14. Tag: Einen Gang runtergeschaltet

Peülla / Bonaigua – Vall de Gerber – Refugi Gerber Mataró – Pic d’Amitges – Lac Mayor de Saboredo

Ich wache neben einem Coca-Cola Automaten auf. Es ist kalt, aber das Wetter ist gut. Neben mir steht ein weißer VW-Bus, dessen Tür mit schmackes aufgeht. Heraus springen Lola und Carla, zwei Katalaninnen, die schon jetzt, um halb sechs, ein Tempo drauf haben, das beeindruckend ist. Wir haben uns kurz gestern Abend kennengelernt, als ich meinen Schlafplatz unter dem Vordach des Ticketcounters der Skistation hier gebaut habe. Neben besagtem Getränkeautomat. Sie meinten sofort total herzlich, ich solle einfach klopfen, wenn ich was brauche, oder wenn mir zu kalt wird, dann würden wir schon auch zu dritt reinpassen.

Jetzt springen sie herum, machen Kaffee und Frühstück, stellen mir einen Klappstuhl an den Campingtisch und ziehen sich parallel an und um. Ich bin wach. So viel Energie wie die beiden habe nicht einmal ich um diese Zeit, und eigentlich bin ich ein Morgenmensch.

Der Kaffeeduft macht aber das übrige, und natürlich bekomme ich eine Tasse ab. Gefühlte fünf Minuten später sprinten die beiden los. Sie haben die selbe Tagesetappe vor wie ich, aber anstatt in 11 Stunden wollen sie es offensichtlich in der Hälfte der Zeit schaffen…

Ich lasse also Lola und Carla laufen, und gehe selber eher langsam. Beim gemütlichen Aufstieg telefoniere ich mit meiner Schwester, die gerade im Zug Richtung Arbeit sitzt. Immer wieder habe ich in den letzten Tagen an ihre besorgte Stimme gedacht, als sie am Mittwoch Abend bei meinem ersten Anruf das Telefon abgenommen hat. Ich hatte gerade erst wieder Empfang, es war mitten in meiner „Notlage“ und bis zu der SMS „Ana ruf an!“ Hatte ich nicht auf dem Schirm, dass meine Familie von dem SOS Dienst über den Notfall benachrichtigt wurde.

Erst in den letzten Tagen ist mir wirklich klar geworden, dass ich auf mehr achten muss, als nur auf mich selbst in einer gefährlichen Situation am Berg. Die Vorstellung meiner sich sorgenden Familie und meiner Freundin Martina, die ebenfalls als Notfallkontakt gespeichert ist, gibt mir nachhaltig zu denken. Ich trage mehr Verantwortung, als nur für mich. Ich will die lieben Menschen in meinem Leben nicht in eine so sorgenvolle Situation bringen. Es ist gut, das zu realisieren, und ich empfinde es als einen essentiellen Teil der Erfahrung, um die ich durch diese Notsituation reifer geworden bin.

Als ich das Telefon auflege, sehe ich mich zum ersten Mal richtig um. Es ist noch morgendlich kühl, das Licht ist noch leise. Aber schon jetzt merke ich, wie wunderschön es hier ist. Heute und morgen gehe ich durch den Parc Nacional Aigüestortes, der voller fließendem Wasser und Seen ist, und in dem alles grün ist und blüht.

Schon nach zwei Stunden habe ich Lust auf eine Pause, nicht weil ich müde bin, sondern einfach, weil es so schön ist. Ich lege mich vor die knallorangene Biwakschachtel des Refugi Mataro und mache die Augen zu. Die Sonne wird langsam wärmer und ich genieße es, ein bisschen zu dösen. Es ist so wohltuend tief die frische Luft zu atmen. Ich will heute lieber einfach das Wetter und die Landschaft genießen, und so entscheide ich spontan, meine Tagesetappe zu halbieren und lieber noch auf einen Gipfel zu klettern. Ich habe gestern per Autostop vier Tagesetappen übersprungen (siehe unten), auch um nicht das Gefühl zu haben ich müsse jetzt meine Zeit auf dem Refuge Fourcat „reinholen“ und viel schneller gehen. Das war sicher eine gute Entscheidung, denn auch wenn es schade ist, dass ich so ein Stück der Pyrenäen verpasse, so kann ich dich ab jetzt wieder richtig eintauchen.

