47. Tag – Schnee, Nebel und goldenes Licht

Strecke: Lago di Morasco (1815m) – Passo di Nefeliù (2583m) – Rif. Margaroli (2194m) – Scatta Minoia / Biv. Conti (2599m) – Alpe Forno (2220m) – Btta d’Arbola / Albrunpass (2408m) – Binntalhütte (2265m)

Es war ein langer Tag. Und ein toller Tag voller Ereignisse. Entspannt ging es los in Richtung Vallone di Nefelgiù und ich habe unterwegs noch ein paar Sachen erledigt. Der Weg war breit, und ich habe nicht viel um mich geschaut. Es ging leicht bergan und in meinem ebenmäßigen ruhigen Tempo war ich trotz Multitasking mit dem Handy schnell im Rhythmus. Dann begann der Weg durch das wunderschöne Nefelgiù-Tal und ich habe die Aussicht, die Ruhe und die Einsamkeit sehr genossen. Überall plätscherte Wasser und der Weg ging jetzt steiler Bergauf und mündete wieder in einem Blockgelände voller schöner großer Felsklötze. Irgendwann habe ich mich umgedreht und einmal wieder zurückgeschaut, dorthin wo ich her komme, nach Osten. Ich konnte die Strecke vom Vortrag noch gut erkennen. Mich macht das immer ganz glücklich. Es ist wie ein “Tagwerk” betrachten, etwas was man geschafft hat und das nun mit all seinen kleinen und großen Erlebnissen einen Platz auf meinem großen Lebensweg eingenommen hat, der nie wieder gelöscht werden kann. Und dann schaue ich nach vorne und spüre die prickelnde Neugier auf alles was kommt. Was erwartet mich hinter dieser nächsten Scharte? Wie wird das Wetter auf der anderen Seite sein? Welche Gipfel tauchen auf und begleiten mich dann auf meinem Weg hinab um mich auf der anderen Seite des Tals wieder hinaufzuziehen? 

Die Aussicht oben vom Passo di Nefelgiù aus war mir vertraut. Ein weiterer türkis glänzender Stausee und sich windende Wege auf der anderen Seite. Auf der Margaroli Hütte habe ich eine kurze Pause gemacht und mich noch einmal in Italien so richtig satt gegessen. Es gab Gnocci mit Ragù. Sehr lecker. 

Ich bin nicht lange geblieben, weil das Wetter doch recht unsicher aussah. Von den geplanten 28 Kilometern lag der Großteil noch vor mir. Zunächst ging es noch sonnig am Lago Vannino entlang. Irgendwie strahlen diese Stauseen trotz ihrer hellen Farbe etwas bedrohliches aus. Kaum war ich bei 2400m Höhe angelangt, fing es an zu graupeln. Zunächst hat mir das weiße trockene Wirbeln noch Spaß gemacht, aber dann kam der Wind dazu und mit steigender Höhe wurde es kalt und der Graupel wurde zu Schnee. Unterhalb der Scatta Minoia war es dann ein richtiger Sturm geworden und ich war froh und erleichtert in der Biwakhütte Conti oben Schutz zu finden. Leider war es aber auch drinnen wirklich kalt und es gab außer dem Gasherd keine Möglichkeit zu heizen. Also habe ich mich in den Schlafsack gelegt, die vorhandenen Decken über mich gestapelt und ein bisschen geschlafen. Als ich aufgewacht bin war mir so kalt, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich dachte ich kann auf keinen Fall aus dem Schlafsack raus. Nach häufigen Anlauf ist es mir dann gelungen, aber ein kurzer Blick vor die Tür war auch nicht erheiternd. Draußen schneite es quer, es windete eisig kalt und die Sicht war schlecht. Also habe ich mir einen Tee gemacht und versucht mich mit Bewegung in der Biwakhütte irgendwie aufzuwärmen. Zugegeben, ich war mir nicht sicher, wie es weitergehen sollte. Bei dem Wetter zu gehen wäre dumm gewesen, zum bleiben war es aber wirklich zu kalt, zumal ja erst Nachmittag war und die Aussicht auf eine noch kältere Nacht hat wirklich keinen Spaß gemacht. Eine Biwakhütte oben auf der Scharte ist zwar hübsch, aber wettertechnisch wirklich keine gute Idee.

Als ich draußen nach einer Stunde nochmal Schnee geholt habe um mir etwas zu Essen zu kochen, hatte sich das Wetter etwas beruhigt. Und 10 Minuten später sah es schon wirklich passabel aus. Also habe ich schnell alles zusammengepackt und mich auf den Weg gemacht. Das Ziel war die Binntalhütte, die laut Karte jenseits der Schweizer Grenze hinter dem nächsten Pass war. Es war schon 17 Uhr und ich habe einfach gehofft, dass ich dort vor Dunkelheit ankommen würde. Draußen schlafen war ja nun leider ausgeschlossen. Aber (Danke Körper) ich hatte plötzlich ganz viel Energie, das Laufen ging ganz leicht und schon bald war mir dann natürlich auch nicht mehr so kalt.

