13. Tag – Gipfel

Strecke: Neue Porze Hütte (1942m) – Unterer Stuckensee (1982m) – Filmoor-Standschützenhütte (2350m) – Gr. Kinigat (2689m) – Pfannspitze (2678m) – Obstansersee Hütte (2304m)

Ich habe Sonne im Gesicht obwohl es schon 21 Uhr ist und ich in der Hütte sitze… Ich fühle die Sonne von dem ganzen Tag heute und von gestern. Sie ist in meiner Haut gespeichert, sie sitzt in meinen Poren, zusammen mit dem klaren Wasser von zwei Bergseen… Zuletzt, bei Ankunft hier an der Hütte, der Obstansersee, mit 13 Grad recht frisch, aber genau richtig nach dem Tag heute. 

Eigentlich haben wir es entspannt angehen lassen. Direkt nachdem wir los sind fiel mir noch eine wichtige Mail ein, und so ist Katalin vorgegangen. Ich kam also dazu die ersten 150 Höhenmeter in meinem eigenen Tempo zu gehen und das hat mir einen wunderbaren Kick für den Tag gegeben. Es fühlt sich so gut an, wenn ich meinen Körper fordere. Es ist, als würde die Luft die ich einatme, dann tiefer in mir ankommen und dort setzt sie Energie frei, die mich geradezu euphorisiert. 

Wir haben das Spiel mit dem jeweils eigenen Tempo dann den ganzen Tag über wiederholt. Am Ende hatte ich sogar noch ein Stück bergab Lauf und so fühle ich mich jetzt wach und frisch. Ich habe auch festgestellt, dass ich meinen Rucksack inzwischen kaum mehr spüre. Es ist interessant, dass es mich am Ende des Tages offensichtlich weniger schlaucht, wenn ich die Möglichkeit habe, mein eigenes schnelles Tempo zu gehen, als mich einem ruhigeren Schritt anzupassen.

Nach wie vor ist es aber sehr schön die Erlebnisse hier oben mit Katalin zu teilen. Meine Großmutter hat mir als Kind in mein Poesiealbum geschrieben “Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.” Das trifft hier oben auch zu. Denn so sehr ich es genieße allein unterwegs zu sein, so kenne ich doch das Gefühl der Sehnsucht die schönsten Momente (mit-)teilen zu können. Ein Blog ist dafür nicht hinlänglich und auch Fotos transportieren ja nie wirklich die Luft, das Licht, die Gerüche und die Athmosphäre.

Wir sind nach einer sonnigen Bergsee-Pause am Oberen Stuckensee und einer genüsslichen Mittagspause auf der unendlich sympathischen Filmoor-Standschützenhütte eigentlich durchmarschiert. Über den West Klettersteig sind wir auf den Gipfel des Großen Kinigat geklettert. Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich Katalin mit einem Klettersteig überfordere. Im Gegenteil, es hat ihr großen Spaß gemacht. Zur Sicherheit hatte sie mein Klettersteigset an, aber sie war auch so hoch konzentriert und sicheren Schrittes unterwegs. Am Ende standen wir dann auch noch zusammen auf der Pfannspitze und jetzt bin ich vollends beeindruckt: was für eine Leistung von meiner starken Katalin. Wirklich, das ist sehr besonders und ich wünsche mir, in ihrem Alter noch ähnlich fit unterwegs sein zu können. Und vor Allem: alles mit einer ähnlich großen Freude wahrnehmen zu können wie sie.

Morgen ist unser letzter gemeinsamer Tag und es geht runter ins Tal. Dann muss ich dringend mal ordentlich Wäsche waschen, Äpfel kaufen und nach Möglichkeit auch eine neue und engere kurze Hose. Oder Nähzeug… trotz den kulinarisch sehr ausufernden letzten Tagen rutscht meine nämlich und das nervt tierisch.

Aber jetzt geh ich erstmal raus, auf den schönen Platz am See, den ich mir vorhin schon für mein Biwak ausgesucht habe. Auch wenn es sau kalt ist gerade: Es wird gut tun aus der vollen und lauten Gaststube rauszukommen.

