“ Kleinkram, wie Taschentücher und Toilettenpapier. Da war mein „Drecksack“, nach einem Tag schon ganz gut gefüllt und ich musste auf den Hütten darum bitten, ihn leeren zu dürfen. Einmal habe ich unterwegs zwei ältere Herren getroffen, die für einen Verein zum Umweltschutz selbst Müll sammelnd unterwegs waren.

Seit ich weiter oben in den Pyrenäen bin, finde ich kaum noch Müll und fast alle Menschen, denen ich begegne, scheinen sehr bewusst mit dem Thema Umweltschutz umzugehen. Wenn ich doch etwas finde, dann ist es meist offensichtlich etwas, was jemand verloren hat. Also eine noch gefüllte Wasserflasche, eine Schnalle oder der Teller eines Wanderstocks. Auch das Toilettenpapier ist weiter oben sehr selten. Natürlich sieht es anders aus, sobald ich in einem Skigebiet oder in der Nähe eines Parkplatzes unterwegs bin. Dann finde ich viel mehr, als ich tragen kann und zugegebenermaßen habe ich hier auch schon ein- oder zweimal kapituliert. Andererseits stand ich auch schon öfters in Flüssen und habe lange altes Plastik gefischt und auch sonst sammle ich tatsächlich jeden Fitzel auf, den ich sehe. Aber das ist es eben: Alles was ich SEHE. Das heißt ja noch lange nicht, dass nicht einen Meter weiter rechts oder links ein Haufen Dosen liegen könnte. Gerade das Klopapier liegt ja meist nicht direkt am Weg… Und manchmal ist eine alte Plastiktüte so tief in den Boden eingetreten, dass ich sie kaum vollständig in meinen Drecksack packen kann. Klar frage ich mich dann, wie viel ich da eigentlich wirklich leisten kann.

Anders sieht es bei den Hütten aus. Wenn ich einmal auf einer Hütte war, so gab es die Getränke eigentlich immer nur in Dosen und auch sonst wird viel verpackungsreiches, wie Chips und Schokolade, verkauft. Gerade beim Frühstück gibt es fast alles nur in Plastik verpackt: Kleine Gebäckteilchen, Butter, Marmelade, Tee, Zucker und so weiter werden in den winzigen und völlig überflüssigen Einportionen-Verpackungen bereitgestellt. Ich frühstücke dann nur das Unverpackte, und wenn es sich ergibt, erkläre ich warum.

Mehr Engagement habe ich beispielsweise im Refuge Fourcat erlebt, was ich aber durch meinen langen Aufenthalt dort natürlich auch gut kennenlernen konnte. Der neue Wirt der Hütte, Guillaume, arbeitet daran sukzessive viel von dem verwendeten Plastik abzuschaffen. Beim Frühstück ist es ihm schon weitestgehend gelungen. Bezüglich der Dosen hat er mir erklärt, dass er das einmal durchgerechnet hat: Wenn er mit dem Heli Flaschen transportieren würde, um die Getränkedosen zu vermeiden, wäre das so viel schwerer, dass die Ökobilanz mit dem zusätzlich benötigten Sprit für den Heli nicht besser, sondern sogar schlechter ist als mit den Dosen, die er oben komprimieren und schließlich auch im Tal recyceln kann.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, was ich inzwischen auch als eine hauptsächliche Herausforderung sehe: Nicht alles, was so scheint als sei es umweltfreundlich, und das gilt natürlich auch im Umkehrschluss.

Und am schwierigsten ist es erstaunlicherweise doch, dass ich selbst es schaffe, „keinen“ Müll zu produzieren. Keinen habe ich in Anführungszeichen gesetzt, weil das natürlich eine Utopie ist. Allein mein physischer „Biomüll“ ist ja trotzdem Müll. Und die Kleidung die ich trage, geschweige denn die Verpackung in der ich sie erhalten habe, auch das ist irgendwann Müll, selbst wenn ich der Verpackung als Müllbeutel einen zweiten Nutzen verpasse und die Kleidung so pfleglich behandle, wie das hier draußen eben möglich ist. Bei meinem Essen habe ich mich ja bemüht, durch die eigene Herstellung mit dem Dörrapparat den Müll auf ein Minimum zu reduzieren. Aber nicht alles davon konnte ich in Stoffbeuteln mitnehmen, zum Teil brauchte ich die gut verschließbarem ZipLock-Tüten. Die verwende ich zwar auch mehrmals, aber sie sind trotzdem aus Plastik. Und dann kommen die Ausrutscher. Teils aus persönlicher Schwäche, teils aber auch aus einer (zumindest empfundenen) Notwendigkeit. Ich muss also gestehen:

Ich habe schon ein paar Getränke aus der Dose getrunken, weil ich einfach zu große Lust auf ein süßes Getränk hatte und es keine Alternative ohne Dose gab. Das wäre vermeidbar gewesen, aber mir war in dem Moment das stillen meines Dursts wichtiger.

Ich habe auch ein paar in Plastik verpackte Riegel dabei und sogar einmal schon welche nachgekauft, weil sie mir mehr Energie geben als mein Müsli am Morgen und ich auch zwischendrin ohne viel Aufwand mal etwas essen kann.

Einmal ist mir der Plastikdeckel von meinem Salz in einen Bach gefallen und ich habe ihn nicht mehr wiedergefunden. Das war mir tatsächlich ziemlich unangenehm.

Auch wenn es mir gelingt das weitgehend zu vermeiden, habe ich auch unterwegs schon einmal Lebensmittel dazugekauft oder „kaufen müssen“, die in Plastik verpackt waren und die dort wo ich sie gekauft habe eben nur so erhältlich waren.

Und dann gibt es noch die weniger sichtbaren Faktoren, wie der Abrieb der Kunststoffsohlen meiner Schuhe, der Abfall der „im Hintergrund“ bei einer Hütte anfällt, auf der ich etwas esse und so weiter.

Ich will damit nicht sagen, dass ich das Gefühl habe, zu scheitern. Aber ich will ehrlich sagen, wie viel schwerer es ist, unterwegs Plastik zu vermeiden, geschweige denn wirklich dem populären und offensichtlich utopischen Hashtag getreu wirklich „ZEROwaste“ zu leben.

Das, woran ich merke, dass es sich lohnt und warum ich Jeder und Jedem empfehlen kann, zu versuchen seinen Müll zu reduzieren, ist das Bewusstsein, das damit geschaffen wird. Ich selbst bin mir heute wesentlich viel mehr darüber im Klaren, was ich eigentlich tagtäglich so hinausschleudere in unsere Umwelt. Das wiederum macht es mir leichter, mir ein paar Alternativen zu überlegen und diese Überlegungen machen mir richtig Spaß. Außerdem sehe ich auch in meinem Umfeld sehr viel genauer, wo der ein oder andere Abfall vermieden werden könnte und wenn es sich anbietet, spreche ich darüber mit den Leuten. Nicht immer ist das angenehm, nicht immer ist man einer Meinung, aber jedes Mal ist spannend und ich schaffe auch mit jedem Gespräch mehr Bewusstsein, zuallermindest bei mir selbst.

Ich will versuchen in zukünftigen Beiträgen noch mehr von den einzelnen Situationen oder Gesprächen zu berichten, die mir anhand von dem Thema begegnen.

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