Aus dem Valle Devero zog der Nebel herauf und es war eine wunderschöne Stimmung. Ich konnte irgendwann kaum mehr meine Füße sehen, aber der Weg war deutlich ausgetreten und das GPS bestätigte mir immer wieder, dass ich noch richtig war. Die Stille in dem dichten Nebel war wunderschön. Mit dem Höhenmesser konnte ich meinen Standpunkt nachvollziehen und ich wusste, dass ich gut in der Zeit war. Immer wieder tauchten einzelne Details aus dem Nebel auf und stellenweise lichtete er sich so weit, dass ich ein paar Meter vor mir einen Fuchs erschreckte, der sicher nicht mit mir gerechnet hatte. Er ist schnell weggerannt und die Murmeltiere haben Alarm geschlagen. Dann war es wieder still. Geradezu mystisch, aber voller Frieden. Mich hat das auch ganz ruhig gemacht und ich habe mich sicher und beschützt gefühlt von meinem Umfeld. 

Und dann kam ich über den Albrunpass und plötzlich war der Nebel weg. Die noch warm strahlende untergehende Sonne schickte wunderschönes Licht in das Tal und färbte alles in ein kräftiges Gold, während der Nebel in strahlend weichen Weiß aus dem Tal den Fels hinauf zog. Es war ein atemberaubend schöner Anblick und ich bin lange stehengeblieben. Die Hütte konnte ich schon sehen und so bin ich einfach nur ein paar Meter weiter zum nächsten Bach gegangen, habe meinen Kocher angemacht und mir zu dem Lichtschauspiel eine warme Mahlzeit gegönnt. Was für eine Wunder am Ende dieses abwechslungsreichen Tages. 

Jetzt sitze ich in der gemütlich Stube der Binntalhütte auf der ich sehr herzlich von Bernadette und Heidi empfangen wurde. Strickend und Wein trinkend saßen sie neben dem warmen Ofen und ich bekam gleich einen warmen Willkommenstee. Die Binntalhütte wird von wöchentlich wechselnden Mitgliedern der SAC Sektion Delemont betrieben. Bernadette und Heidi sind seit gestern hier oben und ich bin der einzige Gast. Wir hatten einen gemütlichen Abend und ich freue mich jetzt darauf hier im Warmen in meinen noch wärmeren Schlafsack zu kriechen. Vermutlich muss ich mich langsam von dem draußen schlafen verabschieden, so schade das ist. Der Winter hat in der Schweiz einfach schon begonnen und wenn ich bis zum Ende meiner Tour jeden Tag gesund und erholt weiter gehen will, sind verfrorene Nächte wohl ein ungutes Risiko. Und schließlich geht es ja nicht darum hier zu beweisen wie “krass” man es haben kann. Es sind ja immernoch die Alpen, mit einer Hütte alle paar Meter… es wäre also ein bisschen dumm, das nicht zu nutzen. Das “extreme”-Spektrum des Schlafsacks auszuloten, das kann ich mir ja auch für eine Situation aufheben, in der es nicht anders geht. Vielleicht bei einem nächsten Projekt in einer Region mit einer weniger dichten Infrastruktur. Aber mal sehen was das Wetter und die nächsten Tage bringen. 

46. Tag – Muster aus Eis

Strecke: Capanna Basòdino (1856m) – Btta. di Val Maggia (2635m) – Rif. Maria-Luisa (2160m) – Riale (1729m) – Lago di Morasco (1815m)

Heute bin ich oft fasziniert stehengeblieben. Es gab so viel zu sehen. Das ging schon morgens los, als ich um 6 Uhr freudig in den klaren und noch dunklen Himmel sah, in den eine perfekte Mondsichel eine geheimnisvolle Kerbe schlug. 

Auf dem Weg hinauf Richtung Btta. di Val Maggia wäre ich am liebsten die ganze Zeit gehüpft und gerannt. Und dann bin ich doch immer wieder stehen geblieben. Das Gelände hat großen Spaß gemacht, mein Körper war voller Energie, der Rucksack fühlte sich auf einmal nicht mehr schwer an und ich hatte ungemein große Freude an der Bewegung und allen Eindrücken, die groß und klein auf diesem Weg warteten.

Nicht nur hat mich das Gletscher des Basòdino nach wie vor begeistert, es gab auch unendlich viele Details zu entdecken. Viele davon waren aus Eis und ihre Entstehung stellte mich vor Rätsel, die mich noch weit nach der Entdeckung begleiteten. Da waren zum Beispiel Locken aus Eis, die aus der Erde zu wachsen schienen. Die Locken hatten ganz feine “Haare” und haben sich in vielen kleinen Strähnen über den Weg gelegt. Jede kleine Pfütze war mit Eis überzogen, das immer andere Muster trug. Aus einer ragte ein übergroßer Tropfen nach oben, als wäre er im Moment des Auftreffens auf die Wasseroberfläche zu Eis erstarrt. Manchmal hat es Spaß gemacht, das Eis unter meinen Stiefeln knirschend zu knacken, dann dachte ich “Scherben bringen Glück”. Aber an anderen Stellen hatte ich fast ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich da unwiderspringlich etwas zerstörte. Ich habe mich so verbunden gefühlt mit all diesem Element. Ich könnte gar nicht aufhören über vereiste Seen und durch Eiszapfen hindurch Fotos zu machen. 

Der Weg hinab Richtung Rif. Maria-Luisa war von großen Felsen übersäht und ich bin wie ein Kind von Stein zu Stein gesprungen. Die Murmeltiere müssen gedacht haben ich bin verrückt. 

Endlich wieder Italien. Auf der Hütte hab es Käse, Schinken und Pasta und ich hätte gut noch drei Tafeln Schokolade dazu einatmen können. Ich habe einen Hunger hier oben, das ist kaum zu glauben.

