8. Tag – Keinen See auslassen

Strecke: Zollner See (1766m) – Köderhöhe (2228m) – Grünsee (1249m) – Gasthof Valentin (1220m)

Heute halte ich mich kurz. Katalin ist da, und ich will lieber Zeit mit ihr verbringen. 

Es war ein langer, aber schöner Tag. Die Nacht war allerdings unangenehm. Der Biwakplatz war schief und es gibt nichts, aber auch wirklich gar nichts, was mehr nervt als Nachts davon aufzuwachen, dass man schon wieder samt Schlafsack neben der Matte liegt. Grrr. Außerdem war es sehr feucht-kalt und deshalb war ich etwas “klamm”, als ich aufgewacht bin. Frühstück hab ich mir dann doch geklemmt, so früh krieg ich außer Kaffe einfach nichts runter.

HIghlight des Tages war definitiv der Grünsee. Ich war schon recht müde von dem Weg, der sich am Ende dann doch zog und mich gelangweilt hat. Und dann tauchte zwischen den Bäumen dieses blitzende Wasser auf und meine Motivation machte einen Sprung. Und einen halbe Stunde später auch ich. In den See.  Ein Traum. Ich werde niemals satt nach einer langen Tour in diesen kalten klaren Gewässern zu schwimmen.

Es war so schön, auf der Hütte dann Katalin zu sehen! Wir haben groß zusammen gegessen und gehen jetzt früh schlafen. Ich werde natürlich draußen schlafen, hoffentlich regnet es nachts nicht. Das Wetter ist hier wirklich unberechenbar und unbeständig. Mal sehen ob es hält. Und sonst ist ein Dach ja nicht weit. 

Es gibt noch ein schönes Detail, von dem ich heute erzählen will. Immer wieder mal bekomme ich Nachrichten von Leuten, die meinen Blog lesen. Ich freue mich darüber immer sehr. Heute habe ich eine SMS von Romain bekommen, das war meine erste große Liebe. Er war 16, ich 14. Er lebte in Paris, ich am Chiemsee. Er war die große Welt für mich und wir schrieben uns viele viele Briefe und besuchten uns gegenseitig so oft es eben ging. In der SMS heute sagte er, dass ihn mein Bergprojekt an einen Text erinnert, den ich ihm anscheinend einmal geschrieben habe. Ich habe mich unglaublich gefreut, dass er diese alten Zeilen ausgegraben hat und finde sie eigentlich ganz schön:

This way is multicoloured
And it goes always up and down
This way is angled 
And you never know what’s around
[…] There is one street everybody walks on his own
This street goes on and on and on
People cross this way of yours
But essentially you walk alone…

 

7. Tag – Energie

Ich sitze am vermutlich idyllischsten Bloggerplatz ever ;-). Es ist dunkel geworden, gerade war noch genug Licht um den Schlafplatz zu bauen. Jetzt sehe ich die Tastatur nur mit Stirnlampe.

Ich sitze am Zollner See. Es ist recht feucht, aber mein Schlafplatz ist trocken. Die Grillen zirpen und gegenüber, auf der anderen Seite des Sees, klingeln die Kuhglocken. Ich habe mich gerade gefragt, ob ich mich wohl sehr erschrecken würde, wenn mich nachts eine Kuh weckt. Aber dann wurde mir klar, dass ich sie ja dann der Glocken schon viel früher hören würde, also lange bevor sie mir einen Zungenkuss gibt… 

Der Tag heute war super. Ich spüre meine Kraft und es macht Spaß, Gas zu geben. Ich bin recht spät los, habe morgens noch viel erledigt und lang Yoga gemacht und einfach das Zimmer genutzt während es draußen  morgens noch recht diesig war. 

Um 12:30 ungefähr bin ich los, und dann mit ein paar kleineren Pausen durchmarschiert. Ich habe mich zwei Mal etwas verlaufen und die Irrungen im Gestrüpp (mannomann, wenn mich da jemand gesehen hätte…) haben natürlich etwas Zeit gekostet. Aber mich hat es irgendwie amüsiert und außerdem hat es Spaß gemacht einem Flusslauf zu folgen, von dem ich wusste, dass er irgendwann auf den Weg treffen würde. Ein bisschen boulderei war auch dabei und natürlich bin ich mindestens einmal fast auf den glitschigen Steinen ausgerutscht. Aber immer gut gelaunt.

