56. Tag – Der Montblanc versteckt sich

Strecke: Le Châble – Chamonix

Völlig ausgeruht und auch etwas zu spät bin ich heute Morgen von Le Châble aus gestartet. Es war so gemütlich in Lauras Chalet, dass es mir richtig schwer gefallen ist zu gehen. Zum Glück hat die Sonne mich dann doch gelockt, und so bin ich losgelaufen. Aber solche Morgen machen mir doch deutlich, dass meine Energie nicht mehr die selbe ist wie noch vor ein paar Wochen.

Den Weg nach Chamonix habe ich mit einer Mischung aus Autostop und Gehen zurückgelegt. Kaum hatte ich die Grenze zu Frankreich passiert, veränderte sich die Bauweise der Häuser und gefühlt auch die Landschaft. Alles wurde feiner, dabei weniger perfekt, weniger durchgestylt. Einfach natürlicher. Es ist ein wohltuender Anblick, und außerdem eine sehr schöne Landschaft in der alkes sich gerade herbstlich bunter färbt. Hier gibt es besondere Bäume, die mit ihren knallroten Blättern fast schockierend aus der Landschaft herausstechen. Außerdem gibt es hier die Meleze, es ist eine Baumart, deren Holz leicht rosa gefärbt ist, und das hunderte von Jahren wetterfest ist wenn man es verbaut. Das hat mir eine Frau erzählt die mich beim trampen mitgenommen hat. Überhaupt haben mich in Frankreich vor Allem sehr freundliche und neugierige ältere Frauen mitgenommen, mit denen ich lustige und schöne Gespräche führen konnte. Besonders beeindruckt hat mich Renée. Sie ist über 60 Jahre alt und hat mir erzählt dass sie erst mit 40 die Berge für sich entdeckt hat. Aber seitdem geht sie jede Woche wandern und macht auch gerne lange mehrtägige Touren. Sie kommt eigentlich aus der flachen Mitte von Frankreich, und ist glücklich jetzt hier in der Schönheit zu leben. Sie hat mich eingeladen sie einmal zu besuchen, falls ich wieder in der Gegend bin. Ich hätte richtig Lust das Angebot anzunehmen, so sympathisch war sie mir.

In Chamonix habe ich recht viel Zeit damit verloren gefriergetrocknete Meals zu besorgen und vor Allem das Kartenmaterial für die 9. Etappe zusammen zu suchen. Leider war das Paket mit meinen bereits vormarkierten Karten und dem Essen nicht angekommen. Aber ich war überrascht, dass mir Chamonix so gut gefallen hat. Vielleicht weil jetzt durch die Off-Saison nicht mehr so viel los ist. Klar da reiht sich auch Outdoormarkenladen an den anderen, aber die französische Atmosphäre finde ich sehr angenehm.

Meine Route für die letzte Etappe musste ich leider drastisch kürzen. Den Nationalpark Les Ecrins werde ich wohl ein andermal besuchen. Mir bleiben jetzt nur noch vier Tage. Für den Samstag habe ich mir schon einen Flug gebucht. Es ist eine sehr seltsame Vorstellung dass ich dann ausgerechnet in einem Flugzeug sitzen werde.

Den Montblanc konnte ich leider den ganzen Tag lang nicht sehen. Er hat sich in dichtem Nebel versteckt. Aber es ist beeindruckend wie tief hinunter die Gletscherzungen hier reichen. Bestimmt bis auf 1600 m ungefähr.

Eigentlich wollte ich unbedingt noch ein Stückchen weiter Richtung Vanoise Nationalpark kommen, aber bald habe ich vor dem Wetter und der Dunkelheit kapituliert. Weil ich mich doch etwas unwohl dabei gefühlt hätte hier draußen zu schlafen, übernachte jetzt in einer Jugendherberge.

Morgen beginnt meine letzte Etappe mit dem Thema “Erinnerung”. Ich werde dann mein Handy nur noch für Fotos und GPS verwenden. Ich will noch ein paar Tage so ruhig wie möglich verbringen, und wirklich Zeit haben alles Erlebte Revue passieren zu lassen.

55. Tag – Ein weißes Meer

Strecke: Cabane des Dix (2928m) – Col de Cheilon (3237m) – Glacier di Giétro (3200m) – Col du Mont Rouge (3326m) – Lac de Mauvoisin (2000m) – Le Châble (900m)

Heute bin ich von Schneeflocken geweckt worden, die leise in meinem Gesicht geschmolzen sind. Ich musste lächeln, weil es irgendwie ein zärtlicher Bergwecker war. Nach einem ausführlichen Frühstück (und der wortreichen Auseinandersetzung mit den Verbondungskindern, die ich im Beitrag von gestern schon beschrieben habe) ging es ans Abschied nehmen. Es ist mir wirklich schwer gefallen und ich habe wieder gemerkt wie schnell ich hier oben Menschen ins Herz schließen kann. Es hat im Aufstieg Richtung Col des Dix eine Weile Weg gedauert, bis ich nicht mehr in den Tränen kämpfen musste. Aber ich werde wiederkommen. Dan ist uns noch mit seiner Drohne gefolgt und ich freue mich sehr, dass er mir die Aufnahmen für meinen Vortrag in Garmisch-Partenkirchen (am 14.12. um 19 Uhr) zur Verfügung stellen wird. Wie wahrscheinlich schon in meinen bisherigen Beträgen deutlich geworden ist: die Cabane des Dix kann ich jedem Bergsteiger wirklich wärmstens empfehlen. Sie ist im Winter auch ein Stützpunkt der “Haute Route”, einer langen Skitour durch das Wallis. Die Freundlichkeit und unkomplizierte Art ist sehr angenehm, es läuft gute Musik und das Essen ist fantastisch. 