Am Coll de l’Estany Gelat kommt mir bimmelnd eine Ziegenherde entgegen. Sie sind ziemlich neugierig, stupsen mich an und schauen lange und eingehend dabei zu, wie ich sie fotografiere. Als ich meine Kamera auf einem hohen Felsblock aufstelle, um sie zu filmen, dauert es nicht lange, bis eine Ziege hochgeklettert ist und sie runterwirft. Als ich um den Fels komme, um sie zu holen, wird die Linse gerade abgeleckt. Das wird bestimmt ein lustiger Film und ich freue mich schon jetzt darauf, das Material zu schneiden…

Ich lasse meinen Rucksack liegen und klettere zusammen mit ein paar Ziegen hoch zum Pic d’Amitges (2848m). Die Kletterei ohne Gepäck macht Spaß und die Aussicht vom Gipfel ist fantastisch. So schön es war, mit den Ziegen zu klettern – ich bin doch ganz froh, dass ihnen die letzten Meter zum Gipfel wohl zu grasarm waren, und sie den Rückzug angetreten haben.

„Amitges“, das heißt bestimmt „Freundschaft“ auf Katalanisch. Ich bin also auf dem Gipfel der Freundschaft, wie schön. Ich bleibe lange oben, schaue mich um und denke an meine Freunde. Es tut gut, zu wissen, dass sie da sind und ich bin dankbar für jeden Kontakt mit ihnen. Das Alleinsein lässt mich noch mehr schätzen, was ich an ihnen habe.

Im Westen sehe ich die schneebedeckten hohen Berge der Pyrenäen. Ich freue mich darauf, ihnen jetzt immer nähert zu kommen. Aber ja, da liegt wirklich noch sehr viel Schnee und ich bin gespannt, was vor Ort alles allein machbar sein wird.

Unterhalb sind ringsum Seen, und kaum komme ich vom Gipfel herunter, tauche ich auch schon in dem erstbesten unter. Arschkalt, aber wunderbar. Die Sonne hat noch genug Kraft um mich mit ihren Strahlen zu trocknen, und so liege ich heute zum dritten mal eine ganze Weile nur herum. Einfach großartig.

Schon um fünf Uhr finde ich einen traumhaften Biwakplatz, leicht geschützt unter einem großen Felsblock, aber auf einer Wiese, und direkt neben einem schönen Wasserfall. Besser geht es kaum. Nur die Mücken machen mir im Verlauf des Abends etwas Ärger, aber es gibt Schlimmeres. Ich will heute wieder früh schlafen gehen und morgen den Tag nochmal so ausführlich auskosten wie heute. Es gibt noch viele Seen hier, in die ich tauchen kann. Vielleicht finde ich einen, der sogar warm genug ist um richtig zu schwimmen.

Ich nummeriere die Blogbeiträge weiter nach meinen ursprünglichen Tagesetappen. Übersprungen habe ich:

9. Tag – Vom Refuge Fourcat zum Orris de Pla Subra

10. Tag – Vom Orris de Pla Subra via Pica d’Estats zum Refuge du Pinet

11. Tag – Vom Refuge du Pinet nach Refugi Enric Pujol

12. Tag – Refugi Enric Pujol via Álos d’Isil (Autostopp) nach Peülla

2 Antworten auf “14. Tag: Einen Gang runtergeschaltet”

  1. Tolle Berichte und schöne Gedanken.
    Das mit den Sorgen im Berg kenne ich: Auch wenn man selbst weiß, dass man nicht (mehr) in Gefahr ist, können die Sorgen der Freunde/Familie wirklich quälen. Aber es ist so schön, dass es Menschen gibt, die für einen da sind/sich um Dich sorgen…
    Dir alles Gute auf Deinem weiteren Weg! Werde ihn gespannt verfolgen…

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