Das Gelände hier ist traumhaft. Ich bin über grüne Wiesen gewandert, an Almen vorbei, ein sanftes Auf und Ab, einfach schönes wandern. Und immer von Kuhglocken begleitet. Ich habe große Schritte gemacht, gleichmäßig geatmet und gespürt wie dankbar mein Körper für die weniger physisch anstrengenden Tage und den heutigen Pausenmorgen ist. Es ist als würde er mich dafür belohnen und mir eine extra Portion Energie zuschießen. Es ist 21:25 und ich könnte gefühlt noch einen Halbmarathon laufen. 

Manchmal kommt aus dem See ein “Blubb”. Es ist kein Badesee, eher ein Moor. So oder so ist es immer schön, am Wasser zu schlafen. Der Weg zur Zollner Hütte ist morgen früh nicht weit. Und dann gönne ich mir vielleicht auch einfach mal ein Frühstück. Das habe ich bis jetzt immer vermieden, aber meine Vorräte gehen zur Neige. 

Morgen Nachmittag kommt Katalin, meine Mutter, die dann ein paar Tage mit mir wandert. Ich freue ich sehr darauf, Zeit mit ihr zu verbringen.

So. Und jetzt wird es kühl und ich freu mich darauf in meinem kuschlig warmen Schlafsack zu liegen. Bonne nuit!

6. Tag – Donnernde Blaskapellen 

Gut ausgeruht habe ich mich heute morgen auf den Weg gemacht. Es war direkt da, das neue Thema: Atmen. Gleichmäßig, konstant, motiviert und voll Lust an der Bewegung bin ich recht flott losgelaufen. Die Forstwege haben mich nicht weiter gestört, es ging nur mäßig bergauf und ich habe es sehr genossen einfach zu laufen. Die Strecke an der österreichisch-italienischen Grenze entlang führte durch den schönen “foreta di tarvisio”. Alles war saftig grün, die Wege durch die Wälder verwunschen schön und angenehm schattig. Nach 1,5 Stunden stetigem Marsch habe ich eine genüssliche Frühstückspause eingelegt, bei der ich unter ständiger Beobachtung von mindestens zehn Kühen stand. Erstaunlich wenig Menschen habe ich unterwegs getroffen. Ich dachte, dass in der Hochsaison hier auf dem Karnischen Höhenweg, der einzigen Etappe die ich “by the book” gehe, die Hölle los sein würde. 

Laut Wetterbericht sollte es ab 11 Uhr gewittern. Deshalb hatte ich mir vorgenommen bis dann am Nassfeld anzukommen um mich ggf. unterstellen zu können. Die metallhaltige Erde macht Gewitter in dieser Region besonders gefährlich, und ich habe keine Lust gegrillt zu werden.

Um 11 Uhr strahlte immernoch der blaue Himmel und ich änderte meinen Plan und nahm mir vor bis zum italienischen Biwak, ca. 1,5 Stunden westlich vom Nassfeld zu gehen. 

Das Nassfeld konnte man schon von Ferne hören. Mein Horror: Blasmusik. Als ich oben über den Sattel kam, schallte mir diese gleich aus mehreren Richtungen entgegen und so beschloss ich das Nassfeld über die … zu umgehen. Ungefähr auf halbem Weg begann der Himmel sich zu verändern. Hier oben geht das dann ganz schnell, also legte ich einen Zahn zu. Als ich bei der Passstraße ankam, war es wirklich schwer einzuschätzen, wie lange das Wetter noch halten würde. “Better safe than sorry” entschloss ich mich schweren Herzens in die einzige Alpenvereinsunterkunft des Nasstals zu gehen. Zu meinem Schreck stellte sich heraus, dass ausgerechnet dort das Epizentrum der Blasmusik lag. Es wurde, mit Bürgermeister und allen andern Local Heroes der Almkirchtag gefeiert. 

Das Wetter war noch immer passabel und ich dachte nur: wehe das gibt nicht einen ordentlichen Sturm hier, sonst muss ich das alles umsonst aushalten. 

