9. Tag: J‘etais a l‘ouest…

Refugi de Cabana Sorda – Port Vieux de Coume d’Ose – Parc Natural de la Vall de Sorteny – El Serrat – Arinsal – Refuge de l’Étang Fourcat

Auf französisch gibt es den Ausdruck, „il est a l’ouest“. Wörtlich heißt das, dass jemand „im Westen“ ist, aber es bedeutet eigentlich, dass jemand wirklich verloren ist. Verloren im Sinne von durcheinander, verlaufen, aber auch im Sinne von verschwunden. Zum Beispiel auch im Nebel, so wie ich heute. Es war mein erster alpiner Notfall, und der kam völlig unerwartet… Aber davor liegt noch der Tag.

Meine Matte hat ein Loch. Alle zwei Stunden werde ich davon wach, dass es recht hart ist unter mir, dann blase ich die Matte wieder auf und schlafe wieder ein. Das Spiel wiederholt sich die ganze Nacht, richtig erholsam ist das nicht.

Immer wieder frage ich mich, womit ich eigentlich verdient habe, dass dieses Projekt so schwierig beginnt? Ist es das klassische „zweite Mal“? Und wo ist eigentlich mein Glück geblieben?

Schließlich kapituliere ich früh morgens und nehme den harten Untergrund in Kauf. Tatsächlich schlafe ich daraufhin noch ein paar Stunden am Stück. Der Himmel vor der Hütte ist blau, als ich aufwache, und die Sonne hat sich längst auf den Weg gemacht. Meine Etappe heute ist lang, ich packe also schnell meine Sachen und mache auch mich auf den Weg, um die Sonne wieder einzuholen. Im Tal zieht der Nebel vorbei, ich habe trotz wenig Schlaf ein gutes Tempo. Heute denke ich nicht viel nach, ich gehe einfach, konzentriere auf meine Schritte und meinen Atem. Es geht viel auf und ab und ich bin froh, als endlich wieder ein See auftaucht. Auf dem Refugi de Sorteny trinke ich eine Orangina. Ich habe einfach zu viel Lust auf etwas Süßes, und so nehme ich ausnahmsweise die Dose in Kauf. Ich habe heute bis hier wirklich kaum Müll gefunden, und wenn, dann war es offensichtlich verlorenes, nicht achtlos weggeworfenes Zeug. Wie ein Stückchen Sohle, eine noch volle Plastikflasche mit Wasser, eine alte Schnalle von einem Rucksack oder die Spitze von einem Stock.

Aber je näher ich an den kleinen Ort El Serrat komme, umso mehr Taschentücher finde ich. Das Einzugsgebiet der weniger bewussten Touristen ist hier wieder deutlich, zudem ist hier ein großes Skigebiet.

Um Zeit zu sparen, und weil ich schon sieben Stunden unterwegs bin, trampe ich hinauf nach Arinsal und beginne dort gegen 15 Uhr meinen Aufstieg zum Grat beim Pic de Tristagne, hinter dem, etwas weiter unten, aber nicht weit entfernt das Refuge de Fourcat liegt, und der See an dem ich heute biwakieren will.

Bevor ich aufsteige schaue ich noch einmal aufs Wetter. Die App hatte für 14 Uhr ein Gewitter angesagt, das aber nicht gekommen ist. Der Himmel ist weitgehend blau, nur im Süd-Westen sind ein paar verdächtige Wolken, aber die sind weit weg und bevor daraus ein Gewitter werden kann, habe ich die 500 Höhenmeter und paar Kilometer Richtung Nord-Ost, und gegebenenfalls zur Hütte, bestimmt geschafft.

Der Aufstieg ist zunächst leicht und schön, später geht es steiler durch Geröll und ich muss gut acht geben, dass ich die spärlichen Markierungen sehe. Langsam zieht etwas Nebel aus dem Tal herauf, aus dem ich aufsteige. Als ich keine Markierung mehr erkennen kann, folge ich meinem GPS-Track, der den Weg deutlich anzuzeigen scheint. Die App, mit der ich den Track erstellt habe, basiert (wie fast alle gängigen Routenplaner) auf Open Street Map und hat mich bisher nicht enttäuscht. Ab und zu vergleiche ich den Weg sicherheitshalber mit der Garmin App, die zusätzlich andere Kartendaten abruft. Ich erreiche den Punkt, der mir von beiden Geräten als höchster Punkt des Weges angezeigt wird. Oben ist ein Steinmännchen, ich bin also sicher richtig – denke ich.

