42. Tag – Feste feiern wie sie fallen

Strecke: Davos (1600m) – Grono (360m)

Ja, man muss die Feste feiern wie sie fallen. Heute hieß das: 90 Minuten Yoga, 180 Minuten Frühstück im Hotel, 90 Minuten schreiben, 180 Minuten Wetterkunde, 90 Minuten Packen und Orga, 180 Minuten Autostopp. 

Seit dem bin ich in dem schönen kleinen Tessiner Dorf Grono. Warum nicht die Stadt verlassen und hier her ziehen? Ich glaube mir würde nichts fehlen.

Ich habe aus Zeit- und Wettergründen also ein paar Kilometer übersprungen und kann so nun morgen in Airolo sein. Dort treffe ich Andi, einen Freund aus München, der mit mir ein paar Tage der Tessin-Etappe gehen wird. Ich freue mich auf die Gesellschaft und darauf mich ENDLICH wieder in den Bergen zu bewegen.

Es war heute aber ein wohltuender Abend mit der unglaublich sympathischen Nina, deren Kater Kiwi fluchend ums Haus geschlichen ist, weil er gerade Flöhe hat und nicht rein darf. Mit Nina (Danke Susanne für den Kontakt) hätte ich sofort Lust auf jeden Berg zu klettern, im Winter touren zu gehen und überhaupt einfach mehr Zeit zu verbringen. Ich hoffe sehr, dass sich das ergibt. Ein bisschen Frauenzeit hat mir auch sehr gut getan und ich habe wieder gemerkt wie wertvoll Kontakt mit lieben Menschen ist. Danke Danke Danke für so viel Gastfreundschaft!

Zurück in die Gegenwart von Graubünden

Während außen das Wetter auf dieser Etappe von Scoul nach Davos größere Wellen gemacht hat, wurde ich auch innen aufgewühlt. Schon der Beginn der Etappe versprach Turbulenzen. Wegen dem vielen Schnee musste ich die Route ändern. Mich hat das beunruhigt, weil ich zum ersten Mal dachte, die Berge könnten sich mir mit unüberwindbarem Wetter in den Weg stellen. Am selben Tag habe ich erschrocken festgestellt, dass ich mich an die gewaltige Schönheit die mich hier ständig umgibt schon fast gewöhnt habe. Ich habe mich immer öfters dabei ertappt, wie ich mich auf dem Weg gedanklich schon mit der Zukunft beschäftige, wie ich mal wieder auf dem Handy nach Netz suche um wieder eine Nachricht zu schreiben und wie ich dabei manche Schätze in der Gegenwart verpasse. Glücklicherweise haben mir ein paar Tautropfen, die wie Perlen an einem Grashalm aufgefädelt waren, und ein unbeschreiblich schöner Regenbogen wieder vor Augen geführt, dass es sich lohnt manchmal langsamer zu gehen, stehenzubleiben und genauer hinzusehen. Ich beschreibe hier im Blog ja nur einen Bruchteil dessen, was ich tagtäglich da draußen erlebe. Viele dieser Erfahrungen lassen sich nicht in Worte fassen, geschweige denn fotografieren. Sie sind ganz nur mein und setzen sich unteilbar in meinem Innern fest. Dort schlagen sie hoffentlich Wurzeln und lassen mich an ihnen wachsen.

Wie schon manchmal erwähnt bringt es auf meinem Weg hier nicht viel, weit über den nächsten Tag hinaus planen. Unvorhergesehene Vorkommnisse und vor Allem das Wetter sorgen oft genug für spontane Anpassungen der Route. Aber das planerische Denken ist durch meinen sonstigen Alltag bzw. durch unsere (mitteleuropäischen) Zivilisation so tief in meinem Wesen verankert, dass ich noch jetzt – nach 5 Wochen hier draußen – oft sinnlos Zeit damit verbringe beispielsweise die Wettervorhersage von der nächsten Woche zu studieren. Wohl wissend, dass sie schon am nächsten Tag wieder ganz anders aussehen kann. Ich habe festgestellt, dass mir das insbesondere dann passiert, wenn ich stehenbleibe. Wenn ich Pause mache. Wenn ich im Tal bin. Dann holt mich mein Alltagshirn ein, mein “machen-machen-machen”-Gen. Dann geht es um das digitale Planen, das mediale Teilen, das telefonische Kommunizieren. Alles Substitute um die Stille zu vermeiden, die hier oben doch so wertvoll und nahrhaft ist. Noch immer hält dieser Drang mich manchmal fest, macht mich dann fast blind, lässt mich zumindest temporär meinen Fokus auf einen 5x10cm Bildschirm verlegen, anstatt die Weite des Moments zu atmen. 

Bis jetzt kam meistens alles etwas anders als geplant. Und immer war es gut so. Diese Feststellung gibt mir ein Vertrauen, das es mir auf meinem weiteren Weg vielleicht leichter machen wird, die Kostbarkeit der Gegenwart anzunehmen und zu genießen.

Wie oft denken wir, dass wir jede Minute nutzen müssen. “Zeit ist kostbar” sagt man. Aber wie oft bedeutet das, dass wir diese kostbare Zeit nur dafür nutzen um die jeweils nächste Zeit zu planen. Wie selten ist es nur das hier und jetzt, die Gegenwart die zählt. Obwohl wir doch eigentlich vermeintlich alles dafür tun, genau diese zu erleben.

