Aufblühen im Schnee

Um mich herum blüht alles. Wie bunt es überall sprießt und wächst! Und dazu dieser Duft nach Licht, nach Neuem, nach Erde, nach Wachstum, den man draußen mit jedem Atemzug einsaugen kann. Jeden Morgen gehe ich raus auf den Balkon, zu meinen Blumen und Kräutern. Sie sind erst letzte Woche eingezogen und ihre Wurzeln dürften sich jetzt langsam in der Erde eingerichtet haben. Die Klematis fängt auch langsam an zu klettern. Ja, ich genieße den Frühling. Und zwischendrin schreibe ich mir Nachrichten mit Michel, dem Wirt der Chamanna d’Es-Cha, der da oben gerade die letzten Tage der Skitourensaison im mittlerweile sulzigen Schnees verbringt. Und wenn er dann wiedermal ein Foto schickt und ich sehe, dass es noch immer so frei ist dort oben, dann merke ich, dass sie mir doch auch ein bisschen fehlt, die Stille im weiten Weiß.

Die Chamanna d’Es-Cha im Engadin, einem Hochtal von Graubünden, liegt auf 2.594 Metern wunderschön auf einem Buckel im weiten Gelände. Ich bin dort im Sommer 2017 auf meiner Alpenüberquerung vorbeigekommen und habe mit Michel, dem Wirt, schweigend einer Föhnwalze dabei zugesehen, wie sie sich im Sonnenaufgang, vor der Kulisse der Bernina über einen Gebirgszug schob. Ich wusste schon damals, dass ich einmal wiederkommen möchte.

Jetzt, im März, habe ich schließlich zwei Wochen auf der Hütte verbringen dürfen, habe viel an meinem Buch gearbeitet und Michel mit der Bewirtung ausgeholfen.

 

Auf der Chamanna d’Es-Cha

Ich treffe mich am 19. März mit Michel, der gerade im Tal gewesen ist, und wir gehen zusammen ab Zuoz zur Hütte. Mit dem schweren Rucksack ist es zunächst gewöhnungsbedürftig, zumal das Wetter, mit schlechter Sicht und starkem Wind zusätzliche Herausforderungen bietet. Massive Schneeverfrachtungen und überhaupt einfach auch eine Menge Neuschnee machen auch die Lawinenlage recht kritisch, und die Abfahrt durch ein verwächtetes Cuoloir, lässt mein Herz nicht nur höher schlagen weil der Schnee so traumhaft ist…

Auf der Hütte angekommen ist es bald gemütlich, Michel erklärt mir was ich wissen muss und ich beziehe eines der Mitarbeiterzimmer. Das Leben und Arbeiten auf der Hütte kenne ich schon, aber es ist auf jeder Hütte ein bisschen anders. Die Chamanna d’Es-Cha wird über Wasserkraft mit Strom versorgt, es gibt keine Materialseilbahn, geschweige denn eine Zufahrtsstrasse, und die Versorgung läuft ausschließlich über Helikopter. Naja, oder natürlich wenn man selber Sachen höchträgt, aber dazu später mehr.

Jetzt kommen hier nur Skitourengeherinnen, Splitboarder, und ein paar Schneeschuhgeher her, die meistens die Haute Route Graubünden gehen. Auf Skitour kommen die meisten so gegen 15 Uhr auf der Hütte an, nur die planloseren Leute kommen wesentlich später ;-).

Schnell merke ich, wie viel unmittelbare Freude es macht, wenn man hungrigen Menschen einen großen Topf dampfender duftender Suppe auf den Tisch stellen darf. Überhaupt fällt mir auf, dass Essen hier so dankbar angenommen und so bewusst genossen wird, wie selten im Tal. Wahrscheinlich macht es auch deshalb so viel Spaß zu kochen und Brot zu backen. Auch der Fuchs freut sich, er besucht und manchmal Abends und holt sich die Reste, die wir ihm vor das Küchenfenster legen.

Die Tage beginnen früh, oft sind wir schon um 5 Uhr in der Küche, machen Frühstück, kochen unendlich viel Kaffee und füllen Marschtee in Flaschen. Spätestens um 8 Uhr sind alle Gäste aus dem Haus und wir stehen mehrmals jeden Morgen vor der Hütte und verabschieden die Leute, die sich bald darauf in der Distanz wie aufgefädelte Perlen einer Kette den weiten weißen Hang hinaufbewegen und dabei immer kleiner werden.

Dann gehen wir nach drinnen, räumen auf, spülen ab, machen sauber, füllen die Waschkrüge auf, schütteln die Decken aus und falten sie, bis alles wieder ordentlich ist. Mit der Zeit gewöhnen wir uns an, nach unserem zweiten Kaffee eine Yogasession zu machen. Die Vormittagsstunden sind die ruhigsten im Hüttenalltag, und Michel und ich genießen diese Stunden sehr. Wir legen dann noch ein Holzscheit aufs Feuer und vertiefen uns in Gespräche oder in die jeweilige Arbeit. Ich schreibe seitenweise, es geht mir leicht von der Hand. Michel lernt für seine Bergwanderführerprüfung. Nur im Gastraum, der „Stüva“, ist es vormittags warm, in der Küche wird es erst wärmer, wenn wir kochen und die Schlafräume sind sowieso nicht geheizt. Draußen hat es oft noch minus 12 Grad, manchmal stürmt es und die Fensterläden rasseln, aber oft spannt sich ein strahlend blauer Himmel über die unendlichen weißen Hänge um die Hütte herum.

