51. Tag – Ein Knick im Finger

Strecke: Grimentz – 50 Meter Richtung Lac de Moiry – Terasse des Hotel de Moiry – Krankenhaus in Vissoie – Grimentz 

Es hat gut getan zu schlafen. Auch wenn es später geworden ist als geplant. Heute morgen strahlte der Himmel blau und meine Hüfte hat erstaunlich wenig gemuckt. Ich also raus aus den Federn, runter zum Frühstück und (viel zu knapp, viel zu spät) schnell die Schuhe geschnürt um noch den Bus zum Staudamm hoch zu erwischen. 

50 Meter weiter verfängt sich das Schuhbändel des einen Schuhs im ebenso locker und sorglos gebundenen anderen Schuh. Ein unkontrollierter Sturz nach vorne, von hinten das Gewicht des Rucksacks. Dass man auf fast ebener Strecke mit einer solchen Wucht fallen kann, hätte ich auch nicht gedacht. 

Ich rappel mich auf, gucke auf meine rechte Hand und sehe verwundert: der kleine Finger macht in der Mitte einen unmöglichen Knick nach außen. 90° steht er ab, aber in die falsche Richtung. Weg von der Hand. Ein ziemlich schockierender Anblick. Ohne nachzudenken, ganz instinktiv, greift meine Linke zu und drückt. Es knackt sehr hörbar und der Finger ist wieder gerade. Das alles ging so schnell, dass ich kaum geschaltet habe. 

Dann kam der Schreck. Finger gebrochen. Auf den Kopf war ich auch gefallen, aber da schien alles ganz zu sein. Ohne Rucksack bin ich die paar Meter zurück zum Hotel getorkelt. Mir war leicht übel.

Elisabeth, die Kellnerin, brachte mir gleich Eis. Ich war vor Allem von dem Anblick des Fingers noch ziemlich verstört. Es ist erstaunlich schockierend, wenn etwas am eigenen Körper plötzlich so unnatürlich verformt ist. Außerdem war ich plötzlich und mit einer Wucht verzweifelt, wütend und traurig. Ich dachte “Das kann doch nicht wahr sein! Noch gestern der Unfall und jetzt das!” Wieso bin ich so blöd und habe nicht auf meinen Körper gehört? Nach all der tollen Zeit, die ich geschenkt bekomme, all der Kraft die mein Körper mit gibt. Warum  habe nicht einfach Pause gemacht? Diese Etappe hat schließlich das Thema “Bescheidenheit”. Warum bin ich also so “greedy” immer noch weiter zu pushen? Und sinnbildlich: Warum renne ich wie bekloppt mit offenen Schuhen zum Bus? 

Anscheinend hat der Unfall gestern nicht gereicht. Offensichtlich brauchte ich noch einen zweiten und lauteren “rappel a l’ordre” um endlich mal wieder runter zu kommen. Jetzt ist er jedenfalls da. Er hat ein Häkchen in meinen Finger gemacht. Check. Got it.

Und trotzdem gibt mein Glück mich nicht auf: Gibt es nicht irgendeine Schutzpatronin Elisabeth? Jedenfalls war diese Elisabeth im Hotel de Moiry meine. Sie jobbt temporär als Kellnerin, hat aber gerade ihre Ausbildung zur Osteopathin abgeschlossen. Habe ich schonmal erwähnt, dass ich immer ein unglaubliches Glück habe mit den Menschen die mir auf meinem Weg hier begegnen? Jedenfalls hat sie professionell meinen Finger untersucht und stabilisiert. Ich war fasziniert von ihren routinierten und selbstsicheren Handgriffen, als würde sie den ganzen Tag nichts anderes tun. Langsam hat dann der auch Schreck nachgelassen, während ich ein paar Stunden lang auf der Terasse des Hotels in der Sonne saß. Ich habe die Pause anscheinend wirklich gebraucht…

Nachmittags hat mich Jordan (Elisabeths Freund) netterweise mit nach Vissoie runter genommen. Dort wurden in einem lustigen kleinen Container, der ausgelagerten Radiologie der Praxis, Röntgenfotos von meiner Hand gemacht. Und siehe da: der Finger ist gar nicht gebrochen. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Schließlich sehe ich das Bild des Fingers immernoch permanent vor mir und wenn das kein Knick war, dann weiß ich auch nicht was ein Knick ist. Aber: der Körper kann ganz ungeahnte Dinge. Der Finger war wohl ausgerenkt und ich habe ihn direkt wieder eingerenkt. Selbstheilung mal anders. Danke Instinkt. Und danke an das sehr coole Team im Centre Medical d’Anniviers. Ich habe dort übrigens endlich mal meinen Rucksack gewogen: 13kg. Das ist echt nicht mehr so wild. Und dann habe ich eine ganze Tüte Erdnussflips gegessen. Ich staune immernoch darüber, was ich hier oben alles essen kann. Ich bekomme hier Lust auf lauter Dinge die mir sonst nicht einmal in den Sinn kämen.

Und weil es ja sonst nicht zum perfekten Tage geworden wäre, hat mich Elisabeth auch noch eingeladen, bei ihr zu übernachten. Da bin ich nun. Wir haben gegessen und ich bin nicht nur satt von den Erdnussflips und dem leckeren Essen sondern auch ganz voll von Dankbarkeit. Mal wieder. Ich habe schon fast das Gefühl, dass das einmal abgedroschen klingen wird, so oft ich hier von Dankbarkeit spreche. Aber ich weiß eben einfach kein anders Wort. Es fühlt sich warm und gut an und erfüllt mich mit Zuversicht und Glauben an die Menschen und die Natur und eben irgendwie auch an diese Energien, die um uns so herumschwirren und dies und das verursachen.

