Tag 3: Französisch-Katalonien

Es ist keine ruhige Nacht. Es windet gewaltig und in lauten Böen fegt es alles mögliche über mich hinweg. Das habe ich nicht erwartet. Dazu kommt noch das wirklich konstante klingeln der Kuhglocken, die an den Hälsen der Stiertruppe hängen, die sich ausgerechnet als ich mich hingelegt habe, meine Wiese zum weiterfuttern ausgesucht haben.

Ich will nicht aufstehen. In meinem Schlafsack ist es so schön warm, aber ich wache immer wieder vom Wind auf. Und so ziehe ich schließlich um und strecke den Stieren im Dunkeln die Zunge raus, als ich an ihnen vorbei auf die andere Seite des Klosters gehe, wo ich schließlich noch ein paar Stunden Schlaf bekomme.

Als ich aufwache schmerzt meine Schulter. Und als ich aufstehe wird es nur noch schlimmer. Also lege ich mich wieder hin.

Heute ist nicht mein Tag, das merke ich sofort. Und dabei dachte ich, dass jetzt alles besser wird? Ich schaue auf die Karte: Es sieht aus, als liege ein weiterer langweiliger und heißer Tag vor mir. Keine Lust. Wirklich nicht. Ich schlafe wieder ein.

Um acht Uhr wache ich auf und packe meine Sachen. Die Stiere schauen mir müde hinterher, als wären sie es, die schlecht geschlafen hätten. Als ich den Rucksack aufsetze, merke ich den Schmerz in meiner Schulter wieder. Ich vergesse ihn erst, als ich an einem unfertigen Turm vorbeikomme, an dem ein Typ gerade zu bauen scheint. „Bon dia“ sagt er gut gelaunt. Ich bleibe stehen. „Are you building your own house?“ frage ich „No, no“ er lacht, „you want to see? I build house for bats!“ Er erklärt mir, dass er aus selbst hergestellten Grasziegeln einen Turm für Fledermäuse baut, damit die Biologen sie dann beobachten können. Er ist total begeistert von seiner Arbeit und das macht auch mich froh.

Beschwingt gehe ich weiter und merke erst eine Stunde später, dass ich mich verlaufen habe. Ich bin jetzt auf dem Weg nach Cerét, einer kleinen Stadt, die weiter nördlich liegt, als meine Route. Zuerst ärgere ich mich lange, aber das macht den Schmerz in meiner Schulter nur noch schlimmer. Also entscheide ich, mich nicht mehr zu ärgern, sondern einfach zu gehen.

Und das hilft. Der Schatten der Bäume ist angenehm und dazu weht immer wieder eine kühle Brise. Der staubige Weg geht mäßig bergab und ich lasse mich einfach laufen. Eine ganze Weile geht das gut, ich genieße meinen eigenen Trott und meine Gleichgültigkeit. Irgendwann, nach sechs Kilometern oder so, kommt mir dann doch ein Zweifel, ob das eine gute Idee war. Und nach neun Kilometern kriege ich wieder schlechte Laune.

Endlich höre ich die Reifen eines Jeeps hinter mir und mein Daumen schließt in seine Richtung. Drinnen eine Frau um die 50, kräftig, dunkel gefärbte Haare, Blumenbluse und weiße Hose, Schmuck aber nicht protzig. Ihre Hände verraten, dass sie damit arbeiten kann. Mit diesen hat sie auch das Lenkrad fest im Griff. Maria freut sich, mich kennenzulernen, sagt sie. Wir reden über die Berge, die sie ebensosehr liebt wie ich, wir erzählen uns gegenseitig von unserem woher und wohin und schnell haben wir einen guten Draht gefunden. Wir landen bei dem Thema, wie klug der menschliche Körper ist, und wie wichtig es ist, auf ihn zu hören. Ich erzähle von meiner Schulter. „Est-ce que tu connait Arnic?“ fragt sie. Ich verstehe nicht was sie meint. Aber ich komme nicht dazu, genauer nachzufragen, denn Maria legt eine Vollbremsung auf der steilen Schotterpiste ein und springt aus dem Auto, Mit einem Büschel gelber Blumen kommt sie herein und reicht sie mir. „Tu das drauf“ sagt sie. „Das hilft.“ Jetzt verstehe ich „Ah… Arnika!“

