30. Tag – Ein Dorf für mich

Ort: Mals (1051m) im Vinschgau, Südtirol

Ich mag diesen Ort. Es ist ruhig und dabei nicht zu verschlafen. Die Menschen kommen mir sehr offen und freundlich vor. Auf der Straße grüßt man sich (und auch mich) und ich finde alles, was ich brauche. Das ist nicht viel. Eine neue Zahnpasta, einen Sunblock, ein Eis, und die kleine feine Pension Garni Sonne in der ich herzlich von Motorradfan Stanis begrüßt werde. Ich darf sogar eine Wäsche waschen und einen Eimer für mein Fußbad leiht er mir auch.

Es ist ganz schön, jetzt für zwei Tage ein Zimmer zu haben, bei dem ich eine Tür zumachen kann, mir keine Gedanken über das Wetter machen muss und wo ich mich morgens an einem leckeren Frühstücksbuffet sattessen kann. 

Mein Körper freut sich auch über die Pause. Eine lange Dusche, mal wirklich ausführlich saubere Klamotten und Yoga, ohne auf der rutschigen Folie wegzurutschen. Die Aussicht auf eine lange Massage morgen bringen auch meinen Geist soweit zur Ruhe, dass ich nach den ersten Stunden, in denen mir das “nicht-gehen” wirklich schwer gefallen ist, auch eine halbe Stunde Mittagsschlaf in einem richtigen Bett mit einer richtigen Decke genießen kann.

In der lokalen Bibliothek konnte ich am Computer meine Tourenplanung für die kommenden Etappen in der Schweiz verfeinern. Das Wetter dort (Schneefallgrenze bei 2000m, ein Erdrutsch nach dem Andewren) macht mir etwas Sorgen… Aber jetzt habe ich den tollen warmen Schlafsack von Mountain Equipment bekommen, schicke meine etwas weniger warme Variante des selben Schlafsacks zurück, und wenn es auch jetzt 300 Gramm mehr Gewicht sind, so wird es mir ab jetzt zumindest sicher nicht mehr zu kalt werden nachts da draußen.

Gerade war ich Salat essen. Das klingt unspektakulär, ich weiß. Aber wenn man, wie ich, seit einem Monat vor allem Bratkartoffeln, Spiegelei, Pasta und Müsliriegel gegessen hat, dann ist ein Salatbuffet wie ich es beim Hotel Greif gefunden habe ein wahres Schlaraffenland. Dazu gab es einen köstlichen Sauvignon Blanc. Schließlich feiere ich heute Halbzeit, oder Bergfest, wie man es treffenderweise in meiner Branche nennt, wenn die Probenzeit oder die Dreharbeiten zur Hälfte rum sind.

Und, als würde mich die Welt gerade nicht eh mit Nettigkeit überschütten, lud mich der Wirt dann auch noch zu dem Essen und dem Wein ein. Ihm gefällt mein Projekt, sagte er nur. Ich hatte ihm kurz davon erzählt, als er mich fragte was ich schreibe. 

Hier ist so viel Güte und Freundlichkeit. Ich bin gerne hier. Und ich freue mich wirklich sehr über die lieben Nachrichten, die ich hier über den Blog von den Lesern bekomme. Das ist irre motivierend und erleichtert mir auch die einsamen Momente. Danke.

29. Tag – Das große O

Strecke: Payerhütte (3029m) – Ortler (3905m) – Payerhütte (3029m) – Trafoi (1532m) – Mals (1093m)

Puh. Was soll ich dazu sagen. Es war ein unglaubliches und wunderbares Erlebnis und ich grinse immernoch, wenn ich daran denke. Der Ortler. Der Aufstieg dauerte ca. drei Stunden und war technisch etwas anspruchsvoller, was mir unendlich viel Spaß gemacht hat. Kletterei, zunächst mit Stirnlampen im Dunkeln, dann im orangenen Licht des Sonnenaufgangs, und schließlich eine Überquerung des imposanten Gletschers im gleißend hellen Weiß. Dank des gemäßigten Tempos war ich nie außer Atem und konnte jeden Moment in vollen Zügen genießen. Bis hinauf zum Gipfel, der mit dem einmaligen Wetter Momente von unbeschreiblicher Schönheit bescherte: Das umliegende Gebirge entfaltet sich zu unseren Füßen und ist dabei noch so mächtig, dass man umso deutlicher die Größe des Gipfels merkt, den wir hier temporär bevölkern dürfen. Was für eine Wucht. Ich wusste gar nicht mehr, wo ich hin atmen soll, so umwerfend schön war das alles. Markus, der Bergführer, wollte unbedingt, dass wir im Seil eingehängt bleiben, aber ich konnte nicht. Kaum hatte ich ein paar Schritte auf dem Gipfel Plateau gemacht (das immerhin breit genug für die zu dem Zeitpunkt bestimmt 10 Bergsteiger war), kamen mir die Tränen. Man sagt “überwältigend”. Ich würde gerne “überbergend” oder irgendein anderes Wort erfinden mit dem ich all die Emotionen fassen kann. Ich kenne das von mir, das Gipfel mich so mitreißen. Der Name oder die Höhe sind eigentlich egal. Es sind einfach solche Momente, die im Rest des Lebens so unerreichbar scheinen und die dann plötzlich in einer Präsenz da sind, die mir die Tränen in die Augen pressen.

Der Abstieg fiel mir nicht so leicht. Es gab eine schwierigere Passage zum abseilen und da fehlt mir einfach das Vertrauen. Ich weiß, dass es richtig und eigentlich leicht ist, sich einfach in den Gurt zu setzen, ich habe es oft erlebt. Aber mental verursacht mir das eine Blockade, die ich (noch) schwer lösen kann. Es ist gut zu wissen, dass ich das dringend mehr üben muss.