Aber er kam. Mit Pauken und Trompeten. Mit Hagel, Sturm, Blitz und Donner. Es schüttet draußen noch immer. Inzwischen sind die feierwütigen Almkirchler nach dem 50. “ein Prosit” auch abgereist und es ist ruhig geworden. Und ich bin jetzt froh hier drin zu sein und nicht irgendwo nass im Regen. Außerdem konnte ich Wäsche waschen und endlich mal wieder ausführlich schreiben.

Morgen geht es weiter, hoffentlich wieder mit der Sonne im Rücken. Die Vorhersage ist positiv. Und wenn der Schmerz in meinem Oberarm von der Zeckenimpfung endlich mal nachlassen würde, dann könnte ich mich jetzt auch ganz unbeschränkt auf morgen freuen. 



5. Tag – Ein Jäger, seine Frau und ein Federbett

Strecke: Jasna See bei Kranjska Gora (908m) – per Autostopp über den Wurzenpass nach St. Stefan im Gailtal – Egger Alm (1422m)

Was für ein Tag. Es fing traumhaft an, mein Schlafplatz am Fluss, eine ausgedehnte Yogasession, Wäsche waschen, Kaffe bei Milka. Dann nochmal See-Hüpfung, und schließlich, dummerweise in der Mittagshitze, losgetrampt. Das war gleich schon von Anfang an wenig erfolgreich. Ich weiß nicht, woran es lag, aber ich habe für die knapp einstündige Autostrecke, mit einem Stopp im Supermarkt und viel Fußweg über fünf Stunden gebraucht. 

Ursprünglich war der Plan gewesen von Thörl-Maglern zu starten. Wegen der späten Stunde entschied ich mich dann, erst ab St. Stefan loszugehen. Es war schon 19 Uhr, als ich endlich loslaufen konnte. Im Tal und den Ortschaften habe ich noch nach einer Pension gesucht. Es war klar, dass ich es nicht mehr bis zur Alm schaffen würde und ein Gewitter war auch im Anmarsch. Aber keine Chance, alles hatte zu oder war sehr unfreundlich. Kärnten zeigte seine Zähne. 

Ich also los, Mücken zum trotz, mit dem etwas bekloppten Plan irgendwo unterwegs einen einigermaßen sicheren Platz zum biwakieren zu finden. Keine Chance. Der Forstweg zog sich, es wurde dunkel. Schließlich war ich so platt, dass ich einfach am Wegrand mein Biwak aufgebaut habe. Und just, als alles fertig war, kam von oben ein Jeep. Mist. Ich noch recht leicht bekleidet (es war sau heiß), schnell panisch was übergeworfen, Zeug zur Seite geworfen und da stand ich wie ein Schulkind am Wegesrand und sah die Kritik auf mich zurollen. “Wos werd’n des?” sagt er und ich bekomme erstmal eine Ansprache, wie gefährlich das sei und Gewitter im Anmarsch und “unmöglich”. Aber dann, als ich frage ob er denn einen Tipp habe, wo ich hinkönnte, geht ein Telefonmarathon bei ihm los. “Des werd ma scho, des muaß ja!” Alle anderen Telefonenden lehnen ab. Freundliches Kärnten. Er nimmt mich also mit, räumt sein Gewehr auf die Rückbank, ruft kurz daheim an und sagt dem Sohn er solle die Gäöstematratze ins Jagdzimmer legen. Ich werde immer kleiner auf dem großen Beifahrersitz. Mir ist das alles furchtbar peinlich und gleichzeitig finde ich es hochkomisch. Aber es kommt noch besser. Angekommen bei Jägers Heim, in Empfang genommen von den Kindern: “Host wos g’schossn Papa?” “Na, aber wos g’fangen…” sagt er mit Blick auf mich. Seine Frau ist nirgends zu sehen. Dann wird im Jagdzimmer voller Geweihe und ausgestopfter Tiere mein Bett gemacht. Er sagt noch, dass er mir organisieren kann, dass mich der Wirt Alb nächsten Tag mit dem Auto mit auf die Alm nimmt, damit ich nicht so viel Zeit verliere. Er bietet mir an zu duschen, ich freu mich riesig und nehme das Angebot an. Als ich aus der Dusche wieder runter komme sagt er, er müsste mich jetzt doch woanders hin fahren, man sei hier dagegen, dass ich bliebe… Ich also Rucksack wieder rauf, die Kinder kommen mit, wir fahren los zur Alm. Unterwegs telefoniert er mit den Wirtsleuten und macht mir ein Zimmer klar. Irre nett! Er sagt immer wieder, dass sowas ja nicht sein kann. Er meint damit seine Frau, die anscheinend wirklich was dagegen hatte, dass ich im Jagdzimmer übernachte. Er sei halt ein “Zuagroasta” und da merkt man das ja wieder, die haben “alle keine soziale Ader hier”. Den Kindern ist es auch peinlich. “Voll peinlich, was wär denn wenn der mal was passiert und sie Hilfe braucht? Und du bist ja kein bärtiger Mann oder so…”. Außerdem sind sie sehr neugierig. Wollen wissen ob ich einen Freund habe, ob ich nachts draußen keine Angst hätte und wieviel Geld ich dabei habe. 