Nach diesem etwas verkomplizierten Pausetag gehe ich nun morgen die Route, die ich heute gehen wollte. Dann bin ich auch wieder im Zeitplan. Klettern kann ich zwar jetzt erstmal nicht mehr, weil die Schiene 10 Tage am Finger bleiben muss, aber ich glaube dass das Bergsteigen trotzdem gut gehen wird. Vorsichtiger und immer voller Konzentration. In dem Bewusstsein, dass ich zwar noch neun Finger und damit für jeden der noch kommenden Tage einen übrig hätte, aber dass es doch schöner ist, mit geraden Fingern unterwegs zu sein.

50. Tag und ein inspirierender Fall

Strecke: Turtmannhütte ( 2519m) – Turtmannsee (2177m) – Wäng (2250m) *Absturz* – Abstieg nach Gruben (1818m) – Autostopp nach Grimentz (1864m) – Hotel de Moiry

Heute wird kein langer Beitrag. Ich bin todmüde und habe gerade schon eine Stunde geschlafen. Ich bin in einer Pension in Grimentz im Wallis, heute leiste ich mir das.

“Na, das ist nicht nur dein 50. Tag, sondern auch ein neuer Geburtstag” sagte die Schäferin Marianne, als sie die Stelle sah, an der ich gestürzt bin. Kaum einen Meter weiter und ich wäre eine nicht unerhebliche Felswand hinabgefallen. Die Überlebenschance wäre glaube ich nicht so groß gewesen. Aber das ist jetzt egal. Ich bin gesund und außer einer geprellten Hüfte und einem Schock (der mich vermutlich jetzt so müde macht) geht es mir gut.

Es gibt keine spektakuläre Geschichte zu dem Sturz oder der Stelle an der ich gestürzt bin. Es war ein ganz normaler kleiner Wanderpfad, der sich an einem steilen Hang am Tal entlang aufwärts schlängelt. Ein schöner und entspannter Wanderweg und der Zustieg zur Forcletta (2847m) meinem geplanten Übergang vom Turtmanntal ins Zinaltal. Und ich habe, vielleicht weil es eben ein so einfacher Pfad ist, nicht auf jeden Schritt geachtet. Und dann bin ich ausgerutscht. Ich habe mich samt Rucksack zweimal überschlagen,  und konnte mich eben jenen Meter von der Felswand entfernt schließlich halten. Der Sturz kam mir vor wie eine Ewigkeit. Es ist faszinierend, dass ich jedes einzelne Bild während dem Sturz ganz genau wahrgenommen habe. Ich erinnere mich wie sich alles gedreht hat, weiß noch wie ich den kleinen Baum gesehen habe und den Fels danach. Ich hatte ganz präzise Gedanken dabei. Erst brauchte es einen Moment zu kapieren dass ich falle. Dann kam sofort der Pragmatismus. “Was ist wo? Aha, ein Busch. Oh, ein Abgrund da vorne  = ich muss mich halten. Wo? Wie? Sofort auf den Bauch drehen, Füße in den Berg, wie beim Fallen am Gletscher. Halten. Scheiße, mein Rucksack macht dass ich mich nochmal überschlage, noch über diesen Felsblock da falle. Achtung, nicht mit dem Kopf drauf, mit den Armen den Kopf schützen. Passt. Jetzt anhalten. Mit der Hand müssste ich den Baum halten können. Gut. Angehalten. Danke. Alles ist gut, alles ist gut. Hält das wo ich stehe? Es hält. Bin ich ganz? Alles dran.”

Im Nachhinein klingt das eigentlich ganz lustig. Lustig fand ich es in dem Moment aber nicht. Ich bin dann vorsichtig wieder zum Weg rauf geklettert und hab mich hingesetzt. Alles hat gezittert und mir war schwindlig. Irgendwann habe ich den Rucksack abgemacht und gemerkt, dass noch alles drin war. Auch in den Außentaschen. Nur das Handy war mir aus Hand gefallen. Ich hatte es gerade einstecken wollen, als ich ausgerutscht bin. Nein, ich hatte nicht auf’s Handy geschaut, aber ich war doch damit irgendwie beschäftigt. Never again. Oder jedenfalls nicht, wenn ich nicht gerade auf einem breiten Forstweg gehe.

Dann habe ich also angefangen das Handy zu suchen. Bin nochmal runtergeklettert und habe versucht nachzuvollziehen wo es hingefallen sein könnte. Aber ich war noch zu zittrig und hatte dann doch Sorge in dem Zustand nochmal abzurutschen. Also bin ich den Weg zurück bis zum Stausee gelaufen und dann in Richtung Tal. Den Rucksack habe ich oben gelassen. Als mir eine Frau entgegen kam, hab ich sofort angefangen zu heulen. Aus Erleichterung, glaube ich. Es hat so gut getan einen anderen Menschen zu sehen. Und Marianne war unglaublich nett. Und dann fing meine Hüfte an weh zu tun. Marianne ist mir mir zurück zu der Unfallstelle gelaufen und wir haben das Handy gefunden. Auf dem Rückweg haben wir ihre Zäune eingesammelt und auf ihrer Hütte hat sie mir sogar noch einen Kaffe gemacht. Ihre Kollegin Bettina, eine Ärztin aus Prad am Stilfser Joch, hat meine Hüfte untersucht. Was für ein Glück ich auch immer habe.

Ich bin dann langsam ins Tal gegangen. Der Rucksack sitzt leider genau auf der schmerzenden Stelle auf der Hüfte. Anstatt über die Forcletta bin ich also schweren Herzens per Autostop ins nächste Tal gefahren.

