Teil 4: Verzicht ist Gewinn – Warum weniger Konsum Spaß macht

Wenn wir über Umwelt- und Klimaschutz reden, schwingt meistens die Aufforderung zum Verzicht mit. Insofern würde uns ein umwelt- und klimafreundlicheres Leben nicht nur Lebensqualität nehmen, sondern auch Freiheit, Geld und Zeit. Ich erzähle in diesem Beitrag davon, warum es mir damit ganz anders geht und ich eigentlich das Gefühl habe, meine Lebensqualität steigere sich zunehmend mit der Umstellung.

Ich sitze in meinem Schreibrefugium für die nächsten Wochen. Eine wunderschön gelegene Hütte im weißen Nirgendwo. Es ist alles hier, was ich brauche, und mehr. Obwohl oder besser gesagt WEIL es kaum Handyempfang gibt, so wenig Strom, dass ich abends nur Kerzen und Stirnlampe benutze, kein fließend-heißes Wasser oder gar Heizungen oder Kühlschrank. Dafür endlos viel innere und äußere Stille, die mich füllt und labt, mich inspiriert und mir Kraft gibt.

Ermöglicht wird mir der Aufenthalt hier von lieben Menschen, die mich einfach großzügig und voll Vertrauen eingeladen haben, hier zu sein, weil sie sich durch mein Buch ALPENSOLO mit mir verbunden fühlten, ohne mich vorher zu kennen. Ich bin voll Dankbarkeit, nicht zuletzt weil mich ihr Vertrauen inspiriert. Ich führe es auch auf die grundlegende menschliche Zuwendung zurück, die man wiederentdecken kann, wenn man es zulässt. Aber dazu muss man sich hierzulande und dieser Zeit wohl leider oft von allen möglichen Schichten befreien, die ich selbst nur allzu gut kenne. Zusammenfassend kann man sie wohl als nutzen-, kapital-, und profitorientierte Haltung beschreiben.

Seit ich zunehmend nach dem Prinzip lebe, mich mehr auf Suffizienz als Effizienz zu bemühen, mehr auf Qualität als auf Quantität zu achten, genieße ich mein Leben mehr als vorher. Denn da fühlte ich mich oft gehetzt, gedrungen mehr zu leisten, mehr zu können, mehr zu haben. Der Geltungsdrang war manchmal schier unerträglich und das Bedürfnis irgendein imaginäres und sich ständig weiter verschiebenendes Ziel zu erreichen war groß.

Zunehmend entdecke ich in der letzten Zeit mein Verhältnis zu Dingen und Menschen neu. Wenn ich einen losen Apfel kaufe, anstatt das in Plastik verklebte Sechserpack, dann wird der Wert, und damit letztlich auch der Geschmack dieses Apfels wieder deutlicher. Wenn ich weiß, wo mein abstrakt verdientes Geld tatsächlich verwendet wird, hat es eine sinnvollere Bedeutung. Wenn ich eine Hose repariere, anstatt sie wegzuwerfen, gewinnt sie für mich wieder an Qualität. Wenn an einer Kasse oder auf der Straße ein freundliches Wort gewechselt wird, macht das ja glücklich. Aber auch, wenn ich einen Gegenstand neu kaufe, weil ich ihn wirklich brauche, dann weiß ich jetzt genau warum. Mein Leben befreit sich zunehmend von dem Kram, der so rumliegt. Das kann auch so banal sein, wie dass ich Probepackungen aufbrauche, Kleidung ausmiste und weitergebe, Werbegeschenke ablehne und Neuanschaffungen wo möglich vermeide. Es gibt ja schon alles im Überfluss, und meistens bekomme ich Gebrauchsgegenstände auch wunderbar aus zweiter Hand.