Nach einer Pause auf der Payerhütte bin ich, noch leicht euphorisiert, ins Tal gelaufen. Je mehr Höhenmeter bergab es ging (insgesamt waren das an dem Tag um die 2500), je mehr meine Knie anfingen mich doof zu finden, je dicker die Luft wurde und je dichter die Vegetation, umso ferner schien mir die Magie des Gefühlt und des Überblicks vom Vormittag. Dass es so schnell gehen kann, das macht mich sentimental. Aber die Erinnerung bleibt. 

28. Tag – Fell in love with a Zebrù

Strecke: Schaubachhütte (2581m) – Suldenspitz Gletscher (3375m) – Bergstation Schaubach (2581m) – Talstation Sulden (1920m) –  Payerhütte (3029m)

Heute mache ich’s kurz. Ich bin jetzt schon ein bisschen platt. Es war ein langer Tag voller Höhenmeter. Vielleicht ergänze ich den Beitrag noch ein andermal. Morgens bin ich mit Roman, einem wirklich tollen, sehr erfahrenen Bergführer und einem älteren Ehepaar aus der Region Berlin auf die Suldenspitze gegangen. Es war eine imposante aber technisch unschwierige Gletschertour und wir waren sehr gemächlich unterwegs.

Schon unterwegs habe ich mich verliebt. In den Gran Zebrú, diese majestätische Spitze, die neben dem Ortler aufragt. Ich kann gar nicht genau sagen, was es ist, aber irgendwie hat der Berg eine Energie, die mich anzieht. Leider ist der Gipfel derzeit nicht wirklich gut machbar. Roman zeigte mir unterwegs den eigengtlichen Weg hinauf und der führt gerade direkt über eine fast senkrechte Wand aus Blankeis. Ich muss wohl im Frühsommer nächstes Jahr wieder kommen, dann ist es vielleicht (mit Schnee) besser machbar, sagt Roman. Der zeigte mir auch die verschiedenen Zustiege zum Ortler und da fing es auch schon an zu kribbeln…

Der Gipfel der Suldenspitze ist eher flach als spitz. Aber man hat eine großartige Aussicht und sieht außer dem Ortler, der Königsspitze und dem Zebru auch hinüber zum Cevedale. Direkt als wir oben ankamen kreisten majestätisch zwei riesige Bartgeier über uns. Das war wirklich ein magischer Moment, den ich nie vergessen werde.

Als wir wieder, nach einem ruhigen Abstieg, bei der Schaubachhütte waren, stand mein Entschluss schon fest: noch am selben Tag auf der anderen Seite zur Payerhütte aufzusteigen und mein Glück zu versuchen dort eine gute Seilschaft und / oder einen Bergführer mit einem Platz zu finden um morgen auf den Ortler zu gehen.

Es hat geklappt. Mit Hummeln im Arsch bin ich nach einer kurzen Pause Nachmnittags noch die knapp 700 Höhenmeter zur Payerhütte hochgestürmt. Eine beeindruckende Hütte, die direkt auf dem Fels thront, hinter sich die Anfänge des Ortler Gletschers. Dann habe ich Joseph gefunden, über Joseph auch Bergführer Markus und nach einem spektakulären Sonnenuntergang gehe ich jetzt ins Bett um morgen um 5 Uhr loszustürmen Richtung Ortlergipfel. Hab ich ein Schwein!! Jippie!!

27. Tag – Der Schlendrian

Strecke: Zufallhütte (2265m) – durch das Madritschtal zu einem kleinen Gletschersee ohne Namen (2828m) – Madritschjoch (3123m) – Schaubachhütte (2581m)

Heute habe ich eine ganz neue Erfahrung genascht. Schlendern am Berg. Ja, das geht. Hätte ich auch nicht gedacht. Und erstaunlicherweise hat es mir heute sogar Spaß gemacht. Das Schlendern fing schon nach dem Aufwachen an. Ich war allein im Lager (gestern Abend hat es wieder geschüttet) und lag dann bestimmt bis um 8 Uhr noch rum, habe Fotos bearbeitet und gedöst. Sehr verschlendert. Dann ein Kaffee in der Sonne auf der Terrasse. 

Um halb 10 hat sich mein Körper mit Rucksack dann langsam in Bewegung gesetzt. Ich hatte es auch deshalb nicht eilig weil ich wusste, die Strecke könnte ich, wenn ich wollte, in drei Stunden gehen. Und weiter gehen hätte keinen Sinn gemacht, weil meine Gletschertour auf die Suldenspitze morgen früh hier losgeht. Und spannede Gipfel gab es unterwegs auch nicht wirklich. Also bin ich geschlendert. Bin an jedem Bächlein stehengeblieben (und davon gibt es im Madritschtal sehr viele), kam nie außer Atem und habe wie im Gehen meditiert. Es war schön. Sicher entspricht es nicht ganz meinem Naturell, aber es war ein schönes Erlebnis und lässt mich Menschen mit einem generell langsameren Tempo etwas besser verstehen. Um 12 (ja, nach 1,5 Stunden Schlendern) habe ich erstmal Pause gemacht. Auf einer Hochebene unterhalb des Madritschjochs. Und weil es ein bisschen gewindet hat, hab ich meinen Schlafsack ausgepackt und dann erstmal ein Stündchen geschlafen. Dann Hörspiel gehört (Martin, falls du das liest, die “Känguru Chroniken” sind super) und ein bisschen den Rücken in die Sonne gehalten. 