Inzwischen hat der Nebel deutlich zugenommen. Ich sehe zwar noch einige Meter weit, aber den Himmel sehe ich nicht. Ich suche den Weg, eine Markierung, irgendetwas, das auch nur an einen Weg erinnert, aber auf der anderen Seite des Grates ist es einfach nur sehr steil und felsig. Nach ein paar Metern verliert sich alles im weißen Nichts und ich habe keine Ahnung, wie steil es darunter weiter geht. Etwas weiter östlich wird ein weiterer Weg angezeigt, interessanterweise der Einzige, der von meiner Papierkarte auch aufgeführt wird, wie ich jetzt feststelle. Er führt dort vom Gipfel aus ins Tal hinab und Richtung Hütte. Er ist aber sicher über 100 Meter weg von meinem aktuellen Standort und aufgrund der schlechten Sicht habe ich wenig Lust, viel auf dem Grat herum zu klettern.

Auf der Südseite des Grates, von der ich komme, habe hier noch Netz von Andorra, rufe also auf dem Refuge de Fourcat an, und erkläre meine Situation. Ich sage auch, dass ich hier oben biwakieren werde, wenn ich den Weg nicht finde, da der Nebel recht dicht ist, und ich nichts sehen kann. Der Wirt, Guillaume, fragt mich nach dem Steinmännchen und sagt dann, dass der Weg direkt dahinter nach rechts abzweigt. Ich weiß, dass ich dort kein Netz mehr habe, wir vereinbaren also, dass ich mich wieder melde, sollte ich zurück zum Grat kommen um zu biwakieren. Ich mache mich an den Abstieg, sehr vorsichtig. Ich denke, dass es ja sein kann, dass die letzten Meter des Weges zum Grat einfach mit etwas Kletterei verbunden sind, ich weiter unten dann aber sicher auf den Pfad treffen werde. Guillaume hat gesagt, der Weg sei markiert, ich versuche also, so gut es im dichten Nebel geht, nach Markierungen Ausschau zu halten. Keine Chance. Immer wieder klettere ich zum Grat zurück und versuche es an einer anderen Stelle noch einmal. Der Fels ist locker, es ist keine angenehme Kletterei, denn einzelne Griffe beginnen sich plötzlich zu lösen und brechen weg. Zudem wird von dem Nebel alles etwas feucht, und dadurch rutschig.

Ich gebe also auf und klettere mit dem Plan zum Grat zurück, dort zu biwakieren. Aber da höre ich den Donner. Bald darauf blitzt es, was ich durch den dichten Nebel nur diffus erkennen kann. Es ist bei Gewitter mit Sicherheit auch keine gute Idee am Grat zu bleiben. Ich rufe Guillaume also nochmal an, und sage, dass ich zwar nicht glaube, dass ich hier richtig bin, dass ich aber wegen dem Gewitter trotzdem versuchen will, hinunter zu klettern. Ich verspreche nicht zu viel Risiko einzugehen, was mir unter den Umständen aber eh schon etwas absurd vorkommt. Guillaume sagt, dass er mir entgegen kommen will, aber erst später los kann, weil er die Hütte allein bewirtschaftet. Ich verstehe das natürlich und es bringt ja auch nicht so viel, schließlich können wir uns gegenseitig bei dem Nebel und dem verbleibenden Tageslicht nicht sehen.

Die folgenden Kletteraktionen meinerseits sind waghalsig. Das muss ich zugeben, und hier ist auch der Teil dieses Erlebnisses, bei dem ich mir im Nachhinein nicht ganz sicher bin, ob es ein Fehler war.