Ich kann hier nun nicht behaupten, dass es mir auf dieser Etappe schon gelungen sei, die Gegenwart bei jedem Schritt zu erleben. Aber das hier draußen zu üben ist eine schöne Herausforderung für die kommenden Etappen. 

Andererseits empfinde ich schon deutlich Veränderungen in mir. Mir ist das in den letzten Tagen erst bewusst geworden. Insbesondere empfinde ich das in der Art und Weise der Begegnungen mit andern Menschen. Anfangs auf der Tour habe ich viele Leute kennengelernt, mit Jedem geredet und wieder und wieder von meinem Projekt erzählt. Nach und nach habe ich mich immer mehr in mich zurückgezogen, allerdings auf eine für mich wohltuende Art. Ich habe das ständige Reden mit der Zeit fast wie eine Verschwendung empfunden. In den Erzählungen manifestieren sich (wie in Fotos) die Erinnerungen. Dann kann es passieren, dass sie darin zu schnell wie in verzerrten Standbildern erstarren. Dann fehlt die Dynamik, der Fluss, der Wind, der Horizont jenseits der Bildränder. In der eigenen stillen Rückschau hingegen tauchen immer wieder neue Nuancen und Details auf, die zunächst vergessen schienen oder deren Wahrnehmung mir gar erst im Nachhinein bewusst wird. Diese Form der Verarbeitung von Erlebtem scheint mir jetzt sehr viel reichhaltiger und mehrdimensionaler. Auch sie verlangt nach Gegenwart und nach der Erlaubnis für Stillstand.
Die Unterhaltungen die ich jetzt führe, die passieren. Sie werden nicht angestoßen, sondern sie entstehen. Ich habe festgestellt, dass es jetzt meistens “Bewohner der Berge” sind mit denen ich zunehmend eine Sprache teile, bei der man nicht viel reden reden muss. Einfach sitzen und den Sonnenaufgang beobachten, oder schweigend dabei zusehen wie sich eine Föhnwalze über den Berg schiebt. Und wenn wir reden, dann über das Unmittelbare, das Hier und Jetzt. Die Berge. Anspruchsvoll aber ohne Ansprüche zu stellen. Ich weiß nicht genau, wie ich das noch beschreiben soll. Man versteht sich. Vor einiger Zeit ist mir dazu ein Zitat begegnet, das vielleicht ganz schön passt.

“Wenn du die Zeit überholen willst, musst du alles Geschwinde vergessen und so wie ein Berg sein, geduldig und still, und alles geschehen lassen: Winde und Regen und Schnee und das Licht. – Und so wie ein Berg sein.” (Paul Emanuel Müller)

Und damit bin ich wieder bei der Herausforderung in der Gegenwart zu bleiben. Gerade in diesen zwei Tagen hier in Davos tauchen zum ersten Mal Gedanken daran auf, wie es sein wird, wenn diese Reise vorbei ist. Und ich merke, dass ich Respekt davor habe in 21 Tagen “nach Hause” zu kommen. Nichts hier oben macht mir Angst. Aber die Stadt, und der Fakt, dass meine Tage hier oben schmilzen, wie gerade der Schnee vor dem Fenster, das verursacht mir gerade Unwohlsein. Aber es ist gut, das jetzt zu merken. Ich habe schließlich noch fast drei Wochen Zeit um die Gegenwart so kennenzulernen, dass sie mir dann, nach dem Ende meines Projekts, wenn die Zukunft zur Gegenwart geworden ist, vertraut ist. 

41. Tag – Wetter drinnen

Strecke: keine

Ich mag Pausen nicht. Ich mag den Stillstand nicht und ich mag es nicht drinnen zu sein. Aber draußen sieht es heute auch wirklich nicht einladend aus. Davos ist zudem ein ausnehmend hässlicher Ort. Ich habe mich also im Zimmer verschanzt, das Wetter draußen Wetter sein lassen und mich dem Wetter im Buch gewidmet. Mit Schokolade, Gummibärchen und Apfelschorle ausgestattet war das ganz gut auszuhalten. 

Ich habe angefangen über das Ende der Tour und alles was danach kommt nachzudenken und das macht mir noch keinen Spaß. Auch wenn das Wetter zu wünschen übrig lässt, ich könnte gerade ewig weiter gehen. Dass die Tage nun gezählt sind, macht mich unruhig und ich hoffe, dass ich die Ruhe wieder finde, sobald ich weiter gehe.

Viel mehr ist nicht zu berichten von diesem Tag. Ich habe mal ausführlich meine Ausrüstung von Blut, Schweiß, Tränen und Tierscheisse gesäubert (es klingt schlimmer als es war) und meine Klammotten gewaschen. Einmal war ich draußen, frustrierend schlechtes Curry mit Salat essen in der Migros-Kantine für unfassbare 28 CHF. Jetzt gehe ich wieder früh schlafen, und hoffe dass der Weg in Richtung Airolo und zu der nächsten Etappe im Tessin gut klappt. Die kommende Etappe hat das Thema “Geduld”. Ich finde das im Moment sehr passend und will das Thema “Gegenwart” von dieser Etappe damit verbinden. Ich will versuchen im Tessin Geduld für die Gegenwart zu finden, ohne der Zukunft davon zu laufen.