Nachmnittags waren die 300hm zum Madritschjoch kaum noch spürbar. Oben hat es dann angefangen zu regnen und plötzlich, kaum auf Gletscherseite, war es sau kalt. Den Abstieg durchs Skigebiet habe ich dann mit Blick aufs Handy gemacht. Die Landschaft ist vergewaltigt von Liften und Wintersport. Dabei thronen oben drüber die drei Großen: König Spitze (3851m), Ortler (3905m) und Gran Zebru (3740m). Besonders der Letzte reizt mich sehr, aber morgen geht es erstmal auf die Suldenspitze.

Um den Tag noch entsprechend abzurunden trinke ich jetzt ein Glas Rotwein und habe eine Tafel Schokolade gegessen. Der Schlendrian.

26. Tag – Fels mit (losen) Zähnen

Strecke: Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m) – Madritschspitz (3265m) – Butzenpass / Gratweg Richtung Eisseespitze (abgebrochen) – Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m)

Heute habe ich viel Schokolade gegessen. Und viele Pflaster verbraucht. Es war dabei gar kein so langer Tag, aber der erste an dem ich eine wirkliche Gefahr erlebt habe. Ich hatte dabei keine Angst, sondern es ist mir gelungen klar und cool zu bleiben. Darauf bin ich stolz. Und sooo schlimm war es jetzt auch wieder nicht.

Der Plan war, über den Gratweg zwischen Madritschspitz und Eisseespitze zu gehen und dann über die Schaubachhütte rüber zur Hintergrathütte. 

Der Aufstieg zur Madritschspitz war sehr schön und die Aussicht von oben wundervoll. Ortler und Königsspitze in voller Pracht und überhaupt ein toller Rundblick in die Gletscher und ins Tal. Dann bin ich, anstatt abzusteigen, entlang des Grates gegangen. Ein markierter Weg war es nicht, aber darauf war ich eingestellt, weil er auch auf der Karte nur als unmarkierter Steig bzw. Blockkletterei angegeben war. Aber dass es so rutschig und verschottert war, damit hatte ich nicht gerechnet. Zunächst hat die Herausforderung Spaß gemacht, in dem losen Gestein immer sichere Tritte und Griffe zu finden. Ich bin bis in die Scharte vor dem Aufstieg zu Butzenspitze abgestiegen. Der Rucksack hat schon genervt, er kostet einfach doch Balance. Der Anstieg auf der anderen Seite sah sehr suspekt aus. Es gab auch keine Spuren und so versuchte ich selber die sicherste und vokalem griffigste Variante zu finden. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Der “Fels” zerbröckelte zwischen meinen Fingern und rutschte unter meinen Füßen weg. Kleine Erdrutsche auszulösen war quasi unvermeidbar. Dann wurde es noch steiler und ich fand einfach keinen Halt mehr. Hier war mir dann schon klar, dass es diesen Gratweg so nicht mehr geben kann oder dass ich mich im Weg geirrt hatte. Aber ich hatte die Karte doch genau eigentlich studiert und war mir eigentlich ziemlich sicher. Jedenfalls entschloss ich mich umzukehren und machte die ersten vorsichtigen Schritte in die Richtung. Aber dann brach wieder ein Griff weg und gleichzeitig der Boden unter meinen Füßen. Ich fiel und konnte mich glücklicherweise ein paar Meter weiter unten fangen. Wie im Gletscher beim Fall, drehte ich mich auf den Bauch und schlug die Zehen ins Geröll. Erstaunlicherweise hat das ganz gut funktioniert. Die Kletterei zurück zum “Weg” war ätzend. Dann war ich mir unsicher, wie ich weiter machen sollte. Erstmal, keine Ahnung warum, machte ich ein Video (das ich hiermit meistbietend anbiete ;-)). Dann wog ich die Optionen ab. Zurück zum Gipfel wo ich herkam schien mir keine gute Idee, weil das ja auch schon sehr unsicher gewesen war. Es blieb noch rechts oder links an der Scharte durch das rutschige Moränenfeld abzusteigen. Links war unten ein Gletschersee, dann aber sichtbar eine Liftstation, zu der man mit einer Umrundung der Gletscherzunge durch das Geröll gut zu gelangen schien. Rechts war ein steiles Geröllfeld mit vielen Blockplatten. Am Ende war der Weg den ich aufgestiegen war. Wieder dokumentierte ich per Video meine Entscheidungsfundung. Vielleicht ist das Filme eine Art “Gegenüber” für mich gewesen, und war dadurch hilfreich oder so. Keine Ahnung. Jedenfalls entschied ich mich für rechts, auch weil ich immernoch dachte ich komme dann zu der Hütte zu der ich wollte. Aber schon nach zwei Höhenmetern änderte ich meine Meinung: Es rieselte und ich rutschte wieder. Wenn ich da blöd gerutscht wäre, hätte ich im Gletschersee landen können und das war mir dann doch zu frisch. Also links. Nach den ersten schwierigen Metern erwies sich das als die bessere Entscheidung und langsam aber dafür sicher konnte ich absteigen. Dann ging das Brennen in den Schnitten und Schürfwunden los. Unterarme, Unterschenkel, Hände. Alles nicht tief, aber voller Sand und Kiesel. Außerdem hatte ich auch sonst so ziemlich überall Sand und Kiesel… Am Bach angekommen habe ich alles sauber gemacht und desinfiziert. Zum Glück sind die Blessuren wirklich kaum der Rede wert und tun auch nicht weh. 