Nach der ausgiebigen Pause ging es parallel zu einer Fahrstraße bergab. Ich hatte mir noch einige Kilometer vorgenommen für den Tag, aber dann bin ich recht plötzlich müde geworden. Und so mache ich die Strecke durch das Vallone de Nefeklgiù nun morgen, wahrscheinlich im Regen, aber mit einer Pasta-Pause im Rifugio Margaroli, das mir sehr empfohlen wurde. Wenn alles klappt, dann komme ich morgen bis nach Binn oder sogar bis Brig hinab. Von dort aus geht es dann los zur Etappe im Wallis.

Das Thema der aktuellen Etappe, “Geduld”, beschäftigt mich nach wie vor sehr. Ich freue mich darauf, in den nächsten Tagen meine Gedanken dazu zu sortieren und dann darüber hier zu schreiben.

Heute beginnt auch meine Blogreihe bei Bergwelten.com. Hier könnt ihr sie finden.

45. Tag – Weiße Sehnsucht

Strecke: kleiner Spaziergang um den Lago di Robiei

Ja, Sehnsucht. Sehnsucht nach Sonne, nach Gletscher, nach Gipfeln und nach langer und ausdauernder Bewegung. Für mich war das heute kein leichter Tag. Schon der Blick aus dem Zelt am morgen erinnerte mich mehr an einen Urlaub in Schottland, als an meine geliebten Alpen. Die Sicht war sehr schlecht und es fing auch schon bald an stark zu regnen. Es hätte keinen Sinn gehabt bei diesem Wetter einen Gletscher oder überhaupt irgendeinen Gipfel oder exponierten Weg zu gehen. So sind wir also nur auf die Robiei Hütte hinunter gegangen und haben uns ausnahmsweise ein Frühstück gegönnt. “Wir”, weil Andi, ein Freund aus München mich hier seit zwei Tagen begleitet. Er wird aber morgen wieder absteigen. Seine Knie machen ihm zu schaffen. 

Wir haben dann schweren Herzens entschieden auf der Hütte zu bleiben. Ich hoffe wirklich, dass das der letzte Pausentag ist, zu dem ich gezwungen werde. Es war also ein weiterer Tag voller Planung der hoffentlich noch möglichen Hochtouren im Wallis. Und irgendwie auch mit ein bisschen Frust, weil ich so viel Zeit verliere gerade. Ich werde ab morgen auf jeden Fall weitergehen und auch bei schlechtem Wetter ein paar lange Etappen machen. Eigentlich mag ich es ja auch manchmal, bei suboptimalen Bedingungen unterwegs zu sein. Der Fels strahlt dann von der Nässe und die Luft ist besonders frisch. Nur sind schwierige Passagen eben (zumal allein) nicht so gut machbar. Ich werde ab jetzt aber lieber eine leichtere Alternativrouten wählen, als Zeit damit zu verlieren auf bessere Bedingungen zu warten. Ich bin sicher die Berge werden mir in den nächsten Wochen noch den einen oder anderen Sonnentag gönnen und dann werde ich hinauf sausen, in das hohe Weiß der Walliser Gletscher.   

Aber einen schönen Aspekt hatte der Tag doch. Denn ich habe auf der Hütte Marea kennengelernt. Wieder eine tolle Frauenbekanntschaft, schon die zweite in kurzer Zeit. Sie ist die Freundin des Wirts und wir hatten von Anfang an ein “Feeling”, wie Giuliano sagen würde. Ich hätte große Lust mit ihr und Nina aus Grono zusammen im Winter ein paar Splitboardtouren hier in der Region zu unternehmen. Jaja, der Winter. An den denke ich hier schon öfters, weil die Wetterlage dazu natürlich inspiriert…

Nachmittags waren wir noch auf einen Spaziergang draußen und das hat sich sehr gelohnt und mich wieder völlig mit dem Wetter versöhnt. Wie magisch änderte es sich innerhalb von ein paar Minuten völlig. Wo vorher noch Regen, Wind und kaum Sicht waren, schien plötzlich die Sonne von einem klaren blauen Himmel und tauchte den Stausee und den Basòdino Gletscher wieder in ein unglaublich verlockendes Licht. Natürlich ist dadurch meine Sehnsucht nach dem Gipfel fast unerträglich geworden, aber der Berg wird ja noch länger hier bleiben und auch wenn der Gletscher leider immer kleiner wird, ich komme rechtzeitig wieder. Das verspreche ich mir hier selbst zum Trost.

44. Tag – (Eis-)Kristalle

Strecke: Passo Cristallina (2568m) – Pizzo Cristallina (2912m) – Pioda (2341m) – Robiei (1860m)

Es ist der Morgen von Tag 45. Ich fühle mich blockiert und weiß noch nicht, ob es mir gelingen wird heute über gestern zu schreiben. Ich kann nicht genau beschreiben was es ist, aber das Wetter draußen, der dichte Nebel scheint sich auch irgendwie auf mich gelegt zu haben. Trotz der Dusche heute morgen auf der Basòdino Hütte fühle ich mich noch verspannt. Ich weiß noch nicht wie dieser Tag weitergehen wird und auch nicht, was morgen sein wird. Draußen sieht man kaum fünf Meter weit. Ich kann es also nicht wissen. Im Moment empfinde ich diese Gegenwart aber nicht als entspannend. Vielleicht weil ich nicht allein bin. Vielleicht weil noch unklar ist, was Andi machen wird. Seine Knie haben gestern stark geschmerzt und er wird wahrscheinlich morgen wieder absteigen. Wegen dem unsicheren Wetter habe ich die Hochtour auf den Basòdino gehen will, wohl oder übel abgeschminkt, obwohl er so unfassbar schön da draußen liegt und mich eigentlich magnetisch anzieht. Wenn wir um 5 Uhr losgingen, würden wir es theoretisch schon noch im Gutwetter-Fenster schaffen. Aber was hilft am Berg schon ein “theoretisch”…