Jetzt wird die Hüfte langsam blau. Dank Ibuprofen halten sich die Schmerzen aber noch in Grenzen. Mal sehen wie es mir morgen geht. Hoffentlich kann ich weitergehen.

49. Tag – Wirklich nochmal 300hm rauf?

Strecke: St. Niklaus (1127m) – Augustbordpass (2893m) – Turtmannsee (2177m) – Turtmannhütte (2519m)

Heute morgen war der Blick aus dem Fenster nicht gerade motivierend. Das Motto der heute beginnenden Etappe ist “Bescheidenheit”. Es irritiert mich gerade noch, denn wenn es nur das Wetter ist, das bescheiden ist, würde ich lieber das Motto ändern. Es schneeregnete und war grau und kalt. Es brauchte mehrere Anläufe und motivierende Telefonate bis sich mein Rucksack mit mir vorne dran aus der Tür der gemütlichen Wohnung von Patricia bewegt hat. Langsam wird er wieder leichter, weil ich viele von meinen “Summit to Eat” meals konsumiere. Ich hätte nie gedacht, das etwas das in einer Alutüte gefriergetrocknet ist und nur mit heißem Wasser aufgekocht wird so lecker sein kann.

Bei -6° ging es dann aber endlich Richtung Augustbordpass. Ich hatte mich wegen Steinschlag und dem vielen Schnee gegen den Weg über das Schhöllijoch entschieden. Der Wirt der nun geschlossenen Topalihütte, die auf meinem Weg gelegen hätte, hat mir am Telefon davon abgeraten. Es sind wirklich keine Menschen mehr unterwegs da oben und ich gehe gerade doch lieber auf Nummer sicher.

Der Weg hinauf war wirklich schön und das Wetter besser als erwartet. Alles war angetuckert vom Schnee und immer wieder verzog sich der Nebel an verschiedenen Stellen und gab den Blick auf Dom, Täschhorn und Allalinhorn frei. Da muss ich auch unbedingt nochmal hin, die Gipfel sehen sehr verlockend aus. Inzwischen denke ich manchmal, dass ich mit mehr Plänen für neue Touren zurückkommen werde, als ich je schaffen kann. Aber ganz oben auf der Liste stehen immer noch der Gran Zebrù und das Weisshorn, das ich leider vom Augustbordpass aus nicht sehen konnte.

Es war schon glatt auf den Steinplatten nach oben, aber mir hat das gehen trotzdem großen Spaß gemacht und ich habe die besondere vom Schnee gedämpfte Stille sehr genossen. Es ist schon eine andere Stille, die ich sonst nur von Splitboardtouren kenne. Oben am Pass habe ich mich schnell umgezogen, ein paar Bilder gemacht und was gegessen. Dann war ich auch schon ziemlich durchgefroren froh mich mit der Bewegung des Abstiegs wieder aufwärmen zu können.

Es ging dann sehr lang recht eben einen Panoramaweg am Turtmanntal entlang. Es war kalt, es hat geschneit und ich war dann schon irgendwann recht müde. Aber die Farben in dem Tal waren beeindruckend schön: die herbstlich roten Blätter der Blaubeeren und Preisebeeren am Boden, die gelbliche Farbe des moorigen Grases, das weiß des Schnees. Der Herbst ist eben meine Jahreszeit. Und hier ist das Wetter gerade mindestens Herbst. Je weiter ich ins Tal hinein ging umso mehr wurde der Herbst zum Winter. Und dann kam der beeindruckend schöne Turtmanngletscher in Sicht, zu dessen Fuß der Turtmannsee leuchtet. Ich hatte die Karte nicht so genau angesehen und dachte, dass ich es fast geschafft habe.

Dann kam ich um eine Kurve und sah nach oben. Hoch auf einem Fels thronte die Turtmannhütte und ich glaubte ich habe in dem Moment laut geseufzt. Mindestens nochmal 300 Höhenmeter hoch. Eigentlich ist das nicht viel aber in dem Moment und um inzwischen 18 Uhr kam es mir unendlich weit vor.

Aber natürlich war ich dann irgendwann oben. Ich habe mir den Schnee abgeklopft (ja, der war auch auf mir überall liegengeblieben) und dann als einziger Gast in der Hütte geschlafen. Man war dort ganz überrascht, dass überhaupt noch jemand kommt. Also hier sozusagen ein Geheimtipp: die Turtmannhütte im September. Da gibt es sicher keinen Trubel und die Hütte liegt wirklich sehr schön.

Nachts hat es draußen heftig gestürmt und die Fenster haben gewackelt. Ich war diesmal wirklich froh nicht bei den wahrscheinlich -10° draußen zu schlafen. Ja, auch wenn ich es noch immer nicht ganz akzeptiert habe: das draußen schlafen ist für diese Tour wahrscheinlich vorbei.

Die Geduld wohnt im Tessiner Nebel

Nun ist schon die siebte Etappe meiner Alpenüberquerung vorbei und ich kann kaum glauben dass mir nur noch knapp zwei Wochen bleiben. Habe ich bei der Setzung der jeweiligen Themen wirklich geglaubt, dass ich an diesem Punkt meiner Tour “Geduld” brauchen würde? Und für was? Im Moment brauche Geduld wohl am ehesten für den Augenblick. Geduld, um mich davor zu bewahren schon jetzt so viel an das Ende zu denken. Und siehe da, kaum zerbreche ich mir den Kopf über das Ende, begegnet mir die Geduld in der Landschaft. Es ist mir gleich, ob das nun Schicksal, Zufall oder Einbildung ist. 