12. Tag – Sonne im Rücken und Ziel vor Augen

Strecke: Hochweißsteinhaus (1868m) – Steinkarspitze (25214m) – Hochspitz / Monte Vancomun (2580m) – Reiterkarspitz (2421m) – Bärenbadeck (2430m) – Porzehütte (1942m)

Die “Königsetappe”. Und das find schon mit dem Kaiserwetter an, das mich heute morgen aus dem stinkenden Lager springen ließ. Die Berge waren in ein leuchtendes Orange getaucht, es war mal wieder zum luftanhalten schön. 

Die Etappe war wirklich so spektakulär schön, wie erwartet. Es ging die meiste Zeit oben über den Grat und mit einem ständigen Ausblick in Richtung meiner nächsten Etappe: den Dolomiten. Zudem rechts die prächtigen Großglockner und Großvenediger und links zackig die italienischen Belluneser Gipfel. 

Ja, das war definitiv die schönste Etappe bisher. Und ich bin so stolz auf meine starke Mutter, die wirklich eisern diese endlos lange Etappe durchmarschiert ist. Besonders schön ist dabei ihre immer große Begeisterung für alles, was man sehen kann. 

Leider ist die Porzehütte eine echte Enttäuschung. Aber dazu schreibe ich mal in einem gesonderten Beitrag, den ich über Hütten hier allgemein noch vorhabe zu schreiben.

 11. Tag – Rasten, rosten, mästen

Strecke: Kurzer Jogg auf der Suche nach “Internet” (ca. 200hm)… ansonsten nur die Treppe rauf und runter zwischen Lager und Gaststube im Hochweißsteinhaus (1837m)

Puh. Ich sitze. Immernoch. Und je mehr ich sitze umso kräftiger kribbeln die Flöhe in meinem Arsch. Ich freu mich darauf gleich zum “Internetspot” zu sprinten, damit es wenigstens ein bisschen Bewegung gibt. Warum das alles? Das Wetter lässt zu wünschen übrig. Von hier aus wollen wir die “Königsetappe” zur Porzehütte hinüber gehen. Das ist ein wunderschöner und langer Gratweg. Bei der Wetterprognose von ganztags Gewitter und Regen ist das einfach keine gute Idee. Vormittags haben wir dann einfach hier geholfen die Lager aufzuräumen und zu kehren. Da merkt man wieder, wie viel Arbeit das Hüttenpersonal hier täglich hat, obwohl es so “einfach” wirkt. Ich hoffe, dass viele Menschen das so sehr zu schätzen wissen und entsprechend respektvoll mit den tollen Menschen umgehen, die all das für uns hier oben möglich machen.

Eigentlich könnte es gemütlich sein, hier in der Gaststube rumzuhängen. Aber die letzen Tage haben mich körperlich wenig gefordert und ich fühle mich nicht nach Pause machen. Ich bemühe mich es “sportlich” zu nehmen, als eine gute Übung in Ruhe und Gelassenheit. Aber ich gebe zu, es fällt mir wirklich schwer es einfach zu akzeptieren. Ich kann das Wetter ja nicht ändern und mit Katalin unterwegs sein ist natürlich anders als allein. Es ist ja auch wirklich schön, mich mit ihr gemeinsam an all diesen wunderbaren Aussichten hier auf dem Karnischen Höhenweg freuen zu können.

Heute wird einfach viel gegessen. Das kann man hier nämlich fantastisch: der Salat kommt aus dem Garten der Hütte, es gibt frischen Bergkräutertee und alles gekochte ist unglaublich lecker. Ansonsten spielen wir Spiele und ich nutze mal wieder die Zeit zum Emails schreiben, Bloggen und organisieren. 

Und nach den obligatorischen Palatschinken werde ich mal eine Regenpause für eine Yogasession und etwas Blackroll Training nutzen. Ja. Sonst gibt es gerade nicht viel zu erzählen, bzw. habe ich jetzt so viele Stunden tippen hinter mir, dass ich gerade einfach keine Lust mehr habe.