Auf der Egger Alm angekommen, zeigt mir Alexandra, die supernette Wirtin mein traumhaftes Zimmer mit Federbett. Das Gewitter kommt nicht. Aber ich schlafe selig und tief.

Übrigens: Es war so gefährlich dort wo ich mein Biwak gebaut hatte, weil es bei Regen dort immer wieder massive Erdrutsche gibt. Das hatte ich nicht bedacht. Ausgerechnet da wo ich lag, war wohl schon ein paar Wochen vorher mal ordentlich was runtergekommen. Ich hätte keine Chance gehabt, sagte der Jäger. Also Glück gehabt. Kein Biwak, kein Gewitter aber eine schöne Geschichte.

Die Suche nach dem Rhythmus im Triglav Nationalpark

Rhythmus. Der Duden sagt: “lateinisch rhythmus < griechisch rhythmós?= Gleichmaß, eigentlich?= das Fließen, zu: rhe?n?= fließen”. Es geht also darum, in einen gleichmäßigen Fluss zu kommen. Manchmal ist mir das über kurze Strecken gelungen in den letzten Tagen, aber dann hat doch die Hitze, der Durst oder die Erschöpfung einen Strich durch den Rhythmus gemacht. Die Landschaft, die Wege und Steige im Triglav bieten wenig Möglichkeit für Gleichmaß. Es geht streckenweise eben über Felsplatten oder durch Geröllfelder, dann plötzlich eine Kletterei, manchmal sehr konzentrationsfordernd. Ein unschlagbarer Ausblick, wie der auf die Nordwand des Triglav, lässt mich staunend wie angewurzelt stehen bleiben. Dann ein steiles Stück im Zicksack durch rutschiges Gelände, eine Steinbockfamilie die rennend einen kleinen Steinschlag auslöst und gleich darauf geht es steil hinab durch einen ungesicherten Steig. Es sind also erschwerte Bedingungen gewesen für die Rhythmussuche in diesem Gelände. Aber abwechslungsreich war es allemal. Ein ständiges Thema im Triglav ist das Wasser. Es gibt kaum Quellen und die Seen sind sehr auf einzelne Orte konzentriert. Auch ich habe mich hier oft verkalkuliert und hatte dann zu wenig Wasser oder zu viel Ballast. Da freue ich mich auf die Karnischen Alpen, mit all ihren Quellen und Bächen überall. 

Was mich hier in Slowenien wirklich gestört hat, ist der Umgang mit dem Begriff “Nationalpark”. Einerseits ist es streng verboten wild zu campen (auch wenn ich da keinerlei Probleme hatte), andererseits verkaufen alle Hütte nur Getränke in Plastikflaschen, verteilen Plastiktüten und Alufolie, es gibt Papierhandtücher, der Boden wird sogar damit gewischt und die Seife ist bestimmt auch nicht abbaubar. Viele Urlauber lassen auch ihren Müll (meist die Plastikflaschen von den Hütten) liegen, ich habe recht viel eingesammelt unterwegs. Mir ist das unsympathisch und ich hoffe, und wünsche mir für diese schöne Gegend, dass sich das noch ändert.

Immer wenn ich gehe und gleichmäßig atme, einen Schritt vor den anderen setzen kann, dann fühle ich mich gut. Dann geht es voran, dann spüre ich mich und mag die Bewegung. Ich werde dann auch innerlich ruhiger, fühle meinen Körper und die Kraft darin, und kann alles um mich herum klarer wahrnehmen. Aber es wird noch dauern, bis ich da wirklich stetig darin angekommen bin. Der Vorgeschmack auf den Zustand ist allerdings unglaublich befriedigend, ja geradezu köstlich. 

