25. Tag – Es ist so unfassbar schön!!!

Strecke: Rifugio Dorigoni (2437m) – Cima Mezzena (3121m) – Cima Careser (3186m) – Rifugio Dorigoni (2437m) – Sallent Joch (2965m) – Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m) 

Ich sitze auf einer Bank, oberhalb des gletscherkriostalltürkisen Zufritt Stausees. Zur Zufallhütte ist es beistimmt noch eine Stunde, aber ich will jetzt schreiben und nicht wieder in der lauten Gaststube. Ich bin so glücklich. Ich bin so überaus dankbar, dass ich hier sein kann. Es ist so unglaublich schön, dass ich gleichzeitig lachen und weinen möchte. Und es ist einer der wenigen Momente in denen ich mir wünsche nicht allein zu sein, um all das hier teilen zu können. 

Schon die Nacht war wirklich angenehm und sehr schön. Es war mir nie zu kalt und die Aussicht beim Aufwachen war traumhaft. Die Wolken drückten sich noch im Tal rum und die Berge um mich herum schimmerten rosa. Ich war noch nie so schnell um kurz nach 6 Uhr aus dem Schlafsack geschlüpft, aber das Felsplateau und die aufgehende Sonne riefen mich zum Morgengruß. Wie kitschig das klingt – wie kitschig das war! Ein Traum. Also Yoga mit einmalig schöner Morgenstimmung und dann auf einen Kaffee ins Rifugio Dorigoni. 

Vormittags bin ich ohne Rucksack auf den Cima Careser gelaufen. Mann, hat das gut getan, mal kein Gewicht auf dem Rücken zu haben. Ich bin fast geflogen da hoch. 600 Höhenmeter in einer Stunde und dann noch die Querung oberhalb des Gletschers und nochmal 100 Höhenmeter zum Gipfel. Noch nicht Ueli Steck, aber für mich schon ganz gut, finde ich. Es hat sich jedenfalls phenomenal angefühlt auf dem Cima Careser, der mit seinen 3154 Metern der höchste Gipfel bisher auf dieser Tour ist. Ich konnte schon rüberwinken zum Ortler, der sehr verlockend aussah und mich nun überlegen lässt wie und ob ich eine Besteigung doch noch bewerkstelligen könnte. Wann wenn nicht jetzt? Ich habe eigentlich Zeit. Und aufgrund der Jahreszeit und des Wetters ist noch ganz unklar, wie viele hohe Gipfel ich in der Schweiz noch machen können werde. Naja, ich werde das nachher mal überprüfen. Ich müsste mir alle Ausrüstung leihen, weil meine Steigeisen, Eispickel und Co. kommen ja erst per Post von Sport Conrad für die Sesvenna Etappe.

Jedenfalls bin ich dann vom Gipfel wieder runtergerannt und war nach insgesamt 2,5 Stunden Ausflug wieder bei Lorenzo, Cecilia, Clara und den andern netten Kollegen im Rifugio Dorigoni. Ich habe noch einen Tee getrunken und meine Beine ins Kneippbecken gesteckt und mir von Lorenzo noch ein paar Tourentipps abgeholt. Um 14 Uhr bin ich dann endlich los. Die Tour zur Zufallhütte ist mit fünf Stunden angegeben, aber in meinem Hlöhenflug und Größenwahn ging ich davon aus das “locker” in drei Stunden zu gehen. Aber dann kam wieder die Schönheit dazwischen. Der Aufstieg (nochmal 600hm) war länger und anstrengender. Ich schiebe das alles auf den Rucksack. Und dann kam noch der Nebel, der alles mystisch aussehen ließ. Oben am Grat angekommen habe ich kaum angehalten, weil es stark gewindet hat. Es ging steil durch blockiges Gelände bergab, an türkisblauen Gletscherseen vorbei, die sogar für mich dann – besonders in Kombination mit dem Wind – nicht mehr zum baden in Frage kamen. Und dann fing ich an, die Steine zu bewundern. Und ab da war die Zeit vergessen. Ich bin nur noch begeistert von einer Steinmusterung zur nächsten gehüpft. Die Farben der Steine sind kräftig, rötlich, gelblich, silbern und die Formen und Maserungen sind so schön, dass ich aus dem Staunen und Fotografieren gar nicht mehr raus kam. Und dann kam noch der tosende Gebirgsnach und ich musste eine Weile dem Wasser zusehen. Jetzt ist es schon 18 Uhr und ich sollte mich beeilen zur Hütte zu kommen. Es reizt mich gar nicht, dort anzukommen. Aber für heute Nacht ist Regen angesagt und da schlafe ich dann wohl doch lieber im Lager. Morge steht eigentlich eine große Etappe mitb Gratweg an, leider sieht es aber gerade so aus als könnte es morgen Nachmittag gewittern. Die Hoffnung bleibt. Und so erfüllt wie ich von diesen letzten zwei Tagen bin, kann ich bestimmt auch eine Nacht unter schnarchenden Menschen ertragen.

Nachtrag am Morgen des 26.: Hier auf der Zufallhütte gab es ohne Witz eine Sauna! Es war fantastisch gestern hier noch zwei Saunagänge eingelegt zu haben. Wegen akutem Blitz und Donner draußen hab ich dann im Lager geschlafen. Der Kaffee hier ist eine Plörre und der Wirt mit seinem Schlagerhumor auch schwer verdaulich. Aber hey, er hat mich auf den Kaffee eingeladen und ist halt einer der alten Riege, die damit bestimmt immernoch auf einer Hütte wie hier viel Popularität genießen. Und bald gehts es ja los. Heute über den Gratweg zwischen Madritschspitz und Eisseespitze zur Schaubachhütte (die furchtbar sein soll, weil sie bei der Gondelstation ist) und dann weiter zur kleineren und schöneren Hintergrathütte. Von dort gehen die Besteigungen des Ortlers los. Ich habe Bergführertelefonnummern und hoffe, dass es morgen oder übermorgen klappt.