40. Tag – Es muss ja nicht immer prickelnd sein…

Strecke: Ravais-Ch Seen (2650m) – Sertigpass (2739m) – Davos (1600m)

Okay, das war wahrscheinlich die unangenehmste Nacht bisher. Der Weg von der Hütte zu den Seen gestern Abend war länger als ich geschätzt hatte und so kam ich erst im Dunkeln dort an. Es war ein ungünstiger Biwakspot, weil überall kleine Bäche flossen und der Boden recht feucht war. Zudem war die Ebene den Winden völlig ausgesetzt und es gab kaum schützende Felsen. Weil ich aber wirklich müde war, habe ich einfach meinen Schlafsack ausgepackt und bin nach kurzem Blick zum klaren Sternenhimmel auch sofort eingeschlafen. 

Als ich aufgewacht bin, war der Himmel düster. Der Mond hatte es mit seinem Licht sehr schwer und konnte gegen die dicken Grauen nicht viel ausrichten. Schlaftrunken wie ich war dachte ich: es ist bestimmt bald morgen und bevor es regnet bin ich hier weg. Vor dem mühsamen Blick auf die Uhr sagt ich mir: wenn es vor 2 Uhr ist, dann packe ich noch den Biwaksack aus. Sonst nicht. Ich war mir sicher es wäre schon 4 oder 5 Uhr, so tief hatte ich geschlafen. Leider war es erst 11 Uhr. Ich habe also in der Scheisskälte und bei immer stärker werdendem Wind den Rucksack und mich, samt Matte und Schlafsack in den Biwaksack verfrachtet und mit den Stöcken ein behelfsmäßiges Zelt gebaut. Ziemlich sinnloses Unterfangen bei dem Wind. Im Schlafsack bin ich zwar trocken und warm geblieben, aber im Biwaksack, den ich irgendwann richtig zu gemacht hab, so dass ich wie in einer Wurstpelle da drin geschmort habe… naja, eine bequeme Nacht ist anders. Long story short: kalt, nass, doof.

Um 6 Uhr hab ich’s nicht mehr ausgehalten, habe alles zusammengepackt und mich auf den Weg gemacht. Ich war natürlich sehr langsam, ohne Schlaf, ohne Kaffee und durchgefroren. Ich dachte nur noch an das trockene Handtuch von dem Hostel in Davos, in das ich mich nach einer warmen Dusche wickeln würde.

Trotzdem, die Landschaft war wirklich sehr schön und der Blick auf die Seen zurück hat mich doch veranlasst die Handschuhe auszuziehen und ein paar Bilder zu machen.

In Davos angekommen bin ich sofort ins Hostel. Die Frau an der Rezeotion war supernett und ich konnte gleich ins Zimmer. Noch nie habe ich eine Dusche so genossen. Draußen fing es währenddessen an zu schneien.

Am Nachmittag habe ich im Ort noch ein paar Sachen erledigt. In dem “no-bullshit” Bergsportladen Fullmoons war Walter sehr hilfsbereit und hat mir Bücher für mein sonntägliches Wetterstudium geliehen und mir sogar ein paar Gamaschen geschenkt, die er noch im Keller liegen hatte. Meine Schuhe sind nämlich leider völlig durchgenässt. Jetzt stehen sie an der Heizung hier im Bad, frisch imprägniert. Wehe die packen morgen meinen Wassertest in der Dusche nicht. Dann kriegen die was zu hören. “xAlps”, dass ich nicht lache…

Der Nachmittag war dann aber gemütlich und ich bin inzwischen wieder ganz aufgewärmt. Habe einen überteuerten Döner genossen und mir endlich eine warme Mütze zugelegt. 

Leider sieht die Wetterprognose für morgen nicht besser aus. Aber ich muss sowieso bis Montag hier bleiben, weil mein Paket noch nicht angekommen ist. Also gibt es morgen ein paar Lektionen in Wetterkunde. Das hatte ich mir eh schon lange vorgenommen und es wird mir für die kommenden Etappen mit dem wechselhaften Wetter am Basodino und im Wallis bestimmt nützen.

39. Tag – Piz Kesch

Strecke: Chamanna d’Es-Cha – Porta d’Es-Cha (3008m) – über den Gletscher auf den Piz Kesch (3418m) – Porta d’Es-Cha – Chamanna digl Kesch (2625m) – Ravais-Ch Seen (2650m)

Der Tag fing schon gut an. Um 5 Uhr bin ich völlig ausgeruht in meiner kleinen Mulde aufgewacht. Die Sterne funkelten noch leise und der Mond beleuchtete hell die unglaublich schöne weiße Skyline der Bernina. So ein Anblick macht auch um 5 Uhr morgens Lust einen Kopfsprung in diesen Tag zu machen. Einmal war ich Nachts aufgewacht und habe auf das Thermometer auf meiner Uhr geguckt, die neben dem Schlafsack draußen lag. Es hatte -5° C und ich war ganz überrascht, weil mir kein bisschen kalt war. Meine Nase hatte ich im Schlafsack vergraben und ich glaube dem Schnee neben meinem Schlafplatz war wesentlich kälter als mir. Ich habe dann den Reif von außen am Schlafsack abgeschüttelt und nach meinem Kaffee in der Hütte war er auch schon außen wieder durchgetrocknet. Für mich sind das gerade sehr wichtige Erlebnisse: die Erleichterung und Freude, dass der neue Schlafsack (Glacier SL 1000), den ich dankenswerterweise von Mountain Equipment gestellt bekomme, auch bei solchen Bedingungen noch überaus gemütlich ist. So kann er kommen, der Schnee und die hohen Berge im Wallis mit unschlagbar schönen “Winterbiwaks”. Da freue ich mich jetzt richtig drauf. 