Die Erfahrung gestern all diese verschiedenen Wetter so geballt zu erleben und zuletzt durch den dichten Nebel zu laufen war sehr besonders und wichtig für mich. Schon rein äußerlich war ich durch die fehlende Sicht dazu angehalten, ganz bei mir zu bleiben. Einen Schritt vor den anderen setzen, mich auf meinen Instinkt verlassen und blind auf meinen Weg vertrauen, ohne dabei unvorsichtig zu werden. Die ganze Stimmung der Landschaft um mich herum war wie eine gedämpfte Version ihrer selbst. Es war, als hätte sich nicht nur der Nebel, sondern zudem ein schalldämpfendes Tuch auf die sichtbare Welt und auf mich darin gelegt. Beschwichtigend, beruhigend und beschränkend zugleich. Eine wohltuende Komprimierung aller Sinne, die mystisch, frisch und spannend ist. Wie Geduld wirkt sie deshalb, weil immer die Vorsehung einer Veränderung da ist, aber ohne dass die Erwartung dieser eine Unruhe auslösen würde. 

Was heißt Geduld eigentlich? Das Internet sagt “Die Fähigkeit oder Bereitschaft, etwas ruhig und beherrscht abzuwarten oder zu ertragen.” Ruhig und beherrscht also. Langmütig. Das passt wirklich sehr zu der Landschaft im Tessin. Sie ist nicht spitz und steil wie die Dolomiten oder mächtig und stark wie die Ortler Region. Aber sie ist auch nicht weit und grün wie das Engadin oder hell und klar wie die Julischen Alpen. Das Tessin habe ich, vielleicht auch wegen dem Wetter in dem ich es kennengelernt habe, vielerorts als geheimnisvoll und undurchsichtig erlebt. Die vielen Stauseen prägen mit ihrem matt leuchtenden Türkis die Landschaft wie kaum etwas anderes. Diese Seen liegen in einer großen Ruhe da und ihr Wasser wirkt von fern fast lauernd. Es ist wartendes Wasser. 

Im Tessin wird sehr viel Energie aus der Wasserkraft gewonnen. Vielleicht ist es das, worauf das Wasser wartet? In Energie umgesetzt zu werden? Es weiß um seine Kraft und schöpft daraus seine Ruhe? Kann mir das auch so gut gelingen wie diesen Seen?

Ich würde mich allgemein als einen ungeduldigen Menschen bezeichnen. Mich stört das selten, denn die Ungeduld lässt mich ständig weiter streben und ermöglicht mir oft ein intensives Erleben. Aber Geduld bedeutet eben auch, mit ungestillten Sehnsüchten leben zu können, und das fällt mir schwer. Also will ich hier im Tessin von den geduldigen Seen und dem Nebel lernen. 

Oder bin ich doch nicht so ungeduldig wie ich denke? Es gibt kaum etwas, das mich dazu bringen würde die Hoffnung auf etwas aufzugeben, das ich wirklich will. Und es braucht doch auch Geduld um beharrlich zu bleiben ohne zu erstarren, wenn es schwierig wird. Schön, dass bei aller Beharrlichkeit weder der Nebel, noch das Wasser starr sein können.

Jedenfalls hoffe ich, dass ich die türkise Gelassenheit der Seen und die beruhigende Dämpfung des Nebels noch weit über diese Tour hinaus in mir tragen kann.

48. Tag – Herzlicher Abschied

Strecke: Binntalhütte (2269m) – Binn (1400m) – Brig (700m) – Visp (700m) – St. Niklaus (1100m)

Es war eine gute Nacht und ich bin um 7 Uhr sehr ausgeruht aufgewacht. Draußen war alles in Rauhreif und dichten Nebel gehüllt und es sah wunderschön aus. Allerdings war es mir genug, das von drinnen vom Fenster aus zu betrachten. Dann habe ich eine lange und wohltuende Yogasession im leeren Lager gemacht und wieder mal gespürt, dass mein Körper doch hier und da ächzt und sich über ungewohnte, entspannende und kreisende Bewegungen sehr freut. Wie so oft habe ich mir vorgenommen mir noch konsequenter wirklich jeden Morgen Zeit für Yoga, Terraband oder Blackroll zu nehmen. 

Bernadette und Heidi haben mich zum frühstücken eingeladen. Es war so gemütlich mit ihnen in der Küche zu sitzen, während sich draußen langsam der Nebel gelichtet hat. Das Losgehen ist mir richtig schwer gefallen, so schön war es in der Hütte und mit den beiden liebevollen Frauen. Ich hoffe, dass ich auch sie einmal wieder sehen werde. Bernadette hat mir zum Abschied gewünscht, dass die Heimkehr nicht so hart wird. Das war wirklich schön und bemerkenswert, weil mir das selbst so viel im Kopf rumgeht. Meistens wird mir Gesundheit und gutes Wetter für den restlichen Weg gewünscht, was natürlich auch schön und wichtig ist. Aber manchmal glaube ich, dass ich Bernadettes gute Wünsche viel mehr brauchen werde. Die Beiden haben mir noch Tee, Kuchen und Schokoriegel eingesteckt und ich habe mich ein bisschen gefühlt wie ein Schulkind, als ich die Hütte verlassen habe.