Aufgeschlossenheit als Herausforderung in den Dolomiten

Auf der 4. Etappe meiner Ost-West Alpenüberquerung ging es vom 18.-23. August durch die Puez Gruppe und dann durch den Naturpark Schlern-Rosengarten. Das Thema “Aufgeschlossenheit” ist mir auf dieser Etappe besonders in der Landschaft und in Persona von sechs Menschen begegnet. Mir war in der gesamten Region noch zu viel los und ich muss gestehen, dass meine innere Reaktion darauf nicht viel mit Aufgeschlossenheit zu hatte. Ich habe Menschen verurteilt, in Schubladen gesteckt, mich über sie geärgert. Es ist fatal das sagen zu müssen, aber ich vermute an manchen Tagen hat meine Beschäftigung mit der vermeintlichen Unzulänglichkeit anderer Menschen meine Freude über die unendlich beeindruckende Natur überschattet. Ich empfinde es dabei nach wie als völlig inakzeptabel, das Menschen ihren Müll in den Bergen liegen lassen und sich verantwortungs- oder respektlos verhalten. Aber ich kann es eben nicht ändern und vielleicht müsste ich mehr Verständnis aufbringen. Anstatt sie zu verurteilen, sollte ich ihnen wünschen, dass sie mit der Zeit von den Bergen lernen dürfen. Aber da bin ich eben unzulänglich in meiner mangelnden Aufgeschlossenheit.

Es fällt mir hier wirklich schwer, dieses Verständnis aufzubringen. Immerhin habe ich mich manchmal darum bemüht, habe Leute freundlich darauf hingewiesen, dass es vielleicht nicht so sicher ist, wenn das Kind ein Seil um den Bauch hat… habe gefragt warum sich eine Familie den steilen und gefährlichen Anstieg zu dem steinigen Gipfel antut, wenn man doch von unten das Selbe sieht und es auf den Wiesen viel gemütlicher ist. Aber auch das ist ja nicht meine Sache. Bleiben also die Fragen: Warum beschäftigt mich das so übermäßig? Warum gelingt es mir nicht, die Menschen auszublenden und die Berge für mich zu genießen? Oder ist es eben einfach ein Teil von mir, dass mich das beschäftigt und ich es nicht ausblenden kann?

Thomas und Regine, die beiden Physiohelden, die mich zusammengeklebt haben, habe ich als sehr aufgeschlossene Menschen erlebt. Sie haben sich mit allen Leuten unterhalten, waren dabei stets gut gelaunt und offen und haben sich für Alles und Jeden  interessiert. Dabei wirkten sie angenehm unangestrengt. Sie waren mir gegenüber so herzlich und großzügig. Ich freue mich, dass wir das Erlebnis des Piz Boé und auch einige andere schöne Aussichten teilen konnten. Dann sind da noch Oli und Kay, zwei Jungs aus Halle, denen ich auf der Langkofelhütte begegnet bin. Wir waren dann am nächsten Tag auch immer wieder parallel unterwegs, und sind gemeinsam den Klettersteig auf den Plattkofel gegangen. Beide sind sehr aufgeschlossene Menschen, dabei aber von der Energie her ganz anders als Thomas und Regine. Ich habe an ihrer Gesellschaft ihre Ruhe und Bescheidenheit geschätzt, und mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl gefühlt. Außerdem hatten wir noch einen lustigen Abend vor dem schrecklichen Tierser Alpl, und haben gemeinsam das Sternbild “Delphin” entdeckt. Leider habe ich meine Sternkarte dann dort liegengelassen.

Sonam, der mit seinem ganzen Wesen schon Aufgeschlossenheit ausstrahlt, bin ich dankbar für das Bett. Und Alexander, dem Wirt auf der Langkofelhütte für die Offenheit und auch dafür, dass er mich von seinem leckeren selbst gebrannten Schnaps probieren ließ.

Also, es gibt sie, die aufgeschlossenen Menschen. Auch mitten im Trubel. Das ist schön zu wissen. Und meine eigenen Aufgeschlossenheit die kann ich jetzt wieder entfalten, wenn ich in hier in der Ortler Region unterwegs bin, wo so angenehm wenig los ist und die mir, von allem was ich bisher erlebe, so viel sympathischer ist. 

24. Tag – Geschummelt?

Strecke: Magras (751m) – Piazzola (1300m) – Malga Fratte (1480m) – Campisol (2150m) – Rifugio Dorigoni (2436m)

Meine Füße stecken in einem Gebirgsbach. Auf meinem Rücken trocknet die Sonne die letzten Tropfen von der Dusche unter dem Wasserfall. Die Ortlergruppe begrüßt mich mit einem strahlenden Tag, perfekten Temperaturen und wunderschöner, sehr wasserreicher Landschaft. Ich bin schon an mindestens vier Wasserfällen vorbeigegangen. Dieser war zu verlockend und zudem wunderschön einsam. Es ist schon späterer Nachmittag aber zur Hütte ist es nicht mehr weit und ich bin so viel lieber hier draußen. Nach dem Dolomitentrubel genieße ich die Ruhe umso mehr.

Weiter unten bei den Wasserfällen von Saent waren noch recht viele Leute, aber seit es steiler ist, bin ich mit dem Plätschern allein. Ich lasse mir Zeit, koste jede Minute voll aus und atme tief die frische Luft ein, die Wasserdunst durchzogen ist. Es tut so gut. Alles fühlt sich richtig an. Ich bin so gerne hier oben, fühle mich jetzt so wohl und so frei. Ja, vielleicht komme ich jetzt endlich an hier. Und vielleicht habe ich jetzt bald den Rhythmus gefunden. 