Der Aufstieg zum Col hat gut getan. Jede Faser hat sich gefreut, dass sie von mir wieder in Bewegung gebracht wird. Vom Schnee am morgen ist nicht mehr viel liegengeblieben, aber alles sieht auch so wunderschön aus. Am Col angekommen lag ein wunderschönes weißes Meer vor uns. Wir überqueren den Gletscher am Seil und dank Elias toller Wegführung haben wir Gletscherspalten mit großen Schritten überwunden oder sind sie umgangen. Die Stille in der Ebene, die nur von unseren ebenmäßigen Schritten unterbrochen war, hat tief in mir geklungen.

Nach dem Col de Mauvoisin ging es durch Geröll- und Blockgelände 100hm abwärts. Es war eine schöne Abwechslung, auch wenn ich schon gemerkt habe, dass meine Hüfte noch schmerzt und meine Kräfte wohl insgesamt etwas abgenommen haben. So habe ich mich oberhalb des Sees noch von Susanne und Elia verabschieden und eine Pause gemacht. Verabschiedet habe ich mich auch von Steigeisen, Eispickel und ein paar anderen Hochtourensachen. Ab jetzt wird in der letzten Etappe nur noch gewandert. Auch wenn es von Chamonix aus noch 200km sind, die ich in 4,5 Tagen zurücklegen muss, so freue ich mich sehr auf diese letzten Tage.

Der Lac de Mauvoisin und seine Umgebung haben mir wirklich verzaubert. Es war wunderschön entlang des Wassers zum Wehr zu wandern und immer etwas sprühendes Nass der Wasserfälle zu spüren. Die Tropfen spiegelten den See in der Luft und die Felsen hatten wunderschöne Farben. Der See selbst lag wie gebannt in einem undurchsichtig hellen türkis da und wartete.

Weil ich so voller Freude von der schönen Umgebung war, bin ich fast bis nach Le Chable runter gelaufen. Dort durfte ich die Nacht in dem wunderschönen Chalet von Laura verbringen, einer Freundin meiner Freunde Jasmine und Ray, die mir einfach vertrauensvoll ihr Wochenendhaus zur Verfügung stellt. Unendlich dankbar konnte ich sogar ein heißes Bad nehmen und morgen früh geht es dann los Richtung letzter Etappe und der Zeit für “Erinnerung” im Nationalpark La Vanoise und bis Grenoble.

L’equipe du Cabane des Dix

54. Tag – Mehr Sonne, mehr Nanouk, mehr Erholung

Ort: Cabane des Dix (2928m)

Heute ist der zweite Tag meiner Erholungsphase auf der Cabane des Dix. Ich bin schon mit Bewegungsdrang aufgewacht. Wahrscheinlich ist es die viele frische Luft nach der wunderbaren und sternklaren Nacht draußen. Der Gletscher hat geleuchtet und ich konnte mir kaum so viel Wünschen wie ich Sternschnuppen gesehen habe.

Ich bin nach dem Frühstück kurz zum Tete Noire hochgelaufen, der kleine Gipfel neben der Cabane. Von dort hat mein einen wunderschönen Blick hinunter zum Lac des Dixence und zu Weißhorn, Dent Blanche und Matterhorn. Es hat gut getan dort oben zu sitzen, mir den Wind um die Nase wehen zu lassen und den Schatten der Wolken dabei zuzusehen wie sie über alle Berge streicheln als wollten sie sagen “Keine Sorge, ich bin bei euch, ihr seid nicht allein”. Manchmal wirken die Berge ganz weit oben auf mich fast ein bisschen traurig. Vielleicht weil ich weiß, dass die Gletscher schmilzen, vielleicht weil sie in ihrer großen Kraft doch irgendwie einsam sind. Aber vielleicht spiegeln sie mir auch nur wieder, wie es mir selber geht. Wenn ich zur Ruhe komme, dann bin ich jetzt oft ein bisschen traurig. Ich frage mich, was bleiben wird von mir hier oben. Also was in mir bleiben wird. Natürlich, viele Erinnerungen. Aber wird es mir gelingen auch etwas von der Energie mitzunehmen?

Edith, Dan und Laura haben mich zum Mittagessen eingeladen. Zusammen saßen wir auf der Terrasse und haben köstliches Hühnchen in Wein mit Kartoffeln gegessen. Am Nachmittag wurde es auf der Hütte belebter. Über 50 Gäste haben “wir” heute. Ich fühle mich dem Team schon ganz zugehörig und freue mich über alles, was ich helfen kann. 

Auch Susanne und Elia sind angekommen und ich freue mich darauf, morgen mit ihnen zusammen über das Col de Cheilon und den dahinter liegenden Gletscher zu gehen. Ich kann es kaum erwarten mich wieder zu bewegen.

Ein bisschen Bewegung gab es auch beim Abendessen schon. Schüsseln und Töpfe wurden zwischen Tischen und Küche hin und her getragen und ich war froh mich ein bisschen nützlich machen zu können.