10. Tag – Mount Nipples im Nebel

Strecke: Wolayerseehütte – Hochweißsteinhaus 

Nachts hat es ordentlich gestürmt. Ich war trotz mief und dicker Luft froh, im Lager zu schlafen. Auch wenn es ein komisches Gefühl war, wieder so ein definiertes Dach über dem Kopf zu haben. Nach einem ausgiebigen Frühstück (danke Mama) mit traumhaftem Seeblick sind wir dann um 8:30 losgegangen. Erst ging es wunderschön hinab in ein Tal. Es war sehr neblig, aber der Nebel war ständig in Bewegung, hebte und senkte sich wie ein magischer Teppich. Der Aufstieg ging über einen schönen Waldweg und die Sicht wurde immer besser. Im Norden tauchten zwei Bergspitzen aus dem Nebel auf, die wir sofort “Mount Nipples” tauften.

Wir sind bis zum Giramondopass gut durchgekommen. Das war das Ziel, das noch vor dem angekündigten Gewitter zu schaffen. Es war auch Mittags noch so schön, dass wir uns ein Bad und eine Mittagspause unterhalb des Quinta Pasoli nicht entgehen lassen konnten. 

Und dann kam das Gewitter. Und nicht zu knapp. Es hat ordentlich gehagelt und der letzte Pass war recht schwer zu überwinden. Da waren wir sehr froh als wir (nach einem Heidelbeersnack am Weg) in die gemütlich warme Gaststube des Hochweißsteinhaus kamen.   

9. Tag – Kurzer Aufstieg und wieder See

Strecke: Gasthof Valentinalm (1220m) – Valentintörl (2138m) – Wolayerseehütte (1960m)

Ja, ich gebe zu, man könnte derzeit meinen ich sei nur hier um in diese ganzen Bergseen zu springen… Heute sind wir von der Valentinalm bis zur Wolayerseehütte aufgestiegen. Wir sind zu zweit sehr gemächlich unterwegs, deshalb war es dann doch klüger heute nicht noch die lange Etappe zum Hochweißsteinhaus dranzuhängen. Ich habe viel Gelegenheit zu atmen und es ist gut zu üben, entspannt zu bleiben und das gemäßigte Tempo zu genießen, anstatt ständig vorpreschen zu wollen. Ich hole tief Luft, viel tiefer als wenn ich allein unterwegs bin und zwar regelmäßig aber doch mit höherem Puls ausschreite.

Heute waren Katalin und ich zusammen im See, der mit seinen 17 Grad noch nicht einmal ganz so kalt war. Der Wolayersee ist türkisblau und liegt malerisch in einem kleinen Tal, direkt an der österreichisch-italienischen Grenze, zwischen Hoher Warte (2780m), Rauchkofel (2460m), Seekopf (2554m) und Maderkopf (2155m).  

Die Wolayerseehütte ist bisher die schönste Hütte, in die ich auf dieser Tour eine Fuß gesetzt habe. Sie steht hier in unschlagbar schöner Lage seit 1923 und wurde 2012 auf geschmackvolle Weise renoviert. Es gibt einen großen Gastraum der vorne wie ein Wintergarten völlig verglast ist und einen großartigen Ausblick auf den See und die umliegenden Berge bietet. Das Essen ist auch gut und alles ist sehr sauber.

Morgen starten wir ganz zeitig, hier gibt es ab 6:30 Frühstück und ich hoffe, dass wir dann gut durchkommen und nicht in ein Gewitter geraten. Jetzt gerade schüttet es draußen, deswegen werde ich schweren Herzens im Lager schlafen. Wenn ich aber Nachts aufwache und da ist kein Regen mehr, dann bin ich draußen!

8. Tag – Keinen See auslassen

Strecke: Zollner See (1766m) – Köderhöhe (2228m) – Grünsee (1249m) – Gasthof Valentin (1220m)

Heute halte ich mich kurz. Katalin ist da, und ich will lieber Zeit mit ihr verbringen. 

Es war ein langer, aber schöner Tag. Die Nacht war allerdings unangenehm. Der Biwakplatz war schief und es gibt nichts, aber auch wirklich gar nichts, was mehr nervt als Nachts davon aufzuwachen, dass man schon wieder samt Schlafsack neben der Matte liegt. Grrr. Außerdem war es sehr feucht-kalt und deshalb war ich etwas “klamm”, als ich aufgewacht bin. Frühstück hab ich mir dann doch geklemmt, so früh krieg ich außer Kaffe einfach nichts runter.