Die Luft war klar und leicht, und der Abstieg durch das wunderschöne Binntal hat mir großen Spaß gemacht. Die Sonne war hell und warm, und wider erwarten war kaum eine Wolke zu sehen. In den kleinen Dörfern unterwegs schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Es war eine Idylle wie im Bilderbuch, die aber nicht fake, sondern wirklich schön war. Die wenigen Anwohhner denen ich begegnet bin, strahlten eine ungemeine Zufriedenheit aus und bewegten sich scheinbar langsamer als anderswo. Eine Frau erzählte mir, dass sie gerade aus der Messe komme und jetzt zum Mittagessen gehe. “Erst etwas für den Herrgott getan und jetzt was für den Magen…”

Nachmittags bin ich per Autostopp nach St. Niklaus gefahren. Couchsurfing sei Dank habe ich in dieser kleinen Ortschaft eine sehr nette Bleibe bei der Globetrotterin Patricia gefunden. Eigentlich wollte ich ein Tal weiter im Osten (Saastal) wieder einsteigen, so dass die Autostrecke wirklich nur eine “Korrektur nach Süden” ist. Aber dann habe ich gesehen dass die aktuell machbare Strecke vor allem durch Skigebiet führt und ich dachte auch daran, dass das Wetter ja Mitte der Woche wieder gut werden soll. Dann will ich lieber ja etwas Weg sparen, um dort mehr Zeit für (hoffentlich) Hochtouren zu haben. Ich bin gespannt wie es morgen weitergeht. Zunächst plane ich einmal wetterunabhängig möglichst bis zur Turtmannhütte zu kommen. 

47. Tag – Schnee, Nebel und goldenes Licht

Strecke: Lago di Morasco (1815m) – Passo di Nefeliù (2583m) – Rif. Margaroli (2194m) – Scatta Minoia / Biv. Conti (2599m) – Alpe Forno (2220m) – Btta d’Arbola / Albrunpass (2408m) – Binntalhütte (2265m)

Es war ein langer Tag. Und ein toller Tag voller Ereignisse. Entspannt ging es los in Richtung Vallone di Nefelgiù und ich habe unterwegs noch ein paar Sachen erledigt. Der Weg war breit, und ich habe nicht viel um mich geschaut. Es ging leicht bergan und in meinem ebenmäßigen ruhigen Tempo war ich trotz Multitasking mit dem Handy schnell im Rhythmus. Dann begann der Weg durch das wunderschöne Nefelgiù-Tal und ich habe die Aussicht, die Ruhe und die Einsamkeit sehr genossen. Überall plätscherte Wasser und der Weg ging jetzt steiler Bergauf und mündete wieder in einem Blockgelände voller schöner großer Felsklötze. Irgendwann habe ich mich umgedreht und einmal wieder zurückgeschaut, dorthin wo ich her komme, nach Osten. Ich konnte die Strecke vom Vortrag noch gut erkennen. Mich macht das immer ganz glücklich. Es ist wie ein “Tagwerk” betrachten, etwas was man geschafft hat und das nun mit all seinen kleinen und großen Erlebnissen einen Platz auf meinem großen Lebensweg eingenommen hat, der nie wieder gelöscht werden kann. Und dann schaue ich nach vorne und spüre die prickelnde Neugier auf alles was kommt. Was erwartet mich hinter dieser nächsten Scharte? Wie wird das Wetter auf der anderen Seite sein? Welche Gipfel tauchen auf und begleiten mich dann auf meinem Weg hinab um mich auf der anderen Seite des Tals wieder hinaufzuziehen? 

Die Aussicht oben vom Passo di Nefelgiù aus war mir vertraut. Ein weiterer türkis glänzender Stausee und sich windende Wege auf der anderen Seite. Auf der Margaroli Hütte habe ich eine kurze Pause gemacht und mich noch einmal in Italien so richtig satt gegessen. Es gab Gnocci mit Ragù. Sehr lecker. 

Ich bin nicht lange geblieben, weil das Wetter doch recht unsicher aussah. Von den geplanten 28 Kilometern lag der Großteil noch vor mir. Zunächst ging es noch sonnig am Lago Vannino entlang. Irgendwie strahlen diese Stauseen trotz ihrer hellen Farbe etwas bedrohliches aus. Kaum war ich bei 2400m Höhe angelangt, fing es an zu graupeln. Zunächst hat mir das weiße trockene Wirbeln noch Spaß gemacht, aber dann kam der Wind dazu und mit steigender Höhe wurde es kalt und der Graupel wurde zu Schnee. Unterhalb der Scatta Minoia war es dann ein richtiger Sturm geworden und ich war froh und erleichtert in der Biwakhütte Conti oben Schutz zu finden. Leider war es aber auch drinnen wirklich kalt und es gab außer dem Gasherd keine Möglichkeit zu heizen. Also habe ich mich in den Schlafsack gelegt, die vorhandenen Decken über mich gestapelt und ein bisschen geschlafen. Als ich aufgewacht bin war mir so kalt, dass ich mich kaum bewegen konnte. Ich dachte ich kann auf keinen Fall aus dem Schlafsack raus. Nach häufigen Anlauf ist es mir dann gelungen, aber ein kurzer Blick vor die Tür war auch nicht erheiternd. Draußen schneite es quer, es windete eisig kalt und die Sicht war schlecht. Also habe ich mir einen Tee gemacht und versucht mich mit Bewegung in der Biwakhütte irgendwie aufzuwärmen. Zugegeben, ich war mir nicht sicher, wie es weitergehen sollte. Bei dem Wetter zu gehen wäre dumm gewesen, zum bleiben war es aber wirklich zu kalt, zumal ja erst Nachmittag war und die Aussicht auf eine noch kältere Nacht hat wirklich keinen Spaß gemacht. Eine Biwakhütte oben auf der Scharte ist zwar hübsch, aber wettertechnisch wirklich keine gute Idee.