Nicht alle Gäste waren angenehm. Eine Gruppe junger Männer mit deutlichen Zeichen der Studentenverbindung hat sinnlos und scheinbar wahllos Alkohol in sich reingekippt. Es ist schon erstaunlich, dass Verbindungsleute überall gleich hohl wirken. Sie wurden immer lauter und irgendwann war “ta geule” (Halt die Fresse) das häufigste was man hörte. Aber ich glaube sie dachten von sich dabei trotzdem dass sie noch eine richtige Diskussion führen… Und dann haben sie draußen auf der Terrasse auch noch Weißwein über meinen Schlafsack gekippt. Ich hätte ihn natürlich gar nicht erst draußen hinlegen sollen, aber es war schon nach 10 Uhr und eigentlich Hüttenruhe. Aber das kennen die Jungs leider nicht. Im Nachhinein tun sie mir richtig leid. Nach der ersten großen Wut und vielen aggressiven Gedanken habe ich noch eine Menge Zeit damit verbracht darüber nachzudenken was für ein Leben sie wohl haben. Sind sie wirklich glücklich? Sehen sie etwas von der Welt außerhalb ihres scheinbar geschlossenen Kosmos? Können sie die Schönheit der Berge in sich wirken lassen? Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen. 

Ihre Reaktionen auf mein Ansprechen des ausgeschütteten Weins war pubertär und wirklich traurig. Anstatt sich zu entschuldigen sagten sie nur sie wären es nicht gewesen und warum ich sie einfach verdächtigen würde. Sie waren allerdings die Einzigen die noch auf der Terrasse waren und überhaupt die Einzigen weniger zivilisierten Menschen auf der Hütte. Und dabei studieren offensichtlich Medizin. Bei der Vorstellung dass sie später eine so große und wichtige Verantwortung tragen werden, dass sie möglicherweise mit Menschen in wirklich schweren Situationen sozial umgehen sollen, wird mir etwas schummrig. Ich hoffe also, dass das Leben ihnen noch die Möglichkeit gibt, mehr zu lernen und Erfahrungen zu sammeln die außerhalb ihrer Blase aus Verbindung, vermutlich reichen Eltern und stumpfen Männerabenden bestehen. Vielleicht sollten sie jeder mal alleine für ein paar Tage auf den Berg gehen ;-).

Das Thema meiner Etappe ist “Bescheidenheit”. Ich bin nicht stolz darauf mit welcher Rage ich auf die Männer reagiert habe und dass ich mir zunächst sogar Geld für den Schlafsack habe geben lassen, der mir eigentlich gar nicht gehört (sondern eine Leihgabe von Mountain Equipment ist), und den ich zudem jetzt recht gut säubern konnte. Ich danke Dan, der mich sehr freundlich darauf hingewiesen hat, dass ich mich eigentlich auf ihr Level begebe, wenn ich das Geld annehmne. Außerdem ist es in ihrem Fall auf kontraproduktiv etwas mit Geld zu “lösen”. Also spenden wir nun im gegenseitigen Einverständnis die 150 CHF an die Bergwacht. So haben wir alles etwas davon.

53. Tag? – Sonne und gute Musik

Ort: Cabane des Dix (2928m)

Ach, das hat so gut getan. Ich habe im Lager geschlafen und obwohl ich wie üblich um 6 Uhr aufgewacht bin, habe ich bis um 10 Uhr weitergedöst.

Das Wetter ist perfekt. Aber anstatt mich darüber zu ärgern, dass ich es nicht für eine Hochtour nutzen kann, freue ich mich heute darüber lange auf der Terrasse in der Sonne zu sitzen und zu schreiben.

Am Nachmittag habe ich fast zwei Stunden lang Yoga gemacht und dabei noch entdeckt, dass mein Fußgelenk vorne etwas knarzt. Also werde ich mich auch dem intensiv widmen während meiner Zeit hier. Viel cremen, vorsichtig dehnen und mobilisieren, und ein bisschen Theraband und Blackroll für Oberschenkel und Rücken.

Daniel und seine Ma sind sehr sympathisch und unkompliziert. Es macht mir auch Spaß Französisch zu sprechen. Ich konnte ein bisschen helfen, aber viel gibt es noch nicht zu tun. Am Samstag werden mehr Gäste da sein, dann kann ich vielleicht mehr anpacken. Ich durfte meine Wäsche mit in die Maschine  werfen. Es ist ein großartiges Gefühl endlich wieder wirklich gründlich gewaschene Klamotten zu haben. Handwäsche in kaltem Wasser in allen Ehren, aber eine Waschmaschine ist schon was feines.

Ich habe ziemlich viel mit Nanouk gespielt, einem kleinen Husky. Er ist vier Monate alt und wie ein kleines Wollknäuel. Gerade hat er Zähne bekommen, die sehr spitz sind und er hat sie noch nicht ganz unter Kontrolle… aber ich lerne ein bisschen wie man mit ihm umgehen soll damit er es schnell lernt. Es macht großen Spaß mit ihm Fußball mit einer Plastikflasche zu spielen und mich darüber kaputt zu lachen wie er über seine tapsigen kleinen Beine fällt dabei.

Abends habe ich noch mit Daniel und seiner Freundin Laura gesessen, die nachmittags hoch kam. Wir teilen den selben Musikgeschmack und ich merke wie mir Musik hören gefehlt hat. Nanouk ist inzwischen mitten im Gastraum eingeschlafen. Wie ein Baby habe ich ihn schlafend in sein “Bett” gelegt. Er hat sich nur ein bisschen gestreckt und einmal gegähnt und dann hat er selig weitergeschlummert und wahrscheinlich von Plastikflaschen geträumt.