HIghlight des Tages war definitiv der Grünsee. Ich war schon recht müde von dem Weg, der sich am Ende dann doch zog und mich gelangweilt hat. Und dann tauchte zwischen den Bäumen dieses blitzende Wasser auf und meine Motivation machte einen Sprung. Und einen halbe Stunde später auch ich. In den See.  Ein Traum. Ich werde niemals satt nach einer langen Tour in diesen kalten klaren Gewässern zu schwimmen.

Es war so schön, auf der Hütte dann Katalin zu sehen! Wir haben groß zusammen gegessen und gehen jetzt früh schlafen. Ich werde natürlich draußen schlafen, hoffentlich regnet es nachts nicht. Das Wetter ist hier wirklich unberechenbar und unbeständig. Mal sehen ob es hält. Und sonst ist ein Dach ja nicht weit. 

Es gibt noch ein schönes Detail, von dem ich heute erzählen will. Immer wieder mal bekomme ich Nachrichten von Leuten, die meinen Blog lesen. Ich freue mich darüber immer sehr. Heute habe ich eine SMS von Romain bekommen, das war meine erste große Liebe. Er war 16, ich 14. Er lebte in Paris, ich am Chiemsee. Er war die große Welt für mich und wir schrieben uns viele viele Briefe und besuchten uns gegenseitig so oft es eben ging. In der SMS heute sagte er, dass ihn mein Bergprojekt an einen Text erinnert, den ich ihm anscheinend einmal geschrieben habe. Ich habe mich unglaublich gefreut, dass er diese alten Zeilen ausgegraben hat und finde sie eigentlich ganz schön:

This way is multicoloured
And it goes always up and down
This way is angled 
And you never know what’s around
[…] There is one street everybody walks on his own
This street goes on and on and on
People cross this way of yours
But essentially you walk alone…

 

7. Tag – Energie

Ich sitze am vermutlich idyllischsten Bloggerplatz ever ;-). Es ist dunkel geworden, gerade war noch genug Licht um den Schlafplatz zu bauen. Jetzt sehe ich die Tastatur nur mit Stirnlampe.

Ich sitze am Zollner See. Es ist recht feucht, aber mein Schlafplatz ist trocken. Die Grillen zirpen und gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, klingeln die Kuhglocken. Ich habe mich gerade gefragt, ob ich mich wohl sehr erschrecken würde, wenn mich nachts eine Kuh weckt. Aber dann wurde mir klar, dass ich sie ja dann der Glocken schon viel früher hören würde, also lange bevor sie mir einen Zungenkuss gibt… 

Der Tag heute war super. Ich spüre meine Kraft und es macht Spaß, Gas zu geben. Ich bin recht spät los, habe morgens noch viel erledigt und lang Yoga gemacht und einfach das Zimmer genutzt während es draußen  morgens noch recht diesig war. 

Um 12:30 ungefähr bin ich los, und dann mit ein paar kleineren Pausen durchmarschiert. Ich habe mich zwei Mal etwas verlaufen und die Irrungen im Gestrüpp (mannomann, wenn mich da jemand gesehen hätte…) haben natürlich etwas Zeit gekostet. Aber mich hat es irgendwie amüsiert und außerdem hat es Spaß gemacht einem Flusslauf zu folgen, von dem ich wusste, dass er irgendwann auf den Weg treffen würde. Ein bisschen boulderei war auch dabei und natürlich bin ich mindestens einmal fast auf den glitschigen Steinen ausgerutscht. Aber immer gut gelaunt.

Das Gelände hier ist traumhaft. Ich bin über grüne Wiesen gewandert, an Almen vorbei, ein sanftes Auf und Ab, einfach schönes wandern. Und immer von Kuhglocken begleitet. Ich habe große Schritte gemacht, gleichmäßig geatmet und gespürt wie dankbar mein Körper für die weniger physisch anstrengenden Tage und den heutigen Pausenmorgen ist. Es ist als würde er mich dafür belohnen und mir eine extra Portion Energie zuschießen. Es ist 21:25 und ich könnte gefühlt noch einen Halbmarathon laufen. 

