23. Tag – Wenn sich die Füße verabschieden

Strecke: Tierser Alpl (2440m) – Maximiliansteig (2556m) – Roterdspitz (2655m) – Schlernbödelehütte (1718m) – Seis – Bozen – …

Eigentlich hatte ich großes Glück letzte Nacht. Zufällig habe ich Abends kurz vor Hüttenruhe, Sonam getroffenen, einen Kollegen aus der „International Mountaineering Group“ in München. Ich war gerade dabei meine Isomatte aufzupusten, um mich draußen unter den makellosen Sternenhimmel zu legen. Ich war wusste schon, dass es möglicherweise wieder eine sehr kalte Nacht werden würde. Da bot mir Sonam unglaublich netter Weise an, dass ich mit in seinem Zimmer schlafen könne. Er hatte zwei Betten, und eines war frei, obwohl die Hütte bis ins Foyer überbelegt war. Die Leute schliefen auf Matratzen im Flur…  Erstmal hat es mich trotzdem nach draußen gezogen, aber es war angenehm zu wissen, dass ich nachts in ein frisches warmes Bett krabbeln könnte, wenn es nötig wäre.

Der Ort, den ich mir für die Nacht ausgesucht hatte, war sehr schön: eine Mulde hinter einem Felsbrocken auf einer großen Wiese zwischen den rechts und links aufragenden Dolomitenwänden. Es war windgeschützt und weit genug von der Hütte entfernt um den Eindruck des Sternenhimmels voll genießen zu können. Aber gerade als ich eingeschlafen war, hörte ich ein Donnern. Ich dachte noch, das kann nicht sein, der Himmel war doch so klar, aber das Donnern wurde immer deutlicher. Und es kam näher. Es knatterte, es polterte und schließlich hörte ich auch Schnauben. Als ich mich im Schlafsack aufrichtete, bot sich mir ein unglaubliches Bild: Über die Wiese rannten ausgelassen und voll Freiheit sieben Pferde. Im Sternenlicht sahen sie aus wie mächtige Geister, wunderschön und stark. Aber sie stürmten dabei leider genau in meine Richtung und ihr Tempo und ihre Kraft standen in krassem Kontrast zu meinem schlaftrunkenen ungläubigen Zustand. Ich stand also auf, und dachte noch „damit sie mich sehen können“ und da rannten sie schon rings um an mir vorbei. Es war ein tolles Erlebnis, aber ich nutzte meinen wachen Zustand dann doch, um Sonams Angebot anzunehmen. Nicht nur wegen der Kälte, eher aus Sorge doch noch „aus Versehen“ einen Huf im Gesicht zu haben.

Heute Morgen um 6 Uhr schleiche ich mich aus dem Zimmer. Ich will zum Sonnenaufgang oben im Maximiliansteig sein. Zunächst geht es ganz gut, aber nach den ersten paar Höhenmetern im Klettersteig merke ich, wie unsicher meine Schritte sind und wie viel Kraft mich alles kostet. Bald kommen Knieschmerzen und dann auch noch Rückenschmerzen dazu. Auch wenn es mir schwer fällt das zuzugeben: mir fehlt der Kaffee. Ich bin also langsam unterwegs, weil ich mich in dem – wenn auch leichten, so doch Trittsicherheit fordernden Gratklettersteig – doppelt konzentrieren muss. Der Rucksack zerrt an meinen Schultern, meine Hände sind kalt, an den Fingern habe ich ein paar Risse und dann fangen auch noch meine Füße an zu brennen. Mir kommt der in solchen Momenten erfrischende Gedanke: „Weiter geht es doch. So oder so. Schnell oder langsam.“

Heute geht es also, diesmal langsam – und wie immer am Ende einer Etappe – auf mehr als 1000hm nur bergab. Die immer grüner werdende Landschaft genieße ich wie immer sehr. Wieder bin ich die Einzige, die Morgens Richtung  Tal läuft. Mir kommen gut gelaunte Tagesausflügler entgegen. Meine Knie tun weh, ich hatte noch immer keinen Kaffee. Ich fühle mich nicht so gut gelaunt wie die Menschen, die mir entgegenkommen. Trotz der idyllischen Landschaft, hätte ich jetzt lieber einen See, einen Kaffee, eine Massage, eine Zitronenlimonade und saubere Klamotten und dann am Abend eine Sauna und vielleicht sogar eine gute Serie bingewatchen… Stattdessen geht es ins Tal, zum einkaufen und dann weiter zum Beginn der nächsten Etappe.

So habe ich mich dann durchgeschlagen bis hier, zur wunderschönen Schlernbödelehütte. Hier ist mal wieder eine sehr sympathische Belegschaft und es wird viel gelacht. Es tut gut die Leute lachen zu hören. Ich habe beschlossen hier eine längere Pause zu machen. Mein Körper will es so, und ich werde ihm nicht widersprechen. Jetzt habe ich köstliche Topfenknödel mit selber gemachtem Vanilleeis gegessen und schreibe endlich mal wieder.

Es stellt sich, wie immer am Ende einer Etappe immer das selbe Gefühl ein. Es ist eine Art Abschied, diesmal von den Dolomiten in ihrer mächtigen, blockigen, spitzen und weiten Kraft. Und es ist eine Neugier auf das was kommt, fast eine Ungeduld. Aber gleichzeitig habe ich immer ein bisschen Angst vor dem Tal. Vor Autos, Abgasen, vielen Menschen, Teer, Beton, buntem Kunststoff und überhaupt vor der Flut an mir jetzt unnatürlich erscheinenden Farben.

Die Pause hat sehr gut getan. Ich durfte ausführlich warm duschen (nach 7 Tagen die erste richtige Dusche mit warmem Wasser!) und habe ein paar Klamotten gewaschen die jetzt noch in der Sonne trocknen. Es ist 14:30 Uhr und ich mache mich jetzt an den restlichen Abstieg ins Tal und an den Weg hinüber zur Ortlergruppe und der nächsten Etappe mit dem Motto „Entfaltung“. Was für ein schönes Thema.

Nachtrag: Jetzt sitze ich in dem kleinen Ort Magras in der nähe des Nationalparks Stilfser Joch auf einem Spielplatz. Ja, ein Spielplatz. Es sieht so aus, als würde ich heute hier übernachten. Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Ort, aber ich fühle mich wohl. Ich hoffe, dass es niemanden stört wenn ich hier schlafe. Ich bin aber einfach nicht weitergekommen. Ich wollte noch hoch nach Rabbi, von wo ich morgen losgehe, aber als ich hier ankam war es schon dunkel und da ist trampen irgendwie ungünstig. So werde ich neben Schaukel und Wippe mein Biwak bauen und mir mal keine Sorgen machen, dass es zu kalt wird heute Nacht. Es ist mild, ich trage immernoch T-Shirt, und ich bin hier auf 781m. Gute Nacht.


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