Ich hingegen schlafe heute endlich mal wieder draußen. Es ist recht windstill und auch nicht allzu kalt. Außerdem wird der Himmel sternenklar sein und die Luft auf den knapp 3000m ist voll von dem, was ich gerade brauche. Hier oben erhole ich mich mit Sicherheit schneller als unten im Tal. Und hier fühle ich mich so wohl, dass ich am liebsten bleiben würde.

52. Tag – Schwäche eingestehen

Strecke: Grimentz (1636m) – Arolla (2006m) – Pas de Chèvres (2855m) – über den Glacier du Cheilon – Cabane des Dix (2928m)

Die Nacht war unruhig. Ich glaube ich hatte Fieber, jedenfalls war mir ständig heiß oder kalt und mein Finger hat pulsiert. Trotzdem habe ich nach dem Aufwachen als erstes das tolle Wetter draußen gesehen und habe nicht daran gezweifelt, dass ich gleich losstarten werde. Aber dann bin ich aufgestanden. Mir hat der ganze Körper weh getan. Das war kein Muskelkater, es waren sowas wie Gliederschmerzen und ich habe mich schwer und unbeweglich gefühlt. Also – ich habe ja aus den letzten Tagen gelernt – wieder eine Planänderung. 

Statt über den Col de Tsaté ins nächste Tal nach La Sage zu gehen, habe ich den Bus dorthin genommen. Es fühlt sich scheiße an. Aber es war die richtige Entscheidung. Und deswegen müsste es sich eigentlich gut anfühlen. Aber das ist eben bisher nur im logischen Teil des Hirns angekommen ist und noch nicht im emotionalen. Ich bin dann wenigstens noch von Arolla aus die 900 Höhenmeter zur Cabane des Dix aufgestiegen. Ich habe beschlossen, dass ich für drei Nächte bleiben werde. Wenn ich mich danach fühle, kann ich von hier aus ein paar schöne (Hoch-)Touren mit leichtem Rucksack machen. Es ist außerdem eine große Erleichterung mal nicht darüber nachdenken zu müssen, wo ich die nächste Nacht verbringen werde und ich glaube auch das wird zu meiner schnellen Erholung beitragen.

Trotzdem war der eigentlich unschwierige Aufstieg zur Cabane des Dix in meiner aktuellen Verfassung ziemlich anstrengend. In der Aufregung mit dem Finger hatte ich meine Hüfte vergessen. Das hat sich gerächt und sie hat sich ab der zweiten Stunde sehr deutlich zurückgemeldet. Irgendwann hat wirklich jeder Schritt weh getan. Trotz Ibuprofen. Morgen werde ich aber sicher nichts tun, außer Yoga, Dehnen, Schlafen und Schreiben. Alles hoffentlich in der Sonne auf der Terrasse. 

Hier auf der Cabane des Dix ist es gemütlich und die Aussicht ist fantastisch. Ich bin die einzige Bergsteigerin hier heute und neben mir werden von dem Hüttenwirt Daniel Reparaturen gemacht und seine Mama Edith sitzt an der Buchhaltung. Dazu läuft schöne, etwas kitschige französische Musik. Außerdem habe ich Schokolade. Also alles ist wunderbar.

51. Tag – Ein Knick im Finger

Strecke: Grimentz – 50 Meter Richtung Lac de Moiry – Terasse des Hotel de Moiry – Krankenhaus in Vissoie – Grimentz 

Es hat gut getan zu schlafen. Auch wenn es später geworden ist als geplant. Heute morgen strahlte der Himmel blau und meine Hüfte hat erstaunlich wenig gemuckt. Ich also raus aus den Federn, runter zum Frühstück und (viel zu knapp, viel zu spät) schnell die Schuhe geschnürt um noch den Bus zum Staudamm hoch zu erwischen. 

50 Meter weiter verfängt sich das Schuhbändel des einen Schuhs im ebenso locker und sorglos gebundenen anderen Schuh. Ein unkontrollierter Sturz nach vorne, von hinten das Gewicht des Rucksacks. Dass man auf fast ebener Strecke mit einer solchen Wucht fallen kann, hätte ich auch nicht gedacht. 

Ich rappel mich auf, gucke auf meine rechte Hand und sehe verwundert: der kleine Finger macht in der Mitte einen unmöglichen Knick nach außen. 90° steht er ab, aber in die falsche Richtung. Weg von der Hand. Ein ziemlich schockierender Anblick. Ohne nachzudenken, ganz instinktiv, greift meine Linke zu und drückt. Es knackt sehr hörbar und der Finger ist wieder gerade. Das alles ging so schnell, dass ich kaum geschaltet habe. 

Dann kam der Schreck. Finger gebrochen. Auf den Kopf war ich auch gefallen, aber da schien alles ganz zu sein. Ohne Rucksack bin ich die paar Meter zurück zum Hotel getorkelt. Mir war leicht übel.

