Uhren zurückstellen, auf Neuanfang

Die herzliche Gastfreundschaft gehört ebenso ins Tiroler Zillertal wie die lokale „Gaststube“ der Einheimischen. In dem kleinen Ort Ried hat die Familie Rist über 47 Jahre lang das Hotel Zillertaler Grillhof geführt. Nun übernimmt die jüngere Generation und wagt mit dem POP DOWN HOTEL Neues in alter Kulisse.

Schon von außen fällt auf, dass hier etwas anders ist. Das ganze Haus sticht in seiner weißen Farbe zwischen den eher traditionellen Pensionen in der Umgebung hervor. Ganz in Weiß steht es da im Schnee, wie eine Projektionsfläche für Ideen. Hier ist vieles offen. Im wortlichen Sinne: denn das Hotel bleibt in der jetzigen Form zunächst einmal nur fünf Monate geöffnet und wird in dieser Zeit in einem innovativen Konzept geführt. Was danach passiert ist noch ungewiss.

Silvia Gschösser, Markus Rist und  und ihre Töchter Josephine und Tamara schmeissen jetzt den Laden und setzen ein paar neue Ideen um, worüber wohl manch alteingesessener und veränderungsscheuer Nachbar den Kopf schüttelt. Aber was die Familie zaubert ist „mit Bedacht, aber trotzdem mutig“. Die Führung eines klassischen Hotels hat sie nicht interessiert, ebensowenig wie ein Geschäft, in dem es nur um Zahlen geht. Silvia will vielmehr eine gute Gastgeberin sein, und das ist sie. Es bereitet ihr eine strahlende Freude, wenn sich am großen Tisch Einheimische und Gäste mischen, wenn die Leute gemütlich bei einem guten Essen und Livemusik zusammen sitzen.

Foto von EmanuelKaser (5)

Das entscheidende Herzstück des POP DOWN Konzepts und damit auch des Hotels in der aktuellen Form ist eine lange Tafel, an der alle Gäste gemeinsam essen. Diese Tafel zieht sich in einer Spirale über drei Stockwerke, von der Waschküche im Keller bis in die Zimmer im ersten Stock hinauf. So wird ein gemeinsamer sozialer Raum geschaffen, in dem sich die Gäste austauschen können. Das ist einerseits natürlich neu und für viele Stammgäste der älteren Generation auch gewöhnungsbedürftig. Aber es knüpft eben gleichzeitig an das ehemalige soziale Gemeinschaftsleben und das solidarische Miteinander an, das in ursprünglich landwirtschaftlich dominierten Bergregionen herrschte. Von diesem Miteinander kann sowohl der Gast aus der Stadt etwas lernen, als auch der zunächst kopfschüttelnde Eingebohrene, der sonst niemals mit einem „Deitschen“ am Tisch sitzen würde. Und siehe da: Das Angebot wird nach anfänglichem Fremdeln von Hotelgästen und Restaurantbesuchern gut aufgenommen. Man kommt ins Gespräch. Und schon haben sie es geschafft, die Hoteliers der Stunde: Begegnung.

Das internationale und junge Team schafft eine freundliche Athmosphäre, in der eine angenehm frische Luft weht. Dabei ist das POP DOWN HOTEL kein aufgesetzt künstliches Ufo, wie manch neumodisches Hotel das jetzt irgendwo in einer Bergregionen landen mag. Vielmehr spürt man hier noch die Familientradition. Die alte Eckbank ist geblieben, ebenso wie die alten Lampen über der Bar. Zum Teil hängen sie nur jetzt in einem anderen Winkel an der Wand. Auch in den Zimmern heißt es „Geschlafen wird retro“, wenn auch ein schicker Kunststoff-Spa-Korb mit flauschigem Bademantel und Saunatuch wartet. Die Sauna ist übrigens im Garten und man gelangt über den Schnee zu ihr, der so weiß glänzt wie die Fassade. Auch im Foyer spürt man zwischen eleganter Designsitzgarnitur und schickem Grafikdesign noch das „urige“ durch.

Das kreative tägliche Dinner im POP DOWN HOTEL ist fantastisch. Von der Suppe über den Salat und den üppigen Hauptgang bis zur Nachspeise wird natürlich mit regionalen Produkten gekocht und das ist ein Hochgenuss. Danach sollte man sich unbedingt noch mindestens einen der sehr fotogenen und unkonventionellen Cocktails von Barkeeper Chris leisten, die sind nämlich wirklich eine Geschmacksexplosion.

Foto von EmanuelKaser (1)

Es ist alles da, was man für einen Hotelaufenthalt in den Bergen braucht. Und eben nicht mehr. Es bleibt schlicht, was wertvoll ist. Denn vieles ist wohl durchdacht und mit Liebe gestaltet. Das Handtuch findet man jeden Tag auf eine andere Weise gefaltet auf dem Bett. Mal als Fächer drapiert, mal als Schmetterling gelegt. Die Tischplatte der Tafel ist geheizt, was seltsam aber angenehm ist. Silvia hat mir verraten, dass hier eine Fußbodenheizung verbaut wurde. Die in der traditionellen Architektur fast provisorisch wirkenden modernen Einbauten aus Holzplanken, der „Zauberwald“ im Keller, oder die Bar, die sich wie ein Steg durch den Pool schlängelt, sind einfach besonders. Man spürt, dass hier mit Leidenschaft eigene und teils verrückte Ideen umgesetzt werden. Das ist mutig und es macht Spaß, das zu erleben. Ich habe jedenfalls große Lust noch oft wiederzukommen.

Foto von EmanuelKaser (2)

 

 

 


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s