 

Nach einer Woche muss ich für einen Fototermin zurück nach München, aber gleich am Tag darauf komme ich zurück. Michel bittet mich, ein paar Sachen mitzubringen, denn der Heli kommt im Winter nur einmal. So beginne ich, reichlich spät, weil ich im Stau steckengeblieben war, gegen 20 Uhr meinen Anstieg mit Stirnlampe. Im Gepäck habe ich neben meinem Kram auch 20 Paar Wienerwürstchen, 2 Flaschen Rapsöl und 2 Wirsing. Auch ein paar Packungen Gummibärchen habe ich dabei, die brauchen wir da oben. Es schneit stark und ich verliere bald die Spuren, die unter verwehtem Schnee verschwunden sind. Der Mond hat kaum eine Chance gegen die dichten Wolken und ich steige mehr nach GPS, als nach meiner eigenen Orientierung auf. Aber die Stille um mich herum hüllt mich ein und ich vertraue ihr. Es ist schön, diese Stille zu hören, wann immer ich stehenbleibe und damit das Knirschen meines Splitboards im Schnee unterbreche. Meine Stirnlampe habe ich die meiste Zeit aus, ich mag es, dass sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen und ich so auch meinen Weg finden kann.

Glücklicherweise kommt mir Michel entgegen, unsere Stirnlampen finden sich im hellen Schnee und bald erleichtert er mich um den schweren Rucksack, wofür ich jetzt wirklich dankbar bin. Als wir höher steigen, lassen die Wolken den Vollmond durch, und wir stehen staunend in dem stillen Schnee und sind von der Freude erfüllt, die keine Worte braucht. Auf dem Weiß ziehen langsam die Shilouetten der Wolken vorbei, und es ist als würden sie eine leise Melodie über die Hänge legen.

Es folgt eine weitere Woche voller Kommen und Gehen, mit einem Abend, der heraussticht, weil es wirklich besonders ist. Baschi und Olav, zwei freundliche Freiburger sind unsere einzigen Gäste, und wir verbringen einen gemütlichen Nachmittag und Abend zusammen, an dem wir uns gegenseitig viel erzählen, und einander für den kurzen Zeitraum erstaunlich gut kennenlernen. Es sind diese Begegnungen, die mir fast ausschließlich am Berg passieren. So direkt, so unmittelbar und so ehrlich kann man sich im Tal mit all seinen Ablenkungen und der Wichtigkeit der jeweiligen Egos und Businesses nur schwer begegnen.

Endlich machen wir in dieser Woche auch mal zusammen eine Tour, aber weil wir erst so spät aufbrechen und die Lawinengefahr erheblich ist, kehren wir nach einer Pause in der Porta d’Es-Cha um. Ich bin gerade nicht mehr so fit, also auch nicht so schnell unterwegs und die Sonne knallt inzwischen ordentlich in den Nordhang hinein. Die Exposition des Gipfelaufstiegs zum Piz Kesch ist ebenfalls nördlich und rechts und links rieseln schon hier kleine Schneeklumpen den Berg hinab. Aber die Abfahrt ist auch von hier schon sehr schön. Rechts und links fliegen bei meinen Schwüngen glitzernd die Kristalle durch die Luft, und auch die teils flachen Passagen, in denen ich dann doch noch mit dem Board steckenbleibe, können meine Freude nicht trüben.

Ich liebe es, dass die Berge hier jeden Tag anders aussehen, aber dabei immer strahlend schön sind. Jede Wolke, jeder Lichteinfall verändert ihre Wirkung und ich bin immer gespannt auf den Ausblick, wenn ich morgens nach dem Aufstehen mein beschlagenes Fenster öffne. Bei schönem Wetter vergoldet später das erste Sonnenlicht den Biancograt, ziehende Wolken lassen immer wieder andere Berge auftauchen und sogar der dichte Nebel ist besonders, in seiner gemeinmnisvollen Stimmung.

All das legt sich auf uns, als Menschen darin, und es schweisst zusammen und schafft eine Solidaität, die ich sonst selten erlebe. Michel und ich haben uns in der Zeit sehr gut kennengelernt und ich bin dankbar in ihm einen guten Freund zu wissen, mit dem ich mehr teile, als die Leidenschaft für die Berge. Wir teilen auch die Begeisterung für Gummibärchen und ich schätze die kontroversen und bereichernden Gespräche, bin dankbar für all das Wissen, das er mir weitergeben konnte und auch für die Schneeballschlachten in der Hütte… Ich hoffe, dass ich auch in Zukunft einmal wieder Zeit auf der Chamanna d’Es-Cha verbringen kann.

 

Ein Buch, ein neues Projekt und ein bisschen Presse

Ja, ich habe lange keinen Blogbeitrag geschrieben. Das lag vor Allem daran, dass ich sonst so viel geschrieben habe, nämlich mein Buch, das im Herbst 2018 unter dem Titel „ALPENSOLO“ bei MALIK (Piper) herauskommt. Das Manuskript habe ich gerade abgegeben.

In zehn Tagen beginnt auch mein kleines feines Trekkingprojekt in Schottland, wo ich an der Westküste entlang von Kinlochleven nach Ullapool wandere. Dort habe ich auch vor wieder regelmäßiger zu schreiben.

Wer Lust hat, es gibt auch einen Radiobeitrag bei Deutschlandfunk Nova, da war ich kürzlich in der Sendung „Early Bird“ zu Gast.

Und für alle, die nochmal genau wissen wollen, was ich bei meinem „Way West“ so dabeihatte, in der aktuellen Ausgabe von Bergwelten, könnt ihr das in der „Gepäckkontrolle“ nachlesen.


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