Elisabeth, die Kellnerin, brachte mir gleich Eis. Ich war vor Allem von dem Anblick des Fingers noch ziemlich verstört. Es ist erstaunlich schockierend, wenn etwas am eigenen Körper plötzlich so unnatürlich verformt ist. Außerdem war ich plötzlich und mit einer Wucht verzweifelt, wütend und traurig. Ich dachte “Das kann doch nicht wahr sein! Noch gestern der Unfall und jetzt das!” Wieso bin ich so blöd und habe nicht auf meinen Körper gehört? Nach all der tollen Zeit, die ich geschenkt bekomme, all der Kraft die mein Körper mit gibt. Warum  habe nicht einfach Pause gemacht? Diese Etappe hat schließlich das Thema “Bescheidenheit”. Warum bin ich also so “greedy” immer noch weiter zu pushen? Und sinnbildlich: Warum renne ich wie bekloppt mit offenen Schuhen zum Bus? 

Anscheinend hat der Unfall gestern nicht gereicht. Offensichtlich brauchte ich noch einen zweiten und lauteren “rappel a l’ordre” um endlich mal wieder runter zu kommen. Jetzt ist er jedenfalls da. Er hat ein Häkchen in meinen Finger gemacht. Check. Got it.

Und trotzdem gibt mein Glück mich nicht auf: Gibt es nicht irgendeine Schutzpatronin Elisabeth? Jedenfalls war diese Elisabeth im Hotel de Moiry meine. Sie jobbt temporär als Kellnerin, hat aber gerade ihre Ausbildung zur Osteopathin abgeschlossen. Habe ich schonmal erwähnt, dass ich immer ein unglaubliches Glück habe mit den Menschen die mir auf meinem Weg hier begegnen? Jedenfalls hat sie professionell meinen Finger untersucht und stabilisiert. Ich war fasziniert von ihren routinierten und selbstsicheren Handgriffen, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Langsam hat dann der auch Schreck nachgelassen, während ich ein paar Stunden lang auf der Terasse des Hotels in der Sonne saß. Ich habe die Pause anscheinend wirklich gebraucht…

Nachmittags hat mich Jordan (Elisabeths Freund) netterweise mit nach Vissoie runter genommen. Dort wurden in einem lustigen kleinen Container, der ausgelagerten Radiologie der Praxis, Röntgenfotos von meiner Hand gemacht. Und siehe da: der Finger ist gar nicht gebrochen. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Schließlich sehe ich das Bild des Fingers immernoch permanent vor mir und wenn das kein Knick war, dann weiß ich auch nicht was ein Knick ist. Aber: der Körper kann ganz ungeahnte Dinge. Der Finger war wohl ausgerenkt und ich habe ihn direkt wieder eingerenkt. Selbstheilung mal anders. Danke Instinkt. Und danke an das sehr coole Team im Centre Medical d’Anniviers. Ich habe dort übrigens endlich mal meinen Rucksack gewogen: 13kg. Das ist echt nicht mehr so wild. Und dann habe ich eine ganze Tüte Erdnussflips gegessen. Ich staune immernoch darüber, was ich hier oben alles essen kann. Ich bekomme hier Lust auf lauter Dinge die mir sonst nicht einmal in den Sinn kämen.

Und weil es ja sonst nicht zum perfekten Tage geworden wäre, hat mich Elisabeth auch noch eingeladen, bei ihr zu übernachten. Da bin ich nun. Wir haben gegessen und ich bin nicht nur satt von den Erdnussflips und dem leckeren Essen sondern auch ganz voll von Dankbarkeit. Mal wieder. Ich habe schon fast das Gefühl, dass das einmal abgedroschen klingen wird, so oft ich hier von Dankbarkeit spreche. Aber ich weiß eben einfach kein anders Wort. Es fühlt sich warm und gut an und erfüllt mich mit Zuversicht und Glauben an die Menschen und die Natur und eben irgendwie auch an diese Energien, die um uns so herumschwirren und dies und das verursachen.

Nach diesem etwas verkomplizierten Pausetag gehe ich nun morgen die Route, die ich heute gehen wollte. Dann bin ich auch wieder im Zeitplan. Klettern kann ich zwar jetzt erstmal nicht mehr, weil die Schiene 10 Tage am Finger bleiben muss, aber ich glaube dass das Bergsteigen trotzdem gut gehen wird. Vorsichtiger und immer voller Konzentration. In dem Bewusstsein, dass ich zwar noch neun Finger und damit für jeden der noch kommenden Tage einen übrig hätte, aber dass es doch schöner ist, mit geraden Fingern unterwegs zu sein.

50. Tag und ein inspirierender Fall

Strecke: Turtmannhütte ( 2519m) – Turtmannsee (2177m) – Wäng (2250m) *Absturz* – Abstieg nach Gruben (1818m) – Autostopp nach Grimentz (1864m) – Hotel de Moiry

Heute wird kein langer Beitrag. Ich bin todmüde und habe gerade schon eine Stunde geschlafen. Ich bin in einer Pension in Grimentz im Wallis, heute leiste ich mir das.

“Na, das ist nicht nur dein 50. Tag, sondern auch ein neuer Geburtstag” sagte die Schäferin Marianne, als sie die Stelle sah, an der ich gestürzt bin. Kaum einen Meter weiter und ich wäre eine nicht unerhebliche Felswand hinabgefallen. Die Überlebenschance wäre glaube ich nicht so groß gewesen. Aber das ist jetzt egal. Ich bin gesund und außer einer geprellten Hüfte und einem Schock (der mich vermutlich jetzt so müde macht) geht es mir gut.