Also erstmal Vergangenheit, die ist vielleicht gerade leichter als die Gegenwart…

Die Nacht von vorgestern auf gestern war bisher die Kälteste. Trotz Zelt haben wir auf den 2600m nachts ordentlich gefroren. Es müssen weit unter Null Grad gewesen sein. Zudem stand das Zelt eben auf Schnee, der bei jeder Bewegung unter uns geknirscht hat, als wolle er an sich erinnern und daran dass es eben Winter ist hier oben. Zudem ließ der Wind das von uns im Dunkeln hastig und falsch aufgebaute Zelt ordentlich um uns herum flattern. Früh aufstehen ist uns also schwer gefallen und erst nach einem aufwärmenden Kaffee auf der Hütte waren wir fähig uns richtig zu bewegen.

Aber dann sind wir auf den Pizzo Cristallina gestiegen. Es war ein schöner Aufsteig durch reichlich Schnee, der aber glücklicherweise schon gut gespurt und noch schön fest war. Das Wetter war uns noch sehr gnädig und die Aussicht vom Gipfel war dem Gipfel würdig: kristallklar. 

Direkt unterhalb des Gipfels ist eine sehr schön hergerichtete Biwakhütte, das Rifugio Camosci. Die Hütte hatte der Schweizer Armee im zweiten Weltkrieg als Posten gedient. Von dort aus wurde der Luftraum der Region überwacht. Wir haben dort noch eine kleine Pause eingelegt und Kaffee und Rührei aus der Tüte genossen. 

Der Schnee im Abstieg war schon etwas weicher, aber immernoch recht angenehm zu gehen. Leider ist dabei aber deutlich geworden, dass meine Schuhe nicht mehr wasserdicht sind. Vorher dachte ich noch, es hätte an den fehlenden bzw. falschen Gamaschen gelegen, also dass Schnee oben in die Schuhe gekommen wäre. Jetzt mit den neuen Gamaschen und nach guter Imprägnierung ist klar: es sind die Schuhe selber. Eine ziemlich blöde Angelegenheit, hinsichtlich der weitgehend nassen und niederschlagreichen Aussichten auf den Rest der Tour… Aber irgendwie werde ich auch damit zurechtkommen. Denn weiter geht es ja immer. 

Heute schlafen wir auf 1860m oberhalb der Capanna Basòdino. Nachts soll es vielleicht regnen, aber die Hütte ist morgen früh nicht weit. Wir werden dann spontan entscheiden wie es weitergeht…

 43. Tag – Endlich wieder in Bewegung 

Strecke: Grono (360m) – Airolo (1141m) – Ossasco (1313m) – Passo Cristallina (2568m)

Die ausgedehnte Yogasession am Morgen hat sehr gut getan. Dann habe ich mal wieder Pläne geschmiedet. Mit Ninas Hochtourenbüchern für das Wallis habe ich angefangen zu träumen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ich von den Plänen viel realisieren kann, immer weiter sinkt. Es wird vermutlich zu viel Schnee haben um noch ohne Ski unterwegs zu sein. Aber man muss ja träumen dürfen.

Autostopp nach Airolo hat sich als etwas komplizierter erwiesen als erwartet. Andi habe ich dann in Airolo getroffen und er hat Essen mitgebracht. Dank Sport Conrad habe ich jetzt also einen leichten, kleinen Kocher und lauter leckere gefriergetrocknete Meals. Außerdem auch endlich wieder eine neue Ladung ClifBars. So wird die Zeit in der Schweiz hoffentlich gut machbar sein. Wenn nur das Wetter hält…

Der Weg hinauf zum Passo Cristallina ging gut. Wie immer nach einer Pause hat sich mein Körper sehr gefreut wieder gebraucht zu werden. Es ist dann immer als würde jede Bewegung dabei helfen eine getrocknete Schicht von mir abzuschütteln und ich beginne mich wieder frei und flexibel zu fühlen. Wir kamen trotz spätem Aufbruch noch kurz vor Dunkelheit oben an. Hier liegt allerdings wesentlich viel mehr Schnee als erwartet. Glücklicherweise hat uns der nette Wirt der Capanna Cristallina eine ebenen Zeltplatz unweit der Hütte gezeigt und da steht nun das kleine Zelt auf dem Schnee und wartet darauf, dass wir darin schlafen gehen. Wir trinken noch eine heiße Schokolade mit Schuss um uns auf diese äußerst kalte Nacht vorzubereiten. Morgen früh gehen wir auf den Pizzo Cristallina und ich freue mich sehr darauf endlich wieder auf einem Gipfel zu stehen und die Weite einzuatmen.

42. Tag – Feste feiern wie sie fallen

Strecke: Davos (1600m) – Grono (360m)

Ja, man muss die Feste feiern wie sie fallen. Heute hieß das: 90 Minuten Yoga, 180 Minuten Frühstück im Hotel, 90 Minuten schreiben, 180 Minuten Wetterkunde, 90 Minuten Packen und Orga, 180 Minuten Autostopp. 