Manchmal kommt aus dem See ein “Blubb”. Es ist kein Badesee, eher ein Moor. So oder so ist es immer schön, am Wasser zu schlafen. Der Weg zur Zollner Hütte ist morgen früh nicht weit. Und dann gönne ich mir vielleicht auch einfach mal ein Frühstück. Das habe ich bis jetzt immer vermieden, aber meine Vorräte gehen zur Neige. 

Morgen Nachmittag kommt Katalin, meine Mutter, die dann ein paar Tage mit mir wandert. Ich freue ich sehr darauf, Zeit mit ihr zu verbringen.

So. Und jetzt wird es kühl und ich freu mich darauf in meinem kuschlig warmen Schlafsack zu liegen. Bonne nuit!

6. Tag – Donnernde Blaskapellen 

Gut ausgeruht habe ich mich heute morgen auf den Weg gemacht. Es war direkt da, das neue Thema: Atmen. Gleichmäßig, konstant, motiviert und voll Lust an der Bewegung bin ich recht flott losgelaufen. Die Forstwege haben mich nicht weiter gestört, es ging nur mäßig bergauf und ich habe es sehr genossen einfach zu laufen. Die Strecke an der österreichisch-italienischen Grenze entlang führte durch den schönen “foreta di tarvisio”. Alles war saftig grün, die Wege durch die Wälder verwunschen schön und angenehm schattig. Nach 1,5 Stunden stetigem Marsch habe ich eine genüssliche Frühstückspause eingelegt, bei der ich unter ständiger Beobachtung von mindestens zehn Kühen stand. Erstaunlich wenig Menschen habe ich unterwegs getroffen. Ich dachte, dass in der Hochsaison hier auf dem Karnischen Höhenweg, der einzigen Etappe die ich “by the book” gehe, die Hölle los sein würde. 

Laut Wetterbericht sollte es ab 11 Uhr gewittern. Deshalb hatte ich mir vorgenommen bis dann am Nassfeld anzukommen um mich ggf. unterstellen zu können. Die metallhaltige Erde macht Gewitter in dieser Region besonders gefährlich, und ich habe keine Lust gegrillt zu werden.

Um 11 Uhr strahlte immernoch der blaue Himmel und ich änderte meinen Plan und nahm mir vor bis zum italienischen Biwak, ca. 1,5 Stunden westlich vom Nassfeld zu gehen. 

Das Nassfeld konnte man schon von Ferne hören. Mein Horror: Blasmusik. Als ich oben über den Sattel kam, schallte mir diese gleich aus mehreren Richtungen entgegen und so beschloss ich das Nassfeld über die … zu umgehen. Ungefähr auf halbem Weg begann der Himmel sich zu verändern. Hier oben geht das dann ganz schnell, also legte ich einen Zahn zu. Als ich bei der Passstraße ankam, war es wirklich schwer einzuschätzen, wie lange das Wetter noch halten würde. “Better safe than sorry” entschloss ich mich schweren Herzens in die einzige Alpenvereinsunterkunft des Nasstals zu gehen. Zu meinem Schreck stellte sich heraus, dass ausgerechnet dort das Epizentrum der Blasmusik lag. Es wurde, mit Bürgermeister und allen andern Local Heroes der Almkirchtag gefeiert. 

Das Wetter war noch immer passabel und ich dachte nur: wehe das gibt nicht einen ordentlichen Sturm hier, sonst muss ich das alles umsonst aushalten. 

Aber er kam. Mit Pauken und Trompeten. Mit Hagel, Sturm, Blitz und Donner. Es schüttet draußen noch immer. Inzwischen sind die feierwütigen Almkirchler nach dem 50. “ein Prosit” auch abgereist und es ist ruhig geworden. Und ich bin jetzt froh hier drin zu sein und nicht irgendwo nass im Regen. Außerdem konnte ich Wäsche waschen und endlich mal wieder ausführlich schreiben.