Wohl oder übel bin ich dann zurück zur Zufallhütte gegangen. Ich hatte Strecke auf der aktuellen Tabacco Karte gesehen und sie auch nochmal in München beim DAV besprochen und im “Ortleralpen” Alpenvereinsführer (Bergverlag Rother) nachgelesen. Viel besser kann man eine Route nicht planen. Außer eben: den lokalen Hüttenwirt fragen. Das mache ich sonst auch immer. Aber – so nett er es vielleicht meint mit seinem Humor – er ist eben einfach nicht jemand, der mit meiner aktuellen Bergliebestimmung kompatibel ist. 

Aber eben jener Wirt erklärte mir dann (“Hättscht du mich amal gefragt!”), dass es diesen Weg so schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt… Es gibt wohl eine Alternative, aber die ist in keiner Karte eingezeichnet. Und weder der DAV, noch der Bergverlag Rother haben (laut Wirt) die veränderten Umstände des geschmolzenen Gletschers und die damit einhergehende Unpassierbarkeit des Gratwegs aufgenommen. Trotz neuer Ausgabe. Schon schade.

Jetzt sitze ich also wieder hier auf der Zufallhütte. Ich habe den Nachmnittag genutzt zum Wäsche waschen, und zum Touren planen: Am Montag gehe ich mit einem lokalen Bergführer über den Gletscher auf die Suldenspitze (3376m). Mit einer leckeren heißen Schokolade zum schreiben ertrage die geschmacklosen Witze und Geschichten der Frau (!) die schon gestern hier ständig am Tresen hing ein wenig besser. Und morgen mach ich dann den Normalweg rüber zur Hintergrathütte. 

Es geht mir gut. Ich bin froh über diesen Tag. Und ich bin wieder ein Stück ruhiger geworden. Habe bestimmt was dazugelernt, ohne noch genau zu wissen was. Ich meide die Gaststube, das ist mir alles zu laut. Ich mag nicht mit den Leuten hier reden. Es ist kein generelles zurückziehen, eher ein Vermeiden der willkürlichen Smalltalk-Parolen, die auf solchen großen Hütten wie hier fast unvermeidbar scheinen. Es ist jetzt aber auch schon neun Uhr und ich gehe einfach schlafen. 

Übrigens: Ab heute ist mein Interview für die Munich Mountain Girls online. Ich freue mich über die Partnerschaft mit Christine Prechsl’s wirklich schöner und sinnvoller Münchner Plattform. Hier geht’s zum Interview. 

25. Tag – Es ist so unfassbar schön!!!

Strecke: Rifugio Dorigoni (2437m) – Cima Mezzena (3121m) – Cima Careser (3186m) – Rifugio Dorigoni (2437m) – Sallent Joch (2965m) – Zufallhütte / Rifugio Nino Corsi (2265m) 

Ich sitze auf einer Bank, oberhalb des gletscherkriostalltürkisen Zufritt Stausees. Zur Zufallhütte ist es beistimmt noch eine Stunde, aber ich will jetzt schreiben und nicht wieder in der lauten Gaststube. Ich bin so glücklich. Ich bin so überaus dankbar, dass ich hier sein kann. Es ist so unglaublich schön, dass ich gleichzeitig lachen und weinen möchte. Und es ist einer der wenigen Momente in denen ich mir wünsche nicht allein zu sein, um all das hier teilen zu können. 

Schon die Nacht war wirklich angenehm und sehr schön. Es war mir nie zu kalt und die Aussicht beim Aufwachen war traumhaft. Die Wolken drückten sich noch im Tal rum und die Berge um mich herum schimmerten rosa. Ich war noch nie so schnell um kurz nach 6 Uhr aus dem Schlafsack geschlüpft, aber das Felsplateau und die aufgehende Sonne riefen mich zum Morgengruß. Wie kitschig das klingt – wie kitschig das war! Ein Traum. Also Yoga mit einmalig schöner Morgenstimmung und dann auf einen Kaffee ins Rifugio Dorigoni. 

Vormittags bin ich ohne Rucksack auf den Cima Careser gelaufen. Mann, hat das gut getan, mal kein Gewicht auf dem Rücken zu haben. Ich bin fast geflogen da hoch. 600 Höhenmeter in einer Stunde und dann noch die Querung oberhalb des Gletschers und nochmal 100 Höhenmeter zum Gipfel. Noch nicht Ueli Steck, aber für mich schon ganz gut, finde ich. Es hat sich jedenfalls phenomenal angefühlt auf dem Cima Careser, der mit seinen 3154 Metern der höchste Gipfel bisher auf dieser Tour ist. Ich konnte schon rüberwinken zum Ortler, der sehr verlockend aussah und mich nun überlegen lässt wie und ob ich eine Besteigung doch noch bewerkstelligen könnte. Wann wenn nicht jetzt? Ich habe eigentlich Zeit. Und aufgrund der Jahreszeit und des Wetters ist noch ganz unklar, wie viele hohe Gipfel ich in der Schweiz noch machen können werde. Naja, ich werde das nachher mal überprüfen. Ich müsste mir alle Ausrüstung leihen, weil meine Steigeisen, Eispickel und Co. kommen ja erst per Post von Sport Conrad für die Sesvenna Etappe.