Seit dem bin ich in dem schönen kleinen Tessiner Dorf Grono. Warum nicht die Stadt verlassen und hier her ziehen? Ich glaube mir würde nichts fehlen.

Ich habe aus Zeit- und Wettergründen also ein paar Kilometer übersprungen und kann so nun morgen in Airolo sein. Dort treffe ich Andi, einen Freund aus München, der mit mir ein paar Tage der Tessin-Etappe gehen wird. Ich freue mich auf die Gesellschaft und darauf mich ENDLICH wieder in den Bergen zu bewegen.

Es war heute aber ein wohltuender Abend mit der unglaublich sympathischen Nina, deren Kater Kiwi fluchend ums Haus geschlichen ist, weil er gerade Flöhe hat und nicht rein darf. Mit Nina (Danke Susanne für den Kontakt) hätte ich sofort Lust auf jeden Berg zu klettern, im Winter touren zu gehen und überhaupt einfach mehr Zeit zu verbringen. Ich hoffe sehr, dass sich das ergibt. Ein bisschen Frauenzeit hat mir auch sehr gut getan und ich habe wieder gemerkt wie wertvoll Kontakt mit lieben Menschen ist. Danke Danke Danke für so viel Gastfreundschaft!

Zurück in die Gegenwart von Graubünden

Während außen das Wetter auf dieser Etappe von Scoul nach Davos größere Wellen gemacht hat, wurde ich auch innen aufgewühlt. Schon der Beginn der Etappe versprach Turbulenzen. Wegen dem vielen Schnee musste ich die Route ändern. Mich hat das beunruhigt, weil ich zum ersten Mal dachte, die Berge könnten sich mir mit unüberwindbarem Wetter in den Weg stellen. Am selben Tag habe ich erschrocken festgestellt, dass ich mich an die gewaltige Schönheit die mich hier ständig umgibt schon fast gewöhnt habe. Ich habe mich immer öfters dabei ertappt, wie ich mich auf dem Weg gedanklich schon mit der Zukunft beschäftige, wie ich mal wieder auf dem Handy nach Netz suche um wieder eine Nachricht zu schreiben und wie ich dabei manche Schätze in der Gegenwart verpasse. Glücklicherweise haben mir ein paar Tautropfen, die wie Perlen an einem Grashalm aufgefädelt waren, und ein unbeschreiblich schöner Regenbogen wieder vor Augen geführt, dass es sich lohnt manchmal langsamer zu gehen, stehenzubleiben und genauer hinzusehen. Ich beschreibe hier im Blog ja nur einen Bruchteil dessen, was ich tagtäglich da draußen erlebe. Viele dieser Erfahrungen lassen sich nicht in Worte fassen, geschweige denn fotografieren. Sie sind ganz nur mein und setzen sich unteilbar in meinem Innern fest. Dort schlagen sie hoffentlich Wurzeln und lassen mich an ihnen wachsen.

Wie schon manchmal erwähnt bringt es auf meinem Weg hier nicht viel, weit über den nächsten Tag hinaus planen. Unvorhergesehene Vorkommnisse und vor Allem das Wetter sorgen oft genug für spontane Anpassungen der Route. Aber das planerische Denken ist durch meinen sonstigen Alltag bzw. durch unsere (mitteleuropäischen) Zivilisation so tief in meinem Wesen verankert, dass ich noch jetzt – nach 5 Wochen hier draußen – oft sinnlos Zeit damit verbringe beispielsweise die Wettervorhersage von der nächsten Woche zu studieren. Wohl wissend, dass sie schon am nächsten Tag wieder ganz anders aussehen kann. Ich habe festgestellt, dass mir das insbesondere dann passiert, wenn ich stehenbleibe. Wenn ich Pause mache. Wenn ich im Tal bin. Dann holt mich mein Alltagshirn ein, mein “machen-machen-machen”-Gen. Dann geht es um das digitale Planen, das mediale Teilen, das telefonische Kommunizieren. Alles Substitute um die Stille zu vermeiden, die hier oben doch so wertvoll und nahrhaft ist. Noch immer hält dieser Drang mich manchmal fest, macht mich dann fast blind, lässt mich zumindest temporär meinen Fokus auf einen 5x10cm Bildschirm verlegen, anstatt die Weite des Moments zu atmen. 

Bis jetzt kam meistens alles etwas anders als geplant. Und immer war es gut so. Diese Feststellung gibt mir ein Vertrauen, das es mir auf meinem weiteren Weg vielleicht leichter machen wird, die Kostbarkeit der Gegenwart anzunehmen und zu genießen.

Wie oft denken wir, dass wir jede Minute nutzen müssen. “Zeit ist kostbar” sagt man. Aber wie oft bedeutet das, dass wir diese kostbare Zeit nur dafür nutzen um die jeweils nächste Zeit zu planen. Wie selten ist es nur das hier und jetzt, die Gegenwart die zählt. Obwohl wir doch eigentlich vermeintlich alles dafür tun, genau diese zu erleben.

Ich kann hier nun nicht behaupten, dass es mir auf dieser Etappe schon gelungen sei, die Gegenwart bei jedem Schritt zu erleben. Aber das hier draußen zu üben ist eine schöne Herausforderung für die kommenden Etappen. 