Ich habe erkannt, dass es ein Trugschluss war zu glauben, dass der Rhythmus sich als erstes einstellen kann. Rhythmus ist schwer. Rhythmus braucht Zeit. Aber im Duden steht auch, dass das “Wort rechtschreiblich schwierig” ist. Ja, auch abseits der Rechtschreibregeln kann ich das im semantischen Sinne bestätigen. Und im griechischen (?????? (eryein)) kommt Rhythmus außerdem anscheinend von „ziehen“. Auch hier kann ich nur bestätigen: Ja. Es zieht sich.

Ich habe auf der ersten Etappe gemerkt, dass neben dem Bergsteigen und dem Schreiben ganz schön viel zu tun ist. Ich muss Zeit mit Tageslicht einplanen um mich um meine Füße zu kümmern, genug Wasser zu filtern, die jeweilige Route richtig und ausführlich zu planen, das Wetter zu checken, den Rucksack richtig zu packen, Wäsche zu waschen, mich zu dehnen, zu putzen, zu füttern… Dafür will ich mir aus den Erkenntnissen der ersten Etappe noch einen etwas einheitlicheren Rhythmus angewöhnen. Ich versuche hier mal zu entwerfen, wie das aussehen könnte.

Aufstehen spätestens um 6 Uhr (meistens war ich früher wach). Dann zuerst Gesicht waschen und Zähne putzen. Den Schlafsack zum auslüften ausbreiten und 20-45 Minuten Yoga machen. Dann umziehen, Wasser filtern, Wetter checken und in die Trinkblase füllen, Füße pflegen, Rucksack packen. Wenn ich was habe: frühstücken. Eigentlich sollte ich, je nach Wetter, wirklich spätestens um 7 Uhr losgehen. Wenn es so heiß ist, wie die letzten Tage hier, dann ist es besser zwischen 12 und 14 Uhr eine Mittagspause von 2 Stunden im Schatten einzuplanen und bis dahin recht stetig durchzumarschieren. Danach weiter, ggf. auch noch später, hier war es wirklich bis um 16 Uhr einfach zu heiß und ich bin trotzdem gegangen, was sehr viel Energie gekostet hat. Dann auf einer Hütte kurz dehnen, Wetter und Route für den nächsten Tag checken, etwas essen und schreiben. Spätestens um 20 Uhr dann weitergehen, damit ich noch etwas Licht habe, wenn ich gegen 21 Uhr meinen Schlafplatz einrichte. Fotos bearbeiten geht am besten wenn es schon dunkel ist. Vor dem Einschlafen versuche ich den Tag nochmal in Ruhe zu verarbeiten und ein bisschen in die Sterne zu gucken. Zugegeben, bisher habe ich das noch nicht gemacht. Aber da will, ich hin. Insgesamt klingt es auch so schon fast stressig, oder? Ich bin sicher, wenn der Rhythmus mal in mir angekommen ist, wird sich das alles entspannen. 

Es tut gut, sich um so grundsätzliche Dinge zu kümmern, wie hier beschrieben. Die Tage hier oben geben auch einen Rhythmus vor. Mit Sonnenauf- und untergang, Mittagshitze, oder auch – bisher bin ich davon zwar verschont geblieben – Gewittern und anderen Schlechtwetter-Situationen. Es ist ein gutes Gefühl, ausgeliefert zu sein, sich dem fügen zu müssen was kommt. Das ist etwas, was ich hier oben lerne und sehr schätze: Ich muss mich jederzeit danach verhalten was gerade notwendig ist. Ich muss auf meinen Körper hören und meine Umwelt genau wahrnehmen. Und dann entsprechend reagieren. So wichtig es ist, gut vorbereitet zu sein, die Route zu kennen und das Wetter vorherzusehen: Planen kann man hier oben nur bedingt. 

Wahrscheinlich ist es genau das, was ich am Bergsteigen so mag und wonach ich mich sehne, wenn ich als Controlfreak im Tal in meinem Planungswahnsinn steckenbleibe.