Aus Versehen habe ich heute geschummelt und eine Tagesetappe übersprungen. Ich bin von Magras nach Piazzola getrampt (keine Lust auf Teerhatsch) und der alte italienische Opa, der mich mitgenommenen hat, zeigte mir freudig strahlend bei dem Wanderweg eine Richtung. Ohne nachzudenken oder auf meine Karte zu schauen bin ich losgelaufen. Ich war so froh über die Ruhe. Und dann war ich auf einmal an der Malga Fratte und es war klar, dass ich auf der falschen Seite das Tal hochgelaufen bin. Um zu meiner eigentlichen Route zurück zu gehen wäre es ein riesen Umweg gewesen. So habe ich nun also eine Tagesetappe übersprungen. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich den Umweg von vier Stunden gehen meine Richtung gehe, um zu den Haselgruber Seen zu kommen, die so schön sein sollen und wo ich eigentlich hin wollten. Und um eben nicht zu schummeln. Und dann fing ich an, darüber nachzudenken, warum ich es als “schummeln” empfinde. Braucht “schummeln”, so wie betrügen, ein Gegenüber das außerhalb meiner Selbst ist? Das davon betroffen ist, oder davon sogar Schaden trägt? Wer wäre das denn in meinem Fall, außer meinem eigenen Ehrgeiz? Ich gehe von Ost nach West. Ich habe eine Route geplant, bei der die Etappe dabei ist und bei dieser Route werde ich unterstützt. Aber ich fühle mich meinen Partnern gegenüber nicht schlecht deswegen. Weil meine Partner einfach großartig sind und mich überhaupt nicht unter Druck setzen. Allen voran Sport Conrad und Mira, die mich so sehr unterstützt bei dieser Tour und mir Pakete schnürt und Equipment schickt und auch mental einfach eine tolle Unterstützung ist. Also bin ich es selbst. Und warum? Eigentlich gibt es dafür keinen Grund. Und das habe ich heute kapiert. Besser spät als nie. Ich mache das hier ja für mich, also warum sollte ich mir im Weg stehen? Warum sollte ich überhaupt denken, dass ich geschummelt habe? Es gibt schließlich keinen Grund für ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber… Schon lustig, wie ein Ego so spielt.

Ich sitze inzwischen drinnen beim Rifugio Dorigoni. Es ist schön wieder auf einer “echten Hütte” zu sein. Lorenzo, der die Hütte zusammen mit seiner Schwester Cecilia schmeißt, ist ein wirklich guter Typ. Er ist seit 17 Jahren hier oben, ist Bergführer und liebt seine Region über Alles. Man merkt der Hütte den guten Vibe an. Auch das Essen war super. Mir gefällt, dass die Portionen zwar erstmal nicht übergroß sind, Cecilia dann aber mit der Beilage nochmal rumgeht und Nachschub anbietet. Ein Konzept das ich bisher nur auf den besten Hütten erlebt habe. Man vermeidet übermäßige Essensreste und alle werden satt. 

Lorenzo hat mir seinen liebsten Biwakplatz gezeigt, einen Geheimtipp. Und der Spot ist wirklich unglaublich schön. Zwischen Felsen in einer Mulde, im Trockenen und mit einer unfassbar schönen Aussicht ins Tal. Es wird eine schöne Nacht werden, da bin ich mir sicher.

Nachtrag: Übrigens kaufen alle die auf dieser Hütte arbeiten ihre Ski etc. schon ewig bei Sport Conrad. Gute Hütte ?.

23. Tag – Wenn sich die Füße verabschieden

Strecke: Tierser Alpl (2440m) – Maximiliansteig (2556m) – Roterdspitz (2655m) – Schlernbödelehütte (1718m) – Seis – Bozen – …

Eigentlich hatte ich großes Glück letzte Nacht. Zufällig habe ich Abends kurz vor Hüttenruhe, Sonam getroffenen, einen Kollegen aus der “International Mountaineering Group” in München. Ich war gerade dabei meine Isomatte aufzupusten, um mich draußen unter den makellosen Sternenhimmel zu legen. Ich war wusste schon, dass es möglicherweise wieder eine sehr kalte Nacht werden würde. Da bot mir Sonam unglaublich netter Weise an, dass ich mit in seinem Zimmer schlafen könne. Er hatte zwei Betten, und eines war frei, obwohl die Hütte bis ins Foyer überbelegt war. Die Leute schliefen auf Matratzen im Flur…  Erstmal hat es mich trotzdem nach draußen gezogen, aber es war angenehm zu wissen, dass ich nachts in ein frisches warmes Bett krabbeln könnte, wenn es nötig wäre.

Der Ort, den ich mir für die Nacht ausgesucht hatte, war sehr schön: eine Mulde hinter einem Felsbrocken auf einer großen Wiese zwischen den rechts und links aufragenden Dolomitenwänden. Es war windgeschützt und weit genug von der Hütte entfernt um den Eindruck des Sternenhimmels voll genießen zu können. Aber gerade als ich eingeschlafen war, hörte ich ein Donnern. Ich dachte noch, das kann nicht sein, der Himmel war doch so klar, aber das Donnern wurde immer deutlicher. Und es kam näher. Es knatterte, es polterte und schließlich hörte ich auch Schnauben. Als ich mich im Schlafsack aufrichtete, bot sich mir ein unglaubliches Bild: Über die Wiese rannten ausgelassen und voll Freiheit sieben Pferde. Im Sternenlicht sahen sie aus wie mächtige Geister, wunderschön und stark. Aber sie stürmten dabei leider genau in meine Richtung und ihr Tempo und ihre Kraft standen in krassem Kontrast zu meinem schlaftrunkenen ungläubigen Zustand. Ich stand also auf, und dachte noch “damit sie mich sehen können” und da rannten sie schon rings um an mir vorbei. Es war ein tolles Erlebnis, aber ich nutzte meinen wachen Zustand dann doch, um Sonams Angebot anzunehmen. Nicht nur wegen der Kälte, eher aus Sorge doch noch “aus Versehen” einen Huf im Gesicht zu haben.