Andererseits empfinde ich schon deutlich Veränderungen in mir. Mir ist das in den letzten Tagen erst bewusst geworden. Insbesondere empfinde ich das in der Art und Weise der Begegnungen mit andern Menschen. Anfangs auf der Tour habe ich viele Leute kennengelernt, mit Jedem geredet und wieder und wieder von meinem Projekt erzählt. Nach und nach habe ich mich immer mehr in mich zurückgezogen, allerdings auf eine für mich wohltuende Art. Ich habe das ständige Reden mit der Zeit fast wie eine Verschwendung empfunden. In den Erzählungen manifestieren sich (wie in Fotos) die Erinnerungen. Dann kann es passieren, dass sie darin zu schnell wie in verzerrten Standbildern erstarren. Dann fehlt die Dynamik, der Fluss, der Wind, der Horizont jenseits der Bildränder. In der eigenen stillen Rückschau hingegen tauchen immer wieder neue Nuancen und Details auf, die zunächst vergessen schienen oder deren Wahrnehmung mir gar erst im Nachhinein bewusst wird. Diese Form der Verarbeitung von Erlebtem scheint mir jetzt sehr viel reichhaltiger und mehrdimensionaler. Auch sie verlangt nach Gegenwart und nach der Erlaubnis für Stillstand.
Die Unterhaltungen die ich jetzt führe, die passieren. Sie werden nicht angestoßen, sondern sie entstehen. Ich habe festgestellt, dass es jetzt meistens “Bewohner der Berge” sind mit denen ich zunehmend eine Sprache teile, bei der man nicht viel reden reden muss. Einfach sitzen und den Sonnenaufgang beobachten, oder schweigend dabei zusehen wie sich eine Föhnwalze über den Berg schiebt. Und wenn wir reden, dann über das Unmittelbare, das Hier und Jetzt. Die Berge. Anspruchsvoll aber ohne Ansprüche zu stellen. Ich weiß nicht genau, wie ich das noch beschreiben soll. Man versteht sich. Vor einiger Zeit ist mir dazu ein Zitat begegnet, das vielleicht ganz schön passt.

“Wenn du die Zeit überholen willst, musst du alles Geschwinde vergessen und so wie ein Berg sein, geduldig und still, und alles geschehen lassen: Winde und Regen und Schnee und das Licht. – Und so wie ein Berg sein.” (Paul Emanuel Müller)

Und damit bin ich wieder bei der Herausforderung in der Gegenwart zu bleiben. Gerade in diesen zwei Tagen hier in Davos tauchen zum ersten Mal Gedanken daran auf, wie es sein wird, wenn diese Reise vorbei ist. Und ich merke, dass ich Respekt davor habe in 21 Tagen “nach Hause” zu kommen. Nichts hier oben macht mir Angst. Aber die Stadt, und der Fakt, dass meine Tage hier oben schmilzen, wie gerade der Schnee vor dem Fenster, das verursacht mir gerade Unwohlsein. Aber es ist gut, das jetzt zu merken. Ich habe schließlich noch fast drei Wochen Zeit um die Gegenwart so kennenzulernen, dass sie mir dann, nach dem Ende meines Projekts, wenn die Zukunft zur Gegenwart geworden ist, vertraut ist. 

41. Tag – Wetter drinnen

Strecke: keine

Ich mag Pausen nicht. Ich mag den Stillstand nicht und ich mag es nicht drinnen zu sein. Aber draußen sieht es heute auch wirklich nicht einladend aus. Davos ist zudem ein ausnehmend hässlicher Ort. Ich habe mich also im Zimmer verschanzt, das Wetter draußen Wetter sein lassen und mich dem Wetter im Buch gewidmet. Mit Schokolade, Gummibärchen und Apfelschorle ausgestattet war das ganz gut auszuhalten. 

Ich habe angefangen über das Ende der Tour und alles was danach kommt nachzudenken und das macht mir noch keinen Spaß. Auch wenn das Wetter zu wünschen übrig lässt, ich könnte gerade ewig weiter gehen. Dass die Tage nun gezählt sind, macht mich unruhig und ich hoffe, dass ich die Ruhe wieder finde, sobald ich weiter gehe.

Viel mehr ist nicht zu berichten von diesem Tag. Ich habe mal ausführlich meine Ausrüstung von Blut, Schweiß, Tränen und Tierscheisse gesäubert (es klingt schlimmer als es war) und meine Klammotten gewaschen. Einmal war ich draußen, frustrierend schlechtes Curry mit Salat essen in der Migros-Kantine für unfassbare 28 CHF. Jetzt gehe ich wieder früh schlafen, und hoffe dass der Weg in Richtung Airolo und zu der nächsten Etappe im Tessin gut klappt. Die kommende Etappe hat das Thema “Geduld”. Ich finde das im Moment sehr passend und will das Thema “Gegenwart” von dieser Etappe damit verbinden. Ich will versuchen im Tessin Geduld für die Gegenwart zu finden, ohne der Zukunft davon zu laufen.

40. Tag – Es muss ja nicht immer prickelnd sein…

Strecke: Ravais-Ch Seen (2650m) – Sertigpass (2739m) – Davos (1600m)

Okay, das war wahrscheinlich die unangenehmste Nacht bisher. Der Weg von der Hütte zu den Seen gestern Abend war länger als ich geschätzt hatte und so kam ich erst im Dunkeln dort an. Es war ein ungünstiger Biwakspot, weil überall kleine Bäche flossen und der Boden recht feucht war. Zudem war die Ebene den Winden völlig ausgesetzt und es gab kaum schützende Felsen. Weil ich aber wirklich müde war, habe ich einfach meinen Schlafsack ausgepackt und bin nach kurzem Blick zum klaren Sternenhimmel auch sofort eingeschlafen. 