Ich bin aber jede Sekunde hochkonzentriert, überprüfe jeden Tritt und Griff und bewege mich ruhig und langsam. Als ich eine Nische im Fels erreiche, in der ich sitzen kann, mache ich eine kurze Pause. Und jetzt fängt es an zu regnen. Ab hier ist klar, dass ich nicht weiterklettern kann, denn der nasse Fels, der in das weiße Loch unter mir führt ist unüberwindbar. Ich ziehe mich also schnell wärmer an, soweit das in dem sehr kleinen Eck des Felsen geht, und packe mich in den Biwaksack. Die Metallgegenstände deponiere ich so weit von mir entfernt wie möglich – weit ist das nicht – und lege meinen Rucksack darauf. Als es auch noch beginnt zu hageln und von oben kleine Steine fallen, setze ich meinen Helm auf und entschließe, einen Notruf abzusetzen. Ich nehme also mein kleines Garmin InReach Gerät in die Hand, hebe die Klappe auf und drücke SOS. Keine zweit Minuten später bekomme ich eine SMS-Antwort auf das Gerät, dass mein Notruf eingegangen ist, und dass man die lokale Bergwacht informiert. Es folgt die Frage, wie viele Menschen betroffen sind und ob jemand verletzt ist. Es ist nicht einfach mit dem Gerät zu antworten, aber es gelingt mir. Dann sitze ich einfach da, in dem Biwaksack, und höre dem Trommeln auf meinem Helm zu.

Als es nachlässt wage ich einen Blick nach draußen. „Ich kann sehen!“ sage ich laut, und fühle mich wie geheilt. Der Nebel ist weg und keine zehn Meter unterhalb von da wo ich sitze beginnt ein Schneefeld, das unten flach wird. Ich sehe sogar das Refuge Fourcat, das auf der anderen Seite des Sees auf einer Anhöhe thront. „Ich muss da runter, dass muss gehen!“ sage ich zu mir selbst, und lasse den Rucksack stehen. Ich beginne weiter hinunter zu klettern, es ist so nah! Aber bald wird deutlich, dass das auch einfach zu gefährlich ist, zumal ich nicht weiß, ob man mich, wenn der Nebel wiederkommt, hier finden kann. Die Aussicht, die Nacht hier in der Wand zu verbringen, in der es immer rutschiger wird, ist aber ebenfalls wenig attraktiv.

Und so treffe ich wieder eine Entscheidung: Weil die Sicht jetzt viel besser ist, will ich zum Grat zurück klettern und den anderen Weg finden, der mir auf der Karte angezeigt wurde. Ich präge mir das Gelände um mich herum gut ein, falls der Nebel wieder kommt. Dann stelle ich noch meinen Rucksack so hin, dass man ihn mit seinem grell blauen Regenüberzug mit einem Fernglas von der Hütte aus sehen kann, damit ich ihn morgen hier holen kann – denke ich.

Die Kletterei zum Grat zurück ist sehr unangenehm. Ich habe nur mein Handy, den Akku mit Taschenlampe und das Garmin InReach Gerät dabei. Noch im Nachhinein kommen mir immer wieder Bilder von dieser Kletterei in den Sinn, die mir mit etwas Abstand noch mehr Respekt einflößen. Während ich klettere, denke ich darüber aber natürlich nicht nach. Ich bekomme Nachrichten vom Notfallservice auf dem InReach, aber ich kann sie jetzt nicht lesen.

Oben angekommen rufe ich wieder auf der Hütte an. Ein Mann namens Pascal hebt ab und sagt, dass Guillaume unterwegs ist zu mir. Ich kauere auf dem Grat, es ist inzwischen ziemlich kalt und ich bekomme die ersten Krämpfe in den Unterarmen und Beinen.

Der Nebel kommt und geht, die Sicht ist im großen und ganzen schlecht und das Gewitter hat zwar nachgelassen, aber der Wind ist stark. Ich bin mir sicher, dass in diesem Wetter kein Helikopter fliegen kann und weil Guillaume unterwegs ist und er sich hier sicher gut auskennt, stoppe ich den Notruf.

Ab jetzt rufe ich alle paar Minuten auf der Hütte an. Pascal, der selbst eigentlich Gast auf der Hütte ist, kommuniziert von dort aus mit Guillaume über Funk und ich gebe meine GPS Koordinaten durch. Ich gebe Lichtzeichen und rufe, sehe selbst aber keine und höre nichts.

Weil ich Netz habe, bekomme ich jetzt auch WhatsApp und SMS. Eine Nachricht von meiner Schwester: „Ana, ruf an!“. Mist, jetzt wird mir klar, dass der Notrufdienst vermutlich meine Familie informiert hat. Es tut mir schon jetzt unendlich leid und ich sehe sie vor mir, wie sie völlig besorgt in der Küche sitzen. Ich rufe an und gebe eine kurze Entwarnung, sage, dass Hilfe unterwegs ist. Ich bemühe mich, dass man nicht hört wie sehr meine Zähne klappern.