Jedenfalls bin ich dann vom Gipfel wieder runtergerannt und war nach insgesamt 2,5 Stunden Ausflug wieder bei Lorenzo, Cecilia, Clara und den andern netten Kollegen im Rifugio Dorigoni. Ich habe noch einen Tee getrunken und meine Beine ins Kneippbecken gesteckt und mir von Lorenzo noch ein paar Tourentipps abgeholt. Um 14 Uhr bin ich dann endlich los. Die Tour zur Zufallhütte ist mit fünf Stunden angegeben, aber in meinem Hlöhenflug und Größenwahn ging ich davon aus das “locker” in drei Stunden zu gehen. Aber dann kam wieder die Schönheit dazwischen. Der Aufstieg (nochmal 600hm) war länger und anstrengender. Ich schiebe das alles auf den Rucksack. Und dann kam noch der Nebel, der alles mystisch aussehen ließ. Oben am Grat angekommen habe ich kaum angehalten, weil es stark gewindet hat. Es ging steil durch blockiges Gelände bergab, an türkisblauen Gletscherseen vorbei, die sogar für mich dann – besonders in Kombination mit dem Wind – nicht mehr zum baden in Frage kamen. Und dann fing ich an, die Steine zu bewundern. Und ab da war die Zeit vergessen. Ich bin nur noch begeistert von einer Steinmusterung zur nächsten gehüpft. Die Farben der Steine sind kräftig, rötlich, gelblich, silbern und die Formen und Maserungen sind so schön, dass ich aus dem Staunen und Fotografieren gar nicht mehr raus kam. Und dann kam noch der tosende Gebirgsnach und ich musste eine Weile dem Wasser zusehen. Jetzt ist es schon 18 Uhr und ich sollte mich beeilen zur Hütte zu kommen. Es reizt mich gar nicht, dort anzukommen. Aber für heute Nacht ist Regen angesagt und da schlafe ich dann wohl doch lieber im Lager. Morge steht eigentlich eine große Etappe mitb Gratweg an, leider sieht es aber gerade so aus als könnte es morgen Nachmittag gewittern. Die Hoffnung bleibt. Und so erfüllt wie ich von diesen letzten zwei Tagen bin, kann ich bestimmt auch eine Nacht unter schnarchenden Menschen ertragen.

Nachtrag am Morgen des 26.: Hier auf der Zufallhütte gab es ohne Witz eine Sauna! Es war fantastisch gestern hier noch zwei Saunagänge eingelegt zu haben. Wegen akutem Blitz und Donner draußen hab ich dann im Lager geschlafen. Der Kaffee hier ist eine Plörre und der Wirt mit seinem Schlagerhumor auch schwer verdaulich. Aber hey, er hat mich auf den Kaffee eingeladen und ist halt einer der alten Riege, die damit bestimmt immernoch auf einer Hütte wie hier viel Popularität genießen. Und bald gehts es ja los. Heute über den Gratweg zwischen Madritschspitz und Eisseespitze zur Schaubachhütte (die furchtbar sein soll, weil sie bei der Gondelstation ist) und dann weiter zur kleineren und schöneren Hintergrathütte. Von dort gehen die Besteigungen des Ortlers los. Ich habe Bergführertelefonnummern und hoffe, dass es morgen oder übermorgen klappt.

Aufgeschlossenheit als Herausforderung in den Dolomiten

Auf der 4. Etappe meiner Ost-West Alpenüberquerung ging es vom 18.-23. August durch die Puez Gruppe und dann durch den Naturpark Schlern-Rosengarten. Das Thema “Aufgeschlossenheit” ist mir auf dieser Etappe besonders in der Landschaft und in Persona von sechs Menschen begegnet. Mir war in der gesamten Region noch zu viel los und ich muss gestehen, dass meine innere Reaktion darauf nicht viel mit Aufgeschlossenheit zu hatte. Ich habe Menschen verurteilt, in Schubladen gesteckt, mich über sie geärgert. Es ist fatal das sagen zu müssen, aber ich vermute an manchen Tagen hat meine Beschäftigung mit der vermeintlichen Unzulänglichkeit anderer Menschen meine Freude über die unendlich beeindruckende Natur überschattet. Ich empfinde es dabei nach wie als völlig inakzeptabel, das Menschen ihren Müll in den Bergen liegen lassen und sich verantwortungs- oder respektlos verhalten. Aber ich kann es eben nicht ändern und vielleicht müsste ich mehr Verständnis aufbringen. Anstatt sie zu verurteilen, sollte ich ihnen wünschen, dass sie mit der Zeit von den Bergen lernen dürfen. Aber da bin ich eben unzulänglich in meiner mangelnden Aufgeschlossenheit.

Es fällt mir hier wirklich schwer, dieses Verständnis aufzubringen. Immerhin habe ich mich manchmal darum bemüht, habe Leute freundlich darauf hingewiesen, dass es vielleicht nicht so sicher ist, wenn das Kind ein Seil um den Bauch hat… habe gefragt warum sich eine Familie den steilen und gefährlichen Anstieg zu dem steinigen Gipfel antut, wenn man doch von unten das Selbe sieht und es auf den Wiesen viel gemütlicher ist. Aber auch das ist ja nicht meine Sache. Bleiben also die Fragen: Warum beschäftigt mich das so übermäßig? Warum gelingt es mir nicht, die Menschen auszublenden und die Berge für mich zu genießen? Oder ist es eben einfach ein Teil von mir, dass mich das beschäftigt und ich es nicht ausblenden kann?