Als ich aufgewacht bin, war der Himmel düster. Der Mond hatte es mit seinem Licht sehr schwer und konnte gegen die dicken Grauen nicht viel ausrichten. Schlaftrunken wie ich war dachte ich: es ist bestimmt bald morgen und bevor es regnet bin ich hier weg. Vor dem mühsamen Blick auf die Uhr sagt ich mir: wenn es vor 2 Uhr ist, dann packe ich noch den Biwaksack aus. Sonst nicht. Ich war mir sicher es wäre schon 4 oder 5 Uhr, so tief hatte ich geschlafen. Leider war es erst 11 Uhr. Ich habe also in der Scheisskälte und bei immer stärker werdendem Wind den Rucksack und mich, samt Matte und Schlafsack in den Biwaksack verfrachtet und mit den Stöcken ein behelfsmäßiges Zelt gebaut. Ziemlich sinnloses Unterfangen bei dem Wind. Im Schlafsack bin ich zwar trocken und warm geblieben, aber im Biwaksack, den ich irgendwann richtig zu gemacht hab, so dass ich wie in einer Wurstpelle da drin geschmort habe… naja, eine bequeme Nacht ist anders. Long story short: kalt, nass, doof.

Um 6 Uhr hab ich’s nicht mehr ausgehalten, habe alles zusammengepackt und mich auf den Weg gemacht. Ich war natürlich sehr langsam, ohne Schlaf, ohne Kaffee und durchgefroren. Ich dachte nur noch an das trockene Handtuch von dem Hostel in Davos, in das ich mich nach einer warmen Dusche wickeln würde.

Trotzdem, die Landschaft war wirklich sehr schön und der Blick auf die Seen zurück hat mich doch veranlasst die Handschuhe auszuziehen und ein paar Bilder zu machen.

In Davos angekommen bin ich sofort ins Hostel. Die Frau an der Rezeotion war supernett und ich konnte gleich ins Zimmer. Noch nie habe ich eine Dusche so genossen. Draußen fing es währenddessen an zu schneien.

Am Nachmittag habe ich im Ort noch ein paar Sachen erledigt. In dem “no-bullshit” Bergsportladen Fullmoons war Walter sehr hilfsbereit und hat mir Bücher für mein sonntägliches Wetterstudium geliehen und mir sogar ein paar Gamaschen geschenkt, die er noch im Keller liegen hatte. Meine Schuhe sind nämlich leider völlig durchgenässt. Jetzt stehen sie an der Heizung hier im Bad, frisch imprägniert. Wehe die packen morgen meinen Wassertest in der Dusche nicht. Dann kriegen die was zu hören. “xAlps”, dass ich nicht lache…

Der Nachmittag war dann aber gemütlich und ich bin inzwischen wieder ganz aufgewärmt. Habe einen überteuerten Döner genossen und mir endlich eine warme Mütze zugelegt. 

Leider sieht die Wetterprognose für morgen nicht besser aus. Aber ich muss sowieso bis Montag hier bleiben, weil mein Paket noch nicht angekommen ist. Also gibt es morgen ein paar Lektionen in Wetterkunde. Das hatte ich mir eh schon lange vorgenommen und es wird mir für die kommenden Etappen mit dem wechselhaften Wetter am Basodino und im Wallis bestimmt nützen.

39. Tag – Piz Kesch

Strecke: Chamanna d’Es-Cha – Porta d’Es-Cha (3008m) – über den Gletscher auf den Piz Kesch (3418m) – Porta d’Es-Cha – Chamanna digl Kesch (2625m) – Ravais-Ch Seen (2650m)

Der Tag fing schon gut an. Um 5 Uhr bin ich völlig ausgeruht in meiner kleinen Mulde aufgewacht. Die Sterne funkelten noch leise und der Mond beleuchtete hell die unglaublich schöne weiße Skyline der Bernina. So ein Anblick macht auch um 5 Uhr morgens Lust einen Kopfsprung in diesen Tag zu machen. Einmal war ich Nachts aufgewacht und habe auf das Thermometer auf meiner Uhr geguckt, die neben dem Schlafsack draußen lag. Es hatte -5° C und ich war ganz überrascht, weil mir kein bisschen kalt war. Meine Nase hatte ich im Schlafsack vergraben und ich glaube dem Schnee neben meinem Schlafplatz war wesentlich kälter als mir. Ich habe dann den Reif von außen am Schlafsack abgeschüttelt und nach meinem Kaffee in der Hütte war er auch schon außen wieder durchgetrocknet. Für mich sind das gerade sehr wichtige Erlebnisse: die Erleichterung und Freude, dass der neue Schlafsack (Glacier SL 1000), den ich dankenswerterweise von Mountain Equipment gestellt bekomme, auch bei solchen Bedingungen noch überaus gemütlich ist. So kann er kommen, der Schnee und die hohen Berge im Wallis mit unschlagbar schönen “Winterbiwaks”. Da freue ich mich jetzt richtig drauf. 