Als ich draußen nach einer Stunde nochmal Schnee geholt habe um mir etwas zu Essen zu kochen, hatte sich das Wetter etwas beruhigt. Und 10 Minuten später sah es schon wirklich passabel aus. Also habe ich schnell alles zusammengepackt und mich auf den Weg gemacht. Das Ziel war die Binntalhütte, die laut Karte jenseits der Schweizer Grenze hinter dem nächsten Pass war. Es war schon 17 Uhr und ich habe einfach gehofft, dass ich dort vor Dunkelheit ankommen würde. Draußen schlafen war ja nun leider ausgeschlossen. Aber (Danke Körper) ich hatte plötzlich ganz viel Energie, das Laufen ging ganz leicht und schon bald war mir dann natürlich auch nicht mehr so kalt.

Aus dem Valle Devero zog der Nebel herauf und es war eine wunderschöne Stimmung. Ich konnte irgendwann kaum mehr meine Füße sehen, aber der Weg war deutlich ausgetreten und das GPS bestätigte mir immer wieder, dass ich noch richtig war. Die Stille in dem dichten Nebel war wunderschön. Mit dem Höhenmesser konnte ich meinen Standpunkt nachvollziehen und ich wusste, dass ich gut in der Zeit war. Immer wieder tauchten einzelne Details aus dem Nebel auf und stellenweise lichtete er sich so weit, dass ich ein paar Meter vor mir einen Fuchs erschreckte, der sicher nicht mit mir gerechnet hatte. Er ist schnell weggerannt und die Murmeltiere haben Alarm geschlagen. Dann war es wieder still. Geradezu mystisch, aber voller Frieden. Mich hat das auch ganz ruhig gemacht und ich habe mich sicher und beschützt gefühlt von meinem Umfeld. 

Und dann kam ich über den Albrunpass und plötzlich war der Nebel weg. Die noch warm strahlende untergehende Sonne schickte wunderschönes Licht in das Tal und färbte alles in ein kräftiges Gold, während der Nebel in strahlend weichen Weiß aus dem Tal den Fels hinauf zog. Es war ein atemberaubend schöner Anblick und ich bin lange stehengeblieben. Die Hütte konnte ich schon sehen und so bin ich einfach nur ein paar Meter weiter zum nächsten Bach gegangen, habe meinen Kocher angemacht und mir zu dem Lichtschauspiel eine warme Mahlzeit gegönnt. Was für eine Wunder am Ende dieses abwechslungsreichen Tages. 

Jetzt sitze ich in der gemütlich Stube der Binntalhütte auf der ich sehr herzlich von Bernadette und Heidi empfangen wurde. Strickend und Wein trinkend saßen sie neben dem warmen Ofen und ich bekam gleich einen warmen Willkommenstee. Die Binntalhütte wird von wöchentlich wechselnden Mitgliedern der SAC Sektion Delemont betrieben. Bernadette und Heidi sind seit gestern hier oben und ich bin der einzige Gast. Wir hatten einen gemütlichen Abend und ich freue mich jetzt darauf hier im Warmen in meinen noch wärmeren Schlafsack zu kriechen. Vermutlich muss ich mich langsam von dem draußen schlafen verabschieden, so schade das ist. Der Winter hat in der Schweiz einfach schon begonnen und wenn ich bis zum Ende meiner Tour jeden Tag gesund und erholt weiter gehen will, sind verfrorene Nächte wohl ein ungutes Risiko. Und schließlich geht es ja nicht darum hier zu beweisen wie “krass” man es haben kann. Es sind ja immernoch die Alpen, mit einer Hütte alle paar Meter… es wäre also ein bisschen dumm, das nicht zu nutzen. Das “extreme”-Spektrum des Schlafsacks auszuloten, das kann ich mir ja auch für eine Situation aufheben, in der es nicht anders geht. Vielleicht bei einem nächsten Projekt in einer Region mit einer weniger dichten Infrastruktur. Aber mal sehen was das Wetter und die nächsten Tage bringen. 

46. Tag – Muster aus Eis

Strecke: Capanna Basòdino (1856m) – Btta. di Val Maggia (2635m) – Rif. Maria-Luisa (2160m) – Riale (1729m) – Lago di Morasco (1815m)

Heute bin ich oft fasziniert stehengeblieben. Es gab so viel zu sehen. Das ging schon morgens los, als ich um 6 Uhr freudig in den klaren und noch dunklen Himmel sah, in den eine perfekte Mondsichel eine geheimnisvolle Kerbe schlug. 

Auf dem Weg hinauf Richtung Btta. di Val Maggia wäre ich am liebsten die ganze Zeit gehüpft und gerannt. Und dann bin ich doch immer wieder stehen geblieben. Das Gelände hat großen Spaß gemacht, mein Körper war voller Energie, der Rucksack fühlte sich auf einmal nicht mehr schwer an und ich hatte ungemein große Freude an der Bewegung und allen Eindrücken, die groß und klein auf diesem Weg warteten.

Nicht nur hat mich das Gletscher des Basòdino nach wie vor begeistert, es gab auch unendlich viele Details zu entdecken. Viele davon waren aus Eis und ihre Entstehung stellte mich vor Rätsel, die mich noch weit nach der Entdeckung begleiteten. Da waren zum Beispiel Locken aus Eis, die aus der Erde zu wachsen schienen. Die Locken hatten ganz feine “Haare” und haben sich in vielen kleinen Strähnen über den Weg gelegt. Jede kleine Pfütze war mit Eis überzogen, das immer andere Muster trug. Aus einer ragte ein übergroßer Tropfen nach oben, als wäre er im Moment des Auftreffens auf die Wasseroberfläche zu Eis erstarrt. Manchmal hat es Spaß gemacht, das Eis unter meinen Stiefeln knirschend zu knacken, dann dachte ich “Scherben bringen Glück”. Aber an anderen Stellen hatte ich fast ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich da unwiderspringlich etwas zerstörte. Ich habe mich so verbunden gefühlt mit all diesem Element. Ich könnte gar nicht aufhören über vereiste Seen und durch Eiszapfen hindurch Fotos zu machen. 