Thomas und Regine, die beiden Physiohelden, die mich zusammengeklebt haben, habe ich als sehr aufgeschlossene Menschen erlebt. Sie haben sich mit allen Leuten unterhalten, waren dabei stets gut gelaunt und offen und haben sich für Alles und Jeden  interessiert. Dabei wirkten sie angenehm unangestrengt. Sie waren mir gegenüber so herzlich und großzügig. Ich freue mich, dass wir das Erlebnis des Piz Boé und auch einige andere schöne Aussichten teilen konnten. Dann sind da noch Oli und Kay, zwei Jungs aus Halle, denen ich auf der Langkofelhütte begegnet bin. Wir waren dann am nächsten Tag auch immer wieder parallel unterwegs, und sind gemeinsam den Klettersteig auf den Plattkofel gegangen. Beide sind sehr aufgeschlossene Menschen, dabei aber von der Energie her ganz anders als Thomas und Regine. Ich habe an ihrer Gesellschaft ihre Ruhe und Bescheidenheit geschätzt, und mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl gefühlt. Außerdem hatten wir noch einen lustigen Abend vor dem schrecklichen Tierser Alpl, und haben gemeinsam das Sternbild “Delphin” entdeckt. Leider habe ich meine Sternkarte dann dort liegengelassen.

Sonam, der mit seinem ganzen Wesen schon Aufgeschlossenheit ausstrahlt, bin ich dankbar für das Bett. Und Alexander, dem Wirt auf der Langkofelhütte für die Offenheit und auch dafür, dass er mich von seinem leckeren selbst gebrannten Schnaps probieren ließ.

Also, es gibt sie, die aufgeschlossenen Menschen. Auch mitten im Trubel. Das ist schön zu wissen. Und meine eigenen Aufgeschlossenheit die kann ich jetzt wieder entfalten, wenn ich in hier in der Ortler Region unterwegs bin, wo so angenehm wenig los ist und die mir, von allem was ich bisher erlebe, so viel sympathischer ist. 

24. Tag – Geschummelt?

Strecke: Magras (751m) – Piazzola (1300m) – Malga Fratte (1480m) – Campisol (2150m) – Rifugio Dorigoni (2436m)

Meine Füße stecken in einem Gebirgsbach. Auf meinem Rücken trocknet die Sonne die letzten Tropfen von der Dusche unter dem Wasserfall. Die Ortlergruppe begrüßt mich mit einem strahlenden Tag, perfekten Temperaturen und wunderschöner, sehr wasserreicher Landschaft. Ich bin schon an mindestens vier Wasserfällen vorbeigegangen. Dieser war zu verlockend und zudem wunderschön einsam. Es ist schon späterer Nachmittag aber zur Hütte ist es nicht mehr weit und ich bin so viel lieber hier draußen. Nach dem Dolomitentrubel genieße ich die Ruhe umso mehr.

Weiter unten bei den Wasserfällen von Saent waren noch recht viele Leute, aber seit es steiler ist, bin ich mit dem Plätschern allein. Ich lasse mir Zeit, koste jede Minute voll aus und atme tief die frische Luft ein, die Wasserdunst durchzogen ist. Es tut so gut. Alles fühlt sich richtig an. Ich bin so gerne hier oben, fühle mich jetzt so wohl und so frei. Ja, vielleicht komme ich jetzt endlich an hier. Und vielleicht habe ich jetzt bald den Rhythmus gefunden. 

Aus Versehen habe ich heute geschummelt und eine Tagesetappe übersprungen. Ich bin von Magras nach Piazzola getrampt (keine Lust auf Teerhatsch) und der alte italienische Opa, der mich mitgenommenen hat, zeigte mir freudig strahlend bei dem Wanderweg eine Richtung. Ohne nachzudenken oder auf meine Karte zu schauen bin ich losgelaufen. Ich war so froh über die Ruhe. Und dann war ich auf einmal an der Malga Fratte und es war klar, dass ich auf der falschen Seite das Tal hochgelaufen bin. Um zu meiner eigentlichen Route zurück zu gehen wäre es ein riesen Umweg gewesen. So habe ich nun also eine Tagesetappe übersprungen. Ich habe darüber nachgedacht, ob ich den Umweg von vier Stunden gehen meine Richtung gehe, um zu den Haselgruber Seen zu kommen, die so schön sein sollen und wo ich eigentlich hin wollten. Und um eben nicht zu schummeln. Und dann fing ich an, darüber nachzudenken, warum ich es als “schummeln” empfinde. Braucht “schummeln”, so wie betrügen, ein Gegenüber das außerhalb meiner Selbst ist? Das davon betroffen ist, oder davon sogar Schaden trägt? Wer wäre das denn in meinem Fall, außer meinem eigenen Ehrgeiz? Ich gehe von Ost nach West. Ich habe eine Route geplant, bei der die Etappe dabei ist und bei dieser Route werde ich unterstützt. Aber ich fühle mich meinen Partnern gegenüber nicht schlecht deswegen. Weil meine Partner einfach großartig sind und mich überhaupt nicht unter Druck setzen. Allen voran Sport Conrad und Mira, die mich so sehr unterstützt bei dieser Tour und mir Pakete schnürt und Equipment schickt und auch mental einfach eine tolle Unterstützung ist. Also bin ich es selbst. Und warum? Eigentlich gibt es dafür keinen Grund. Und das habe ich heute kapiert. Besser spät als nie. Ich mache das hier ja für mich, also warum sollte ich mir im Weg stehen? Warum sollte ich überhaupt denken, dass ich geschummelt habe? Es gibt schließlich keinen Grund für ein schlechtes Gewissen mir selbst gegenüber… Schon lustig, wie ein Ego so spielt.

Ich sitze inzwischen drinnen beim Rifugio Dorigoni. Es ist schön wieder auf einer “echten Hütte” zu sein. Lorenzo, der die Hütte zusammen mit seiner Schwester Cecilia schmeißt, ist ein wirklich guter Typ. Er ist seit 17 Jahren hier oben, ist Bergführer und liebt seine Region über Alles. Man merkt der Hütte den guten Vibe an. Auch das Essen war super. Mir gefällt, dass die Portionen zwar erstmal nicht übergroß sind, Cecilia dann aber mit der Beilage nochmal rumgeht und Nachschub anbietet. Ein Konzept das ich bisher nur auf den besten Hütten erlebt habe. Man vermeidet übermäßige Essensreste und alle werden satt. 