Es gibt keine spektakuläre Geschichte zu dem Sturz oder der Stelle an der ich gestürzt bin. Es war ein ganz normaler kleiner Wanderpfad, der sich an einem steilen Hang am Tal entlang aufwärts schlängelt. Ein schöner und entspannter Wanderweg und der Zustieg zur Forcletta (2847m) meinem geplanten Übergang vom Turtmanntal ins Zinaltal. Und ich habe, vielleicht weil es eben ein so einfacher Pfad ist, nicht auf jeden Schritt geachtet. Und dann bin ich ausgerutscht. Ich habe mich samt Rucksack zweimal überschlagen,  und konnte mich eben jenen Meter von der Felswand entfernt schließlich halten. Der Sturz kam mir vor wie eine Ewigkeit. Es ist faszinierend, dass ich jedes einzelne Bild während dem Sturz ganz genau wahrgenommen habe. Ich erinnere mich wie sich alles gedreht hat, weiß noch wie ich den kleinen Baum gesehen habe und den Fels danach. Ich hatte ganz präzise Gedanken dabei. Erst brauchte es einen Moment zu kapieren dass ich falle. Dann kam sofort der Pragmatismus. “Was ist wo? Aha, ein Busch. Oh, ein Abgrund da vorne  = ich muss mich halten. Wo? Wie? Sofort auf den Bauch drehen, Füße in den Berg, wie beim Fallen am Gletscher. Halten. Scheiße, mein Rucksack macht dass ich mich nochmal überschlage, noch über diesen Felsblock da falle. Achtung, nicht mit dem Kopf drauf, mit den Armen den Kopf schützen. Passt. Jetzt anhalten. Mit der Hand müssste ich den Baum halten können. Gut. Angehalten. Danke. Alles ist gut, alles ist gut. Hält das wo ich stehe? Es hält. Bin ich ganz? Alles dran.”

Im Nachhinein klingt das eigentlich ganz lustig. Lustig fand ich es in dem Moment aber nicht. Ich bin dann vorsichtig wieder zum Weg rauf geklettert und hab mich hingesetzt. Alles hat gezittert und mir war schwindlig. Irgendwann habe ich den Rucksack abgemacht und gemerkt, dass noch alles drin war. Auch in den Außentaschen. Nur das Handy war mir aus Hand gefallen. Ich hatte es gerade einstecken wollen, als ich ausgerutscht bin. Nein, ich hatte nicht auf’s Handy geschaut, aber ich war doch damit irgendwie beschäftigt. Never again. Oder jedenfalls nicht, wenn ich nicht gerade auf einem breiten Forstweg gehe.

Dann habe ich also angefangen das Handy zu suchen. Bin nochmal runtergeklettert und habe versucht nachzuvollziehen wo es hingefallen sein könnte. Aber ich war noch zu zittrig und hatte dann doch Sorge in dem Zustand nochmal abzurutschen. Also bin ich den Weg zurück bis zum Stausee gelaufen und dann in Richtung Tal. Den Rucksack habe ich oben gelassen. Als mir eine Frau entgegen kam, hab ich sofort angefangen zu heulen. Aus Erleichterung, glaube ich. Es hat so gut getan einen anderen Menschen zu sehen. Und Marianne war unglaublich nett. Und dann fing meine Hüfte an weh zu tun. Marianne ist mir mir zurück zu der Unfallstelle gelaufen und wir haben das Handy gefunden. Auf dem Rückweg haben wir ihre Zäune eingesammelt und auf ihrer Hütte hat sie mir sogar noch einen Kaffe gemacht. Ihre Kollegin Bettina, eine Ärztin aus Prad am Stilfser Joch, hat meine Hüfte untersucht. Was für ein Glück ich auch immer habe.

Ich bin dann langsam ins Tal gegangen. Der Rucksack sitzt leider genau auf der schmerzenden Stelle auf der Hüfte. Anstatt über die Forcletta bin ich also schweren Herzens per Autostop ins nächste Tal gefahren.

Jetzt wird die Hüfte langsam blau. Dank Ibuprofen halten sich die Schmerzen aber noch in Grenzen. Mal sehen wie es mir morgen geht. Hoffentlich kann ich weitergehen.

49. Tag – Wirklich nochmal 300hm rauf?

Strecke: St. Niklaus (1127m) – Augustbordpass (2893m) – Turtmannsee (2177m) – Turtmannhütte (2519m)

Heute morgen war der Blick aus dem Fenster nicht gerade motivierend. Das Motto der heute beginnenden Etappe ist “Bescheidenheit”. Es irritiert mich gerade noch, denn wenn es nur das Wetter ist, das bescheiden ist, würde ich lieber das Motto ändern. Es schneeregnete und war grau und kalt. Es brauchte mehrere Anläufe und motivierende Telefonate bis sich mein Rucksack mit mir vorne dran aus der Tür der gemütlichen Wohnung von Patricia bewegt hat. Langsam wird er wieder leichter, weil ich viele von meinen “Summit to Eat” meals konsumiere. Ich hätte nie gedacht, das etwas das in einer Alutüte gefriergetrocknet ist und nur mit heißem Wasser aufgekocht wird so lecker sein kann.

Bei -6° ging es dann aber endlich Richtung Augustbordpass. Ich hatte mich wegen Steinschlag und dem vielen Schnee gegen den Weg über das Schhöllijoch entschieden. Der Wirt der nun geschlossenen Topalihütte, die auf meinem Weg gelegen hätte, hat mir am Telefon davon abgeraten. Es sind wirklich keine Menschen mehr unterwegs da oben und ich gehe gerade doch lieber auf Nummer sicher.

