Pause.

Ich habe entschieden, hier im Refuge des Étangs Fourcat zu bleiben. Und das ist wahrscheinlich die beste Entscheidung meiner letzten Wochen.

Die erste Nacht schlafe ich sehr schlecht, und sehr kurz. Das ist natürlich nicht wirklich überraschend. Zwischen ein Uhr, als ich im Bett liege, und sechs Uhr, als ich mit einem riesigen Durst unten in die Küche komme und ab dann einfach wach bin, schießen Bilder durch meinen Kopf und eine Frage jagt die nächste: „Was wäre passiert wenn…?“ oder „Hätte ich eigentlich…?“ Natürlich denke ich auch daran, dass der Mensch, der mir Leichtsinn unterstellt, sich jetzt bestimmt bestätigt fühlt, und dabei bekomme ich ein bisschen Brechreiz…

Aber die herzliche Art von Guillaume, der natürlich ebenso müde in den Seilen hängt wie ich, sind Balsam. Als alle Gäste weg sind machen wir gemeinsam die Zimmer und räumen auf. Dann steigen wir unten am See ins Kajak, um auf der anderen Seite des Sees in Richtung meines Rucksacks aufzusteigen. Wie eine Gallionsfigur steht Guillaumes Hund Django am Bug, während wir uns durch die dicken hellblauen Eissschollen pflügen, die auf dem See schwimmen. Dann laufen wir Django hinterher, der voll grenzenlosen Energie die Schneefelder bergauf turnt. Mit dem Fernglas haben wir gesehen, wo der Rucksack steht. Der Anblick seines Standorts hat mir einen Schrecken eingejagt: Keine Ahnung wie es möglich war an dieser steilen Wand ganz ohne Sicherung und mit Rucksack auf dem Rücken, und zudem am nassen Fels und bröckeligen Fels so weit nach unten zu klettern. Was Adrenalin nicht alles möglich macht…

Als wir recht nah dran sind, wird deutlich, dass es nicht ganz ohne ist, dort hinauf zu klettern. Wir entscheiden, dass uns das Risiko von gestern Abend gereicht hat und kehren um. Über Funk rufen wir die Bergwacht, mit denen wir sowieso noch ein kleines „Debriefing“ haben. Guillaume sagt, dass sie dankbar sind, dass wir das gestern ohne sie geschafft haben. „Vielleicht können sie heute mal vorbeifliegen“ meint er, während wir auf die Antwort am Funk warten. Ich kann mir das nicht vorstellen, aber tatsächlich, sie sagen einfach: „Jaja, wir haben gerade eh einen Notfall in der Nähe, wir kommen auf dem Rückweg vorbei.“

Ein paar Stunden später, ich versuche mich gerade ein bisschen auf der Terrasse zu dehnen, höre ich das typische Brummen. „Sie kommen!“, sagt Guillaume und schnell räumen wir unsere Wäsche weg, die noch zum trocknen vor der Hütte hängt. Mit dem Fernglas zeigen wir wo der Rucksack liegt, und schauen dann dabei zu, wie sich ein Bergretter vom Helikopter aus zu ihm abseilt. Keine fünf Minuten später packe ich den triefenden Rucksack aus und verteile alles zum trocknen in der Sonne. Das wird wohl eine Weile dauern, aber das macht mir nichts. Ich will sowieso ein paar Tage bleiben.

Am Samstag hat Guillaume, der die Hütte hier selbst erst seit ein paar Wochen führt, über 40 Gäste. Da er allein ist, biete ich an, zu bleiben und mitzuhelfen. Und es sind schöne Tage. So schön, dass es mir wirklich schwerfällt, mit vorzustellen, dass ich irgendwann wieder weitergehe. Wieder einmal kann ich mir vorstellen, alles Andere sein zu lassen, und einfach oben zu bleiben. Warum auch nicht? Schreiben kann ich auch hier? Der See vor der Hütte ist so schön, dass ich mich in seinem Anblick verlieren kann. Als wir einen Rundgang machen, um die Quelle checken, von der die Hütte ihr Wasser bezieht, gehe ich sogar in einem kleineren See oberhalb der Hütte baden. Das Wasser mit seinen acht Grad zwar kalt, die Erfrischung trägt aber zur Wiedererweckung meiner Kräfte bei. Auch die Arbeit auf der Hütte tut mir gut, weil sie so dankbar ist und so spürbar produktiv. Was ich am meisten daran schätze, ist dass es hier oben so leicht ist, Menschen mit so etwas „einfachem“ wie einem guten Essen eine Freude machen zu können. Die Wertschätzung von all dem, was im Tal selbstverständlich scheint, ist hier oben ein kollektives Erlebnis, das unausgesprochen bleibt, aber die Menschen miteinander verbindet.

Es bleibt zwischen all dem genug Zeit dafür, mich um meinen lädierten Körper zu kümmern. Ich habe zwar keinerlei äußere Verletzungen und auch kaum Muskelkater, aber ich bin extrem verspannt, hatte anfangs ordentliche Gliederschmerzen und es dauert lange, bis mein Körper anfängt, loszulassen. Maßgeblich ist dafür auch die zwischenmenschliche Wärme, die Guillaume und mich verbindet. Wir reden viel, hören gute Musik, erzählen uns aus unseren Leben. Er ist in jeder Hinsicht ein Mann, für den ich alles stehen und liegen lassen würde. Aber er hat eine Freundin und so begnüge ich mich mit der freundschaftlichen Nähe, die auch sehr wohl tut.

Die Tage hier helfen mir, runterzukommen und langsam loszulassen. Nicht nur die Nebelsituation, auch alles vorherige hat Kratzer an und in mir hinterlassen und ich will ihnen genug Zeit geben, um zu heilen. Langsam gelingt es mir immer besser, mich nicht stressen zu lassen. Von wem auch? Und warum? Ich bin es nur selbst, die mir Druck macht. Ich muss also wieder lernen, mit mir selbst Geduld zu haben, was für mich persönlich eine der größten Herausforderungen darstellt. Aber es ist gleichzeitig eine der wichtigsten Lektionen, die ich von den Bergen und bei Projekten wie diesen lernen kann. Ich weiß, wie tief verwurzelt ich bei meiner Alpenüberquerung schon einmal in dieser Geduld war, und auch wenn ich das offensichtlich verlernt habe, gibt mir die Erinnerung daran die Zuversicht zurück, dass ich die Geduld mit mir und der Welt wiederfinden kann.

Durch die Tage hier wird sich meine folgende Route nicht nur verändern, ich werde auch ein paar Tage überspringen müssen, da ich nicht unbegrenzt Zeit habe. Das ist natürlich schade, und verändert dieses Projekt. Aber anstatt meiner begrenzten Zeit, deren Vergehen ich nicht ändern kann, hinterherzulaufen, lasse ich mich jetzt in sie fallen. Ich nehme sie als Rahmenbedingung an, in die ich meine Bedürfnisse einpasse. Und ich glaube verstanden zu haben, dass ich davon profitieren werde. Denn nur so kann ich auf meinem weiteren Weg durch die Pyrenäen wirklich bei der Sache sein. Nur wenn ich im Moment ankomme, wird es mir möglich, mich darauf einzulassen, was ich erlebe.

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