4. Tag – Vom Razor in den See

Strecke: Sr. Kriško jezero (2050m) – Razor (2601m) – Vrši? (1601m) – Jasna See bei Kranjska Gora (809m)

Ich liege am See. Endlich. Das Wasser ist wunderschön kalt und klar, und man sieht die Bergspitze des Razor auf der ich noch heute Morgen stand. Ich finde, das ist eine gebührende Art das Ende der ersten Etappe zu feiern. Ich habe vor in dem wahrscheinlich völlig überteuerten Restaurant hier möglichst viel Pasta zu essen und zum Nachtisch Eis! Ja!

Hier ist Sommerferien-Stimmung. Spielende, planschende Kinder und ich mittendrin mit meinem Rucksack und meinen völlig zugetapten Füßen. Apropos: die brauchen jetzt auch ein paar Stunden Pause. Meine Füße. Auch wenn ich eigentlich zufrieden bin mit den neuen, wunderbar leichten, griffigen und eigentlich sehr bequemen Salomon XAlp (ja Salomon, hat mich auch überrascht…) machen sie mir gerade noch ein bisschen Schwierigkeiten. Sie müssen sich noch an meine Füße gewöhnen und ich hoffe sie tun das bald!

Heute habe ich Lust richtig viel zu schreiben. Langsam komme ich an. Ich kann wirklich gut schlafen hier oben und vor Allem draußen. Schon jetzt kann ich mir nicht mehr vorstellen, nachts ein Dach über dem Kopf zu haben. Ich hatte bisher aber auch wirklich Glück mit meinen Biwaks. Die erste Nacht am See war ein Traum, die zweite Nacht an der Hütte war wettertechnisch sicher, die Ebene mit Blick ins Tal am Sr. Kriško jezero war total schön und heute Nacht schlafe ich an diesem wunderbar klaren Fluss hier in Jasna.

Die größte Herausforderung, besonders heute, war die große Hitze. Gefühlt waren es 40 Grad und der Weg war lang und mit wenig Schatten. Deswegen habe ich schon Morgens entschieden, dass ich ja nicht alle Gipfel auf dem Weg mitnehmen muss. Anstatt wie geplant auch noch den Prisank zu besteigen, war ich nur auf dem Razor (2601m), der allerdings eine schöne Aussicht bot. Ich war aber nur ganz kurz oben, die Hitze hat mich getrieben. Die Strecke Richtung Kranjska Plana war recht steil im Geröll und in der prallen Sonne. Weil der Weg kaum markiert war, habe ich hier viel Zeit verloren. Dann hatte ich mich eigentlich auf den recht ebenen Weg um den Prisonik herum durch das Grün gefreut, aber mit dem Verlust der Höhe wurde es immer schwüler. Also zugegeben, es war nicht meine liebste Strecke heute.

In Vrši? angekommen habe ich eine Fanta getrunken. Das schmeckt mir eigentlich nicht, aber es war die beste Fanta meines Lebens. Zucker, kalt, Kohlensäure. Ein Traum. Und ich konnte es nicht lassen, Sport Conrad neben den Stickern der Biker Gangs zu verewigen.  Dann wurde ich von zwei netten Engländerinnen in ihrem Wohnmobil mit ins Tal genommen. Die Passstraße wand sich ewig und ich war überglücklich, als ich am Jasna aussteigen konnte. Und da bin ich jetzt. Am See. 

Inzwischen habe ich auch jene überteuerte aber sehr leckere Pasta und einen Salat gegessen. Das Restaurant heißt “Milka” und ich kann es wärmstens empfehlen. Die Leute dort sind auch sehr freundlich und entspannt und das Essen ist regional und besonders schön zubereitet. Und nun werde ich durch den Fluss waten und mir einen schönen Biwakplatz suchen. Morgen schreibe ich eine Zusammenfassung der Etappe und dann gehts weiter zum Karnischen Höhenweg. Ich freu mich darauf! 

