Blue Skye

Ja, die Pläne haben sich geändert. Wir, also meine Freundin April und ich, wandern jetzt in einem großen U von der Nordspitze der Insel Skye nach Süden, queren dann wieder aufs Festland hinüber und gehen weiter auf der ursprünglichen Route bis nach Ullapool. Ich suche noch nach dem Namen der Meerenge zwischen dem schottischen Festland und der Insel Skye, die wir jetzt also umrunden.

Schon am Freitag, also gleich zu Beginn haben wir uns gegen die Besteigung des Ben Nevis entschieden, weil auf diesem höchsten Berg von Schottland gerade noch ziemlich viel Schnee liegt und es uns irgendwie nicht hingezogen hat. Besonders nach zwei sehr kalten Tagen im Zelt, mit Schnee und viel Regen bei dem Fotoshooting, war mir nicht nochmal nach frieren zumute. Das liegt insbesondere daran, dass ich tatsächlich nicht die richtigen Klamotten dabei habe für die überraschend niedrigen Temperaturen hier. Aber auf der Insel Skye erwarteten uns laut Wettervorhersage ein paar Tage gutes Wetter, und das hat sich gleich bei unserer Ankunft an der Nordspitze der Insel, bei Meall Tuath, bestätigt.

Dort haben wir also vorgestern unser Trail mit einem unglaublich weiten Blick über das Meer begonnen. Der Wind hat unsere Haare verwirbelt und wir waren voller Vorfreude inmitten dieser feierlich spektakulären Kulisse aus Fels, Wind, Wasser und Licht.

Oben auf der Landzunge stand malerisch ein kleines „Bothy“, so nennt man hier die unbewirtschafteten Biwakhütten, und es war auch schon gut frequentiert. Aber wir wollten sowieso noch ein gutes Stück weiterkommen und so gingen wir lange durch das schlammige Gras, kletterten über diverse Zäune und bewunderten die lustigen Lämmer, die überall ihren Mutterschafen hinterherhüpften.

Als wir wieder einmal über ein Gatter geklettert waren, rief uns ein älterer Mann in einem Pickup Truck etwas zu. Ich konnte nicht hören, was er sagte, aber schuldbewusst kehrten wir um und machten uns bereit für eine Entschuldigung. Aber der Schäfer fragte nur freundlich, zwischen rosanen Wangen lächelnd, „looks like you got lost?“ Und dann bot er uns seine Hilfe an. Wir durften bei ihm unsere Wasserflaschen auffüllen und er erzählte uns, dass es hier alles sein Land sei und er hier alle Zäune aufgebaut habe. Daher wisse er, dass man da nicht wieder herauskommt, wo wir gerade hineingeklettert waren… Er strahlt so viel Freundlichkeit aus, dass wir beide ganz eingenommen von ihm waren. Und dann stellte er uns seiner Ziegenfamilie vor. Ein Kitz wird von seiner Mutter nicht gesäugt, deswegen zieht der Schäfer selbst es mit einer Flasche auf und nimmt es nachts mit nach Hause.

Als wir später an einer schmalen Straße entlanggingen um zum Einstieg des Trails zu gelangen, hielt plötzlich ein Bus neben uns und der Fahrer fragte, ob er uns ein Stück mitnehmen solle. Müde von dem vielen Asphalt nahmen wir das Angebot gerne an. Der Fahrer, ein gut gelaunter, kräftiger Schotte Mitte Fünfzig, begann wollte unser Geld gar nicht haben, als wir ihm gesagt hatten, wo wir hinwollten, denn das Ziel war nur ein paar Kilometer entfernt.

Er erzählte uns, dass er der einzige seiner Kollegen sei, die diese Strecke gerne fahre, weil es eine einspurige Straße ist, und es besonders den Touristen hier schwerfalle, ihre Mietautos in die kleinen Buchten zum überholen zu manövrieren. „Die Chinesen sind die schlimmsten…“ sagte er lachend, und fügte hinzu, dass ein chinesischer Passagier ihm einmal erklärt habe, dass das daran liegt, dass in China kaum jemand selbst Auto fährt, obwohl alle in der Schule ihren Führerschein machten. Wenn sie dann, meist die gutbetuchten, hier nach Schottland kämen, dann mieteten sie gerne große Schlitten, obwohl es möglicherweise ihre erste tatsächliche Fahrpraxis sei… Einmal habe er selbst einem Touristen geholfen, der sein Automatikauto nach einem Stop nicht mehr bewegen konnte, weil er nicht wusste, dass D für „Drive“ steht. Wir amüsierten uns also köstlich und schon waren wir da und er wies uns noch den Weg und wünschte uns gutes Wetter. Das scheint hier sowieso eine Art Standardgrußformel zu sein. I wonder why…

Jetzt zelten wir an einem kleinen stillen See, dem Loch Langaig bei (Flodigarry). Draußen ruft unermüdlich ein Kuckuck in den Wind. Irgendwie rührt er mich. Es ist kühl und ich hoffe, wir werden nicht frieren heute Nacht.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s