Heute Morgen um 6 Uhr schleiche ich mich aus dem Zimmer. Ich will zum Sonnenaufgang oben im Maximiliansteig sein. Zunächst geht es ganz gut, aber nach den ersten paar Höhenmetern im Klettersteig merke ich, wie unsicher meine Schritte sind und wie viel Kraft mich alles kostet. Bald kommen Knieschmerzen und dann auch noch Rückenschmerzen dazu. Auch wenn es mir schwer fällt das zuzugeben: mir fehlt der Kaffee. Ich bin also langsam unterwegs, weil ich mich in dem – wenn auch leichten, so doch Trittsicherheit fordernden Gratklettersteig – doppelt konzentrieren muss. Der Rucksack zerrt an meinen Schultern, meine Hände sind kalt, an den Fingern habe ich ein paar Risse und dann fangen auch noch meine Füße an zu brennen. Mir kommt der in solchen Momenten erfrischende Gedanke: “Weiter geht es doch. So oder so. Schnell oder langsam.”

Heute geht es also, diesmal langsam – und wie immer am Ende einer Etappe – auf mehr als 1000hm nur bergab. Die immer grüner werdende Landschaft genieße ich wie immer sehr. Wieder bin ich die Einzige, die Morgens Richtung  Tal läuft. Mir kommen gut gelaunte Tagesausflügler entgegen. Meine Knie tun weh, ich hatte noch immer keinen Kaffee. Ich fühle mich nicht so gut gelaunt wie die Menschen, die mir entgegenkommen. Trotz der idyllischen Landschaft, hätte ich jetzt lieber einen See, einen Kaffee, eine Massage, eine Zitronenlimonade und saubere Klamotten und dann am Abend eine Sauna und vielleicht sogar eine gute Serie bingewatchen… Stattdessen geht es ins Tal, zum einkaufen und dann weiter zum Beginn der nächsten Etappe.

So habe ich mich dann durchgeschlagen bis hier, zur wunderschönen Schlernbödelehütte. Hier ist mal wieder eine sehr sympathische Belegschaft und es wird viel gelacht. Es tut gut die Leute lachen zu hören. Ich habe beschlossen hier eine längere Pause zu machen. Mein Körper will es so, und ich werde ihm nicht widersprechen. Jetzt habe ich köstliche Topfenknödel mit selber gemachtem Vanilleeis gegessen und schreibe endlich mal wieder.

Es stellt sich, wie immer am Ende einer Etappe immer das selbe Gefühl ein. Es ist eine Art Abschied, diesmal von den Dolomiten in ihrer mächtigen, blockigen, spitzen und weiten Kraft. Und es ist eine Neugier auf das was kommt, fast eine Ungeduld. Aber gleichzeitig habe ich immer ein bisschen Angst vor dem Tal. Vor Autos, Abgasen, vielen Menschen, Teer, Beton, buntem Kunststoff und überhaupt vor der Flut an mir jetzt unnatürlich erscheinenden Farben.

Die Pause hat sehr gut getan. Ich durfte ausführlich warm duschen (nach 7 Tagen die erste richtige Dusche mit warmem Wasser!) und habe ein paar Klamotten gewaschen die jetzt noch in der Sonne trocknen. Es ist 14:30 Uhr und ich mache mich jetzt an den restlichen Abstieg ins Tal und an den Weg hinüber zur Ortlergruppe und der nächsten Etappe mit dem Motto “Entfaltung”. Was für ein schönes Thema.

Nachtrag: Jetzt sitze ich in dem kleinen Ort Magras in der nähe des Nationalparks Stilfser Joch auf einem Spielplatz. Ja, ein Spielplatz. Es sieht so aus, als würde ich heute hier übernachten. Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Ort, aber ich fühle mich wohl. Ich hoffe, dass es niemanden stört wenn ich hier schlafe. Ich bin aber einfach nicht weitergekommen. Ich wollte noch hoch nach Rabbi, von wo ich morgen losgehe, aber als ich hier ankam war es schon dunkel und da ist trampen irgendwie ungünstig. So werde ich neben Schaukel und Wippe mein Biwak bauen und mir mal keine Sorgen machen, dass es zu kalt wird heute Nacht. Es ist mild, ich trage immernoch T-Shirt, und ich bin hier auf 781m. Gute Nacht.

22. Tag – Endlich schön kraxeln

Strecke: Langkofelhütte (2253m) – Plattkofel (2958m) – Malga del Sasso Piatto (2248m) – Tierser-Alpl-Hütte (2440m)

Die Nacht war kalt. Aber trotzdem sternklar und schön. Ich brauche, spätestens für die Schweiz, einen wärmeren Schlafsack. Mira, meine “Backoffice-Heldin” bei Sport Conrad, klärt das gerade für mich ab und wenn alles klappt bekomme ich vom aktuellen Schlafsack meiner Träume einfach die wärmere Variante.

Nachdem ich meine Sachen zum Tau trocknen aufgehängt habe, gab es in der Langkofelhütte ein sparsames Kaffeefrühstück. Bei Alexander, dem sehr jungen und total freundlichen Wirt, habe ich mir noch die obligatorischen “Geheimtips” für die weitere Strecke eingeholt. Trotz der kalten Nacht bin ich dann erstaunlicherweise voller Energie in den Klettersteig zum Plattkofel gestartet. Und der hat richtig viel Spaß gemacht. Hinter mir waren zunächst zwar laute Menschen, die zwanghaft versuchten ihren Hund die steile Wand hinauf zu jagen, aber als der irgendwann abgestürzt war (!) blieben nur Oli und Kay, zwei sehr nette Menschen, die ich am Abend vorher auf der Hütte kennengelernt hatte. Der Fels war schön griffig, der Rucksack störte mich nicht weiter und der Klettersteig hatte genau die richtigen Features für einen morgendlichen Gipfelanstieg.

