51. Tag – Ein Knick im Finger

Strecke: Grimentz – 50 Meter Richtung Lac de Moiry – Terasse des Hotel de Moiry – Krankenhaus in Vissoie – Grimentz 

Es hat gut getan zu schlafen. Auch wenn es später geworden ist als geplant. Heute morgen strahlte der Himmel blau und meine Hüfte hat erstaunlich wenig gemuckt. Ich also raus aus den Federn, runter zum Frühstück und (viel zu knapp, viel zu spät) schnell die Schuhe geschnürt um noch den Bus zum Staudamm hoch zu erwischen. 

50 Meter weiter verfängt sich das Schuhbändel des einen Schuhs im ebenso locker und sorglos gebundenen anderen Schuh. Ein unkontrollierter Sturz nach vorne, von hinten das Gewicht des Rucksacks. Dass man auf fast ebener Strecke mit einer solchen Wucht fallen kann, hätte ich auch nicht gedacht. 

Ich rappel mich auf, gucke auf meine rechte Hand und sehe verwundert: der kleine Finger macht in der Mitte einen unmöglichen Knick nach außen. 90° steht er ab, aber in die falsche Richtung. Weg von der Hand. Ein ziemlich schockierender Anblick. Ohne nachzudenken, ganz instinktiv, greift meine Linke zu und drückt. Es knackt sehr hörbar und der Finger ist wieder gerade. Das alles ging so schnell, dass ich kaum geschaltet habe. 

Dann kam der Schreck. Finger gebrochen. Auf den Kopf war ich auch gefallen, aber da schien alles ganz zu sein. Ohne Rucksack bin ich die paar Meter zurück zum Hotel getorkelt. Mir war leicht übel.

Elisabeth, die Kellnerin, brachte mir gleich Eis. Ich war vor Allem von dem Anblick des Fingers noch ziemlich verstört. Es ist erstaunlich schockierend, wenn etwas am eigenen Körper plötzlich so unnatürlich verformt ist. Außerdem war ich plötzlich und mit einer Wucht verzweifelt, wütend und traurig. Ich dachte „Das kann doch nicht wahr sein! Noch gestern der Unfall und jetzt das!“ Wieso bin ich so blöd und habe nicht auf meinen Körper gehört? Nach all der tollen Zeit, die ich geschenkt bekomme, all der Kraft die mein Körper mit gibt. Warum  habe nicht einfach Pause gemacht? Diese Etappe hat schließlich das Thema „Bescheidenheit“. Warum bin ich also so „greedy“ immer noch weiter zu pushen? Und sinnbildlich: Warum renne ich wie bekloppt mit offenen Schuhen zum Bus? 

Anscheinend hat der Unfall gestern nicht gereicht. Offensichtlich brauchte ich noch einen zweiten und lauteren „rappel a l’ordre“ um endlich mal wieder runter zu kommen. Jetzt ist er jedenfalls da. Er hat ein Häkchen in meinen Finger gemacht. Check. Got it.

Und trotzdem gibt mein Glück mich nicht auf: Gibt es nicht irgendeine Schutzpatronin Elisabeth? Jedenfalls war diese Elisabeth im Hotel de Moiry meine. Sie jobbt temporär als Kellnerin, hat aber gerade ihre Ausbildung zur Osteopathin abgeschlossen. Habe ich schonmal erwähnt, dass ich immer ein unglaubliches Glück habe mit den Menschen die mir auf meinem Weg hier begegnen? Jedenfalls hat sie professionell meinen Finger untersucht und stabilisiert. Ich war fasziniert von ihren routinierten und selbstsicheren Handgriffen, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Langsam hat dann der auch Schreck nachgelassen, während ich ein paar Stunden lang auf der Terasse des Hotels in der Sonne saß. Ich habe die Pause anscheinend wirklich gebraucht…

Nachmittags hat mich Jordan (Elisabeths Freund) netterweise mit nach Vissoie runter genommen. Dort wurden in einem lustigen kleinen Container, der ausgelagerten Radiologie der Praxis, Röntgenfotos von meiner Hand gemacht. Und siehe da: der Finger ist gar nicht gebrochen. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Schließlich sehe ich das Bild des Fingers immernoch permanent vor mir und wenn das kein Knick war, dann weiß ich auch nicht was ein Knick ist. Aber: der Körper kann ganz ungeahnte Dinge. Der Finger war wohl ausgerenkt und ich habe ihn direkt wieder eingerenkt. Selbstheilung mal anders. Danke Instinkt. Und danke an das sehr coole Team im Centre Medical d’Anniviers. Ich habe dort übrigens endlich mal meinen Rucksack gewogen: 13kg. Das ist echt nicht mehr so wild. Und dann habe ich eine ganze Tüte Erdnussflips gegessen. Ich staune immernoch darüber, was ich hier oben alles essen kann. Ich bekomme hier Lust auf lauter Dinge die mir sonst nicht einmal in den Sinn kämen.