Der Weg hinab Richtung Rif. Maria-Luisa war von großen Felsen übersäht und ich bin wie ein Kind von Stein zu Stein gesprungen. Die Murmeltiere müssen gedacht haben ich bin verrückt. 

Endlich wieder Italien. Auf der Hütte hab es Käse, Schinken und Pasta und ich hätte gut noch drei Tafeln Schokolade dazu einatmen können. Ich habe einen Hunger hier oben, das ist kaum zu glauben.

Nach der ausgiebigen Pause ging es parallel zu einer Fahrstraße bergab. Ich hatte mir noch einige Kilometer vorgenommen für den Tag, aber dann bin ich recht plötzlich müde geworden. Und so mache ich die Strecke durch das Vallone de Nefeklgiù nun morgen, wahrscheinlich im Regen, aber mit einer Pasta-Pause im Rifugio Margaroli, das mir sehr empfohlen wurde. Wenn alles klappt, dann komme ich morgen bis nach Binn oder sogar bis Brig hinab. Von dort aus geht es dann los zur Etappe im Wallis.

Das Thema der aktuellen Etappe, “Geduld”, beschäftigt mich nach wie vor sehr. Ich freue mich darauf, in den nächsten Tagen meine Gedanken dazu zu sortieren und dann darüber hier zu schreiben.

Heute beginnt auch meine Blogreihe bei Bergwelten.com. Hier könnt ihr sie finden.

45. Tag – Weiße Sehnsucht

Strecke: kleiner Spaziergang um den Lago di Robiei

Ja, Sehnsucht. Sehnsucht nach Sonne, nach Gletscher, nach Gipfeln und nach langer und ausdauernder Bewegung. Für mich war das heute kein leichter Tag. Schon der Blick aus dem Zelt am morgen erinnerte mich mehr an einen Urlaub in Schottland, als an meine geliebten Alpen. Die Sicht war sehr schlecht und es fing auch schon bald an stark zu regnen. Es hätte keinen Sinn gehabt bei diesem Wetter einen Gletscher oder überhaupt irgendeinen Gipfel oder exponierten Weg zu gehen. So sind wir also nur auf die Robiei Hütte hinunter gegangen und haben uns ausnahmsweise ein Frühstück gegönnt. “Wir”, weil Andi, ein Freund aus München mich hier seit zwei Tagen begleitet. Er wird aber morgen wieder absteigen. Seine Knie machen ihm zu schaffen. 

Wir haben dann schweren Herzens entschieden auf der Hütte zu bleiben. Ich hoffe wirklich, dass das der letzte Pausentag ist, zu dem ich gezwungen werde. Es war also ein weiterer Tag voller Planung der hoffentlich noch möglichen Hochtouren im Wallis. Und irgendwie auch mit ein bisschen Frust, weil ich so viel Zeit verliere gerade. Ich werde ab morgen auf jeden Fall weitergehen und auch bei schlechtem Wetter ein paar lange Etappen machen. Eigentlich mag ich es ja auch manchmal, bei suboptimalen Bedingungen unterwegs zu sein. Der Fels strahlt dann von der Nässe und die Luft ist besonders frisch. Nur sind schwierige Passagen eben (zumal allein) nicht so gut machbar. Ich werde ab jetzt aber lieber eine leichtere Alternativrouten wählen, als Zeit damit zu verlieren auf bessere Bedingungen zu warten. Ich bin sicher die Berge werden mir in den nächsten Wochen noch den einen oder anderen Sonnentag gönnen und dann werde ich hinauf sausen, in das hohe Weiß der Walliser Gletscher.   

Aber einen schönen Aspekt hatte der Tag doch. Denn ich habe auf der Hütte Marea kennengelernt. Wieder eine tolle Frauenbekanntschaft, schon die zweite in kurzer Zeit. Sie ist die Freundin des Wirts und wir hatten von Anfang an ein “Feeling”, wie Giuliano sagen würde. Ich hätte große Lust mit ihr und Nina aus Grono zusammen im Winter ein paar Splitboardtouren hier in der Region zu unternehmen. Jaja, der Winter. An den denke ich hier schon öfters, weil die Wetterlage dazu natürlich inspiriert…

Nachmittags waren wir noch auf einen Spaziergang draußen und das hat sich sehr gelohnt und mich wieder völlig mit dem Wetter versöhnt. Wie magisch änderte es sich innerhalb von ein paar Minuten völlig. Wo vorher noch Regen, Wind und kaum Sicht waren, schien plötzlich die Sonne von einem klaren blauen Himmel und tauchte den Stausee und den Basòdino Gletscher wieder in ein unglaublich verlockendes Licht. Natürlich ist dadurch meine Sehnsucht nach dem Gipfel fast unerträglich geworden, aber der Berg wird ja noch länger hier bleiben und auch wenn der Gletscher leider immer kleiner wird, ich komme rechtzeitig wieder. Das verspreche ich mir hier selbst zum Trost.