Der Weg hinauf war wirklich schön und das Wetter besser als erwartet. Alles war angetuckert vom Schnee und immer wieder verzog sich der Nebel an verschiedenen Stellen und gab den Blick auf Dom, Täschhorn und Allalinhorn frei. Da muss ich auch unbedingt nochmal hin, die Gipfel sehen sehr verlockend aus. Inzwischen denke ich manchmal, dass ich mit mehr Plänen für neue Touren zurückkommen werde, als ich je schaffen kann. Aber ganz oben auf der Liste stehen immer noch der Gran Zebrù und das Weisshorn, das ich leider vom Augustbordpass aus nicht sehen konnte.

Es war schon glatt auf den Steinplatten nach oben, aber mir hat das gehen trotzdem großen Spaß gemacht und ich habe die besondere vom Schnee gedämpfte Stille sehr genossen. Es ist schon eine andere Stille, die ich sonst nur von Splitboardtouren kenne. Oben am Pass habe ich mich schnell umgezogen, ein paar Bilder gemacht und was gegessen. Dann war ich auch schon ziemlich durchgefroren froh mich mit der Bewegung des Abstiegs wieder aufwärmen zu können.

Es ging dann sehr lang recht eben einen Panoramaweg am Turtmanntal entlang. Es war kalt, es hat geschneit und ich war dann schon irgendwann recht müde. Aber die Farben in dem Tal waren beeindruckend schön: die herbstlich roten Blätter der Blaubeeren und Preisebeeren am Boden, die gelbliche Farbe des moorigen Grases, das weiß des Schnees. Der Herbst ist eben meine Jahreszeit. Und hier ist das Wetter gerade mindestens Herbst. Je weiter ich ins Tal hinein ging umso mehr wurde der Herbst zum Winter. Und dann kam der beeindruckend schöne Turtmanngletscher in Sicht, zu dessen Fuß der Turtmannsee leuchtet. Ich hatte die Karte nicht so genau angesehen und dachte, dass ich es fast geschafft habe.

Dann kam ich um eine Kurve und sah nach oben. Hoch auf einem Fels thronte die Turtmannhütte und ich glaubte ich habe in dem Moment laut geseufzt. Mindestens nochmal 300 Höhenmeter hoch. Eigentlich ist das nicht viel aber in dem Moment und um inzwischen 18 Uhr kam es mir unendlich weit vor.

Aber natürlich war ich dann irgendwann oben. Ich habe mir den Schnee abgeklopft (ja, der war auch auf mir überall liegengeblieben) und dann als einziger Gast in der Hütte geschlafen. Man war dort ganz überrascht, dass überhaupt noch jemand kommt. Also hier sozusagen ein Geheimtipp: die Turtmannhütte im September. Da gibt es sicher keinen Trubel und die Hütte liegt wirklich sehr schön.

Nachts hat es draußen heftig gestürmt und die Fenster haben gewackelt. Ich war diesmal wirklich froh nicht bei den wahrscheinlich -10° draußen zu schlafen. Ja, auch wenn ich es noch immer nicht ganz akzeptiert habe: das draußen schlafen ist für diese Tour wahrscheinlich vorbei.

Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel

Nun ist schon die siebte Etappe meiner Alpenüberquerung vorbei und ich kann kaum glauben dass mir nur noch knapp zwei Wochen bleiben. Habe ich bei der Setzung der jeweiligen Themen wirklich geglaubt, dass ich an diesem Punkt meiner Tour “Geduld” brauchen würde? Und für was? Im Moment brauche Geduld wohl am ehesten für den Augenblick. Geduld, um mich davor zu bewahren schon jetzt so viel an das Ende zu denken. Und siehe da, kaum zerbreche ich mir den Kopf über das Ende, begegnet mir die Geduld in der Landschaft. Es ist mir gleich, ob das nun Schicksal, Zufall oder Einbildung ist. 

Die Erfahrung gestern all diese verschiedenen Wetter so geballt zu erleben und zuletzt durch den dichten Nebel zu laufen war sehr besonders und wichtig für mich. Schon rein äußerlich war ich durch die fehlende Sicht dazu angehalten, ganz bei mir zu bleiben. Einen Schritt vor den anderen setzen, mich auf meinen Instinkt verlassen und blind auf meinen Weg vertrauen, ohne dabei unvorsichtig zu werden. Die ganze Stimmung der Landschaft um mich herum war wie eine gedämpfte Version ihrer selbst. Es war, als hätte sich nicht nur der Nebel, sondern zudem ein schalldämpfendes Tuch auf die sichtbare Welt und auf mich darin gelegt. Beschwichtigend, beruhigend und beschränkend zugleich. Eine wohltuende Komprimierung aller Sinne, die mystisch, frisch und spannend ist. Wie Geduld wirkt sie deshalb, weil immer die Vorsehung einer Veränderung da ist, aber ohne dass die Erwartung dieser eine Unruhe auslösen würde. 