Und dann ist dieser Tag auch noch so großartig weitergegangen, dass ich schon wieder gar nicht weiß wohin mit all meinem Glücksgefühl. Der Piz Kesch hat mich auf seinem Gipfel empfangen. Und mann, war das ein toller Gipfel und eine tolle Tour. Und meine erste Solo-Gletscherquerung mit Kletterei (II-III) zum Gipfel. Es fühlt sich so gut an, dass ich das gemacht habe. Und richtig, Ich bin nicht mit dem Vorsatz gegangen um jeden Preis zum Gipfel zu kommen. Ich wusste die ganze Zeit, dass es sein kann, dass ich nicht bis oben komme, weil es zu gefährlich wird allein oder ich es mir nicht mehr zutraue oder was auch immer. Zu keinem Zeitpunkt hat die “Gipfelsucht” überwogen, ich habe einen kühlen Kopf bewahrt, auf jeden Schritt geachtet und mich bei jeder Entscheidung einmal hinterfragt. Na und dann war es auch noch einfach wunderschön da oben und ich grinse hier in meine Tastatur wenn ich daran denke. 

Das Wetter war perfekt. Und obwohl ich erst gegen 8 Uhr von der Hütte losgekommen bin (verquatscht mit dem Wirt, Sonnenaufgang über der Bernina…) war der Schnee noch schön fest und griffig. Der Weg zur Porta d’Es-Cha war unschwierig und schnell gemacht und dann lag das Gletscherfeld strahlend und schön vor mir. Die Spalten waren gut zu sehen und ich konnte einer ausgetretenen Spur bis zum Grat folgen. Die Seilschaften, die um 5 Uhr von der Hütte aufgebrochen waren, kamen mir entgegen. Ich konnte mich also nochmal versichern dass der Aufstieg gut geht und mich dann darauf freuen, den Gipfel oben ganz für mich zu haben. Die Kletterei am Grat war für mich allein genau auf der Kante. Also genau so, dass ich es mir mit Konzentration noch gut zugetraut habe, aber wenn es viel schwieriger gewesen wäre, hätte ich es alleine nicht gemacht. Ich habe zwei Depots gemacht: erstmal den Rucksack leichter gemacht und kurz unterhalb des Gipfels, wo es noch eine Schlüsselstelle zu klettern gab, den Rucksack ganz liegengelassen. Das Klettern mit Steigeisen ist mir nicht schwer gefallen und die Handhabung des Pickels fühlt sich jetzt sicher und routiniert an. Oben angekommen war ich stolz, aber mir immer bewusst, dass der Abstieg noch kommt und nicht ohne wird. Aber auch da hat alles gut geklappt und der Weg zurück über den Gletscher war eine Kür. Oben bei der Porta habe ich dann eine ausführliche Pause in der Sonne eingelegt und das gute Gefühl genossen.

Der Weg zur Chamanna digl Kesch hat dann doch noch eine unerwartete Herausforderung geboten. Der Gletscher war unverspurt und ich hatte keine Ahnung wo die Spalten sind. Die Alternative, entlang der Felswand war auch nicht so prickelnd, weil da jetzt am Nachmittag die Steinschlaggefahr nicht unerheblich war. Unter mir hat das Eis immer wieder geknackt und geknarzt und ich wusste nie, ob gleich was passiert. Ich bin gegangen wie auf rohen Eiern. Manchmal hat es sich hohl angefühlt, alles plätscherte, auch unter mir. Aber am Ende ist ja alles gut gegangen. Wie sich im Nachhinein herausgestellt hat, hatte ich sogar für den Fall die richtige Route gewählt. Nah am Fels, mit großer Aufmerksamkeit. 

Jetzt gehe ich noch eine Stunde weiter zu den Seen, wo es bestimmt schön ist. Da will ich heute schlafen. Der Wirt hier hat mir eben noch zwei kleine Flaschen Schnaps geschenkt, die gönn ich mir dann mit Schokolade im Schlafsack. Ich hoffe es regnet Nachts nicht, denn da ist keine Hütte oder irgendein Dach in der Nähe. Morgen Vormittag mache ich dann nur noch der Abstieg nach Davos, wo ich vermutlich auch den Sonntag verbringen werde, weil das Wetter sehr schlecht werden soll. 

Apropos Wetter: Ich habe mir vorgenommen mich am Schlechtwettertag mal ausführlich mit Wetterkunde zu beschäftigen. Das wollte ich eigentlich natürlich vor der Tour gemacht haben, bin aber aus Zeitmangel nicht viel weiter gekommen als zu den Kumuluswolken ?. Heute morgen, als ich mit Michel, dem unheimlich netten Wirt der Chamanna d’Es-Cha den Sonnenaufgang bestaunt habe, fing das an. Er hat mir erklärt wie das in der Schweiz ist mit den Winden, dem Föhn usw.. Aber ich bin kaum mitgekommen, so viel wollte ich mir aufschreiben. Deswegen also nochmal in Ruhe im Tal, wenn es draußen regnet. Hoffentlich finde ich das entsprechende (Buch-)Material dazu.

Eigentlich will ich noch viel mehr schreiben, aber ich muss jetzt los. Die Sonne schickt ihr letzten wärmenden Strahlen durchs Fenster und auch wenn meine Knie nicht mehr viel hergeben heute, will ich zumindest noch zu den Seen kommen.

