Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel

Nun ist schon die siebte Etappe meiner Alpenüberquerung vorbei und ich kann kaum glauben dass mir nur noch knapp zwei Wochen bleiben. Habe ich bei der Setzung der jeweiligen Themen wirklich geglaubt, dass ich an diesem Punkt meiner Tour „Geduld“ brauchen würde? Und für was? Im Moment brauche Geduld wohl am ehesten für den Augenblick. Geduld, um mich davor zu bewahren schon jetzt so viel an das Ende zu denken. Und siehe da, kaum zerbreche ich mir den Kopf über das Ende, begegnet mir die Geduld in der Landschaft. Es ist mir gleich, ob das nun Schicksal, Zufall oder Einbildung ist. 

Die Erfahrung gestern all diese verschiedenen Wetter so geballt zu erleben und zuletzt durch den dichten Nebel zu laufen war sehr besonders und wichtig für mich. Schon rein äußerlich war ich durch die fehlende Sicht dazu angehalten, ganz bei mir zu bleiben. Einen Schritt vor den anderen setzen, mich auf meinen Instinkt verlassen und blind auf meinen Weg vertrauen, ohne dabei unvorsichtig zu werden. Die ganze Stimmung der Landschaft um mich herum war wie eine gedämpfte Version ihrer selbst. Es war, als hätte sich nicht nur der Nebel, sondern zudem ein schalldämpfendes Tuch auf die sichtbare Welt und auf mich darin gelegt. Beschwichtigend, beruhigend und beschränkend zugleich. Eine wohltuende Komprimierung aller Sinne, die mystisch, frisch und spannend ist. Wie Geduld wirkt sie deshalb, weil immer die Vorsehung einer Veränderung da ist, aber ohne dass die Erwartung dieser eine Unruhe auslösen würde. 

Was heißt Geduld eigentlich? Das Internet sagt „Die Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen.“ Ruhig und beherrscht also. Langmütig. Das passt wirklich sehr zu der Landschaft im Tessin. Sie ist nicht spitz und steil wie die Dolomiten oder mächtig und stark wie die Ortler Region. Aber sie ist auch nicht weit und grün wie das Engadin oder hell und klar wie die Julischen Alpen. Das Tessin habe ich, vielleicht auch wegen dem Wetter in dem ich es kennengelernt habe, vielerorts als geheimnisvoll und undurchsichtig erlebt. Die vielen Stauseen prägen mit ihrem matt leuchtenden Türkis die Landschaft wie kaum etwas anderes. Diese Seen liegen in einer großen Ruhe da und ihr Wasser wirkt von fern fast lauernd. Es ist wartendes Wasser. 

Im Tessin wird sehr viel Energie aus der Wasserkraft gewonnen. Vielleicht ist es das, worauf das Wasser wartet? In Energie umgesetzt zu werden? Es weiß um seine Kraft und schöpft daraus seine Ruhe? Kann mir das auch so gut gelingen wie diesen Seen?

Ich würde mich allgemein als einen ungeduldigen Menschen bezeichnen. Mich stört das selten, denn die Ungeduld lässt mich ständig weiter streben und ermöglicht mir oft ein intensives Erleben. Aber Geduld bedeutet eben auch, mit ungestillten Sehnsüchten leben zu können, und das fällt mir schwer. Also will ich hier im Tessin von den geduldigen Seen und dem Nebel lernen. 

Oder bin ich doch nicht so ungeduldig wie ich denke? Es gibt kaum etwas, das mich dazu bringen würde die Hoffnung auf etwas aufzugeben, das ich wirklich will. Und es braucht doch auch Geduld um beharrlich zu bleiben ohne zu erstarren, wenn es schwierig wird. Schön, dass bei aller Beharrlichkeit weder der Nebel, noch das Wasser starr sein können.

Jedenfalls hoffe ich, dass ich die türkise Gelassenheit der Seen und die beruhigende Dämpfung des Nebels noch weit über diese Tour hinaus in mir tragen kann.


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