Und weil es ja sonst nicht zum perfekten Tage geworden wäre, hat mich Elisabeth auch noch eingeladen, bei ihr zu übernachten. Da bin ich nun. Wir haben gegessen und ich bin nicht nur satt von den Erdnussflips und dem leckeren Essen sondern auch ganz voll von Dankbarkeit. Mal wieder. Ich habe schon fast das Gefühl, dass das einmal abgedroschen klingen wird, so oft ich hier von Dankbarkeit spreche. Aber ich weiß eben einfach kein anders Wort. Es fühlt sich warm und gut an und erfüllt mich mit Zuversicht und Glauben an die Menschen und die Natur und eben irgendwie auch an diese Energien, die um uns so herumschwirren und dies und das verursachen.

Nach diesem etwas verkomplizierten Pausetag gehe ich nun morgen die Route, die ich heute gehen wollte. Dann bin ich auch wieder im Zeitplan. Klettern kann ich zwar jetzt erstmal nicht mehr, weil die Schiene 10 Tage am Finger bleiben muss, aber ich glaube dass das Bergsteigen trotzdem gut gehen wird. Vorsichtiger und immer voller Konzentration. In dem Bewusstsein, dass ich zwar noch neun Finger und damit für jeden der noch kommenden Tage einen übrig hätte, aber dass es doch schöner ist, mit geraden Fingern unterwegs zu sein.


6 Gedanken zu “51. Tag – Ein Knick im Finger

  1. Was soll ich sagen?!? Ein Unglück kommt selten allein! Ich glaube nicht, daß das mit einem Pausentag im Vorfeld nicht passiert wäre. Das war einfach Pech. „Ich muß den Bus noch bekommen…“ und *zack* Pech gehabt. Wenn ich dran denke, wann mir in meinem Leben mal was Schlechtes passiert ist (Autounfälle, Fahrradunfall oder oder oder) war fast immer Streß der Auslöser oder zumindest beteiligt. Daran sollte man arbeiten, also ich vorwiegend 😉

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  2. Ups, da habe ich nur zufällig Deine dritte Antwort mitbekommen (keine automatische WordPress-Info aktiviert).

    Ich interpretiere die recht spät nachgetragene Reaktion so, dass da etwas gebrodelt hatte?
    Ich stimme Dir inhaltlich zu – bin eh zu weit um die jeweiligen Situationen bewerten zu können.

    In meiner Rolle als „interessierter Zuschauer“ möchte ich ein Happy-End dieser Geschichte lesen. Mein Kommentar war ein Reflex. Den habe ich mehrfach überarbeitet und letztlich trotz Risiko einer möglichen Provokation evtl. „zu kurz“ eingestellt.

    „Delinquentin“ war metaphorisch und überspitzt gemeint aus folgendem Point-of-View:

    Drei Tage zuvor und nur rund 75KM südlich deines „Ausrutscher“ erlitt ein 24-jähriger am Matterhorn beim einfachen Wandern auf überfrorenem Untergrund dasselbe „Ereignis“ – allerdings leider final. Der „überfrorene Untergrund“ bestand in jener Kalenderwoche Wallis-weit – nach Auskunft von „http://vs-wallis.ch“.

    Da ich keinen Blog des 24jährigen verfolgte, blieb der Vorfall für mich auch emotional „weit weg“.

    Als ich mal zum Kreuz der Zugspitze bin – ausgehend von der Touristenplattform – und meinen damals 8-jährigen dabei hatte, hörte ich hinter mir den Ruf (Reflex?) einer mir unbekannten älteren Frau: „Nicht mit Kindern!“. Ich fand das damals befremdlich – heute nicht mehr. Ich würde das Risiko erneut akzeptieren, wäre aber nicht mehr befremdet von diesem Reflex.

    Für den Fall Deines finalen Absturzes hätten sich die üblichen Dramen in Deinem Umfeld abgespielt; einige hätten kritisch gezweifelt, ob sie nicht…anders…besser… hätten eingreifen sollen. Deren Reflexe kennen „wir Leser“ nicht – muss auch nicht öffentlich sein.