Morgen geht es weiter, hoffentlich wieder mit der Sonne im Rücken. Die Vorhersage ist positiv. Und wenn der Schmerz in meinem Oberarm von der Zeckenimpfung endlich mal nachlassen würde, dann könnte ich mich jetzt auch ganz unbeschränkt auf morgen freuen. 



5. Tag – Ein Jäger, seine Frau und ein Federbett

Strecke: Jasna See bei Kranjska Gora (908m) – per Autostopp über den Wurzenpass nach St. Stefan im Gailtal – Egger Alm (1422m)

Was für ein Tag. Es fing traumhaft an, mein Schlafplatz am Fluss, eine ausgedehnte Yogasession, Wäsche waschen, Kaffe bei Milka. Dann nochmal See-Hüpfung, und schließlich, dummerweise in der Mittagshitze, losgetrampt. Das war gleich schon von Anfang an wenig erfolgreich. Ich weiß nicht, woran es lag, aber ich habe für die knapp einstündige Autostrecke, mit einem Stopp im Supermarkt und viel Fußweg über fünf Stunden gebraucht. 

Ursprünglich war der Plan gewesen von Thörl-Maglern zu starten. Wegen der späten Stunde entschied ich mich dann, erst ab St. Stefan loszugehen. Es war schon 19 Uhr, als ich endlich loslaufen konnte. Im Tal und den Ortschaften habe ich noch nach einer Pension gesucht. Es war klar, dass ich es nicht mehr bis zur Alm schaffen würde und ein Gewitter war auch im Anmarsch. Aber keine Chance, alles hatte zu oder war sehr unfreundlich. Kärnten zeigte seine Zähne. 

Ich also los, Mücken zum trotz, mit dem etwas bekloppten Plan irgendwo unterwegs einen einigermaßen sicheren Platz zum biwakieren zu finden. Keine Chance. Der Forstweg zog sich, es wurde dunkel. Schließlich war ich so platt, dass ich einfach am Wegrand mein Biwak aufgebaut habe. Und just, als alles fertig war, kam von oben ein Jeep. Mist. Ich noch recht leicht bekleidet (es war sau heiß), schnell panisch was übergeworfen, Zeug zur Seite geworfen und da stand ich wie ein Schulkind am Wegesrand und sah die Kritik auf mich zurollen. “Wos werd’n des?” sagt er und ich bekomme erstmal eine Ansprache, wie gefährlich das sei und Gewitter im Anmarsch und “unmöglich”. Aber dann, als ich frage ob er denn einen Tipp habe, wo ich hinkönnte, geht ein Telefonmarathon bei ihm los. “Des werd ma scho, des muaß ja!” Alle anderen Telefonenden lehnen ab. Freundliches Kärnten. Er nimmt mich also mit, räumt sein Gewehr auf die Rückbank, ruft kurz daheim an und sagt dem Sohn er solle die Gäöstematratze ins Jagdzimmer legen. Ich werde immer kleiner auf dem großen Beifahrersitz. Mir ist das alles furchtbar peinlich und gleichzeitig finde ich es hochkomisch. Aber es kommt noch besser. Angekommen bei Jägers Heim, in Empfang genommen von den Kindern: “Host wos g’schossn Papa?” “Na, aber wos g’fangen…” sagt er mit Blick auf mich. Seine Frau ist nirgends zu sehen. Dann wird im Jagdzimmer voller Geweihe und ausgestopfter Tiere mein Bett gemacht. Er sagt noch, dass er mir organisieren kann, dass mich der Wirt Alb nächsten Tag mit dem Auto mit auf die Alm nimmt, damit ich nicht so viel Zeit verliere. Er bietet mir an zu duschen, ich freu mich riesig und nehme das Angebot an. Als ich aus der Dusche wieder runter komme sagt er, er müsste mich jetzt doch woanders hin fahren, man sei hier dagegen, dass ich bliebe… Ich also Rucksack wieder rauf, die Kinder kommen mit, wir fahren los zur Alm. Unterwegs telefoniert er mit den Wirtsleuten und macht mir ein Zimmer klar. Irre nett! Er sagt immer wieder, dass sowas ja nicht sein kann. Er meint damit seine Frau, die anscheinend wirklich was dagegen hatte, dass ich im Jagdzimmer übernachte. Er sei halt ein “Zuagroasta” und da merkt man das ja wieder, die haben “alle keine soziale Ader hier”. Den Kindern ist es auch peinlich. “Voll peinlich, was wär denn wenn der mal was passiert und sie Hilfe braucht? Und du bist ja kein bärtiger Mann oder so…”. Außerdem sind sie sehr neugierig. Wollen wissen ob ich einen Freund habe, ob ich nachts draußen keine Angst hätte und wieviel Geld ich dabei habe. 

