20. Tag – Menschen nerven

Strecke: Schlüterhütte (2297m) – Furcella della Roa (2815m) – Piz Duleda (2909m) – Furcella Nives (2740m) – Puez Hütte (2475m) – Piz de Puez (2913m) – Forcella della Crespina (2528m) – Grödner Joch (2121m) – Pisciadù Hütte (2585m)

So sehr ich mich auf das draußen schlafen gefreut hatte, ich werde das heute nicht riskieren. Irgendwie hab ich gestern im Lager falsch gelegen und heute schon den ganzen Tag Rückenschmerzen unter dem linken Schulterblatt. Glücklicherweise habe ich hier auf der Pisciadù Hütte gleich Thomas und Regine kennengelernt, ein Paar, beide Physiotherapeuten. Was hab ich ein Glück, oder? Thomas hat jetzt alles versucht. Er hat meinen Rücken gerenkt, gedreht und gewrungen und ich glaube es wird jetzt langsam besser. Hoffentlich hoffentlich ist es morgen ganz weg, weil auf Dauer macht das Bergsteigen keinen Spaß so. 

Die Sicht vom Hüttenfenster hier ist unschlagbar schön. Die Hütte steht auf einer Hochebene, die einer Steinwüste gleicht. Rings um sind die hohen felsigen Gipfel der Dolomiten, die sich jetzt alle in ihrem rotes Abendlicht in den Himmel recken. Das ist es. Der Unterschied von den Dolomiten zu anderen Bergen: hier recken sich die Berge nach oben. Sie lagern nicht ruhend, sondern es ist als wollten sie immer höher hinaus. Ihre felsigen Schichten streben nach oben, als würden sie wachsen wollen. Aufgeschlossenheit nach oben. 

Hier unten habe ich heute wenig Aufgeschlossenheit erlebt. Menschlich gesehen, war es ein doofer Tag. Das fing schon morgens an, als sich ein Gast (mal wieder, das passiert echt oft in den letzten Jahren!) tierisch aufgeführt hat, weil er sein belegtes Brot vom Frühstücksbuffet nicht mitnehmen durfte. Ich verstehe nicht, warum die Leute das nicht begreifen. Es ist doch egal, wie viel oder wenig sie frühstücken: man nimmt sich auf einer Hütte nichts mit. Punkt. Die meisten Hütten bieten auf ihren Speisekarten ein Jausenbrot an. Und niemand muss das Frühstücksbuffet buchen. Der Typ regte sich dann noch auf, dass man den Wirten ja „ausgeliefert“ sei, weil sie ja die Regeln machen. Ja was will der denn? Dann soll er doch verdammt nochmal im Tal bleiben, der Arsch. Oder mal ein paar Wochen auf einer Hütte arbeiten, dann kapiert er vielleicht was dort geleistet wird und dass man nicht von den Wirtsleuten erwarten kann, dass sie bei ihren 80 Gästen checken wer wie viel frühstückt und dass derjenige der weniger isst, dann doch schließlich „das Recht“ habe, sich was mitzunehmen. Jedenfalls hat der Depp dann sein Brot noch vor Ort verdrückt und sich später auf dem Weg beklagt dass ihm jetzt schlecht sei… Eindeutig jemand, der die Welt ausschließlich aus seiner Perspektive sehen will. Das ist so fehl am Platz hier oben!  So. Die erste Aggro-Runde bin ich jetzt los. 

Aber kaum hatte sich mein Ärger auf dem schönen ersten Stück Weg von der Schlüterhütte zur Puezhütte gelegt, da ging der Massentourismus wieder los. Vermutlich von der Gondel die von Kolfuschg hoch kommt, pilgerten die Horden zur Puezhütte. Also mir entgegen. In Flip Flops, Turnschuhen und meistens mit kleinen Hunden in Handtaschen oder (tatsächlich!) in Hundetragekraxn. Ich hab gedacht ich seh nicht richtig. Aber Hunde am Berg dabei zu haben (und zwar alles vom Chihuahua bis zur Bulldogge) scheint eine italienische bzw. südtiroler Leidenschaft zu sein. Alles halb so wild, wenn sie dabei nicht in der Überzahl so fürchterlich schlecht gelaunt gewesen wären. Meistens hat sich mindestens ein Teil der jeweiligen Gruppe laut über irgendwas beschwert. Und gegrüßt wird selten. Anfangs habe ich noch (heroisch mir mein Thema „Aufgeschlossenheit“ vornehmend) freundlich gelächelt und immer „Buon Giorno“ oder „Salve“ geschmettert. Irgendwann war mir das zu blöd. Man merkt hier sehr deutlich, wer öfters in die Berge geht, und zwar nicht nur an den Bergschuhen, sondern vor allem an dem respektvolleren Verhalten. Aggropunkt zwei. Sorry, zwei Weitere kommen noch.

Denn auch dieser Unterschied löste sich auf, als ich hinter dem Grödner Joch (ich hoffte dass es da besser wird) ein langes sehr steiles Geröllfeld (666) zur Pisciadù Scharte aufstieg. Mir entgegen kamen alle Klettersteiggeher im Abstieg (der Tridentina Klettersteig geht auf der anderen Seite um den Brunnecker Turm herum). Auffällig wenige trugen Helm, die Klettersteigsets waren oft von anno dazumal, aber dafür waren die Hosen (sehr wichtig…) extrem hochtourentauglich… Kinder mit Seil um den Bauch, haufenweise ängstliche Frauen die von entnervten Männern angeschissen wurden. Keine schöne Athmosphäre. Die italienischen Bergtouristen denen ich begegnet bin, sind grundsätzlich nie stehengeblieben oder auch küre auf die Seite gegangen, wenn man ihnen im steilen Aufstieg entgegenkommt. Wenn jemand an einer blöden Stelle stehen muss, oder Angst hat, versteh ich das. Aber völlig breit und bräsig haben die meisten Männer einfach erwartet, dass ich einen Bogen um sie gehe oder den Weg zumindest verlasse wenn sie kommen. Und dann auch noch ohne zu grüßen. Grrr. 

Letzter Punkt, aber der ist eher lustig: Ich bin besonders heute sehr vielen Paaren begegnet, die offensichtlich den München-Venedig-Weg gehen. Und ich beneide sie nicht. Man spürt den Pärchenstress quasi schon von 20 Metern Entfernung. Und dann denke ich mir wieder: wie schön, dass ich allein unterwegs bin und mein eigenes Tempo gehen kann und auch anhalten kann wann ich will, ohne dass daraus eine kleine Beziehungskrise erwächst… Ein Beispiel: ich habe ein Paar überholt, erst sie, dann ihn. Sie hat mich gehört und ging zur Seite. Als ich ein paar Schritte hinter ihm gegangen war rief sie genervt „jetzt lass die Frau doch mal vorbei“. Er ging zur Seite und sagte „Ja, und ich dachte noch, dass du das bist und hab mich schon gewundert, dass du au einmal so schnell gehst.“ – Love is in the air…

So. Fertig aufgeregt. Jetzt freu ich mich auf Morgen, denn da drehe ich wieder nach Westen ab, weg von der München-Venedig Route. Und dann ist Montag und die italienischen Ferien sind vorbei. Wenn dann noch mein Rücken mitspielt, wird alles wunderbar.  


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