Sie erklärt mir, dass Arnika nicht nur wundheilend, desinfizierend und entzündungshemmend wirkt, sondern auch gut gegen Verspannungen und Prellungen hilft, man müsse allerdings eine Tinktur machen. Wie das geht, erzählt sie mir auch, aber so schnell, dass ich leider nicht mitkomme. Ihr Pyrenäen-Akzent macht es nicht leichter.

„Ah… achillée millefeuille!“ ruft Maria plötzlich, und steigt wieder auf die Bremse. „Quoi?“ rufe ich ihr noch nach. Mein Französisch ist ganz gut, aber außer, dass millefeuille wohl „tausend Blätter“ heißt, habe ich keine Ahnung wovon sie redet. Sie steigt wieder ein, und während sie sich anschnallt und aufs Gas tritt reicht sie mir strahlend einen ganzen Strauß Schafgarbe. Dann erzählt sie, dass Schafgarbe Bitterstoffe enthält, die vielen Organen, wie der Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse zu mehr Aktivität verhelfen. Besonders für den Magen wirkt sie außerdem verdauungsfördernd, entzündungshemmend und krampflösend. Außerdem nennt man sie auch Soldatenkraut, weil sie, zwischen den Händen zerrieben, Blutungen stillen kann.

Ab hier lerne ich den Rest der Buckelpiste über verschiedenste Pflanzen, die hier wachsen, und ihre Wirkung. Ich nehme mir vor, mir alles zu merken, aber das gelingt mir natürlich nicht.

Dann fährt Marie an einem prächtigen und wilden Garten vorbei, der steil am Hang liegt. „Hier wohne ich“ sagt sie „mein Garten ist mein Leidenschaft, ich mache ihn ganz alleine.“ Wir brausen an dem Haus vorbei. „Ich bring dich noch ein Stück“ sagt Marie.

Sie fährt mich wirklich noch ein ganzes Stück weit, „damit du im Schatten stehen kannst“ sagt sie. Wir verabschieden uns mit einer herzlichen Umarmung und sagen beide, wie toll es ist, dass wir uns kennenlernen konnten.

Keine fünf Minuten später hält ein Van und ein schnell sprechender und etwas nervös wirkender Mittvierziger nimmt mich mit. „Ich habe Hunger… ich muss nach Hause, was essen. Ich bin um sechs Uhr aufgestanden und ich hatte noch keine Zeit zu essen!“ Ich kenne das Gefühl und auch ich bekomme langsam Hunger. „Hast du schon gegessen?“ fragt er mich „Nein, aber ist schon okay, lass mich einfach irgendwo raus.“ „Nein, du kannst gerne bei mir essen, ich muss dann eh noch weiter, dann kann ich dich danach wieder mitnehmen.“ „Wow, merci!“ ist alles, was ich rausbringe. Stéphane ist Mathelehrer und hatte heute zum Glück früher aus. „Ich nehme dich mit, weil ich die Berge auch liebe“ sagt er und erzählt von seiner letzten großen Skitour.

In seinem kleinen Dorf angekommen essen wir Baguette, Chèvre und Melone und ich traue mich zu fragen ob er mir erklären kann, wie das hier eigentlich mit den Katalanen und den Franzosen ist. „Phew…“ er zieht die Augenbrauen hoch. „Da bist du bei mir am Richtigen. Gut, dass meine Frau nicht da ist, mir ihr habe ich ein Abkommen, dass wir darüber nicht reden…“