Aber ein dickes Dankeschön muss ich heute noch loswerden: Giuliano von Feel the Mountains aus Sulden war heute mein “Backoffice” ?. Er wusste, dass ich auf den Piz Kesch gehe und hat mich sozusagen mental begleitet. Es war gut, dass er immer wusste wo ich bin, wir haben unterwegs telefoniert und geschrieben. Es war sehr angenehm und es hat Spaß gemacht die Tour so zu teilen. Und natürlich hat es sich sicherer angefühlt zu wissen, dass jemand “dabei” ist, auch für den Fall dass etwas passiert. Danke Giuliano!

38. Tag – Wieder ein Tal weiter

Strecke: Prasüras (1680m) – Zuoz (1720m) – Chamanna d’Es-Cha (2594m) 

Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Der Biwakplatz war zwar schön und in der Mulde in dem kleinen Waldstück war der Boden angenehm weich, aber der Vollmond war so hell, dass ich immer dachte es sei schon Tag. So habe ich dann Nachts Fotos bearbeitet anstatt zu schlafen und bin morgens noch bis zu den ersten Sonnenstrahlen in meinem gemütlichen Schlafsack liegen geblieben. Irgendwie war ich heute etwas verspannter, vielleicht auch wegen dem fehlenden Schlaf. 

Im Tal musste ich ein paar Sachen erledigen und der Weg hier hinauf zur Hütte war kurz. So habe ich schon nach ein paar Kilometern eine ausführliche Mittagspause in der warmen Sonne eingelegt. 

Auf dem Weg hier hoch habe ich zurückgeschaut und wie so oft in den letzten Tagen genau gesehen, wo ich hergekommen bin. Manchmal wird mir dann plötzlich und mit einer Wucht bewusst, dass ich nicht einmal zählen kann, wie viele Täler ich auf dieser Tour schon durchwandert bin und über wie viele Berge ich gestiegen bin. Da liegen Ländergrenzen dazwischen, da werden verschiedene Sprachen gesprochen, da hat sich die Landschaft schon ganz gewaltig verändert. Der Beginn in Slowenien ist so weit weg. Fast wie an einem anderen Ende von mir selbst. Es kommt mir vor als habe ich mich verändert seitdem, aber ich könnte nicht genau beschreiben wie.
Die Landschaft gefällt mir auf dieser Seite wieder sehr gut. Es sind grüne Grasberge, ein bisschen erinnert es mich an die Karnischen Alpen. Allerdings sind gerade um Zuoz herum viele Skigebiete und man muss von den Liftstationen absehen um die eigentliche Schönheit der Landschaft zu erkennen. 

Ein ruhiger Tag war heute. Ich sitze in der Chamanna Es-Cha und habe mich zum ersten Mal seit langem wieder richtig satt gegessen. Es ist ein gutes Gefühl, auch wenn es fast ein bisschen zu viel war… Jedenfalls werde ich gut schlafen.

Bisher hatte ich noch nie ein so “hohes” Biwak bei so niedrigen Temperaturen. Aber die Luft ist schön und klar und wohltuend und die Kälte stört mich nicht. Ich habe mir eine schöne, hoffentlich windstille kleine Mulde gesucht, direkt neben einem kleinen Stück Schnee. Ich denke wenn das noch nicht weggeblasen wurde und noch nicht geschmolzen ist, dann muss es eine Stelle sein die geschützt ist und in der auch ich geschützt sein werde. Außerdem ist es weit genug von der Hütte entfernt um ganz für mich zu sein. Denn danach is mir jetzt wieder für ein paar Tage. 

Die Sicht in die Bernina hinüber ist atemberaubend schön. Ich habe an meinem Biwakplatz vorhin eine halbe Stunde Yoga gemacht und mich dabei in den Anblick verguckt. Die Bernina sind sicherlich ein Gebirge, in dem ich in der Zukunft einmal mehr Zeit verbringen will. Aber dann direkt zu dritt, geplant als Seilschaft und mit Fokus auf genau diese Berge und ihre hohen Touren. Von hier sehen sie jedenfalls sehr verlockend aus, wie sie da glänzend weiß und majestätisch ruhen und ich freue mich schon auf den Anblick bei Sonnenaufgang.

Morgen früh um 5 Uhr gibt es Kaffee. Dann geht es wieder auf einen Gletscher, oder auf das was von ihm noch übrig ist… Ich habe hier vorhin auf eine Karte aus dem Jahr 1987 geschaut, da war er bestimmt noch doppelt so groß wie auf der Karte auf meinem Handy. Ich freue mich sehr auf den ganzen morgigen Tag, an dem das Wetter wirklich toll werden soll. Ich freue mich auf den Gipfel des Piz Kesch, auf den Weg über den Gletscher und die Kletterei, die ich diesmal alleine machen werde. Und ich freue mich auf den Nachmittag, an dem ich einen kleinen See ansteuern will, der mir auf der Karte schön vorkommt. 

37. Tag – 

Strecke: Plan Dals Poms (2060m) – Murtler (2545m) – Chamanna Cluozza (1882) – Fuorcla Val Sassa (2857m) – Prasüras (1668m) 

Was für ein Tag. Es war wirklich ein voller, dichter, und reicher Tag. Es ging im grauen bergan (“Grauzone Dialog”) und im goldenen bergab. Und dann habe ich noch ein Wunder erlebt.