    „Früher“, in meiner Sturm-und-Drang-Zeit, habe ich ebenfalls eigene hohe Risiken akzeptiert und diesbezügliche Sorgen in meinem Umfeld „zur Kenntnis genommen“. Auch ich war vorsichtig, geschickt, risikoerfahren… Eine – grob geschätzt – fünfstellige Anzahl Gleichgesinnter während der aktiven Zeit meines Hobbies dachten ebenfalls so oder so ähnlich, sind aber „nicht mehr dabei“.

    „Heute“ hat ein „Lebens-Risiko-Erzeuger“ bei mir den aktiven Status eines „Delinquenten“. Nicht als Straftäter im rechtlichen Sinne, aber eben als „Mitschuldig für die unerwünschten Konsequenzen auf Seiten Dritter“. Schmetterlingseffekt – unvermeidlich.

    Alternativ, das Ganze als Rollenspiel formuliert:
    A: „Aua“
    B: „Achtung!“
    A: „ich weiß“
    B: „ich weiß dazu folgendes…“
    A: „aber ich habe doch…“

    Ich habe erlebt, dass manche Menschen nicht wirklich an den Erfahrungen kritischer Ereignisse „wachsen“, sondern diese dann eher plötzlich einfach nicht mehr akzeptieren. Von mir aus altersbedingt anstatt wachstumsbedingt.

    Nebenbemerkung: Warum hat ein Klettersteig-Set zwei anstatt einen Karabiner? Nutzen „erfahrene“ Kletterer beide? Wächst die Anzahl der eingesetzten Karabiner mit der Erfahrung?

    Ein Blog mit öffentlicher Kommentarfunktion erzeugt: Kommentare – ohne Notwendigkeit eines gemeinsamen Nenners.

    So oder so ähnlich war das gemeint.

    Heute ist „Last Day of journey“. Da gibts nur eine Aufgabe: wir freuen uns…

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  3. Also, ich würde meinen Kindern erläutern,

    falls der Blog unerwartet abbricht:
    – dass solch eine Tour eine nennenswerte Lebensleistung darstellt – bis zu diesen Ereignissen
    – dass der Delinquent nicht rechtzeitig seine langsam-kontinuierlich reduzierte Leistungsfähigkeit (Energiehaushalt, Konzentration) bemerkte, während gleichzeitig die Leistungsanforderungen (Wetter, Höhenmeter) größer wurden
    – dass man eine geplante Streckenführung ggf. spontan an die Bedingungen anpasst, nötigenfalls die letzten Meter auf/neben einer Strasse läuft.

    falls der Blog wie gewohnt weitergeht:
    – dass man auch mal Pech haben kann
    – das alles möglich ist – sofern man will und durchhält – zumindest bis das Gegenteil bewiesen wurde

    Die Langfassung meiner Meinung zu den vergangenen zwei Tagen habe ich mal lieber zurückgestellt…

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    1. Und hier nochmal die ausführliche Antwort auf die einzeln genannten Punkte:
      – ich finde diese „Lebensleistung“ wird auch genau deshalb zu einer solchen, weil man an „diesen Ereignissen“ wächst
      – die „Delinquentin“ (wüssten deine Kinder was das heißt? Und warum überhaupt Delinquent?) hatte keine reduzierte Leistungsfähigkeit, sonst hätte sie darauf schon reagiert, denn so viel hat sie in den vergangenen 50 Tagen schon gelernt… Und so ein kurzer unkonzentrierter Moment kann jederzeit und überall passieren
      – auch das hat die Delinquentin schon mehrmals gemacht, wie auch im Blog beschrieben. Sei es wegen dem Wetter, dem körperlichen Wohlbefinden oder dem aktuellen Zustand eines Weges (Erdrutsch, Lawinengefahr etc.)

      Aber eben, wie gesagt, der Blog geht ja weiter. Insofern hast du mit dem „Pech“ vielleicht recht, wobei ich schon daran glaube, dass Unfälle einen auch auf etwas aufmerksam machen können / sollen. Pech ist mir da fast zu einfach.
      Und ja, alles ist möglich,m wenn man zusätzlich zum Wollen und der Durchhaltekraft auch noch so viel wunderbare Unterstützung von anderen Menschen und aus der Natur selbst bekommt.

      In diesem Sinne: meine Langfassung ;-). Aber wir können gerne über die Deine reden, wenn du noch Lust hast.

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