Am Gipfel (großartige Aussicht) traf ich dann auch Regine und Thomas wieder – große Freude. Zusammen waren wir auf der anderen Seite des Plattkofels noch in der fantastisch schmackhaft und urig original bewirteten Malga del Sasso Piatto, die mir schon Bernhard auf der Schlüterhütte empfohlen hatte. Ich habe mich richtig satt gegessen und das hat sehr sehr gut getan.

Aus einer mittäglich-fresskomatösen Laune heraus entschied ich mich gegen die lange Route mit einem zweiten Klettersteig auf den Kesselkogel. Außerdem ist es mir auch hier, in der Schlern-Rosengarnten Gegend tendenziell noch zu voll und ich hoffe auf ruhigere Gefilde am Ortler. 

Auf dem Weg über Wiesen hinüber zur Tierser-Alpl-Hütte rufe ich ein paar Leute an. Es ist interessant, Kontakt mit Menschen aufzunehmen, die einen ganz anderen Alltag haben als ich. Es fällt mir richtig schwer vorzustellen, wie andere ihren Urlaub mit Parties und der Tingelei durch Städte verbringen, während ich hier über saftige Wiesen laufe, hier und da eine Kuh, ein Schaf oder ein Pferd begrüße und innerlich singe. Nirgends wäre ich lieber als genau hier. Was mich irre freut, ist dass meine Kalifornische Freundin April mich besuchen kommen wird. Sie geht das Wochenende mit mir einen Teil der Ortler-Etappe. Ich freue mich riesig darauf, mit einer Freundin das teilen zu können, was ich hier erlebe.

Die Tiersel-Alpl-Hütte ist vermutlich der Traum jedes Bergkomforttouristen. Und mich schlägt sie fast in die Flucht. Das Essen ist völlig übertrieben teuer, die große Belegschaft trägt “traditionelle” Uniform und sogar die Toilette kann nur gegen 50 Cent betreten werden. Ich esse eine mittelmäßige Brühe ohne Alles für 4€ und bin froh, dass ich draußen schlafe. 

21. Tag – Getapet auf den Piz Boé (3152m) 

Strecke: Pisciadù Hütte (2585m) – Piz Boé (3152m)- Val Lasties (1857m) – Sella Joch (2183m) – Langkofel Scharte (2685m) – Langkofelhütte (2253m)

Mir ist kalt. Trotz Tee. Trotz drinnen sitzen. Hoffentlich dank Wolldecke bald nicht mehr. Ich werde heute trotzdem draußen schlafen, weil so kann das ja nicht weitergehen und ich denke immernoch, dass ich mich vielleicht einfach noch nicht wirklich dran gewöhnt habe… Die letzten zwei Nächte war es Wetter- bzw. Rückenbedingt richtig im Lager zu schlafen, aber jetzt ist eigentlich gutes Wetter und ich will endlich wieder Sterne sehen. 

Meinen Physiohelden, Thomas und Regine, zum Dank, geht es dem Rücken jetzt besser. Ich spüre es schon noch, aber Regine hat mich heute morgen noch getapet und das tut auch total gut.

Morgens beim Aufstieg kam ich am Rifugio Boé vorbei, einer wirklich schöne Hütte mit blauen Fensterläden die sich in ein Steinmeer schmiegt. Ich habe eine Runde Yoga gemacht und dann ging es rauf auf den Piz Boé. Vermutlich wäre es eine bessere Idee gewesen ganz früh dort hoch zu gehen, denn auch auf dem Gipfel tummelten sich schon die Massen. Trotzdem war der Rundblick mächtig und bis in die Magengrube strahlte ein tiefes Gipfelgefühl.

Dann ging es 1200hm bergab und per Autostopp rauf zum Sellajoch, weil ich keine Lust hatte 500 Höhenmeter neben Motorrädern, Wohnmobilen und Sportwägen auf der Teerstraße zu gehen. Von dort wollte ich eigentlich nochmal 500hm hinauf, allerdings habe ich mich angesichts der “cross country” Kinderwägen und “Mountainbikern” auf E-Bikes, die den Aufstieg zur Langkofelscharte bevölkerten für die Abkürzung mit der lustigen Sassolungo-Gondel entschieden. In dieser Gondel haben kaum zwei Menschen stehend Platz und um einzusteigen muss man Anlauf nehmen.

Oben angekommen habe ich die Toni-Demetz-Hütte gleich rechts liegen lassen (sorry Thomas und Regine, ich hoffe ihr habt einen schönen Abend da oben!!) und bin zur Langkofelhütte wieder 400hm abgestiegen. 

Jetzt habe ich Huuunger und hoffe inständig, dass die Portionen hier nicht so klein sind, wie man hört… Ich weiß, das war heute ein recht nüchterner Bericht. Nicht jeden Tag macht mir das Schreiben gleich viel Spaß. Aber meistens finde ich es ganz wunderbar, dehn Tag abends nochmal Revue passieren zu lassen.

20. Tag – Menschen nerven

Strecke: Schlüterhütte (2297m) – Furcella della Roa (2815m) – Piz Duleda (2909m) – Furcella Nives (2740m) – Puez Hütte (2475m) – Piz de Puez (2913m) – Forcella della Crespina (2528m) – Grödner Joch (2121m) – Pisciadù Hütte (2585m)

So sehr ich mich auf das draußen schlafen gefreut hatte, ich werde das heute nicht riskieren. Irgendwie hab ich gestern im Lager falsch gelegen und heute schon den ganzen Tag Rückenschmerzen unter dem linken Schulterblatt. Glücklicherweise habe ich hier auf der Pisciadù Hütte gleich Thomas und Regine kennengelernt, ein Paar, beide Physiotherapeuten. Was hab ich ein Glück, oder? Thomas hat jetzt alles versucht. Er hat meinen Rücken gerenkt, gedreht und gewrungen und ich glaube es wird jetzt langsam besser. Hoffentlich hoffentlich ist es morgen ganz weg, weil auf Dauer macht das Bergsteigen keinen Spaß so. 

