35. Tag – „Solange wir haben, teilen wir.“

Strecke: Sur En – Via dals Nanins – Val Plavna – Alp Plavna 

Noch nie bin ich so langsam aus dem Schlafsack gekommen. Es kamen ganz viele Argumente noch ein paar Minuten und noch bisschen länger so gemütlich liegen zu bleiben. Als ich es dann endlich geschafft hatte, war das losgehen auch nicht einfacher. Nur ganz langsam kam die Kraft zurück. Motivierend war aber die Landschaft, dir hier so anders ist als in Südtirol. Anders wild, anders weit, irgendwie grüner und breiter. Der Rucksack macht mir heute zu schaffen. Die seit Mals dazugekommenen Steigeisen, Eispickel, Essensvorräte und der wärmere Schlafsack fallen schon ins Gewicht.

Es ging zuerst wunderschön an der Via das Nanins einlang, das Zwergenthema vom Vortag setzte sich fort: Hier war ein richtiger Geschichtenpfad eingerichtet worden, auf dem kleine Tafeln Zwergengeschichten erzählten und Stationen mit einem Tisch mit sieben „Tellerchen“ usw. Schneewittchen und die sieben Zwerge erlebbar machten. Ich habe mir also Zeit gelassen, viele Fotos gemacht und die letzten Tage Revue passieren lassen. 

Es scheint, dass das Thema „Dialog“, das eigentlich diese Etappe begleitet, mit Mals hinter mir geblieben ist. Allerdings waren die Dialoge mit den Menschen dort oft schöne und bereichernde Gespräche und damit ein maßgeblicher Inhalt der letzten Tage, den ich tief zu schätzen weiß. Da mir nun erstmal nur der innere Dialog bleibt, den ich hier unterwegs ja ständig führe – mal als Streitgespräch, mal als Austausch, mal als fast langweiligem Smalltalk – will ich mir für die nächsten Tage, für den Weg hier durchs Engadin und bis Davos noch ein anderes Thema überlegen. Vielleicht ist „Gegenwart“ ein gutes Thema, weil es mir noch immer häufig nicht gelingt, den Moment wirklich wahrzunehmen. Stattdessen bin ich im Kopf schon mit der Planung der nächsten Schlafstätte, der nächsten Route oder sonstiger Logistik beschäftigt. Ich lasse mir das mal durch den Kopf gehen und entscheide morgen.

Ja, der Kopf. Nach knapp drei Stunden Weg durch das Val Plavna fingen die Kopfschmerzen an. Sukzessive, wie in einem Sog, ist meine Kraft geschwunden. Es war eine seltsame, aber sehr deutlich wahrnehmbare Erscheinung. Äußerlich grundlos habe ich plötzlich völlig die Lust am Gehen verloren. Ich wollte mich ständig setzen, rasten, ruhen, als wäre ich seit vielen Stunden unterwegs oder als wäre der (eigentlich sehr einfache) Weg furchtbar anstrengend. Hat die Pause von mehreren Tagen mir doch nicht gut getan? War es einfach zu lang? Oder hat mein Instinkt mich gebremst und mir abverlangt die Route zu verkürzen und den Weg über die Fourcla Val dal Bosch (2677m) doch auf morgen Vormittag zu verlegen? 

Was auch immer es war: Jetzt regnet es. Stark und stetig. In dem Regen wäre die Fuorcla nicht so nett gewesen… Ich bin umgekehrt und habe in einem offenen kleinen Bau neben der unbewirtschafteten Alp Plavna einen ganz guten Unterschlupf gefunden. Hier bleibe ich trocken und zu kalt wird es hoffentlich auch nicht. Und, das Faszinierende: die Kopfschmerzen sind seit der Entscheidung umnzukehren wie weggeblasen. Also doch der 6. Sinn? Es ist spannend, wie der hier oben geschärft wird und wie ich (teils unbewusst) mehr von meiner Umwelt wahrnehme denn je. Morgen habe ich dann einen langen Weg vor mir und ich wünsche mir jetzt, dass meine Energie über Nacht wieder kommt.

Nachtrag: Es ist schon irre was mir hier unterwegs alles so passiert. Um kurz nach 8 Uhr, der Regen war heftig und es wurde schon recht kalt in meinem Unterschlupf, erschreckte mich das Licht einer Stirnlampe. Eine freundliche Stimme fragte, ob es mir nicht zu kalt sei und ob ich nicht lieber in die warme Stube kommen wolle. Es war Andi, ein Jäger, der in der aktuellen Jagdsaison oben in der Alp Plavna unterkommt. Ganz unerwartet saß ich also plötzlich in der gemütlich warmen kleinen Küche und schnitt Tomaten und Mozarella während Andi uns Steaks machte. „Solange wir haben, teilen wir.“ sagte er nur, und einmal mehr dachte ich, wie einfach und schön es sein kann und warum wir es uns oft in Angst und Geiz so schwer machen. 

Ich habe an dem Abend viel über die Region, über Bären, Hirsche und den Ablauf einer Jagd gelernt. Zum Beispiel dass momentan gerade Hirsche geschossen werden, später Felswild und Vögel, dass es also für jede Jagd ihre Zeit gibt. Außerdem, dass sechs Jäger in dieser Region jagen dürfen und dass sie sich alle untereinander kennen. In den letzten Tagen haben sie sieben Hirsche geschlossen. Einem geschossenen Tier werden dann zuerst die Eingeweide rausgeschnitten und dann werden sie mit einem „Hirschmobil“, einer Art Schubkarre mit einem Mofarad in Richtung Tal manövriert. Wenn der Hirsch zu groß ist, muss er mit dem Helikopter geholt werden, dann rentiert es sich schon nicht mehr, weil der Flug so teuer ist. Im Tal werden die geschossenen Tiere dann Abends vom Wildhüter überprüft und vermessen. Mit einem Namensschild des Jägers versehen werden sie beim Metzger in die Kühlung gehängt um später zu den Produkten seiner Wahl verarbeitet zu werden.

Die große Lehre meines Abends war, dass man nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes in Nationalparks nicht draußen schlafen darf. Die Hirsche riechen die Menschen und verschwinden dann aus der Region, so dass die Jäger in der Jagdsaison vergeblich nach ihnen Ausschau halten müssen. Deswegen mögen Jäger logischerweise keine Camper in den Nationalparks.  

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