14. Tag: Egokapriolen

Lac Mayor de Saboredo – Refugi de Saboredo – Col deth Tuc Gran de Sendrosa – Lac Mayor de Colomèrs – Pòrt des Caldes – Lac deth Cap deth Pòrt – Refugi de la Restanca

Ich habe richtig gut geschlafen. So gut, dass ich entspannt genug bin, morgens noch eine halbe Stunde liegen zu bleiben, und dem Tag dabei zuzuschauen, wie erwacht. Langsam ändern sich die Farben und der Teil der Berge, der von der Sonne schon in ein warmes gelb getaucht wird, rückt immer näher an mich heran. Unter meinem Felsendach fühle ich mich geborgen und als ich an die letzten Tage denke, wird mir warm. Es hat gut getan, Freundschaft zu erleben und persönliche Gespräche zu führen. Ich bin froh, Guillaume kennengelernt zu haben und hoffe, dass wir irgendwann gemeinsam mal was in den Bergen unternehmen.

Als ich endlich aufbreche, ist es halb acht. Nach ein paar Schritten rutsche ich auf einem nassen Fels aus, weil mein Kopf noch ganz woanders ist. Wieder ein paar Schrammen mehr, nichts Schlimmes, aber ich gehe doch kurz beim Refugi Saboredo vorbei um mit die aufgeschlagene Handfläche zu desinfizieren. Die Hütte macht einen unglaublich sympathischen Eindruck und der Wirt ist offensichtlich passionierter Splitboarder. Während er mit Pflaster zuschneidet erzählt er mir von der traumhaften Saison, die sie hier mit dem vielen Schnee im Winter dieses Jahres hatten. Ich bekomme sofort Lust, im Frühjahr wiederzukommen.

Oben am Col deth Tuc Gran de Sendrosa mache ich mir mein Frühstück und genieße die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Auch heute lasse ich mir Zeit, und ich merke wie es innerlich noch in mir kämpft: Ich bin körperlich wieder richtig fit, und es macht mir Spaß das zu spüren und auszukosten. Und der Ehrgeiz, „schnell“ sein zu wollen, und „Strecke zu machen“, ist auch stark. Aber andererseits sehne ich mich nach der Ausgeglichenheit und dem Gefühl der Einfachheit, die nur in der Gegenwart spürbar ist. Und ich weiß, dass ich in dieser Gegenwart nur ankomme, wenn ich meinen Ehrgeiz ziehen lasse.

Was mir dabei heute hilft, ist das Wissen, dass ich inzwischen problemlos auch zehn Stunden durchgehen könnte, wenn ich wollte oder müsste. Etwas belustigt stelle ich fest, dass ich das anscheinend noch für mein Selbstwertgefühl brauche. Das Ego gibt noch keine Ruhe, es orientiert sich noch an den äußeren, äußerlichen oder oberflächlichen Erwartungen. Ich finde das nicht weiter schlimm, weil ich diesen Prozess in einem Projekt inzwischen kenne. Es wird noch ein bisschen dauern, aber dann beruhigt es sich von ganz allein.

Also lasse mein Ego weiter seine absurden Salti schlagen und gehe absichtlich ein bisschen langsamer, um es zu ärgern. Ausführlich schaue ich in jeden der vielen kristallklaren Seen, an denen ich vorbeispaziere. Ich sehe Fische, Frösche, Steine und übe mich darin, genau hinzuschauen. Dann weckt mich die Stimme der Außenwahrnehmung wieder und sagt: „Na stell dir doch mal vor, wie du aussiehst, wie du da so bekloppt neben dem See stehst und reinstarrst…“ Ich schrecke auf, schaue mich um, bin froh dass mich niemand gesehen hat, und gehe weiter. Mir fällt der blöde Satz ein, dass Erkenntnis der erste Schritt zur Besserung ist.

Als ich über das nächste Col komme, liegt unter mir ein weiterer See. Aber dieser hat einen weißen Sandstrand. Es ist ein geradezu surreales Bild, das klare türkise Wasser mit dem Sandstrand, das geradezu karibisch ist, und dahinter eine massive und felsige Gebirgskette. Diese fantastische Kulisse lädt zu einer ausführlichen Yogasession ein. Endlich. Ich merke deutlich, wie sehr mir diese Art der Bewegung gefehlt hat, und mein Körper dankt sie mir deutlich.

Als ich das Refugi de Restanca sehe, habe ich keine Lust dort zu übernachten. Es steht zwar direkt an einem großen See, aber es ist hoch und grau und düster und erinnert eher an eine Kaserne. Auch drinnen ist es nicht besonders einladend. Aber glücklicherweise macht die herzliche Belegschaft das äußere der Hütte wieder wett. Der Himmel ist düster, es sind wieder starke Gewitter vorhergesagt und ich denke nicht lange darüber nach, sondern beziehe das Lager. Und gerade als ich mich hinlege, beginnt es draußen zu stürmen und zu schütten.

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