Auf der Egger Alm angekommen, zeigt mir Alexandra, die supernette Wirtin mein traumhaftes Zimmer mit Federbett. Das Gewitter kommt nicht. Aber ich schlafe selig und tief.

Übrigens: Es war so gefährlich dort wo ich mein Biwak gebaut hatte, weil es bei Regen dort immer wieder massive Erdrutsche gibt. Das hatte ich nicht bedacht. Ausgerechnet da wo ich lag, war wohl schon ein paar Wochen vorher mal ordentlich was runtergekommen. Ich hätte keine Chance gehabt, sagte der Jäger. Also Glück gehabt. Kein Biwak, kein Gewitter aber eine schöne Geschichte.

Die Suche nach dem Rhythmus im Triglav Nationalpark

Rhythmus. Der Duden sagt: “lateinisch rhythmus < griechisch rhythmós?= Gleichmaß, eigentlich?= das Fließen, zu: rhe?n?= fließen”. Es geht also darum, in einen gleichmäßigen Fluss zu kommen. Manchmal ist mir das über kurze Strecken gelungen in den letzten Tagen, aber dann hat doch die Hitze, der Durst oder die Erschöpfung einen Strich durch den Rhythmus gemacht. Die Landschaft, die Wege und Steige im Triglav bieten wenig Möglichkeit für Gleichmaß. Es geht streckenweise eben über Felsplatten oder durch Geröllfelder, dann plötzlich eine Kletterei, manchmal sehr konzentrationsfordernd. Ein unschlagbarer Ausblick, wie der auf die Nordwand des Triglav, lässt mich staunend wie angewurzelt stehen bleiben. Dann ein steiles Stück im Zicksack durch rutschiges Gelände, eine Steinbockfamilie die rennend einen kleinen Steinschlag auslöst und gleich darauf geht es steil hinab durch einen ungesicherten Steig. Es sind also erschwerte Bedingungen gewesen für die Rhythmussuche in diesem Gelände. Aber abwechslungsreich war es allemal. Ein ständiges Thema im Triglav ist das Wasser. Es gibt kaum Quellen und die Seen sind sehr auf einzelne Orte konzentriert. Auch ich habe mich hier oft verkalkuliert und hatte dann zu wenig Wasser oder zu viel Ballast. Da freue ich mich auf die Karnischen Alpen, mit all ihren Quellen und Bächen überall. 

Was mich hier in Slowenien wirklich gestört hat, ist der Umgang mit dem Begriff “Nationalpark”. Einerseits ist es streng verboten wild zu campen (auch wenn ich da keinerlei Probleme hatte), andererseits verkaufen alle Hütte nur Getränke in Plastikflaschen, verteilen Plastiktüten und Alufolie, es gibt Papierhandtücher, der Boden wird sogar damit gewischt und die Seife ist bestimmt auch nicht abbaubar. Viele Urlauber lassen auch ihren Müll (meist die Plastikflaschen von den Hütten) liegen, ich habe recht viel eingesammelt unterwegs. Mir ist das unsympathisch und ich hoffe, und wünsche mir für diese schöne Gegend, dass sich das noch ändert.

Immer wenn ich gehe und gleichmäßig atme, einen Schritt vor den anderen setzen kann, dann fühle ich mich gut. Dann geht es voran, dann spüre ich mich und mag die Bewegung. Ich werde dann auch innerlich ruhiger, fühle meinen Körper und die Kraft darin, und kann alles um mich herum klarer wahrnehmen. Aber es wird noch dauern, bis ich da wirklich stetig darin angekommen bin. Der Vorgeschmack auf den Zustand ist allerdings unglaublich befriedigend, ja geradezu köstlich. 