Die Sicht vom Hüttenfenster hier ist unschlagbar schön. Die Hütte steht auf einer Hochebene, die einer Steinwüste gleicht. Rings um sind die hohen felsigen Gipfel der Dolomiten, die sich jetzt alle in ihrem rotes Abendlicht in den Himmel recken. Das ist es. Der Unterschied von den Dolomiten zu anderen Bergen: hier recken sich die Berge nach oben. Sie lagern nicht ruhend, sondern es ist als wollten sie immer höher hinaus. Ihre felsigen Schichten streben nach oben, als würden sie wachsen wollen. Aufgeschlossenheit nach oben. 

Hier unten habe ich heute wenig Aufgeschlossenheit erlebt. Menschlich gesehen, war es ein doofer Tag. Das fing schon morgens an, als sich ein Gast (mal wieder, das passiert echt oft in den letzten Jahren!) tierisch aufgeführt hat, weil er sein belegtes Brot vom Frühstücksbuffet nicht mitnehmen durfte. Ich verstehe nicht, warum die Leute das nicht begreifen. Es ist doch egal, wie viel oder wenig sie frühstücken: man nimmt sich auf einer Hütte nichts mit. Punkt. Die meisten Hütten bieten auf ihren Speisekarten ein Jausenbrot an. Und niemand muss das Frühstücksbuffet buchen. Der Typ regte sich dann noch auf, dass man den Wirten ja “ausgeliefert” sei, weil sie ja die Regeln machen. Ja was will der denn? Dann soll er doch verdammt nochmal im Tal bleiben, der Arsch. Oder mal ein paar Wochen auf einer Hütte arbeiten, dann kapiert er vielleicht was dort geleistet wird und dass man nicht von den Wirtsleuten erwarten kann, dass sie bei ihren 80 Gästen checken wer wie viel frühstückt und dass derjenige der weniger isst, dann doch schließlich “das Recht” habe, sich was mitzunehmen. Jedenfalls hat der Depp dann sein Brot noch vor Ort verdrückt und sich später auf dem Weg beklagt dass ihm jetzt schlecht sei… Eindeutig jemand, der die Welt ausschließlich aus seiner Perspektive sehen will. Das ist so fehl am Platz hier oben!  So. Die erste Aggro-Runde bin ich jetzt los. 

Aber kaum hatte sich mein Ärger auf dem schönen ersten Stück Weg von der Schlüterhütte zur Puezhütte gelegt, da ging der Massentourismus wieder los. Vermutlich von der Gondel die von Kolfuschg hoch kommt, pilgerten die Horden zur Puezhütte. Also mir entgegen. In Flip Flops, Turnschuhen und meistens mit kleinen Hunden in Handtaschen oder (tatsächlich!) in Hundetragekraxn. Ich hab gedacht ich seh nicht richtig. Aber Hunde am Berg dabei zu haben (und zwar alles vom Chihuahua bis zur Bulldogge) scheint eine italienische bzw. südtiroler Leidenschaft zu sein. Alles halb so wild, wenn sie dabei nicht in der Überzahl so fürchterlich schlecht gelaunt gewesen wären. Meistens hat sich mindestens ein Teil der jeweiligen Gruppe laut über irgendwas beschwert. Und gegrüßt wird selten. Anfangs habe ich noch (heroisch mir mein Thema “Aufgeschlossenheit” vornehmend) freundlich gelächelt und immer “Buon Giorno” oder “Salve” geschmettert. Irgendwann war mir das zu blöd. Man merkt hier sehr deutlich, wer öfters in die Berge geht, und zwar nicht nur an den Bergschuhen, sondern vor allem an dem respektvolleren Verhalten. Aggropunkt zwei. Sorry, zwei Weitere kommen noch.

Denn auch dieser Unterschied löste sich auf, als ich hinter dem Grödner Joch (ich hoffte dass es da besser wird) ein langes sehr steiles Geröllfeld (666) zur Pisciadù Scharte aufstieg. Mir entgegen kamen alle Klettersteiggeher im Abstieg (der Tridentina Klettersteig geht auf der anderen Seite um den Brunnecker Turm herum). Auffällig wenige trugen Helm, die Klettersteigsets waren oft von anno dazumal, aber dafür waren die Hosen (sehr wichtig…) extrem hochtourentauglich… Kinder mit Seil um den Bauch, haufenweise ängstliche Frauen die von entnervten Männern angeschissen wurden. Keine schöne Athmosphäre. Die italienischen Bergtouristen denen ich begegnet bin, sind grundsätzlich nie stehengeblieben oder auch küre auf die Seite gegangen, wenn man ihnen im steilen Aufstieg entgegenkommt. Wenn jemand an einer blöden Stelle stehen muss, oder Angst hat, versteh ich das. Aber völlig breit und bräsig haben die meisten Männer einfach erwartet, dass ich einen Bogen um sie gehe oder den Weg zumindest verlasse wenn sie kommen. Und dann auch noch ohne zu grüßen. Grrr. 

Letzter Punkt, aber der ist eher lustig: Ich bin besonders heute sehr vielen Paaren begegnet, die offensichtlich den München-Venedig-Weg gehen. Und ich beneide sie nicht. Man spürt den Pärchenstress quasi schon von 20 Metern Entfernung. Und dann denke ich mir wieder: wie schön, dass ich allein unterwegs bin und mein eigenes Tempo gehen kann und auch anhalten kann wann ich will, ohne dass daraus eine kleine Beziehungskrise erwächst… Ein Beispiel: ich habe ein Paar überholt, erst sie, dann ihn. Sie hat mich gehört und ging zur Seite. Als ich ein paar Schritte hinter ihm gegangen war rief sie genervt “jetzt lass die Frau doch mal vorbei”. Er ging zur Seite und sagte “Ja, und ich dachte noch, dass du das bist und hab mich schon gewundert, dass du au einmal so schnell gehst.” – Love is in the air…

So. Fertig aufgeregt. Jetzt freu ich mich auf Morgen, denn da drehe ich wieder nach Westen ab, weg von der München-Venedig Route. Und dann ist Montag und die italienischen Ferien sind vorbei. Wenn dann noch mein Rücken mitspielt, wird alles wunderbar.  