44. Tag – (Eis-)Kristalle

Strecke: Passo Cristallina (2568m) – Pizzo Cristallina (2912m) – Pioda (2341m) – Robiei (1860m)

Es ist der Morgen von Tag 45. Ich fühle mich blockiert und weiß noch nicht, ob es mir gelingen wird heute über gestern zu schreiben. Ich kann nicht genau beschreiben was es ist, aber das Wetter draußen, der dichte Nebel scheint sich auch irgendwie auf mich gelegt zu haben. Trotz der Dusche heute morgen auf der Basòdino Hütte fühle ich mich noch verspannt. Ich weiß noch nicht wie dieser Tag weitergehen wird und auch nicht, was morgen sein wird. Draußen sieht man kaum fünf Meter weit. Ich kann es also nicht wissen. Im Moment empfinde ich diese Gegenwart aber nicht als entspannend. Vielleicht weil ich nicht allein bin. Vielleicht weil noch unklar ist, was Andi machen wird. Seine Knie haben gestern stark geschmerzt und er wird wahrscheinlich morgen wieder absteigen. Wegen dem unsicheren Wetter habe ich die Hochtour auf den Basòdino gehen will, wohl oder übel abgeschminkt, obwohl er so unfassbar schön da draußen liegt und mich eigentlich magnetisch anzieht. Wenn wir um 5 Uhr losgingen, würden wir es theoretisch schon noch im Gutwetter-Fenster schaffen. Aber was hilft am Berg schon ein “theoretisch”…

Also erstmal Vergangenheit, die ist vielleicht gerade leichter als die Gegenwart…

Die Nacht von vorgestern auf gestern war bisher die Kälteste. Trotz Zelt haben wir auf den 2600m nachts ordentlich gefroren. Es müssen weit unter Null Grad gewesen sein. Zudem stand das Zelt eben auf Schnee, der bei jeder Bewegung unter uns geknirscht hat, als wolle er an sich erinnern und daran dass es eben Winter ist hier oben. Zudem ließ der Wind das von uns im Dunkeln hastig und falsch aufgebaute Zelt ordentlich um uns herum flattern. Früh aufstehen ist uns also schwer gefallen und erst nach einem aufwärmenden Kaffee auf der Hütte waren wir fähig uns richtig zu bewegen.

Aber dann sind wir auf den Pizzo Cristallina gestiegen. Es war ein schöner Aufsteig durch reichlich Schnee, der aber glücklicherweise schon gut gespurt und noch schön fest war. Das Wetter war uns noch sehr gnädig und die Aussicht vom Gipfel war dem Gipfel würdig: kristallklar. 

Direkt unterhalb des Gipfels ist eine sehr schön hergerichtete Biwakhütte, das Rifugio Camosci. Die Hütte hatte der Schweizer Armee im zweiten Weltkrieg als Posten gedient. Von dort aus wurde der Luftraum der Region überwacht. Wir haben dort noch eine kleine Pause eingelegt und Kaffee und Rührei aus der Tüte genossen. 

Der Schnee im Abstieg war schon etwas weicher, aber immernoch recht angenehm zu gehen. Leider ist dabei aber deutlich geworden, dass meine Schuhe nicht mehr wasserdicht sind. Vorher dachte ich noch, es hätte an den fehlenden bzw. falschen Gamaschen gelegen, also dass Schnee oben in die Schuhe gekommen wäre. Jetzt mit den neuen Gamaschen und nach guter Imprägnierung ist klar: es sind die Schuhe selber. Eine ziemlich blöde Angelegenheit, hinsichtlich der weitgehend nassen und niederschlagreichen Aussichten auf den Rest der Tour… Aber irgendwie werde ich auch damit zurechtkommen. Denn weiter geht es ja immer. 

Heute schlafen wir auf 1860m oberhalb der Capanna Basòdino. Nachts soll es vielleicht regnen, aber die Hütte ist morgen früh nicht weit. Wir werden dann spontan entscheiden wie es weitergeht…

 43. Tag – Endlich wieder in Bewegung 

Strecke: Grono (360m) – Airolo (1141m) – Ossasco (1313m) – Passo Cristallina (2568m)

Die ausgedehnte Yogasession am Morgen hat sehr gut getan. Dann habe ich mal wieder Pläne geschmiedet. Mit Ninas Hochtourenbüchern für das Wallis habe ich angefangen zu träumen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass ich von den Plänen viel realisieren kann, immer weiter sinkt. Es wird vermutlich zu viel Schnee haben um noch ohne Ski unterwegs zu sein. Aber man muss ja träumen dürfen.

Autostopp nach Airolo hat sich als etwas komplizierter erwiesen als erwartet. Andi habe ich dann in Airolo getroffen und er hat Essen mitgebracht. Dank Sport Conrad habe ich jetzt also einen leichten, kleinen Kocher und lauter leckere gefriergetrocknete Meals. Außerdem auch endlich wieder eine neue Ladung ClifBars. So wird die Zeit in der Schweiz hoffentlich gut machbar sein. Wenn nur das Wetter hält…

Der Weg hinauf zum Passo Cristallina ging gut. Wie immer nach einer Pause hat sich mein Körper sehr gefreut wieder gebraucht zu werden. Es ist dann immer als würde jede Bewegung dabei helfen eine getrocknete Schicht von mir abzuschütteln und ich beginne mich wieder frei und flexibel zu fühlen. Wir kamen trotz spätem Aufbruch noch kurz vor Dunkelheit oben an. Hier liegt allerdings wesentlich viel mehr Schnee als erwartet. Glücklicherweise hat uns der nette Wirt der Capanna Cristallina eine ebenen Zeltplatz unweit der Hütte gezeigt und da steht nun das kleine Zelt auf dem Schnee und wartet darauf, dass wir darin schlafen gehen. Wir trinken noch eine heiße Schokolade mit Schuss um uns auf diese äußerst kalte Nacht vorzubereiten. Morgen früh gehen wir auf den Pizzo Cristallina und ich freue mich sehr darauf endlich wieder auf einem Gipfel zu stehen und die Weite einzuatmen.