Dass dieser Prozess bei mir überhaupt in Gang gesetzt wurde, habe ich den Bergen zu verdanken. Die Grundsätze der Organisation Mountain Wildernes formulieren ihren Einfluss treffend:

(…) Infolgedessen ist von grundlegender Wichtigkeit, dass wir uns bewusst werden, wie vielfältig die ökologischen Werte mit ethischen und ästhetischen Werten und Verhaltensweisen verflochten sind. Die Bedeutung des Bergsteigens als kulturellen Ausdruck liegt in genau diesen Zusammenhängen. (…)

Viele kennen das beispielsweise von Begegnungen auf Reisen: Menschen, die weniger besitzen sind oft nicht nur zufriedener, sondern auch großzügiger. Wir sind das nicht gewohnt, aber ich bin froh, dass ich den Luxus der Einfachheit langsam für mich wiederentdecken kann. Denn er macht mich nicht nur zufriedener, sondern ich empfinde dadurch eben auch einen stärkeren Zusammenhang zu der Welt in der ich lebe.

Die Literaturnobelpreisträgerin 2018 Olga Tocaruczuk, forderte in ihrer Rede eine „vierte“ Perspektive, in welcher die ganze Welt als zusammenhängend beschrieben wird, in der die Verbindungen von Handlungen und Entscheidungen im „hier und jetzt“ mit ihren Auswirkungen im „dort und dann“ sichtbar werden. Daraus wird also auch die raum- und zeitübergreifende Verantwortung für Alles selbstverständlich. Sie sagte „Zärtlichkeit ist die tief gefühlte Sorge um ein anderes Wesen und seinen Mangel an Immunität gegen Leid und die Auswirkungen der Zeit. Zärtlichkeit nimmt die Bindungen wahr, die uns verknüpfen, die Ähnlichkeiten und Gleichheit zwischen uns. Es ist eine Art zu sehen, die die Welt als lebendige zeigt, lebend, vernetzt, kooperierend und abhängig.“

Ich möchte die Welt als eine ebensolche Einheit sehen, die sich durch und mit uns ständig verändert und in der wir zwar ein kleiner, aber wichtiger Teil sind. Denn dann gehe ich verantwortungsvoll und gar zärtlich mit ihr um, und die Sorgen um ihr Wohlergehen und Fortbestehen werden wie ein Teil von der Sorge um mich selbst. Mir ist schon klar, dass das eine Utopie ist, aber was gibt es Schöneres, als aus Utopien lebensfähige Modelle zu machen.

3 Antworten auf „Teil 4: Verzicht ist Gewinn – Warum weniger Konsum Spaß macht“

  1. Verzicht ist Gewinn. Wie wahr.
    Ich habe vor 2 Jahren beschlossen auszusteigen, alles zu verkaufen und in einem Expeditonsmobil zu leben um damit die Welt zu sehen. Diesen Entschluss bin ich derzeit dabei umzusetzen.
    Vor einem Jahr habe ich die Ausbildung zum Survivaltrainer absolviert. Hier lernte ich, wie wenig ich eigentlich brauche um zu überleben.
    Zum 1. Januar dieses Jahr habe ich meinen Job aufgegeben und bin nun in der konkreten Umsetzung meiner Pläne, heißt Konstruktion des Expeditionsmobils, mein zukünftiges Zuhause.
    Bei ca. 6 m² Grundfläche bedeutet dies natürlich Verzicht auf vielen Komfort, den ich bisher von meiner 100 m² Wohnung gewohnt war. Der Gewinn liegt aber in meiner Freiheit.
    Ein interessanter Nebenaspekt den ich so vorher nicht bedacht habe ist, wie wenig Ressourcen ich dabei zukünftig verschwenden werde.

  2. Liebe Ana, Dein Beitrag gefällt mir sehr! Schön Alexander von Humboldt stellte schon vor über 250 Jahren den Zusammenhang von allem fest. Behandlung hat ihre Wirkung ob in der Natur oder Gesellschaft. Die Auswirkung stellt sich ein! Schön, dass Du die Literaturnobelpreisträgerin von 2018 anführst, die auch darauf hinwies. Alles, was wir im Hier und Jetzt tun, wirkt sich in der Zukunft aus! Gehen wir sorgsam und achtunggsvoll mit dem Leben/ mit der Natur um, so bleibt diese uns besser erhalten und wir können uns gut und aufgehoben fühlen! Ich empfehle das Buch von Andrea Wulf über Alexander Humboldt, in dem uns unser Einfluss und die Auswirkungen auf die Natur sehr deutlich beschrieben werden!
    Danke für Deine Anregungen! Alles Gute für Deinen Weg und Dein Schaffen! Du sprichst mir aus dem Herzen! Daggi Prugger

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