26. Tag – Fels mit (losen) Zähnen

Strecke: Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m) – Madritschspitz (3265m) – Butzenpass / Gratweg Richtung Eisseespitze (abgebrochen) – Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m)

Heute habe ich viel Schokolade gegessen. Und viele Pflaster verbraucht. Es war dabei gar kein so langer Tag, aber der erste an dem ich eine wirkliche Gefahr erlebt habe. Ich hatte dabei keine Angst, sondern es ist mir gelungen klar und cool zu bleiben. Darauf bin ich stolz. Und sooo schlimm war es jetzt auch wieder nicht.

Der Plan war, über den Gratweg zwischen Madritschspitz und Eisseespitze zu gehen und dann über die Schaubachhütte rüber zur Hintergrathütte. 

Der Aufstieg zur Madritschspitz war sehr schön und die Aussicht von oben wundervoll. Ortler und Königsspitze in voller Pracht und überhaupt ein toller Rundblick in die Gletscher und ins Tal. Dann bin ich, anstatt abzusteigen, entlang des Grates gegangen. Ein markierter Weg war es nicht, aber darauf war ich eingestellt, weil er auch auf der Karte nur als unmarkierter Steig bzw. Blockkletterei angegeben war. Aber dass es so rutschig und verschottert war, damit hatte ich nicht gerechnet. Zunächst hat die Herausforderung Spaß gemacht, in dem losen Gestein immer sichere Tritte und Griffe zu finden. Ich bin bis in die Scharte vor dem Aufstieg zu Butzenspitze abgestiegen. Der Rucksack hat schon genervt, er kostet einfach doch Balance. Der Anstieg auf der anderen Seite sah sehr suspekt aus. Es gab auch keine Spuren und so versuchte ich selber die sicherste und vokalem griffigste Variante zu finden. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der „Fels“ zerbröckelte zwischen meinen Fingern und rutschte unter meinen Füßen weg. Kleine Erdrutsche auszulösen war quasi unvermeidbar. Dann wurde es noch steiler und ich fand einfach keinen Halt mehr. Hier war mir dann schon klar, dass es diesen Gratweg so nicht mehr geben kann oder dass ich mich im Weg geirrt hatte. Aber ich hatte die Karte doch genau eigentlich studiert und war mir eigentlich ziemlich sicher. Jedenfalls entschloss ich mich umzukehren und machte die ersten vorsichtigen Schritte in die Richtung. Aber dann brach wieder ein Griff weg und gleichzeitig der Boden unter meinen Füßen. Ich fiel und konnte mich glücklicherweise ein paar Meter weiter unten fangen. Wie im Gletscher beim Fall, drehte ich mich auf den Bauch und schlug die Zehen ins Geröll. Erstaunlicherweise hat das ganz gut funktioniert. Die Kletterei zurück zum „Weg“ war ätzend. Dann war ich mir unsicher, wie ich weiter machen sollte. Erstmal, keine Ahnung warum, machte ich ein Video (das ich hiermit meistbietend anbiete ;-)). Dann wog ich die Optionen ab. Zurück zum Gipfel wo ich herkam schien mir keine gute Idee, weil das ja auch schon sehr unsicher gewesen war. Es blieb noch rechts oder links an der Scharte durch das rutschige Moränenfeld abzusteigen. Links war unten ein Gletschersee, dann aber sichtbar eine Liftstation, zu der man mit einer Umrundung der Gletscherzunge durch das Geröll gut zu gelangen schien. Rechts war ein steiles Geröllfeld mit vielen Blockplatten. Am Ende war der Weg den ich aufgestiegen war. Wieder dokumentierte ich per Video meine Entscheidungsfundung. Vielleicht ist das Filme eine Art „Gegenüber“ für mich gewesen, und war dadurch hilfreich oder so. Keine Ahnung. Jedenfalls entschied ich mich für rechts, auch weil ich immernoch dachte ich komme dann zu der Hütte zu der ich wollte. Aber schon nach zwei Höhenmetern änderte ich meine Meinung: Es rieselte und ich rutschte wieder. Wenn ich da blöd gerutscht wäre, hätte ich im Gletschersee landen können und das war mir dann doch zu frisch. Also links. Nach den ersten schwierigen Metern erwies sich das als die bessere Entscheidung und langsam aber dafür sicher konnte ich absteigen. Dann ging das Brennen in den Schnitten und Schürfwunden los. Unterarme, Unterschenkel, Hände. Alles nicht tief, aber voller Sand und Kiesel. Außerdem hatte ich auch sonst so ziemlich überall Sand und Kiesel… Am Bach angekommen habe ich alles sauber gemacht und desinfiziert. Zum Glück sind die Blessuren wirklich kaum der Rede wert und tun auch nicht weh. 

Wohl oder übel bin ich dann zurück zur Zufallhütte gegangen. Ich hatte Strecke auf der aktuellen Tabacco Karte gesehen und sie auch nochmal in München beim DAV besprochen und im „Ortleralpen“ Alpenvereinsführer (Bergverlag Rother) nachgelesen. Viel besser kann man eine Route nicht planen. Außer eben: den lokalen Hüttenwirt fragen. Das mache ich sonst auch immer. Aber – so nett er es vielleicht meint mit seinem Humor – er ist eben einfach nicht jemand, der mit meiner aktuellen Bergliebestimmung kompatibel ist. 

Aber eben jener Wirt erklärte mir dann („Hättscht du mich amal gefragt!“), dass es diesen Weg so schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt… Es gibt wohl eine Alternative, aber die ist in keiner Karte eingezeichnet. Und weder der DAV, noch der Bergverlag Rother haben (laut Wirt) die veränderten Umstände des geschmolzenen Gletschers und die damit einhergehende Unpassierbarkeit des Gratwegs aufgenommen. Trotz neuer Ausgabe. Schon schade.

Jetzt sitze ich also wieder hier auf der Zufallhütte. Ich habe den Nachmnittag genutzt zum Wäsche waschen, und zum Touren planen: Am Montag gehe ich mit einem lokalen Bergführer über den Gletscher auf die Suldenspitze (3376m). Mit einer leckeren heißen Schokolade zum schreiben ertrage die geschmacklosen Witze und Geschichten der Frau (!) die schon gestern hier ständig am Tresen hing ein wenig besser. Und morgen mach ich dann den Normalweg rüber zur Hintergrathütte. 

Es geht mir gut. Ich bin froh über diesen Tag. Und ich bin wieder ein Stück ruhiger geworden. Habe bestimmt was dazugelernt, ohne noch genau zu wissen was. Ich meide die Gaststube, das ist mir alles zu laut. Ich mag nicht mit den Leuten hier reden. Es ist kein generelles zurückziehen, eher ein Vermeiden der willkürlichen Smalltalk-Parolen, die auf solchen großen Hütten wie hier fast unvermeidbar scheinen. Es ist jetzt aber auch schon neun Uhr und ich gehe einfach schlafen. 

Übrigens: Ab heute ist mein Interview für die Munich Mountain Girls online. Ich freue mich über die Partnerschaft mit Christine Prechsl’s wirklich schöner und sinnvoller Münchner Plattform. Hier geht’s zum Interview. 


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