7. Tag: Langsam am Gipfel die Leichtigkeit zurückgewinnen

Refuge de Bouillouses – Pic Carlit – L’Hospitalet-près-l’Andorre

Es ist leicht, früh aufzustehen: der Himmel strahlt in einem klaren Rosa, ein leichter Wind streichelt alles und das Wasser des kleinen Flusses plätschert fröhlich. Als erstes denke ich, was für eine gute Idee es war, mich spontan noch gegen das Lager zu entscheiden. Der Wirt hat nur gelacht und gesagt „Bien sure, pas de problème“. Er kennt das, er hat früher selber am liebsten draußen geschlafen.

Ich gehe schnell los und es macht zum ersten Mal richtig Freude, mich voll Energie zu bewegen. Es geht zunächst gemächlich bergauf und dabei an kleinen schönen Seen vorbei. Außer mir und ein paar Schmetterlingen ist noch niemand unterwegs und ich genieße es, all die Schönheit für mich allein zu haben. Als ich auf eine Anhöhe komme, sehe ich einen großen Hirsch, der bei meinem Anblick galant aber schnell zwischen den Bäumen verschwindet.

Bald komme ich an den letzten Fluss vor dem steileren Anstieg in Richtung Pic Carlit. Ich setze mich ans Wasser und schaue eine Weile einfach hinein. Lange halte ich es nicht aus, ich bin einfach noch immer zu unruhig. Ich filtere also noch etwas Wasser und mache mich dann an den steilen Anstieg. Teils über Schneefelder geht es bis zum Grat hinauf, wo ich spontan entschließe, ein bisschen zu klettern. Das Gelände ist gut einsehbar, der Fels ist schön griffig und es ist zudem eine Abkürzung zum Gipfel. Es macht mich einfach froh, meinen ganzen Körper zum Einsatz bringen zu können und es ist eine wunderbare Abwechslung zu dem vielen Gehgelände der letzten Tage.

Am Gipfel empfinde ich zum ersten Mal dieses Gipfelgefühl. Tief Luft holen, bis in die Magengrube hinein und dann strahlt es weiter durch den ganzen Körper. Nach Westen hin liegt unten ein kleiner See, in dem große Eisbrocken schwimmen. Ein bizarres Bild, das an den Nordpol erinnert. Die ganze Landschaft ist weiß gesprenkelt von kleinen Schneefeldern. Obwohl, sie sind eher rosa, so deutlich sind hier die Ablagerungen des Sahara-Sandes.

Am Gipfel füllt es sich nun schnell. Eine große Truppe sehr bunter französischer Bergläufer feiert sich gegenseitig abklatschend das Ziel. Es werden fröhlich zahlreiche Selfies geschossen, ich mache noch ein Gruppenfoto, das vor Überschwang strotzt, und dann sind sie wieder dahin. Nun kommt der erste Teil einer großen Familiengruppe, bald der mittlere mit einem nun vor Stolz strotzenden Jungen, und schließlich, nach einer Weile noch schnaubend aber entschieden die Mutter, die nun von allen beklatscht wird, während sie sich auf einen Felsblock setzt und strahlt. Was für eine schöne Szene.

Ich bleibe eine ganze Weile auf dem Gipfel und halte meine Nase in die Sonne. Es tut gut, nichts zu tun. Und ich frage mich, wann es endlich soweit ist, dass mir das nicht mehr zu schwer fällt. Noch immer schwirren mir tausend Dinge durch den Kopf: Es fehlt noch die Detailplanung von ein paar Etappen, die Beantwortung von ein paar Emails, die Organisation meines letzten „revitaillement“, des Verpflegungspunktes in Gavarnie.

Schließlich gebe ich auf, und mache mich wieder auf den Weg. Bergab renne ich, das ist für ich auch eine gute Art abzuschalten, die gleichzeitig viel Konzentration fordert, aber eben auf das, was ganz unmittelbar vor mir liegt. Mein Körper führt, er ist darin jetzt besser als meine Gedanken.

Unten angekommen steige ich einen steilen Pfad entlang eines Baches bergab. Ich folge dem Wasser, das wie erwartungsvoll immer weiter Richtung Tal strömt. Auch ich bin voller Erwartung, auf den Ort, an dem das Wasser zur Ruhe kommt: Ein See.

Dort angekommen dauert es keine fünf Minuten und ich bin um Wasser. Es ist eiskalt, lange bleibe ich nicht drin, aber es tut unendlich gut.

In dem kleinen Ort l’Hospitalet-prés-l’Andorre hat alles zu und kein Mensch ist zu sehen. Es ist etwas trist hier, denn neben den paar Steinhäusern verläuft eine große Straße, auf der die Autos hier kaum bremsen. Der kleine Bahnhof lässt nur ahnen, dass man hier auch weg kann, und das Kraftwerk, dass mit seinen Drähten und Türmen die Landschaft beherrscht, schafft nun auch nicht gerade Athmosphäre. Aber es gibt eine Post. Und hier sollte morgen mein Paket ankommen, und deswegen bleibe ich heute hier.

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