Ich hatte eine gute und gemütliche Nacht im Wald und bin ausgeruht aufgewacht und noch mit dem festen Vorsatz auf den Piz Quattervals zu gehen in Richtung Chamanna Cluozza aufgestiegen. Dort lernte ich mal wieder einen sehr netten Wirt kennen, Jürg, der mir gleich mal einen Kaffee ausgab. Wir kamen ins Gespräch und ich habe mich schnell entschieden meinen Plan zu ändern. Anstatt auf den Piz Quattervals, der zwar schön klingt, bei näherer Betrachtung aber doch nicht sooo reizvoll war (Jürg: “ein Schuttberg”), bin ich den langen Weg um den Quattervals herum und über die Fourcla Val Sassa hinab ins Tal nach S-Chanf. So habe ich genug Zeit morgen rüber zur Chamanna Es-Cha zu gehen um am Freitag früh bei (hoffentlich) strahlendem Sonnenschein auf den Piz Kesch zu gehen. Laut Jürg ist der Gletscher flach, ohne Spalten und verspürt und die Kletterei am Gipfel mit II auch gut alleine machbar. Ich habe so große Lust auf Gletscher, dass es mich fast magnetisch da hin zieht.
Der Weg zur Scharte rauf war nicht so schön. Sehr grau, irgendwie düster. Aber die Felsen an den Seiten zeigten beeindruckende Formationen und der Weg war angenehm zum Nachdenken.

Oben fing es an zu schneien, so dass ich schnell weitergegangen bin. Der Schnee wurde zu Regen, aber es war frisch und so bin ich gejoggt um warm zu bleiben. Der Weg runter war auch leicht machbar. Als es grüner wurde, kam sofort die Schönheit. Mit dem Regen sieht alles so frisch und glatt aus, dass ich es eigentlich inzwischen sehr gerne mag, im Regen zu gehen. Hinter den Abhängen durch die ich ging kam dann auch noch die Sonne raus, so dass alles in ein wunderschönes Licht getaucht war. Und dann habe ich mich umgedreht. Und da war er, ein wunderschöner, perfekter, feiner und klarer Regenbogen, der sich genau über mein feucht glänzendes und von roten Blättchen garniertes Tal gespannt hat. Ich habe ihn irgendwie persönlich genommen, den Regenbogen. Nach einer Menge eher düsterer Gedanken auf der anderen Seite der Scharte war er wie ein Zeichen, wie ein wunderschöner Kommentar der Berge für mich. Ich bin lange dort stehen geblieben. 

Kein Foto, keine Zeile kann beschreiben, was ich gefühlt habe. Deshalb werde ich es auch nicht versuchen. Klar, ich poste ein Bild dazu, das macht man so. Aber das Bild in mir drin, das glüht und flimmert und vibriert noch jetzt, einen Tag später, voll Dankbarkeit.

Grauzone Dialog

Dialog. Das eigentliche Thema dieser Etappe. Vielleicht bleibt es doch präsenter in meinem Kopf als ich dachte. Auch ohne verbalen Dialog. Vielleicht liegt es auch an dem grauen, kargen wüstenartigen Tal, durch das ich heute stundenlang hinauf gelaufen bin ohne einem Menschen zu begegnen. Ich habe auf dem Weg viel nachgedacht und mich vor Allem gefragt, was Menschen dazu bewegt in einen Dialog zu treten. Aber auch, was sie dazu bringt den Dialog zu vermeiden. 

Auf meinem Weg bis hier hatte ich viele kleine, schöne und leichte Dialoge. Wahrscheinlich waren sie auch deshalb so leicht, weil sie eben im Moment und unterwegs stattgefunden haben. Weil sie nur ein kleines Stück Weg bedeutet haben, dem keinerlei Verantwortung für die Vergangenheit oder Zukunft inne zu wohnen scheint. 

Aber wie ist es, wenn es wirklich um zwei Menschen geht, die tiefgreifender miteinander kommunizieren wollen. Wie war mein Dialog mit Menschen zu Hause, mit Freunden und Familie? Und – denn darum geht es mir heute am meisten – wie sieht es mit dem Dialog mit den Menschen aus, die mich ein Stück meines Wegs begleiten wollten? 

Ich habe mir genau überlegt, mit wem ich mir das überhaupt vorstellen könnte und ich habe nicht viele gefragt. Bisher hat mich nur Katalin (meine Mutter) ein Stück begleitet und es war eine sehr schöne und wertvolle Zeit. Seitdem bin ich, von Begegnungen unterwegs abgesehen, allein. Und – das ist mir wichtig hier zu sagen – ich bin wirklich gerne alleine unterwegs. Ich langweile mich nie und fühle mich sehr selten einsam. Und trotzdem habe ich mich immer wieder auftemporäre Begleitung gefreut, weil es eben auch schön ist zu teilen.

Erstaunlicherweise sind es genau drei der Leute, die unbedingt dabei sein wollten, die jetzt oder zu dem jeweilig angesetzten Zeitpunkt nicht da sind. Sie haben mir auch unterwegs noch geschrieben wie toll sie das finden was ich mache, wie gerne sie genau in diesem oder jenem Moment dabei wären. Es ist bitter und mir unangenehm, dass mir das jetzt so hohl vorkommt. Entweder haben sie sich einfach nicht mehr gemeldet, sehr kurzfristig abgesagt, oder sich mit seltsamen Angaben von Gründen entschuldigt. 

Was bedeutet das für eine Freundschaft? Ist es die Scheu vor der Absage? Ist das so schwer? Hat der- oder diejenige es wirklich einfach vergessen? Ist “zu viel los im Alltag”, als dass man Zeit hätte sich zu melden? Zeit für eine SMS: Wirklich? Oder haben sie immernoch eigentlich vor zu kommen, aber sich noch nicht dazu durchgerungen eine SMS zu schreiben um sich eben doch noch alle Optionen offen zu halten?

