Tag 4: Immer oben

Refuge de Mariailles – Roc Colom – Puig de Lhosa – Estació d’esqui de Vallter 2000 – Refugi Ulldeter – Coll de Marrana – Coll de Tirapits

Ich wache früh auf, ganz ohne Wecker. Ich habe wirklich gut geschlafen und auch meine Schulter scheint sich beruhigt zu haben. Dankbar bleibe ich noch eine Weile liegen und denke an die schönen Begegnungen gestern. Dann trinke ich einen Kaffee in der Hütte und gehe um sieben Uhr los, hinauf zu dem Gratweg, den ich heute über zwölf Kilometer entlanggehen werde. Ich ziehe die Barfussschuhe an, denn ich habe Lust jeden Kiesel zu spüren.

Es ist leicht bewölkt und eigentlich ganz angenehm kühl. Je weiter ich am Grad entlang gehe, umso nebliger wird es. Aber ist ein freundlicher Nebel. Auf dieser Tagesetappe gehe ich nicht auf Wegen, sondern wirklich am Grat entlang. Ich freue mich über die Abwechslung, die mir die Kletterei hier bietet. Dabei sehe ich, zumindest so lange der Nebel nicht dichter wird, unten immer den Weg, zu dem ich gegebenenfalls zurückkehren kann. Am frühen Nachmittag ist es soweit. Ich sehe nur noch ein paar Meter weit und kehre mit Hilfe des GPS Pfeils zum Weg zurück. In diesem Moment liebe ich mal wieder die Technik. Wie sich herausstellt war ich fast am Ende des Grates angekommen und stehe jetzt auf dem Roc Colom, dem höchsten Punkt der Etappe. Angeblich sieht man hier sonst bis zum Meer. Mein Meer hier ist undurchsichtiges Weiß. Der Abstieg, der nun folgt, geht lange über Felder, deren Weite ich immer wieder erahnen kann, wenn sich hie und da der Nebel hebt und senkt. Je tiefer ich komme, umso weniger Nebel. Nun gehe ich über eine Wiese, die völlig von Enzian bedeckt ist. Anfangs kann ich es kaum glauben, aber es ist wirklich Enzian. Und lustigeres bekommt ich bei dem Anblick ein kleines bisschen Heimweh.

Als ich etwas weiter unten ein seltsam graues Gebäude umrunde, stehe ich plötzlich mitten auf einem riesigen grauen Parkplatz, der geisterhaft verlassen in einzelnen Nebelschwaden liegt. Er gehört zu einem Skigebiet und ab hier dauert mein weiterer Abstieg ewig, weil ich unendlich viel Müll einsammle. Irgendwann stehe ich mitten in einem Fluss und versuche eine alte Plastiktüte von den Steinen zu lösen, um die sich sich im Verlauf der Zeit gewickelt hat. Wenn je wieder jemand fragt, wie denn „unser“ Plastik in die Meere gelangt…

Bald darauf sitze ich aber im gemütlichen Refugio Ulldeter und trinke eine heiße Schokolade. Die Belegschaft hat mir meine Müllast abgenommen, und die Einzelteile sogar noch in ihre Recyclingcontainer sortiert. Als Dankeschön bekomme ich ein Stück selbstgebackenen Kuchen.

Dann geht es weiter, denn ich will heute noch hoch hinauf. Der Nebel hat nachgelassen und ich bin mir inzwischen sicher, dass es heute nicht mehr regnen wird. Unterwegs begegne ich einigen Pferden, die mit Glocken um den Hals hier grasen, oder ausgelassen über die Hänge rennen. Ihre Schönheit geht mir nah, und ich bleibe eine Weile und sehe ihnen zu. Das Licht der untergehenden Sonne und die weiten Hügel meiner Umgebung lassen auch mich ruhiger werden, und so gehe ich einen Schritt langsamer.

Der Weg zu der kleinen Steinhütte, in der ich schlafen will um vom Wind geschützt zu sein, ist länger als erwartet, und als ich um zehn Uhr ankomme reicht meine Energie nur noch dazu, mir etwas Essen warm zu machen. Es tut gut Couscous mit meiner selbst dehydrierten Bolognesesauce zu essen, die ich noch mit getrocknetem Salbei von meinem Balkon verfeinere. Es ist inzwischen ziemlich kalt geworden, aber in der Hütte schlafen ist trotzdem keine Option für mich. Der Eingang ist sehr niedrig, so dass man richtig hinein kriechen muss, und drinnen stinkt es modrig. Da bleibe ich doch lieber unter dem Sternenhimmel.

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