Und dann ist dieser Tag auch noch so großartig weitergegangen, dass ich schon wieder gar nicht weiß wohin mit all meinem Glücksgefühl. Der Piz Kesch hat mich auf seinem Gipfel empfangen. Und mann, war das ein toller Gipfel und eine tolle Tour. Und meine erste Solo-Gletscherquerung mit Kletterei (II-III) zum Gipfel. Es fühlt sich so gut an, dass ich das gemacht habe. Und richtig, Ich bin nicht mit dem Vorsatz gegangen um jeden Preis zum Gipfel zu kommen. Ich wusste die ganze Zeit, dass es sein kann, dass ich nicht bis oben komme, weil es zu gefährlich wird allein oder ich es mir nicht mehr zutraue oder was auch immer. Zu keinem Zeitpunkt hat die “Gipfelsucht” überwogen, ich habe einen kühlen Kopf bewahrt, auf jeden Schritt geachtet und mich bei jeder Entscheidung einmal hinterfragt. Na und dann war es auch noch einfach wunderschön da oben und ich grinse hier in meine Tastatur wenn ich daran denke. 

Das Wetter war perfekt. Und obwohl ich erst gegen 8 Uhr von der Hütte losgekommen bin (verquatscht mit dem Wirt, Sonnenaufgang über der Bernina…) war der Schnee noch schön fest und griffig. Der Weg zur Porta d’Es-Cha war unschwierig und schnell gemacht und dann lag das Gletscherfeld strahlend und schön vor mir. Die Spalten waren gut zu sehen und ich konnte einer ausgetretenen Spur bis zum Grat folgen. Die Seilschaften, die um 5 Uhr von der Hütte aufgebrochen waren, kamen mir entgegen. Ich konnte mich also nochmal versichern dass der Aufstieg gut geht und mich dann darauf freuen, den Gipfel oben ganz für mich zu haben. Die Kletterei am Grat war für mich allein genau auf der Kante. Also genau so, dass ich es mir mit Konzentration noch gut zugetraut habe, aber wenn es viel schwieriger gewesen wäre, hätte ich es alleine nicht gemacht. Ich habe zwei Depots gemacht: erstmal den Rucksack leichter gemacht und kurz unterhalb des Gipfels, wo es noch eine Schlüsselstelle zu klettern gab, den Rucksack ganz liegengelassen. Das Klettern mit Steigeisen ist mir nicht schwer gefallen und die Handhabung des Pickels fühlt sich jetzt sicher und routiniert an. Oben angekommen war ich stolz, aber mir immer bewusst, dass der Abstieg noch kommt und nicht ohne wird. Aber auch da hat alles gut geklappt und der Weg zurück über den Gletscher war eine Kür. Oben bei der Porta habe ich dann eine ausführliche Pause in der Sonne eingelegt und das gute Gefühl genossen.

Der Weg zur Chamanna digl Kesch hat dann doch noch eine unerwartete Herausforderung geboten. Der Gletscher war unverspurt und ich hatte keine Ahnung wo die Spalten sind. Die Alternative, entlang der Felswand war auch nicht so prickelnd, weil da jetzt am Nachmittag die Steinschlaggefahr nicht unerheblich war. Unter mir hat das Eis immer wieder geknackt und geknarzt und ich wusste nie, ob gleich was passiert. Ich bin gegangen wie auf rohen Eiern. Manchmal hat es sich hohl angefühlt, alles plätscherte, auch unter mir. Aber am Ende ist ja alles gut gegangen. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, hatte ich sogar für den Fall die richtige Route gewählt. Nah am Fels, mit großer Aufmerksamkeit. 

Jetzt gehe ich noch eine Stunde weiter zu den Seen, wo es bestimmt schön ist. Da will ich heute schlafen. Der Wirt hier hat mir eben noch zwei kleine Flaschen Schnaps geschenkt, die gönn ich mir dann mit Schokolade im Schlafsack. Ich hoffe es regnet Nachts nicht, denn da ist keine Hütte oder irgendein Dach in der Nähe. Morgen Vormittag mache ich dann nur noch der Abstieg nach Davos, wo ich vermutlich auch den Sonntag verbringen werde, weil das Wetter sehr schlecht werden soll. 

Apropos Wetter: Ich habe mir vorgenommen mich am Schlechtwettertag mal ausführlich mit Wetterkunde zu beschäftigen. Das wollte ich eigentlich natürlich vor der Tour gemacht haben, bin aber aus Zeitmangel nicht viel weiter gekommen als zu den Kumuluswolken ?. Heute morgen, als ich mit Michel, dem unheimlich netten Wirt der Chamanna d’Es-Cha den Sonnenaufgang bestaunt habe, fing das an. Er hat mir erklärt wie das in der Schweiz ist mit den Winden, dem Föhn usw.. Aber ich bin kaum mitgekommen, so viel wollte ich mir aufschreiben. Deswegen also nochmal in Ruhe im Tal, wenn es draußen regnet. Hoffentlich finde ich das entsprechende (Buch-)Material dazu.

Eigentlich will ich noch viel mehr schreiben, aber ich muss jetzt los. Die Sonne schickt ihr letzten wärmenden Strahlen durchs Fenster und auch wenn meine Knie nicht mehr viel hergeben heute, will ich zumindest noch zu den Seen kommen.

Aber ein dickes Dankeschön muss ich heute noch loswerden: Giuliano von Feel the Mountains aus Sulden war heute mein “Backoffice” ?. Er wusste, dass ich auf den Piz Kesch gehe und hat mich sozusagen mental begleitet. Es war gut, dass er immer wusste wo ich bin, wir haben unterwegs telefoniert und geschrieben. Es war sehr angenehm und es hat Spaß gemacht die Tour so zu teilen. Und natürlich hat es sich sicherer angefühlt zu wissen, dass jemand “dabei” ist, auch für den Fall dass etwas passiert. Danke Giuliano!