Und dann frage ich mich, ob mir selbst das gelingen würde, was ich von ihnen als meinen Freunden erwarte: Dass ich daran denken würde, wie es für sie ist? Wie es sich anfühlt? Wäre mir in meinem Alltag bewusst, dass jemand, der allein unterwegs ist, dem ich gesagt habe, dass ich ihn begleite, sich vielleicht fragt, warum ich mich nicht melde? Warum ich nicht wenigstens absage? Dass das verletzend ist?

Okay, ich habe das eben gelesen und es klingt enttäuscht und sentimental. Enttäuschung ist da, klar. Aber darum soll es in dem Blogeintrag nicht gehen. Vielmehr will ich es ganz sachlich und einfach verstehen. Und es ist ein Gefühl, das vermutlich jeder kennt, der mal für eine größere Gruppe was organisiert hat, oder? Es beschäftigt mich jetzt, weil es mir mehrmals passiert ist und weil es eben das aktuelle Thema betrifft: Dialog. Deswegen kommen mir diese Fragen. Und das Bedürfnis darüber zu schreiben. 

Was ist so schwer? Ist es nicht immer leichter und erleichternder für Klarheit zu sorgen? Es kostet keine Zeit, es kostet kaum Mühe, es braucht nur einen Willen, Ehrlichkeit und Verbindlichkeit.

Ja, vielleicht ist das hier ein Plädoyer für Verbindlichkeit. Etwas das ich in Freundschaften besonders schätze. 

Ich habe das noch nie geschrieben, aber: Bei diesem Post würde ich mich über Reaktionen freuen. Wie geht es euch mit dem Thema? Kennt ihr mein Gefühl? Wie würdet ihr reagieren? Könnt ihr euch in beide Seiten hineinversetzen und was macht das? Ich freue mich über Nachrichten, am einfachsten direkt hier über den Blog. Keine Sorge, nur mit eurem Einverständnis würde ich die Antwort veröffentlichen. Danke.

36. Tag – Gegenwart üben

Strecke: Alp Plavna (2076m) – Fuorcla Val dal Botsch (2852m) – Il Fuorn / Ofenpass (1794m) – Vallun Chaful (1768m) – Plan Dals Poms (2060m)

Gut ausgeruht kam ich morgens runter in die kleine Küche, in der es noch gemütlich war war. Andi war längst beim Jagen. Er hatte tatsächlich für mich den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht. Ich war wirklich gerührt über so viel Fürsorge. Dann habe ich die Hütte abgesperrt, wie besprochen, und nach dem großen Kaffee ging der Weg zur Fuorcla Val dal Botsch gut und schnell und lustvoll. Es war oben noch viel Schnee und zum Teil reicht rutschig in dem sandigen und geröllreichen Gelände in dem auch immer wieder Steine von oben kamen. Als ich einmal kurz stehengeblieben bin tauchten oben in der Scharte majestätisch die Silouetten von zwei Hirschen auf. Edel standen sie da und verschwanden dann wieder auf der anderen Seite, als hätten sie Andi und seine Kollegen, die hier noch sicher auf Jagd lagen, gerochen.

Oben hat es ordentlich gewindet, also hab ich nicht lange Pause gemacht, sondern bin schnell den steilen Weg in Richtung Tal gelaufen. Hier geht es viel auf und ab.

Jetzt sitze ich in einem kleinen Bikerlokal am Ofenpass. Es gibt Pizza, sonst nichts. Generell ist das ja ganz lecker, aber ich hab langsam keine Lust mehr auf Pizza oder Pommes. Vorher waren es immer Bratkartoffeln oder Pasta… naja, anspruchsvoll ist sie auch noch. Meckern auf hohem Niveau würde ich sagen.

Ab Davos kann ich mir endlich mein eigenes Süppchen kochen. Da bekomme ich einen Kocher und “Summit to Eat” Gerichte, ist zwar noch mehr Gepäck, aber auf keinen Fall kann ich mir weiter leisten hier 8€ / CHF für eine kleine Portion Pommes zu zahlen. Die spinnen die Schweizer ;-).

Jetzt geh ich noch auf der anderen Seite rauf Richtung Piz Quattervals und Chamanna Cluozza. Das Wetter ist gut, es wird eine angenehme Nacht werden. Grad keine Lust mehr zu schreiben, will gerade lieber für mich allein nachdenken.

35. Tag – “Solange wir haben, teilen wir.”

Strecke: Sur En – Via dals Nanins – Val Plavna – Alp Plavna 

Noch nie bin ich so langsam aus dem Schlafsack gekommen. Es kamen ganz viele Argumente noch ein paar Minuten und noch bisschen länger so gemütlich liegen zu bleiben. Als ich es dann endlich geschafft hatte, war das losgehen auch nicht einfacher. Nur ganz langsam kam die Kraft zurück. Motivierend war aber die Landschaft, dir hier so anders ist als in Südtirol. Anders wild, anders weit, irgendwie grüner und breiter. Der Rucksack macht mir heute zu schaffen. Die seit Mals dazugekommenen Steigeisen, Eispickel, Essensvorräte und der wärmere Schlafsack fallen schon ins Gewicht.