Es ist wohl so, dass die Katalanen, die hier in Frankreich leben, von der Regierung relativ wenig beachtet, beziehungsweise lange ignoriert wurden. Als er jünger war und zum Studium in der Stadt, habe er niemandem gesagt, dass er Katalane sei. Dafür habe man sich damals geschämt. Heute ist das zum Glück anders. Stéphane, oder Esteba, wie er eigentlich heißt, unterrichtet jetzt auch Mathe auf Katalan. Das kommt nicht bei allen gut an. Man merkt hier überall deutlich, dass das „kompliziert“ ist, wie Esteba immer wieder betont. Die Region, durch die wir jetzt fahren heißt seit zwei Jahren „Occitanie“, obwohl es eigentlich Langued’oc-Roussillon war, woran sich die Katalanen stören, weil sie sich dadurch aus historischen Gründen, die ich nicht ganz durchstiegen habe, ausgegrenzt fühlen. Jedenfalls sind an jeder Ortseinfahrt zwei Schilder: Rechts steht der Ortsname auf Französisch und links auf Katalan. Dazu steht dann immer „Pay Catalan“, was eine Mischung aus beiden Sprachen ist. Also ja, es ist kompliziert. Aber ein Beispiel zeigt doch, wer hier anscheinend das Zepter in der Hand hält: Es gibt hier einen Gipfel, der seit Uhrzeiten Pic de Frausa heißt. Er wurde von den Franzosen kurzerhand ungenannt und heißt jetzt Pic de France…

Esteba erzählt mir noch von den Korkbäumen, die hier in der Region viel gepflanzt wurden. Auf französisch heißen sie „chaine liege“. Der Rinde wird unten vom Stamm geschält und ist zunächst ein Abfallprodukt. Dann muss man 15 Jahre warten, bis der Stamm nun den Kork trägt, den man für Korken und Anderes verwenden kann.

Als wir uns verabschieden, sagt Esteba nur „Wir haben echt viel geredet!“ Ich nicke. Wir lächeln: es war wirklich eine spannende Bekanntschaft.

Als nächstes nimmt mich Andres mit. Er ist aus Quebec und mag es auch nicht, wenn man ihn einfach Kanadier nennt. Er erzählt mir von seiner Tochter, die Sängerin ist und in Wien lebt. Er ist völlig begeistert und beeindruckt von meiner Tour und fragt viel.

Aus dem Autofenster schaue ich nach links hinauf in die Berge. Hier ungefähr müsste jetzt der Pic Canigou sein, auf den ich eigentlich heute steigen wollte. Dass er von dichtem Nebel umhüllt ist, macht es mir etwas leichter, mich nicht zu sehr dafür zu schämen, dass ich ihn links liegen lasse.

Andres fährt mich mit seinem Kombi bis zum letztmöglichen Parkplatz vor dem Refuge de Mariailles, wo ich heute übernachten will, weil der Himmel inzwischen auch hier verdächtig düster ist. Am Parkplatz will Andres noch gemeinsam mit mir auf die Karte gucken, damit ich auch wirklich weiß, wo ich hin muss. Mich rührt das, und er erinnert mich an meinen eigenen Vater, besonders als er zwei Wanderern, die gerade herunterkommen, fast stolz erzählt, was ich mache. „Sie hat auch ein Buch geschrieben, das kommt im Oktober in Deutschland raus und dann vielleicht auch bald auf Französisch“ höre ich ihn noch sagen, als ich meinen Rucksack aus dem Kofferraum hole. Noch lange, nachdem wir uns verabschiedet haben, muss ich darüber schmunzeln.

Was für ein schöner Tag das heute war. Voll Energie laufe ich die fünf Kilometer zur Hütte. Der Weg führt ständig am Wasser entlang, was für ein Genuss. Ich trinke viel und plansche auch noch ein bisschen mit den Füßen. Kaum bin ich an der Hütte angekommen, fängt es an zu schütten. Und auch das wirkt befreiend. Endlich, die Erlösung. Und meine damit nicht nur den Regen, sondern auch, dass es mir endlich wieder Spaß macht unterwegs zu sein.

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