Lorenzo hat mir seinen liebsten Biwakplatz gezeigt, einen Geheimtipp. Und der Spot ist wirklich unglaublich schön. Zwischen Felsen in einer Mulde, im Trockenen und mit einer unfassbar schönen Aussicht ins Tal. Es wird eine schöne Nacht werden, da bin ich mir sicher.

Nachtrag: Übrigens kaufen alle die auf dieser Hütte arbeiten ihre Ski etc. schon ewig bei Sport Conrad. Gute Hütte ?.

23. Tag – Wenn sich die Füße verabschieden

Strecke: Tierser Alpl (2440m) – Maximiliansteig (2556m) – Roterdspitz (2655m) – Schlernbödelehütte (1718m) – Seis – Bozen – …

Eigentlich hatte ich großes Glück letzte Nacht. Zufällig habe ich Abends kurz vor Hüttenruhe, Sonam getroffenen, einen Kollegen aus der “International Mountaineering Group” in München. Ich war gerade dabei meine Isomatte aufzupusten, um mich draußen unter den makellosen Sternenhimmel zu legen. Ich war wusste schon, dass es möglicherweise wieder eine sehr kalte Nacht werden würde. Da bot mir Sonam unglaublich netter Weise an, dass ich mit in seinem Zimmer schlafen könne. Er hatte zwei Betten, und eines war frei, obwohl die Hütte bis ins Foyer überbelegt war. Die Leute schliefen auf Matratzen im Flur…  Erstmal hat es mich trotzdem nach draußen gezogen, aber es war angenehm zu wissen, dass ich nachts in ein frisches warmes Bett krabbeln könnte, wenn es nötig wäre.

Der Ort, den ich mir für die Nacht ausgesucht hatte, war sehr schön: eine Mulde hinter einem Felsbrocken auf einer großen Wiese zwischen den rechts und links aufragenden Dolomitenwänden. Es war windgeschützt und weit genug von der Hütte entfernt um den Eindruck des Sternenhimmels voll genießen zu können. Aber gerade als ich eingeschlafen war, hörte ich ein Donnern. Ich dachte noch, das kann nicht sein, der Himmel war doch so klar, aber das Donnern wurde immer deutlicher. Und es kam näher. Es knatterte, es polterte und schließlich hörte ich auch Schnauben. Als ich mich im Schlafsack aufrichtete, bot sich mir ein unglaubliches Bild: Über die Wiese rannten ausgelassen und voll Freiheit sieben Pferde. Im Sternenlicht sahen sie aus wie mächtige Geister, wunderschön und stark. Aber sie stürmten dabei leider genau in meine Richtung und ihr Tempo und ihre Kraft standen in krassem Kontrast zu meinem schlaftrunkenen ungläubigen Zustand. Ich stand also auf, und dachte noch “damit sie mich sehen können” und da rannten sie schon rings um an mir vorbei. Es war ein tolles Erlebnis, aber ich nutzte meinen wachen Zustand dann doch, um Sonams Angebot anzunehmen. Nicht nur wegen der Kälte, eher aus Sorge doch noch “aus Versehen” einen Huf im Gesicht zu haben.

Heute Morgen um 6 Uhr schleiche ich mich aus dem Zimmer. Ich will zum Sonnenaufgang oben im Maximiliansteig sein. Zunächst geht es ganz gut, aber nach den ersten paar Höhenmetern im Klettersteig merke ich, wie unsicher meine Schritte sind und wie viel Kraft mich alles kostet. Bald kommen Knieschmerzen und dann auch noch Rückenschmerzen dazu. Auch wenn es mir schwer fällt das zuzugeben: mir fehlt der Kaffee. Ich bin also langsam unterwegs, weil ich mich in dem – wenn auch leichten, so doch Trittsicherheit fordernden Gratklettersteig – doppelt konzentrieren muss. Der Rucksack zerrt an meinen Schultern, meine Hände sind kalt, an den Fingern habe ich ein paar Risse und dann fangen auch noch meine Füße an zu brennen. Mir kommt der in solchen Momenten erfrischende Gedanke: “Weiter geht es doch. So oder so. Schnell oder langsam.”

Heute geht es also, diesmal langsam – und wie immer am Ende einer Etappe – auf mehr als 1000hm nur bergab. Die immer grüner werdende Landschaft genieße ich wie immer sehr. Wieder bin ich die Einzige, die Morgens Richtung  Tal läuft. Mir kommen gut gelaunte Tagesausflügler entgegen. Meine Knie tun weh, ich hatte noch immer keinen Kaffee. Ich fühle mich nicht so gut gelaunt wie die Menschen, die mir entgegenkommen. Trotz der idyllischen Landschaft, hätte ich jetzt lieber einen See, einen Kaffee, eine Massage, eine Zitronenlimonade und saubere Klamotten und dann am Abend eine Sauna und vielleicht sogar eine gute Serie bingewatchen… Stattdessen geht es ins Tal, zum einkaufen und dann weiter zum Beginn der nächsten Etappe.

So habe ich mich dann durchgeschlagen bis hier, zur wunderschönen Schlernbödelehütte. Hier ist mal wieder eine sehr sympathische Belegschaft und es wird viel gelacht. Es tut gut die Leute lachen zu hören. Ich habe beschlossen hier eine längere Pause zu machen. Mein Körper will es so, und ich werde ihm nicht widersprechen. Jetzt habe ich köstliche Topfenknödel mit selber gemachtem Vanilleeis gegessen und schreibe endlich mal wieder.