Was heißt Geduld eigentlich? Das Internet sagt “Die Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen.” Ruhig und beherrscht also. Langmütig. Das passt wirklich sehr zu der Landschaft im Tessin. Sie ist nicht spitz und steil wie die Dolomiten oder mächtig und stark wie die Ortler Region. Aber sie ist auch nicht weit und grün wie das Engadin oder hell und klar wie die Julischen Alpen. Das Tessin habe ich, vielleicht auch wegen dem Wetter in dem ich es kennengelernt habe, vielerorts als geheimnisvoll und undurchsichtig erlebt. Die vielen Stauseen prägen mit ihrem matt leuchtenden Türkis die Landschaft wie kaum etwas anderes. Diese Seen liegen in einer großen Ruhe da und ihr Wasser wirkt von fern fast lauernd. Es ist wartendes Wasser. 

Im Tessin wird sehr viel Energie aus der Wasserkraft gewonnen. Vielleicht ist es das, worauf das Wasser wartet? In Energie umgesetzt zu werden? Es weiß um seine Kraft und schöpft daraus seine Ruhe? Kann mir das auch so gut gelingen wie diesen Seen?

Ich würde mich allgemein als einen ungeduldigen Menschen bezeichnen. Mich stört das selten, denn die Ungeduld lässt mich ständig weiter streben und ermöglicht mir oft ein intensives Erleben. Aber Geduld bedeutet eben auch, mit ungestillten Sehnsüchten leben zu können, und das fällt mir schwer. Also will ich hier im Tessin von den geduldigen Seen und dem Nebel lernen. 

Oder bin ich doch nicht so ungeduldig wie ich denke? Es gibt kaum etwas, das mich dazu bringen würde die Hoffnung auf etwas aufzugeben, das ich wirklich will. Und es braucht doch auch Geduld um beharrlich zu bleiben ohne zu erstarren, wenn es schwierig wird. Schön, dass bei aller Beharrlichkeit weder der Nebel, noch das Wasser starr sein können.

Jedenfalls hoffe ich, dass ich die türkise Gelassenheit der Seen und die beruhigende Dämpfung des Nebels noch weit über diese Tour hinaus in mir tragen kann.

48. Tag – Herzlicher Abschied

Strecke: Binntalhütte (2269m) – Binn (1400m) – Brig (700m) – Visp (700m) – St. Niklaus (1100m)

Es war eine gute Nacht und ich bin um 7 Uhr sehr ausgeruht aufgewacht. Draußen war alles in Rauhreif und dichten Nebel gehüllt und es sah wunderschön aus. Allerdings war es mir genug, das von drinnen vom Fenster aus zu betrachten. Dann habe ich eine lange und wohltuende Yogasession im leeren Lager gemacht und wieder mal gespürt, dass mein Körper doch hier und da ächzt und sich über ungewohnte, entspannende und kreisende Bewegungen sehr freut. Wie so oft habe ich mir vorgenommen mir noch konsequenter wirklich jeden Morgen Zeit für Yoga, Terraband oder Blackroll zu nehmen. 

Bernadette und Heidi haben mich zum frühstücken eingeladen. Es war so gemütlich mit ihnen in der Küche zu sitzen, während sich draußen langsam der Nebel gelichtet hat. Das Losgehen ist mir richtig schwer gefallen, so schön war es in der Hütte und mit den beiden liebevollen Frauen. Ich hoffe, dass ich auch sie einmal wieder sehen werde. Bernadette hat mir zum Abschied gewünscht, dass die Heimkehr nicht so hart wird. Das war wirklich schön und bemerkenswert, weil mir das selbst so viel im Kopf rumgeht. Meistens wird mir Gesundheit und gutes Wetter für den restlichen Weg gewünscht, was natürlich auch schön und wichtig ist. Aber manchmal glaube ich, dass ich Bernadettes gute Wünsche viel mehr brauchen werde. Die Beiden haben mir noch Tee, Kuchen und Schokoriegel eingesteckt und ich habe mich ein bisschen gefühlt wie ein Schulkind, als ich die Hütte verlassen habe.

Die Luft war klar und leicht, und der Abstieg durch das wunderschöne Binntal hat mir großen Spaß gemacht. Die Sonne war hell und warm, und wider erwarten war kaum eine Wolke zu sehen. In den kleinen Dörfern unterwegs schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Es war eine Idylle wie im Bilderbuch, die aber nicht fake, sondern wirklich schön war. Die wenigen Anwohhner denen ich begegnet bin, strahlten eine ungemeine Zufriedenheit aus und bewegten sich scheinbar langsamer als anderswo. Eine Frau erzählte mir, dass sie gerade aus der Messe komme und jetzt zum Mittagessen gehe. “Erst etwas für den Herrgott getan und jetzt was für den Magen…”

Nachmittags bin ich per Autostopp nach St. Niklaus gefahren. Couchsurfing sei Dank habe ich in dieser kleinen Ortschaft eine sehr nette Bleibe bei der Globetrotterin Patricia gefunden. Eigentlich wollte ich ein Tal weiter im Osten (Saastal) wieder einsteigen, so dass die Autostrecke wirklich nur eine “Korrektur nach Süden” ist. Aber dann habe ich gesehen dass die aktuell machbare Strecke vor allem durch Skigebiet führt und ich dachte auch daran, dass das Wetter ja Mitte der Woche wieder gut werden soll. Dann will ich lieber ja etwas Weg sparen, um dort mehr Zeit für (hoffentlich) Hochtouren zu haben. Ich bin gespannt wie es morgen weitergeht. Zunächst plane ich einmal wetterunabhängig möglichst bis zur Turtmannhütte zu kommen.