Es ging zuerst wunderschön an der Via das Nanins einlang, das Zwergenthema vom Vortag setzte sich fort: Hier war ein richtiger Geschichtenpfad eingerichtet worden, auf dem kleine Tafeln Zwergengeschichten erzählten und Stationen mit einem Tisch mit sieben “Tellerchen” usw. Schneewittchen und die sieben Zwerge erlebbar machten. Ich habe mir also Zeit gelassen, viele Fotos gemacht und die letzten Tage Revue passieren lassen. 

Es scheint, dass das Thema “Dialog”, das eigentlich diese Etappe begleitet, mit Mals hinter mir geblieben ist. Allerdings waren die Dialoge mit den Menschen dort oft schöne und bereichernde Gespräche und damit ein maßgeblicher Inhalt der letzten Tage, den ich tief zu schätzen weiß. Da mir nun erstmal nur der innere Dialog bleibt, den ich hier unterwegs ja ständig führe – mal als Streitgespräch, mal als Austausch, mal als fast langweiligem Smalltalk – will ich mir für die nächsten Tage, für den Weg hier durchs Engadin und bis Davos noch ein anderes Thema überlegen. Vielleicht ist “Gegenwart” ein gutes Thema, weil es mir noch immer häufig nicht gelingt, den Moment wirklich wahrzunehmen. Stattdessen bin ich im Kopf schon mit der Planung der nächsten Schlafstätte, der nächsten Route oder sonstiger Logistik beschäftigt. Ich lasse mir das mal durch den Kopf gehen und entscheide morgen.

Ja, der Kopf. Nach knapp drei Stunden Weg durch das Val Plavna fingen die Kopfschmerzen an. Sukzessive, wie in einem Sog, ist meine Kraft geschwunden. Es war eine seltsame, aber sehr deutlich wahrnehmbare Erscheinung. Äußerlich grundlos habe ich plötzlich völlig die Lust am Gehen verloren. Ich wollte mich ständig setzen, rasten, ruhen, als wäre ich seit vielen Stunden unterwegs oder als wäre der (eigentlich sehr einfache) Weg furchtbar anstrengend. Hat die Pause von mehreren Tagen mir doch nicht gut getan? War es einfach zu lang? Oder hat mein Instinkt mich gebremst und mir abverlangt die Route zu verkürzen und den Weg über die Fourcla Val dal Bosch (2677m) doch auf morgen Vormittag zu verlegen? 

Was auch immer es war: Jetzt regnet es. Stark und stetig. In dem Regen wäre die Fuorcla nicht so nett gewesen… Ich bin umgekehrt und habe in einem offenen kleinen Bau neben der unbewirtschafteten Alp Plavna einen ganz guten Unterschlupf gefunden. Hier bleibe ich trocken und zu kalt wird es hoffentlich auch nicht. Und, das Faszinierende: die Kopfschmerzen sind seit der Entscheidung umnzukehren wie weggeblasen. Also doch der 6. Sinn? Es ist spannend, wie der hier oben geschärft wird und wie ich (teils unbewusst) mehr von meiner Umwelt wahrnehme denn je. Morgen habe ich dann einen langen Weg vor mir und ich wünsche mir jetzt, dass meine Energie über Nacht wieder kommt.

Nachtrag: Es ist schon irre was mir hier unterwegs alles so passiert. Um kurz nach 8 Uhr, der Regen war heftig und es wurde schon recht kalt in meinem Unterschlupf, erschreckte mich das Licht einer Stirnlampe. Eine freundliche Stimme fragte, ob es mir nicht zu kalt sei und ob ich nicht lieber in die warme Stube kommen wolle. Es war Andi, ein Jäger, der in der aktuellen Jagdsaison oben in der Alp Plavna unterkommt. Ganz unerwartet saß ich also plötzlich in der gemütlich warmen kleinen Küche und schnitt Tomaten und Mozarella während Andi uns Steaks machte. “Solange wir haben, teilen wir.” sagte er nur, und einmal mehr dachte ich, wie einfach und schön es sein kann und warum wir es uns oft in Angst und Geiz so schwer machen. 

Ich habe an dem Abend viel über die Region, über Bären, Hirsche und den Ablauf einer Jagd gelernt. Zum Beispiel dass momentan gerade Hirsche geschossen werden, später Felswild und Vögel, dass es also für jede Jagd ihre Zeit gibt. Außerdem, dass sechs Jäger in dieser Region jagen dürfen und dass sie sich alle untereinander kennen. In den letzten Tagen haben sie sieben Hirsche geschlossen. Einem geschossenen Tier werden dann zuerst die Eingeweide rausgeschnitten und dann werden sie mit einem “Hirschmobil”, einer Art Schubkarre mit einem Mofarad in Richtung Tal manövriert. Wenn der Hirsch zu groß ist, muss er mit dem Helikopter geholt werden, dann rentiert es sich schon nicht mehr, weil der Flug so teuer ist. Im Tal werden die geschossenen Tiere dann Abends vom Wildhüter überprüft und vermessen. Mit einem Namensschild des Jägers versehen werden sie beim Metzger in die Kühlung gehängt um später zu den Produkten seiner Wahl verarbeitet zu werden.

Die große Lehre meines Abends war, dass man nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes in Nationalparks nicht draußen schlafen darf. Die Hirsche riechen die Menschen und verschwinden dann aus der Region, so dass die Jäger in der Jagdsaison vergeblich nach ihnen Ausschau halten müssen. Deswegen mögen Jäger logischerweise keine Camper in den Nationalparks.