8. Tag: Kommunikation

L’Hospitalet-prés-l’Andorre – Étang Pedourés – Étang de Couart – Pic de Rulhe – Étangs de l’Albe – Refugi de Junclar – Refugi de Cabana Sorda

Ich habe schlecht geschlafen, aber draußen scheint die Sonne und ich will raus aus diesem tristen Tal.

Auf dem Weg hinauf zum Étang Pedourrés merke ich, wie viel mehr Energie mein Körper jetzt hat. Der steile Anstieg geht leicht und schnell und die Bewegung ist nicht anstrengend, sondern einfach wohltuend. Je höher ich komme, umso wilder wird die Landschaft: immer wieder taucht ein See auf, oft streckt sich das angrenzende Schneefeld bis tief in ihn hinein und bildet unter dem Wasser ein wunderhaftes Türkis, das an Bilder aus dem Polarmeer erinnert. Zwischen den Schneefeldern blühen die Wiesen in vielen kräftigen Farben und bilden einen beeindruckenden Kontrast zu dem weiß. Am Étang Couart entlang springe ich von Stein zu Stein und versuche mit jedem Hüpfer etwas mehr Leichtigkeit zu gewinnen. Aber es gelingt mir nicht. Zu tief haben sich die Krallen eines Konflikt in meinen Nacken gegraben, der gestern plötzlich und wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Ich will und kann hier nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich möchte trotzdem versuchen zu beschreiben, wie es mir geht, denn diese innere Stimmung beherrscht meinen Tag, und damit die Perspektive auf alles was ich hier erlebe.

WhatsApp ist einfach kein Medium, über das man kommunizieren sollte, sobald es gilt, etwas ernsthaftes zu kommunizieren. Denn oft sind die Finger schneller als der Verstand und das Herz. Ich merke spätestens im Nachhinein immer, wie hässlich es sich anfühlt, wenn ich etwas geschrieben habe, was ich so nicht gesagt hätte.

Gestern wurden mir über WhatsApp „ganz nebenbei“ Leichtsinn und gar Verantwortungslosigkeit unterstellt. Aber das ist es nicht einmal, was mich am meisten trifft, zumal ich mir selbst auch nach erneuter und reiflicher Überlegung sicher bin, dass keiner der beiden Vorwürfe in meinem Fall gerechtfertigt ist. Natürlich kann man sagen, das es grundsätzlich leichtsinnig ist, am Berg allein unterwegs zu sein, aber auch das ist Ansichtssache, denn Gruppen begeben sich sicherlich manchmal gerade aufgrund ihrer eigenen Dynamik in große Gefahr, während man allein ungestört und reflektiert entscheiden kann. Ich bereite mich, gerade weil ich allein-verantwortlich unterwegs bin, auch umso besser auf meinen Touren vor. Auch wenn die gesamte Route geplant ist, lege ich Details und Varianten jetzt immer erst je nach aktueller Lage vor Ort fest. Das hat mich die Alpenüberquerung letztes Jahr gelehrt: Das Wetter macht eh, was es will, auf meinen Körper sollte ich auch immer hören und deshalb brauche ich immer mindestens einen Plan B, oder nehme mir vor Ort die Zeit ihn zu finden.

Aber wie gesagt, das ist es nicht, was nun schwerer auf meinen Schultern lastet, als der in l’Hospitalet-prés-l’Andorre neu aufgefüllte Rucksack. Was mich beschäftigt, ist das mangelnde Vertrauen, das mir hier von einem Menschen entgegengebracht wird, von dem ich dachte, dass er mich besser kennt, zumal wir gemeinsam schon viel erlebt haben. Die achtlose Wortwahl, die – typisch WhatsApp – ungebremst und mangels Reaktionsmöglichkeiten auch umso verletzender ist passt nicht zu der zwischenmenschlichen Beziehung. Wie gerne hätte ich einfach telefoniert, aber dafür ist „keine Zeit“. Es ist diese Vermeidung eines offenen Wortes, das mich trifft. Es könnte so einfach sein, da bin ich mir sicher.

Gerne würde ich all dieses Negative hinter mir lassen, während ich hier über die Steine an diesem wunderschönen See entlang springe. Stattdessen hängt die Fehlkommunikation schief in meinem Inneren und nimmt mir die Balance. Tatsächlich knicke ich heute so häufig um wie noch nie und muss mich immer wieder ermahnen noch vorsichtiger zu sein als sonst. Die mangelnde Klärungsbereitschaft fühlt sich an, als solle ich für etwas betraft werden, aber – und das ist wohl die Strafe: Ich weiß nicht für was. Wenn ich es wüsste, könnte ich mich wenigstens dazu verhalten, mich erklären oder mich gegebenenfalls auch entschuldigen.

Mir fehlt die Ruhe, um die nötige Geduld aufzubringen, um eine Klärungsbereitsschaft abzuwarten, zumal ich das undefinierte Gefühl habe, dass sie nicht eintreten wird. Für diese Form der Geduld bin ich hier zu allein und habe zu viel Zeit um nachzudenken. Und da ist sie plötzlich, zum ersten Mal auf dieser Tour: Die ungefilterte Beschäftigung mit dem Jetzt. Meist ist sie ein Schatz, aber sie kann, wie in diesem Fall, auch zu einer Qual werden.

Und so bleiben mir nur Hoffnung und Glauben, die ich mit Hilfe der kräftig türkisen Seen um mich herum versuche hoch zu halten.

Ich erreiche das Refugi de Junclar, und mir schallt fröhlicher Reggae entgegen. Das spanisch-katalanische Team ist so entspannt, dass es mich ansteckt und nach ein paar warmen Worten gibt es auch noch ein Crépe mit Schokoladensauce.

Es fällt mir gar nicht so leicht von hier wieder aufzubrechen, aber als ich schließlich am unbewirtschafteten Refugi de Cabana Sorda ankomme, freue ich mich doch über die Ruhe. Draußen ist es richtig windig, und ich bin froh über das Dach und diese wirklich fein renovierte Unterkunft. Am See nebenan versuche ich zu meditieren, aber es gelingt mir nicht. Also gehe ich einfach schlafen und hoffe, dass die Nachtruhe mir die Last nimmt.

Ich weiß, dass es nicht nur „schön“ ist, diese Berichte zu lesen. Aber ich will lieber ehrlich sein, als alles in übertrieben positiven Farben zu malen. Denn Tage wie heute empfinde ich auch als einen wichtigen Teil meiner Reise, selbst wenn sie weniger Spaß machen.

Und die großen Feste, die kommen noch, da bin ich mir sicher. Es ist dieses Grundvertrauen in die positive Kraft der Berge, das mich tief und gut schlafen lässt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s