19. Tag – Regen, Hagel, Nebel 

Strecke: 0,02 km, 4hm… Schlüterhütte

Regen, Hagel, Nebel, Hagel, Nebel, Regen, Blitz, Hagel mit Nebel, Regen mit Hagel, Nebel mit Regen, Donnern, mehr Nebel. Wechsel zwischen zwei bis fünfzig Meter Sicht, dann wieder dicht.

Aber zum Glück alles nur vom Fenster aus beobachtet. Ansonsten: ein ausführliches Frühstück, nettes Geplänkel mit Bernhard, der hier arbeitet, eine heiße Schokolade, ein langer, fröhlicher, naher, manchmal melancholischer und schöner Chat, ein Mittagsschlaf, ein Blogeintrag über “Atmen” (ja, Nachtrag, findet ihr weiter unten am Ende der Etappe durch die Karnischen Alpen am 14. August), zielloses Blättern in Bergmagazinen, Recherche über Wetterkunde, Bergpflanzen und Tiere, ein großer Teller Pasta, ein kleiner Kurs in Social Media (die Rätsel von Instagram beginnen sich zu lüften), ein Zirbenschnaps und ein frühes zu Bett gehen mit gepacktem Rucksack für einen frühen Start zur doppelten Wegetappe morgen mit hoffentlich gutem Wetter.

Achja, und jetzt wenig weitere Schreiblust, falls das noch nicht deutlich war ;-).

18. Tag – Lazy friendly day

Strecke: San Martin de Tor – Würzjoch / Ju de Börz (2008m) – Schlüterhütte (2297m)

Es ist schon interessant, dass sich bei mir gerade jetzt, wo die Etappe mit dem Thema “Aufgeschlossenheit” beginnt, ein Bedürfnis einstellt, mich ganz in mich zurückzuziehen. Es ist sicher gut so, dass mein Thema dem auf eine Weise entgegenwirkt. Denn es bewahrt mich davor, zuzumachen und “seltsam” zu werden. Ich glaube auch, dass sich die Ruhe und die Aufgeschlossenheit keinesfalls wiedersprechen, sondern in ihrer Kombination eigentlich genau das sind, was ich gerne erreichen möchte. 

Heute wurde es mir leicht gemacht, mit Aufgeschlossenheit in den Tag zu gehen. Der Platz an dem ich aufgewacht bin war sehr schön und ich bin heute einfach mal länger liegen geblieben. Ich wusste ja, dass mein Paket erst zwischen 10 und 12 Uhr ankommt und als ich um 6 Uhr aufgewacht bin lag ich einfach lange da und schaute dankbar in die schönen Blätter und den immer dunkel blauer werdenden Himmel. 

Dann habe ich ausgiebig Yoga gemacht – und gemerkt, dass da doch ein paar tiefer sitzende Verklebungen lagern könnten, denen ich mich demnächst mal ausführlicher widmen sollte. Aber was texte ich hier von Verklebungen, wenn es draußen so unglaublich wunderschön ist. Ich war mal wieder ganz “betört” (ja, das Wort passt hier) als ich Nachmnittags über die Peitlerscharte kam und sich der Blick in die Puezgruppe (in die ich morgen aufbreche) und die Weite über das Alta Badia Tal auftat. Aufgeschlossenheit in Form von Landschaft. Der Weg zur Hütte war recht kurz und ich war schnell unterwegs und hatte große Lust an der Bewegung nach dem sitzenden Vormittag. Um 18 Uhr kam ich bei der Hütte an und das Licht kurz vor Sonnenuntergang brach in Bahnen durch eine kleine Gruppe Kumuluswolken, die noch am sonst blauen Himmel rumhingen. Das ganze Tal war in ein mattes, aber sanft strahlendes Licht getaucht, das Lust gemacht hat kopfüber hineinzuspringen. Stattdessen habe ich noch ein paar Sonnengrüße gemacht – es war die einzig mögliche Reaktion auf dieses Ausmaß an Schönheit, die mir in dem Moment einfiel.

Der Vormittag war ruhig und ich saß stundenlang auf der Terasse des Gasthaus Dasser. Morgens als ich rein kam, lernte ich gleich den Besitzer, Herrn Dasser kennen, der mich gleich auf einen Cappucino einlud und mit dem sich sogleich ein herzliches Gespräch über die Region, die Schönheit der Berge, Tourismus und Umweltschutz entwickelte. Auch Angelika, die Bedienung strahlte die ganze Zeit eine so freundlich ruhige Stimmung aus, dass sie sich auf alle Gäste zu übertragen schien. Zudem ist es sicherlich das Gemüt der Südtiroler, deren Sprache, das Ladinisch, ich heute viel gehört habe und die mir sehr gefällt. Ich wusste nicht, dass man auch in Südtirol diese rätoromanische alte Sprache spricht. Angeblich verstehen sich Südtiroler und Engadiner sogar, wenn sie jeweils langsam sprechen.

Es ist mir noch ein Anliegen über das Gasthaus Dasser zu erzählen und es wärmstens zu empfehlen. Es wird seit über 300 Jahren von der Familie Dasser-Trebo geführt und das Haus steht heute unter Denkmalschutz. Die alt-ladinische Bauweise ist aber nur eine der Besonderheiten in diesem schönen Hotel, das sicher zu den besondereren Hotels mit drei Sternen gehört. Obwohl ich nicht dort übernachtet habe, wurde ich sehr freundlich empfangen und bedient und Mittags habe ich ein köstliches Wienerschnitzel gegessen.