3. Tag

Ko?a na Doli?u (2151m) – Triglav (2864m) – Lukna (das “Loch”, 1759m) – Bovški Gamsovec (2495m) – Poga?nikov dom na Kriških podih (2050m) – Sr. Kriško (mein Schlafplatz)

Habe gegessen. Aber platt bin ich immernoch. Ich könnte mir vorstellen, dass ich morgen Muskelkater habe. Nach den ersten zwei “Schontagen” ging es dann heute doch recht ordentlich zur Sache. Ich war insgesamt 12 Stunden unterwegs. Um 7 sind wir los zum Triglav (oder Triglau, wie die Slowenen sagen) und das war sehr schön da oben, wenn auch recht voll. Der Abstieg zum Lukna hatte es ziemlich in sich, über 1000hm ging es recht steil bergab. Es war ordentlich Kletterei angesagt, kaum seilgesicherte Stellen und es war viel viel Trittsicherheit und vor Allem auch Schwindelfreiheit gefragt. Mir hat die Herausforderung großen Spaß gemacht. Zeitlich hat es sich aber recht gezogen, weil ich mit dem Rucksack steil bergab eine Menge Balance zusätzlich ausgleichen muss. Ich hatte sehr nette Gesellschaft von Freya und Daniel aus Tübingen, die zum ersten Mal in alpinem Gelände unterwegs waren und das wirklich heldenhaft gemeistert haben. Im Lukna hab ich dann eine Stunde Pause gemacht und danach ging es wieder 500hm hoch und danach auch wieder runter. Inzwischen war längst das Wasser ausgegangen, keine Quelle weit und breit, und ich ziemlich dehydriert. Deswegen gibt es heute von mir kleine literarischen Ergüsse mehr. Jetzt heißt’s letzte Kraft zusammen kratzen, eine Runde dehnen und dann einen Schlafplatz aufsuchen und schlaaaaafen.

Ich hab viel nachgedacht heute. Auch über Rhythmus. Aber dazu morgen mehr.

2. Tag – Schatten suchen

Strecke: Dvojno Jezero (1685m) – Kanjavec (2568m) – Ko?a Na Doli?u (2151m)

Ich bin viel zu spät losgegangen heute. Das Schreiben am Morgen ist keine gute Idee. Besonders, wenn der Tag verspricht so heiß zu werden wie heute. Eigentlich logisch. Naja, das mit dem Rhythmus… Jedenfalls sitze ich jetzt, entgegen der Planung, wieder in einer Hütte. In der Ko?a Na Doli?u. Draußen zieht ein dickes Gewitter auf und so habe ich mich dagegen entschieden noch eine Stunde Richtung Triglav weiter zu gehen und dort zu biwakieren. Vermutlich schlafe ich hier auf der Terasse, falls es doch nicht mehr regnet.

Heute war schwierig. Wegen der Hitze, und aus irgendeinem Grund hat mich alle mehr angestrengt. Ich war dadurch recht langsam unterwegs, habe Mittags über eine Stunde in einem selbst gebauten Schatten verbracht und war dann lange auf dem Kanjavec Gipfel.  Schließlich habe ich mich also gegen die lange Etappe mit Triglav Besteigung entschieden. Den mache ich nun morgen früh. Früh! 

Heute ging es zunächst sehr eben durch das schöne Sieben-Seen-Tal. Am Zeleno Jezero beginnt dann der steile Anstieg durch ein recht gerölliges Gelände, das schließlich in eine wahre Steinwüste (Hribarice) mündet. Der Weg hoch zum Kanjavec ist zwar technisch nicht sehr anspruchsvoll, ihn in der knalligen Mittagssonne zu gehen macht allerdings nicht so viel Spaß. Was ich wirklich auffällig finde hier, ist dass die Slowenen nicht grüßen unterwegs. Das scheint hier nicht so üblich zu sein. Meistens gucken die Leute eher etwas grimmig, wenn man freundlich grüßt. Das wiederum hat mir dann angefangen Spaß zu machen und so wurde ich geradezu euphorisch mit meinem “dobre dan”. 

Ich mag die Schroffheit des Geländes hier, finde aber gerade, dass man sich daran vermutlich recht schnell sattsehen kann. Aber vielleicht liegt das auch einfach an meiner aktuellen Stimmung.

Info: Die gesicherten Steige (besonders über Triglav, Prisonik und Jalovec) erfordern wirklich gute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit. Klettersteigpassagen erfordern Helm (und ggf. KS-Set). Man kann aber um das zu vermeiden auch Ausweichrouten wählen. Insgesamt ist es Bergsteiger-Terrain und nur in den tieferen Lagen für normales Wandern geeignet, auch wenn das von vielen Menschen fröhlich beturnschuht ignoriert wird. 