Ich habe erkannt, dass es ein Trugschluss war zu glauben, dass der Rhythmus sich als erstes einstellen kann. Rhythmus ist schwer. Rhythmus braucht Zeit. Aber im Duden steht auch, dass das “Wort rechtschreiblich schwierig” ist. Ja, auch abseits der Rechtschreibregeln kann ich das im semantischen Sinne bestätigen. Und im griechischen (?????? (eryein)) kommt Rhythmus außerdem anscheinend von „ziehen“. Auch hier kann ich nur bestätigen: Ja. Es zieht sich.

Ich habe auf der ersten Etappe gemerkt, dass neben dem Bergsteigen und dem Schreiben ganz schön viel zu tun ist. Ich muss Zeit mit Tageslicht einplanen um mich um meine Füße zu kümmern, genug Wasser zu filtern, die jeweilige Route richtig und ausführlich zu planen, das Wetter zu checken, den Rucksack richtig zu packen, Wäsche zu waschen, mich zu dehnen, zu putzen, zu füttern… Dafür will ich mir aus den Erkenntnissen der ersten Etappe noch einen etwas einheitlicheren Rhythmus angewöhnen. Ich versuche hier mal zu entwerfen, wie das aussehen könnte.

Aufstehen spätestens um 6 Uhr (meistens war ich früher wach). Dann zuerst Gesicht waschen und Zähne putzen. Den Schlafsack zum auslüften ausbreiten und 20-45 Minuten Yoga machen. Dann umziehen, Wasser filtern, Wetter checken und in die Trinkblase füllen, Füße pflegen, Rucksack packen. Wenn ich was habe: frühstücken. Eigentlich sollte ich, je nach Wetter, wirklich spätestens um 7 Uhr losgehen. Wenn es so heiß ist, wie die letzten Tage hier, dann ist es besser zwischen 12 und 14 Uhr eine Mittagspause von 2 Stunden im Schatten einzuplanen und bis dahin recht stetig durchzumarschieren. Danach weiter, ggf. auch noch später, hier war es wirklich bis um 16 Uhr einfach zu heiß und ich bin trotzdem gegangen, was sehr viel Energie gekostet hat. Dann auf einer Hütte kurz dehnen, Wetter und Route für den nächsten Tag checken, etwas essen und schreiben. Spätestens um 20 Uhr dann weitergehen, damit ich noch etwas Licht habe, wenn ich gegen 21 Uhr meinen Schlafplatz einrichte. Fotos bearbeiten geht am besten wenn es schon dunkel ist. Vor dem Einschlafen versuche ich den Tag nochmal in Ruhe zu verarbeiten und ein bisschen in die Sterne zu gucken. Zugegeben, bisher habe ich das noch nicht gemacht. Aber da will, ich hin. Insgesamt klingt es auch so schon fast stressig, oder? Ich bin sicher, wenn der Rhythmus mal in mir angekommen ist, wird sich das alles entspannen. 

Es tut gut, sich um so grundsätzliche Dinge zu kümmern, wie hier beschrieben. Die Tage hier oben geben auch einen Rhythmus vor. Mit Sonnenauf- und untergang, Mittagshitze, oder auch – bisher bin ich davon zwar verschont geblieben – Gewittern und anderen Schlechtwetter-Situationen. Es ist ein gutes Gefühl, ausgeliefert zu sein, sich dem fügen zu müssen was kommt. Das ist etwas, was ich hier oben lerne und sehr schätze: Ich muss mich jederzeit danach verhalten was gerade notwendig ist. Ich muss auf meinen Körper hören und meine Umwelt genau wahrnehmen. Und dann entsprechend reagieren. So wichtig es ist, gut vorbereitet zu sein, die Route zu kennen und das Wetter vorherzusehen: Planen kann man hier oben nur bedingt. 

Wahrscheinlich ist es genau das, was ich am Bergsteigen so mag und wonach ich mich sehne, wenn ich als Controlfreak im Tal in meinem Planungswahnsinn steckenbleibe.