Morgen wird das Wetter schlecht. Alle Apps und alle Menschen sagen starke Gewitter voraus. Deswegen habe ich mir diese Hütte ausgesucht, weil hier gibt es WLAN und ich werde vermutlich noch einen Vormittag damit verbringen aus den großen Fenstern dem Gewitter zuzuschauen, und die Zeit mit Schreiben, Lesen und Nachdenken verdaddeln. Es gibt so viel zu tun, so viel zu lernen, so viel zu denken.

Gasthof Dasser in San Martin im Thurn
Peitlerkofel (2857m)
Hinten der Lasörling (s. Karte), da war ich letzten Sommer
Euphoriiiiiie
Kitschigstes Yoga ever… ein Traum

Die Ehrlichkeit der Felsen in den Dolomiten 

Ruhe. Heute fühle ich zum ersten Mal eine tiefe Ruhe in mir. Sie kommt langsam, und wenn ich da hinein spüre muss ich fast weinen, aber nicht weil ich traurig bin, sondern weil es so gut ist. 

Ich habe gesucht nach dieser Ruhe. Und alles Äußerliche ist so stark, wehrt sich so vehement gegen ein inneres Ankommen, dass es lange dauert.

“Ehrlichkeit” ist das Thema dieser Etappe durch die Sextener Dolomiten. Und das Thema steht in seiner Authentizität in einem starken Kontrast zu dem Trubel des Bergtourismus hier oben. Die Leute wandern ohne sich umzusehen, viele lassen ihren Müll liegen. Ich habe auf dem Weg von der Rotwandwiesenhütte bis zur Zsigmondyhütte eine ganze Tüte voll Kippen, Riegelverpackungen, Plastikflaschen und Taschentüchern eingesammelt. Es macht mich traurig, wie respektlos die Menschen hier mit der Natur umgehen.

Den Kontrast habe ich auch in meinem eigenen Verhalten gespürt. Ich habe langsam keine Lust mehr jedem der mir begegnet zu erzählen, was ich mache und wo ich hingehe. Es sind immer die selben Fragen, immer ein “oh” und “ah” oder eine Frage nach der Marke meines Schlafsacks, meines Rucksacks, meiner Kleidung. Anfangs hat mir das Spaß gemacht, diese Unterhaltungen zu führen, weil ich stolz bin auf das was ich tue und weil ich meine Ausrüstung zu schätzen weiß und gerne darüber fachsimple. Inzwischen fühlt es sich manchmal hohl an. Wie eine Zeitverschwendung. Zeit, die ich nun lieber mit Schauen, mit Nachdenken, mit Schreiben, mit Yoga verbringen will. 

Die Ruhe kommt durch diese Erfahrung. Ich beginne genügsamer zu werden, mit mir und mit meiner Umwelt. Das habe ich den Bergen zu verdanken, die in ihrer unglaublichen Kraft, Schönheit und Beharrlichkeit hier ruhen und mich als temporären Gast akzeptieren.

Abends habe ich auf einer Hütte noch mit einer Männergruppe einen Schnaps getrunken. Sie fragten mich aus zu der Tour und da war es, dass ich gemerkt habe, dass mir das antworten nicht mehr so viel Spaß macht. Dass mich aber auch das Nachfragen nicht wirklich interessiert. Ich bin sehr ehrlich geworden. Habe gesagt, dass ich die Tour auch mache um mich wieder neu zu zentrieren. Habe ihre Bierseligkeit ignoriert und einfach erzählt. Das war gut und hat fast ein richtiges Gespräch ausgelöst. Einer meinte, er würde sich wünschen er könne mit seiner Frau sowas machen, aber sie hätten jetzt ein Kind und da sei sowas nicht mehr möglich. Ich sagte darauf, dass es doch eine Frage des Standpunkts ist: ich hätte ja vielleicht gerne eine Familie, während er sich nach der vermeintlichen “Freiheit” sehnt. Auf Englisch sagt man “the grass is always greener on the other side of the fence”. Das stimmt. Allerdings mag ich mein grünes Gras hier oben gerade sehr und will wirklich im Moment über keine anderen Zäune klettern als über Kuhgatter.

Ich will versuchen noch mehr Distanz zu den Hütten zu wahren. Es war gut, für die Eingewöhnung, in der Nähe von Hütten zu übernachten. Und wenn das Wetter es fordert, werde ich das natürlich auch weiterhin machen und ich werde auch weiter einmal am Tag warm essen. Aber ich will mehr Zeit für mich verbringen und weniger in den ewig gleichen Hüttengesprächen. Ich will endlich anfangen, mir mit den Sternen Zeit zu nehmen. Bis jetzt bin ich immer spätestens nach der zehnten Sternschnuppe eingeschlafen. Ich freue mich auf die nächste Etappe. Sie heißt “Aufgeschlossenheit” und geht durch die Puezgruppe, das Sellajoch und bis zum Rosengarten in den westlichen Dolomiten.

Autostopp zu Etappe 4 durch’s wunderschöne Alta Badia
Kurze Mittagspause mit freundlicher Gesellschaft
Ballermann an den Drei Zinnen
Alpinisteig zur Zsigmondyhütte
Klettersteig zur Sentinellascharte
Sentinellascharte mit dem winkenden Steinmännchen
Elferscharte
Das Geröllfeld dessen weglose Querung mir nach dem Steinschlag doch zu heikel war
Gipfelpanorama von der Sextener Rotwand
Sextener Rotwand Gipfel
Ich liiiiebe meinen Schlafsack, er hat mich noch nie im Stich gelassen (Mountain Equipment Glacier 600SL women)