Es stellt sich, wie immer am Ende einer Etappe immer das selbe Gefühl ein. Es ist eine Art Abschied, diesmal von den Dolomiten in ihrer mächtigen, blockigen, spitzen und weiten Kraft. Und es ist eine Neugier auf das was kommt, fast eine Ungeduld. Aber gleichzeitig habe ich immer ein bisschen Angst vor dem Tal. Vor Autos, Abgasen, vielen Menschen, Teer, Beton, buntem Kunststoff und überhaupt vor der Flut an mir jetzt unnatürlich erscheinenden Farben.

Die Pause hat sehr gut getan. Ich durfte ausführlich warm duschen (nach 7 Tagen die erste richtige Dusche mit warmem Wasser!) und habe ein paar Klamotten gewaschen die jetzt noch in der Sonne trocknen. Es ist 14:30 Uhr und ich mache mich jetzt an den restlichen Abstieg ins Tal und an den Weg hinüber zur Ortlergruppe und der nächsten Etappe mit dem Motto “Entfaltung”. Was für ein schönes Thema.

Nachtrag: Jetzt sitze ich in dem kleinen Ort Magras in der nähe des Nationalparks Stilfser Joch auf einem Spielplatz. Ja, ein Spielplatz. Es sieht so aus, als würde ich heute hier übernachten. Zugegeben, ein etwas ungewöhnlicher Ort, aber ich fühle mich wohl. Ich hoffe, dass es niemanden stört wenn ich hier schlafe. Ich bin aber einfach nicht weitergekommen. Ich wollte noch hoch nach Rabbi, von wo ich morgen losgehe, aber als ich hier ankam war es schon dunkel und da ist trampen irgendwie ungünstig. So werde ich neben Schaukel und Wippe mein Biwak bauen und mir mal keine Sorgen machen, dass es zu kalt wird heute Nacht. Es ist mild, ich trage immernoch T-Shirt, und ich bin hier auf 781m. Gute Nacht.

22. Tag – Endlich schön kraxeln

Strecke: Langkofelhütte (2253m) – Plattkofel (2958m) – Malga del Sasso Piatto (2248m) – Tierser-Alpl-Hütte (2440m)

Die Nacht war kalt. Aber trotzdem sternklar und schön. Ich brauche, spätestens für die Schweiz, einen wärmeren Schlafsack. Mira, meine “Backoffice-Heldin” bei Sport Conrad, klärt das gerade für mich ab und wenn alles klappt bekomme ich vom aktuellen Schlafsack meiner Träume einfach die wärmere Variante.

Nachdem ich meine Sachen zum Tau trocknen aufgehängt habe, gab es in der Langkofelhütte ein sparsames Kaffeefrühstück. Bei Alexander, dem sehr jungen und total freundlichen Wirt, habe ich mir noch die obligatorischen “Geheimtips” für die weitere Strecke eingeholt. Trotz der kalten Nacht bin ich dann erstaunlicherweise voller Energie in den Klettersteig zum Plattkofel gestartet. Und der hat richtig viel Spaß gemacht. Hinter mir waren zunächst zwar laute Menschen, die zwanghaft versuchten ihren Hund die steile Wand hinauf zu jagen, aber als der irgendwann abgestürzt war (!) blieben nur Oli und Kay, zwei sehr nette Menschen, die ich am Abend vorher auf der Hütte kennengelernt hatte. Der Fels war schön griffig, der Rucksack störte mich nicht weiter und der Klettersteig hatte genau die richtigen Features für einen morgendlichen Gipfelanstieg.

Am Gipfel (großartige Aussicht) traf ich dann auch Regine und Thomas wieder – große Freude. Zusammen waren wir auf der anderen Seite des Plattkofels noch in der fantastisch schmackhaft und urig original bewirteten Malga del Sasso Piatto, die mir schon Bernhard auf der Schlüterhütte empfohlen hatte. Ich habe mich richtig satt gegessen und das hat sehr sehr gut getan.

Aus einer mittäglich-fresskomatösen Laune heraus entschied ich mich gegen die lange Route mit einem zweiten Klettersteig auf den Kesselkogel. Außerdem ist es mir auch hier, in der Schlern-Rosengarnten Gegend tendenziell noch zu voll und ich hoffe auf ruhigere Gefilde am Ortler. 

Auf dem Weg über Wiesen hinüber zur Tierser-Alpl-Hütte rufe ich ein paar Leute an. Es ist interessant, Kontakt mit Menschen aufzunehmen, die einen ganz anderen Alltag haben als ich. Es fällt mir richtig schwer vorzustellen, wie andere ihren Urlaub mit Parties und der Tingelei durch Städte verbringen, während ich hier über saftige Wiesen laufe, hier und da eine Kuh, ein Schaf oder ein Pferd begrüße und innerlich singe. Nirgends wäre ich lieber als genau hier. Was mich irre freut, ist dass meine Kalifornische Freundin April mich besuchen kommen wird. Sie geht das Wochenende mit mir einen Teil der Ortler-Etappe. Ich freue mich riesig darauf, mit einer Freundin das teilen zu können, was ich hier erlebe.

Die Tiersel-Alpl-Hütte ist vermutlich der Traum jedes Bergkomforttouristen. Und mich schlägt sie fast in die Flucht. Das Essen ist völlig übertrieben teuer, die große Belegschaft trägt “traditionelle” Uniform und sogar die Toilette kann nur gegen 50 Cent betreten werden. Ich esse eine mittelmäßige Brühe ohne Alles für 4€ und bin froh, dass ich draußen schlafe.