1. Tag – Grün satt

Strecke: Stara Fuzina (551m) – Dvojno Jezero (1685m)

Wie anfangen… ich sitze in der Hütte Ko?a pri Triglavskih jezerih und warte darauf, dass die Schlange für den Kaffe kürzer wird. Es ist also eigentlich schon der zweite Tag, der eben begonnen hat. Gestern bin ich erst um 17 Uhr losgegangen und war gegen 21 Uhr hier oben. Ich habe dann auf der Hütte nur noch eine Suppe gegessen und mir dann einen Platz zum biwakieren gesucht. Es war wirklich ein vier Sterne Biwak, oder besser gesagt, ein 1000-Sterne Biwak. Direkt am See, wunderschön ruhig, fern von der Hütte, aber nah genug um jetzt einen Kaffee zu kriegen. Und der Sternenhimmel gestern war ein sehr herzliches und strahlendes Willkommen für mich hier oben. Ich bin dankbar. Dankbar, dass es jetzt endlich losgegangen ist. Dankbar, dass ich mir diese Zeit nehmen darf und kann.

Der Weg hier hoch gestern war sehr angenehm und unschwierig. Es ging zumeist auf einem kleinen Pfad durch grüne, satte Wälder. Immer wieder gab es längere Passagen die einfach recht eben dahin gingen, wofür ich dankbar war. Die letzten stressigen Tage, die Zeckenimpfung und der Schlafmangel sitzen mir noch in den Knochen und an den Rucksack muss ich mich auch noch gewöhnen. Wirklich beeindruckend sind hier die ganz unvermittelt auftauchenden kleinen Hütten in grünen Tälern, die von einzelnen Bergurlaubern anscheinend gemietet werden können. Sie sind wirklich wunderschön und ganz einfach. Da passen die z.T. laut biertrinkenden Männer davor gar nicht so recht dazu. Aber schon bin ich wieder um eine Ecke des sich windenden Pfads und es ist als wäre da nie eine Hütte gewesen. 

Rhythmus. Das Thema dieser Etappe. Ich schätze ich werde noch ein paar Tage brauchen, um da anzukommen. Im Moment hänge ich noch ganz im Pragmatismus. Was ich noch alles tun muss, wem ich schreiben muss, warum der GPS Track auf meiner Uhr sich nicht anzeigen lässt, wieviele Fotos ich mir am Tag “erlaube” damit ich am Ende nicht vor über 1000 Fotos sitze usw. Aber ich bin ganz zuversichtlich. Yoga am See heute morgen hat mir schon einen Vorgeschmack gegeben. 

Heute gehe ich auf den Triglav. Falls es sich zeitlich ausgeht. Wenn nicht, dann gehe ich eben morgen auf den Gipfel. Das Wetter ist einladend. Und jetzt hole ich mir einen Kaffee. Die Slowenen sind früh auf und früh ausgeflogen. Es ist 8:15 und die Hütte ist schon fast leer.

Ein Rucksack von Deuter

Jetzt ist er da, der ACT Lite (35+ 10L) SL, mein engster Begleiter in den nächsten zwei Monaten, im physischen Sinne des Wortes. Ich freue mich sehr über das Sponsoring von Deuter.

Ich habe den Rucksack während meines Umzugs mal zum Test bepackt. Und es passt wie eingegossen. Auch wenn ich nochmal ein paar Sachen aussortieren muss, weil er mir mit 11,5 Kilo (ohne Wasser) doch noch etwas zu schwer ist. Aber auch so, wie er jetzt gepackt ist – also noch unsystematisch und mit Umzugsstress im Rücken – ist vom Volument her noch Luft nach oben, auch weil oben ja der Deckel höhenverstellbar ist. Mein Lieblingsfeature ist der “doppelte Boden”, ein separates Fach unten, für mich das “Schlafzimmer” im Rucksack, weil dort perfekt Schlafsack, Isomatte, Bivaksack etc. reinpassen.

Ich freue mich darauf, meinem neuen Begleiter die Alpen zu zeigen!

Life is better in a backpack. Umzug fertig, alles in einer Lagerbox, Rucksack bleibt.