Ab jetzt wird es rapide dunkel und immer kälter. Die Krämpfe sind schmerzhaft und nehmen zu. Ich würde mich gerne bewegen, traue mich aber wegen den wieder und wieder auftauchenden Blitzen nicht, auf dem Grat herumzuturnen. Als ich es zwischendrin mal versuche, merke ich wie steif mein ganzer Körper geworden ist und wie schwer es ist, mich kontrolliert zu bewegen.

Endlich sehe ich Guillaumes Licht und er sieht mich. Wir rufen und hören einander endlich. Der Wind muss unsere Rufe vorher verweht haben. Ich versuche mich langsam und in kleinen Bewegungen zu mobilisieren, denn der Abstieg liegt ja noch vor mir. Als Guillaume unterhalb von mir ankommt, klettere ich ihm, mit seiner Hilfe entgegen. Es sind nur ein paar Meter, aber die sind recht schwer. Wir umarmen uns, er sagt „Mann, das ist gut, dich zu sehen.“ Mir geht es genauso. Guillaume hat seinen Hund Django dabei, der aufgeregt vorausläuft. Wir klettern langsam und vorsichtig, aber es geht gut. Ich habe natürlich, dank Adrenalin, jetzt wider genug Kraft um den Abstieg noch zu meistern. Wir sind bald auf dem Weg, zu dem ich gelangen wollte, ein bequemer, gut markierter Steig. Ich hätte den aber im Nebel nicht gefunden. Oben, am Beginn des Abstiegs steht ebenfalls ein Steinmännchen.

Um halb 12 sind wir auf der Hütte. Ein paar Gäste sind wach geblieben und klatschen, als wir reinkommen. Puh. Wie im Theater fällt hier mit diesem Klatschen plötzlich eine große Spannung von mir ab. Wir bedanken uns, werden umsorgt und ich bekomme trockene Sachen. Wir telefonieren noch mit der PGHM, der Bergwacht. Guillaume erzählt mir, dass sie gesagt haben, dass sie bei dem Wetter nicht hätte fliegen können, weshalb er dann angeboten habe, dass er mich suchen geht.

Die Gäste gehen schlafen, Guillaume und ich sind beide noch zu aufgeregt, um müde zu sein. Wir sitzen also noch in der Küche, essen Suppe und trinken Bier. Er erzählt, wie krass es auch für ihn war. Er ist kein Bergführer, geschweige denn bei der Bergwacht, und er hatte ja auch keine Ahnung wie ich unterwegs bin. Er hatte Angst, dass ich vielleicht Panik bekommen könnte, oder dass ich dem Abstieg nicht mehr gewachsen bin, oder oder oder. In dem Fall hätte er mir nicht wirklich helfen können. Ich bin ihm so unendlich dankbar für seinen Mut und seine Ruhe und seine Freundlichkeit. Er hat hier für mich ein großes Risiko auf sich genommen.

Ich bleibe mindestens morgen hier, das steht für mich schon fest. Im Zimmer staple ich viele Decken über mich, mir ist noch immer sehr kalt. Aber innerlich wird mir jetzt warm und ich weiß, dass diese Wärme bald auch meine Fingerspitzen erreichen wird. Ich schlafe schlecht, rekapituliere jede Entscheidung, frage mich , ob und wenn dann wo ich einen Fehler gemacht habe. Immer wieder tauchen Bilder auf, von rutschigem Fels, von bröckelnden Griffen, von fallenden Steinen. Aber ich bin hier, unter den Decken, und alles ist gut gegangen. Ich bin froh, dass es mir gelungen ist, in jedem Moment der letzten Stunden einen kühlen Kopf bewahrt zu haben und ich danke meinem Körper für seine Zuverlässigkeit.

Vielleicht ist das hier der eigentlich der Anfang des Projektes „Anas Pyrenean Way West“.

3 Antworten auf “9. Tag: J‘etais a l‘ouest…”

  1. Aus meiner Sicht alles richtig gemacht. Die ein oder andere Entscheidung hätte man auch anders fällen können, aber dramatische Fehler sind nicht zu erkennen. TOP! Und gut, daß es geklappt hat!!!!

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